„Den Glauben auf mitteldeutsch buchstabieren“

Auch zwanzig Jahre nach der Wende muss sich die Kirche im Osten Gedanken über ihren Weg zu den Menschen machen – Aber es gibt Grund zur Hoffnung

Zeiten des Umbruchs sind meist nicht sonderlich angenehm. Die Menschen im Osten haben das in den Jahren nach dem Ende des DDR-Staatssystems eindrücklich erfahren. Das allen Bekannte und bislang Vertraute trug auf einmal nicht mehr. Neue Strukturen und Verhaltensmuster hatten sich noch nicht herausgebildet. Alternative gesellschaftliche Zielvorgaben waren noch unklar beziehungsweise umstritten. So brachte der politische Umbruch in vielfacher Hinsicht zunächst einmal eine tiefe Verunsicherung mit sich. Wohin sollte die Reise gehen? Was sind neue erstrebenswerte Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt? Reichen die Kräfte und Ressourcen für einen Neuanfang? Und über allem lastete damals die Sorge, ob auf der sich abzeichnenden politischen und wirtschaftlichen „Baustelle“ der neuen Länder im Osten auch der Schwung des Neuanfangs durchtragen würde.

In mancher Hinsicht werde ich beim Betrachten der gegenwärtigen Situation unserer katholischen Kirche an diese Nachwende-Situation mit ihren charakteristischen Folgementalitäten erinnert. Der Vergleich hat natürlich seine Grenzen. Die Kirche weiß für ihr Wirken und Selbstverständnis um Vorgaben, die zeitlos feststehen und die von gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen nicht einfach aufgehoben werden. Aber diese gleichsam vom Ursprung her kommende theologische Kontinuität des Kirche-Seins ist nur zu bewahren, wenn wir uns den pastoralen Diskontinuitäten stellen, die heutzutage allenthalben, speziell hier im Osten, mit Händen zu greifen sind. Was ergibt sich daraus an Aufgaben?

I. Den Wandel nicht nur ertragen, sondern bewusst annehmen und gestalten

Die Grundhaltung für unsere Ortskirchen im Osten muss sein und bleiben: die willige Annahme dieser konkreten Nachwende-Situation, und zwar mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Ich sehe eine meiner Hauptaufgaben als Bischof darin, diese – nicht blauäugige, sondern durchaus kritische – Bejahung des „Hier und Jetzt“ bei meinen Priestern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seelsorge, aber auch bei allen Gemeindemitgliedern zu stärken. Hier gilt das alte christologische Grundaxiom: „Was nicht angenommen wird, kann auch nicht verwandelt werden.“ Gottes Sohn musste – so sagt diese theologische Überlegung – die Menschennatur annehmen, um den Menschen zu Gott erheben zu können. So ähnlich müssen wir, muss sich die Kirche insgesamt auf die jeweilige Zeitsituation und die konkreten Menschen einlassen, um so Verwandlung und Hinwendung zu Gott bewirken zu können.

Glaube muss aus einem Erbe zu einem Angebot werden

Ich deute nur in Stichworten an, was ich mit diesem auferlegten „Wandel“ meine. Da wäre zu nennen:

• die Einbeziehung unseres kirchlichen Lebens im Osten in das Gesamt des deutschen Katholizismus mit seinen gewachsenen Lebensäußerungen, etwa: ein neues Staat-Kirche-Verhältnis, Konkordatsrecht, Kirchensteuersystem, Katholische Verbände, Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen, etwa der Bundeswehr, Kirche als Träger öffentlich anerkannter Sozial- und Bildungseinrichtungen, Öffentlichkeitsarbeit, weltkirchliche Einbindungen und anderes mehr.

• die Veränderungen im gesellschaftlichen Leben, die „Nachmodernisierungen“ und ihre Folgen in der Wirtschaft, im Recht, in der Politik, im kulturellen Leben, in der Bildung und Ausbildung, in der medialen Öffentlichkeit; die starke Bevölkerungsfluktuation und zum Teil den verstärkten Wegzug junger Leute in den Westen und Süden Deutschlands.

• eine Intensivierung an gesellschaftlicher Liberalisierung und Säkularisierung, die sich als anhaltende Marginalisierung christlicher Sichtweisen und Lebenseinstellungen auswirkt, teilweise verbunden mit aggressiver Ablehnung des Christentums und speziell von katholischer Kirche. Die ideologische Front, die die alte Staatspartei mit Positionen marxistischer Religionskritik ausgebaut hatte, wurde und wird zu einer Front, die das Christliche nun aus anderen Gründen als überholt, lebensfeindlich, ja intolerant desavouiert und deshalb gesellschaftlich „austrocknen“ möchte.

Das alles ist natürlich in sich vielschichtig und ambivalent. Es begegnet dem kirchlichen Wirken beileibe nicht nur Feindseligkeit, sondern es eröffnen sich auch immer wieder überraschend Räume neuer Wirkungsmöglichkeiten, es gibt Erwartungen an die Kirche, Bereitschaft zu Kooperationen und Unterstützung kirchlicher Arbeit. Kurzum: Der Wind weht der Kirche derzeit nicht nur ins Gesicht (wie früher), er weht aus unterschiedlichen Richtungen, manchmal auch als unterstützender „Rückenwind“.

So ist die Situation. Das gilt es nüchtern zu sehen und innerlich anzunehmen – als einzelner Christ, als Gemeinden, als Ortskirchen inmitten einer religionsdistanzierten, weltanschaulich pluralen und vielfach liberalen Gesellschaft. Und das fordert uns nicht nur hier im Osten zwischen Werra und Oder heraus, sondern zunehmend auch im Westen und Süden Deutschlands. Der Gottesglaube im Sinne eines Lebens nach dem Evangelium muss in „gewendeter“ gesellschaftlicher Situation aus einem Erbe zu einem neuen Angebot werden. Darum sind Überlegungen, wie wir in der säkularisierten Luft des Ostens das Evangelium zu präsentieren haben, von unmittelbarer Bedeutung auch für das Ganze der Kirche in Deutschland.

Also: annehmen – aber eben auch gestalten. Es bedarf keiner langen Begründungen: Die nächste Generation der im Bistum Erfurt für das Leben der Ortskirche Verantwortlichen ist weit über die bisherige Strukturreform hinaus angefragt, wie Seelsorge und kirchlich-katholisches Leben angesichts der absehbaren Rahmenbedingungen kirchlicher und gesellschaftlicher Art sich gestalten kann.

Antworten auf diese Herausforderungen zu suchen, soweit diese in ihrer Tendenz schon jetzt erkennbar sind, ist ein dringliches Gebot, auch wenn derzeit mit mancherlei noch vorhandenen Reserven die sich abzeichnenden Lücken überdeckt werden. Es reicht nicht mehr, das (strukturelle) „Kleid der Kirche“ nur „anzupassen“. Es braucht ein „verändertes Gewand“ und wohl auch eine „neue Gehweise“ für eine Kirche, die lernen muss, „auf andere Weise (als bisher) Kirche zu sein“, um in veränderten Verhältnissen ihrem Auftrag treu bleiben zu können.

Das Stichwort Erneuerung ist natürlich ein Dauerthema der Pastoralgeschichte. Es gibt kein Christentum und kein kirchliches Leben ohne ständige Erneuerung des Geistes und der Strukturen. Die Frage ist freilich, ob Veränderungen nur passiv erduldet oder aber in gläubiger Zuversicht auch kreativ gestaltet werden können. Es mag unsere derzeitige kirchliche Situation entdramatisieren, wenn man ein wenig in die Kirchen- und Seelsorgegeschichte zurückschaut. Es ist der Kirche auch in den vergangenen Jahrhunderten nicht erspart geblieben, auf gesellschaftliche, vor allem auch geistige und wirtschaftliche Veränderungen seelsorglich zu reagieren. Ich verweise gern auf das Ende der alten Reichskirche im Anfang des 19. Jahrhunderts und den Neuaufbruch von Kirche in den nachfolgenden Jahrzehnten.

Seelsorge stand und steht wohl auch in Zukunft immer in lebendiger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und ist von deren Transformationen abhängig, auch wenn sie ihr vom Evangelium her vorgegebenes Profil durchaus behalten soll und muss. Der Weg der Kirche und näherhin der Pastoral führt zum konkreten Menschen, und zwar so wie er ist, nicht wie man ihn sich wünscht.

Wir wissen nicht, welche geistigen Umwälzungen uns noch in diesem Jahrhundert bevorstehen und vor allem, mit welchen „Kosten“ diese verbunden sein werden. Dass wir mit solchen Veränderungen rechnen können, etwa mit dem Ende einer verbrauchenden, ganz auf die vordergründigen Bedürfnisse des Subjekts zugeschnittenen Ökonomie-Mentalität, ist mir gewiss. Solche Überlegungen entbinden uns freilich nicht von der Pflicht, nach dem Heute und dem überschaubaren Morgen unserer Pastoral in der Diaspora Thüringens und im katholisch geprägten Eichsfeld zu fragen.

An zwei mir wichtige Einsichten sei in diesem Zusammenhang noch erinnert. Zum einen: Christsein ist keine „Robinsonade“. Unser Herr ruft zwar immer Einzelne, aber er ruft sie in eine Gemeinschaft der Glaubenden. Das Ekklesiale, die „Kirchengestalt“ des Christlichen ist im Vollzug des christlichen Gottesglaubens von Anfang an mitgegeben. Doch ist es natürlich eine offene Frage, wie die konkrete Gestalt dieser Gemeinsamkeit im Glauben auszusehen hat. Derzeit ist absehbar, dass neben territorialen Strukturen andere, von unterschiedlichen Lebensräumen und auch Lebenserfahrungen geprägte „Orte“ des gemeinsamen Glaubens und des Bezeugens des Evangeliums wichtiger werden.

Abschied nehmen von Liebgewonnenem

Im Übrigen boten ja auch in der Vergangenheit neben den Pfarreien und Diözesen mit ihren Diensten und Personal immer auch die Ordensgemeinschaften eine interessante Parallelstruktur für die Seelsorge der Kirche an den Menschen. Und was sind kirchliche Verbände und Geistliche Gemeinschaften, die auch bestimmte Lebensräume vom Evangelium her prägen wollen, anderes als Kristallisationsorte von Kirche in einer sich verändernden Welt?

Zum anderen darf eine geistliche Wegweisung für einen Weg in einem pastoral unübersichtlichen Gelände davon ausgehen, dass wir als Ortskirche von Gottes Geist geführt werden. Dieser theologischen Einsicht entspricht auf der Ebene des praktischen Handelns eine Grundhaltung der nüchternen Zuversicht, die sagt: Wenn bisher tragende seelsorgliche Handlungsmuster wegbrechen, könnte es sein, dass sich andere, bisher wenig oder überhaupt nicht bekannte neue Möglichkeiten für das kirchliche Leben auftun. Anders gesagt: Es darf und muss durchaus „Trauerarbeit“ und eine „Kultur des Abschied-Nehmens“ im Blick auf vertraute seelsorgliche Möglichkeiten und Gepflogenheiten geben. Doch diese Trauerarbeit darf nicht das beherrschende Grundgefühl einer Ortskirche bleiben. Der Blick auf das, was nicht mehr geht, muss begleitet sein, ja in der geistigen und geistlichen Wachsamkeit sogar dominiert werden von der Ausschau nach Wegen und Türen, die sich neu auftun.

II. Dem Grundauftrag der Kirche auf der Spur bleiben

In den DDR-Jahrzehnten, inspiriert durch den unvergessenen „Pastoralbischof“ Hugo Aufderbeck (1909–1981), wurden in unserer Ortskirche seelsorgliche Impulse vorgegeben, die meist über mehrere Jahre die konkrete Arbeit in den Gemeinden und auf Ortskirchenebene inspirieren sollten. Dabei ging es weitgehend um Fragen, die mit der atheistischen Umwelt zu tun hatten, aber auch mit der Umsetzung der Vorgaben des 2. Vatikanums, etwa im Blick auf die neuen Laiendienste und die Einrichtung der Räte, aber auch die liturgische Erneuerung und eine neue Gewichtung der Heiligen Schrift.

Wir haben nach der politischen „Wende“ 1989/90 diese Vorgabe pastoraler „Rahmenthemen“ beibehalten. Dabei stand angesichts der sich abzeichnenden Veränderungen die Frage im Vordergrund: Wie können wir in dieser „gewendeten Zeit“ dem Grundauftrag von Kirche auf der Spur bleiben? In den letzten zwei Dezennien waren dies Querschnittsthemen, die je auf ihre Art den Blick in die Mitte unseres Kircheseins und unserer pastoralen Arbeit lenkten.

1. Einer der wichtigen Impulse nach der friedlichen Revolution war der Blick nach außen. In einer weltanschaulich und von einer atheistischen Staatsmacht bedrängten Diasporakirche war eine der Grundgefährdungen die Mentalität des Sich-Einigelns. Was menschlich und kirchlich als Abwehr und Selbstschutz verständlich war (und gottlob auch schon vor 1989/90 als Gefahr erkannt wurde), galt es bewusst und nachdrücklich danach auf die Gesellschaft hin aufzubrechen. Dieser erste Pastoralimpuls „Das Evangelium auf den Leuchter stellen – für uns und für andere“ war durchaus wirksam, hat vielfältige Initiativen angeregt, hat besonders auch die sogenannten kategorialen, gemeindeübergreifenden Dienste in der Pastoral akzentuiert – kurz: Er hat Mut gemacht, die Grenzen der Gemeinden und der Ortskirche auf die säkulare Gesellschaft hin zu öffnen.

2. Aus der Frage der „Einladung“ an Außenstehende ergab sich die Frage, wohin wir eigentlich einladen und wie wir uns ihnen gegenüber eigentlich „präsentieren“. Das wurde eine längere Zeit des intensiven Nachdenkens über den innersten Gehalt von Seelsorge. Die großen johanneischen Bildworte dienten uns dabei als Wegmarken. An ihnen versuchten wir festzumachen, was auch heute Gott im Leben der Menschen – der Glaubenden und Nichtglaubenden – bewirken will. Die Tür-Metapher mahnt die Ermöglichung von Begegnung (zwischen Gott und dem Menschen und der Menschen untereinander) als Grundtenor von Seelsorge an. Die Bilder vom lebendigen Wasser und von der Quelle verweisen auf die überzeitliche Gabe, die kein Mensch, sondern nur Gott zu geben vermag – im Leben und im Sterben. Und das Wort von Jesus Christus als dem „Weg“ hilft, das gemeinsame Unterwegssein als wichtiges Element eines demütigen Kirchenbildes zu schätzen, das nicht triumphalistisch vorwegnehmen will, was erst die „zukünftige Stadt“ uns als Heimat gewähren kann.

Gerade dem Klerus und den in der Seelsorge Tätigen, aber auch den Gemeindekernen mit ihren Gremien hat dieser Prozess des Fragens, was Seelsorge im Kern eigentlich ausmacht, viel gegeben, nicht zuletzt eine Sicherheit in dem Wissen, dass gerade angesichts der vielen Angebote einer konsumorientierten Umwelt der Verweis auf das Evangelium Jesu Christi einmalig, unverzichtbar und kostbar bleibt.

Weg von einer Bedienungspastoral

3. Schließlich hat das Gedenken an das 800. Geburtsjahr der Bistumspatronin, der hl. Elisabeth von Thüringen, im Jahr 2007 unserer Ortskirche eine Steilvorlage für das Thema „Caritas“ gegeben, näherhin zu der durchaus spannenden und höchst aktuellen Frage, wie eine institutionell verfasste Caritas (als e. V.) von Gott sprechen und wie eine Pfarrgemeinde der Barmherzigkeit eine nichtinstitutionelle Gestalt geben kann. Es ging uns genau um dieses Miteinander einer Liebe, die (Gott) verkündigt, und eines Glaubens, der (dem Nächsten) dient. Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. „Deus caritas est“, die ja durchaus programmatisch auf das Miteinander von Gottesglaube und Nächstenliebe zielt, war dabei eine willkommene Hilfe. Und im Blick auf die missionarische Dimension des ortskirchlichen Handelns behaupte ich einmal: Das Elisabethjahr mit seinen vielen Veranstaltungen war gelungene Gottesverkündigung auf „mitteldeutsch“. Dieses Jahr hat gezeigt: Wer den Himmel ernst nimmt, wird für die Erde tauglich.

Gemeinhin steckt in den Köpfen vieler Menschen bei uns in Thüringen die Vorstellung: Der religiöse Mensch macht sich untauglich für das wirkliche Leben. Elisabeths Biographie, in diesem Gedenkjahr vielgestaltig buchstabiert, bewies das Gegenteil. Und das haben wohl so manche, von der alten DDR-Ideologie und ihrer Religionskritik beschädigte Thüringer mit Staunen entdeckt. Es ist wohl doch nicht so, dass Religion und Himmel nur etwas ist für „Engel und die Spatzen“, wie einst Heinrich Heine gespottet hat. Es ist wohl eher anders: Wer keinen Himmel kennt, bekommt mit der Erde Probleme. Und wer Gott ausblendet, versteht sich selbst nicht mehr. Dies in die Öffentlichkeit unseres Raumes hinein wirkungsvoll und hoffentlich auch nachhaltig vermittelt zu haben, ist für mich so etwas wie eine pastorale Quintessenz des Elisabethjahres.

Wer von der Frage „Mission heute – aber wie?“ bewegt ist, kommt wie von allein dazu, auch die notwendigen Strukturen und Vorgaben für eine missionarischen Kirche zu wollen. Und dieses Wollen führt unweigerlich über den Rahmen einer „Bedienungspastoral“, die allein auf den Klerus und hauptamtliches Personal setzt, hinaus.

Und wer Seelsorge nicht nur als Dienst der Geweihten an Nichtgeweihten versteht und als Dienst an Einzelnen (was sie jeweils auch ist!), wird offen für strukturelle Veränderungen, die in größer werdenden Einheiten und Netzen neue Chancen für eine lebensraumorientierte Pastoral schaffen, die vorher so nicht möglich waren.

Und wer schließlich Barmherzigkeit als Möglichkeit der Christusberührung, als „Sakrament des Bruders und der Schwester“, das „vor den Kirchentüren“ gespendet wird (Hans Urs von Balthasar), begriffen hat und wer gelernt hat, dass katholische Sozialwerke und Verbände davon leben, dass in ihnen Glaubende „Gesicht“ zeigen, der begreift auf einmal, dass auch kirchliche Einrichtungen Glaubensorte darstellen und eine neue Präsenz von Kirche in der Fläche unserer weiten Diasporagebiete ermöglichen.

Es wird darum auch in den kommenden Jahren wichtig bleiben, die strukturellen Reformschritte eng mit inhaltlichen pastoralen Vorgaben, die in die Mitte des Glaubens einweisen, zu verknüpfen. So können wir inmitten einer pluralistischen Gesellschaft mehr und mehr zu einer „Missionskirche neuen Typs“ werden, zwar gespeist aus alten christlichen Wurzeln und Traditionen, aber willens, in manchen Bereichen auch neue seelsorgliche Wege zu gehen.

III. Realistische Ziele für eine von vielen mitgetragene Gestaltung des ortskirchlichen Lebens aufzeigen

Es ist sehr verständlich, dass die durch die Ereignisse der friedlichen Revolution vor 20 Jahren bedingten gesellschaftlichen und menschlichen Umstellungsprozesse lebensgeschichtlich sehr unterschiedlich verlaufen. Das ist in der Bistumskirche insgesamt und in den einzelnen Gemeinden nicht anders. Wir müssen mit einer länger andauernden pastoralen „Ungleichzeitigkeit“ der Verhältnisse und dementsprechend auch von Mentalitäten rechnen, die ein einheitliches Agieren bei Reformschritten erschweren.

Ich möchte die heute notwendige Veränderungsbereitschaft in eine Frage fassen, von der ich wünschte, dass möglichst viele Mitglieder unserer Bistumsfamilie diese sich so stellen: Welche Segel müssen wir setzen, um trotz geänderter Windrichtung gemeinsam voranzukommen? Oder noch kürzer: Was hilft, nicht dem nachzutrauern, was nicht mehr geht, sondern aufmerksam zu sein für das, was (erstaunlicherweise) neu geht?

Unterstreichen möchte ich nochmals die Notwendigkeit einer Gleichzeitigkeit, mit der strukturelle Reformschritte, die Fragen nach dem Einsatz von hauptamtlichem Personal, der richtigen Gemeindegröße, das Vorhalten von kirchlichen Gebäuden, der Einsatz von Finanzmitteln und ähnliches einerseits mit inhaltlichen Fragen nach Gehalt und Gestalt der Pastoral andererseits angegangen werden müssen. Beide Dimensionen kirchlichen Lebens hängen zusammen und bedingen sich in mancher Hinsicht gegenseitig. Die Realia und die Pastoralia sind, bildlich gesprochen, Geschwister und können nur miteinander ihren Weg gehen. Dieses Mit- und Ineinander im Abarbeiten inhaltlicher und struktureller Fragen hat sich bisher schon in unserer Erfurter Ortskirche als segensreich erwiesen. Manche unnötige Emotionen werden vermieden, wenn in allen Veränderungen und mittelfristigen Zielvorgaben auf vergrößerte Pfarreien hin realistische Wege aufgezeigt werden, wie es mit der Seelsorge und dem kirchlichen Leben „dennoch“ weitergehen kann.

Es wird auch künftig anbietende Seelsorge geben müssen

Bei allem Willen zum Umbau und Neubau in der Pastoral gebe ich doch zu bedenken: Es wird auch in Zukunft immer auch nachgehende und anbietende Seelsorge geben müssen. Auch der Würzburger Synode ist es nicht gelungen, alle „versorgten“ Gemeindemitglieder zur „mitsorgenden“ Gemeinde zu machen – so lautete damals ja die pastorale Losung. Aber mehr als früher in einer noch volkskirchlich geprägten Situation braucht man im Kern der Gemeinden ein neues Bewusstsein der Mitverantwortung für Kirche vor Ort. Es braucht Netzwerke, die sich flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen einstellen. Es braucht neue Knotenpunkte für eine raumgerechte Pastoral. Es braucht pastorale Projekte, die für Außenstehende gestufte Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen. Und es braucht nicht zuletzt auch ökumenisch ansetzende Initiativen, dem Evangelium Jesu Christi auf unkonventionellen Wegen Türen und Herzen der Menschen zu öffnen.

Was wir in Zukunft verstärkt brauchen ist darum Kommunikation und Kooperation in der Seelsorge, Kommunikation und Kooperation zwischen Priestern und Laien, Hauptamtlichen und Neben- und Ehrenamtlichen, von Gemeinden untereinander, von Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen, Verbänden und Geistlichen Gemeinschaften und so weiter. Solche Zusammenarbeit beziehungsweise Synergie von einzelnen Trägern bei gemeinsamen Initiativen, die durchaus arbeitsteilig sein können, wird nur gelingen, wenn alle eine gemeinsame Vorstellung vom anzustrebenden Ziel haben. Nicht jeder kann und wird alles mit gleicher Intensität anpacken können. Aber jeder vermag sich im Ganzen der Pastoral unseres Bistums zu „verorten“ und, je nach der Situation und den Gegebenheiten vor Ort, sich mit dem ihm Möglichen einzubringen. Zudem bietet ein solches, von vielen in der Ortskirche verinnerlichtes „pastorales Arbeitsraster“ die Chance, die schon bisher geleistete Arbeit in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und so dem fatalen Eindruck zu wehren, als müsste jetzt alles völlig neu beginnen.

Ich versuche abschließend mit fünf „dürren“ Stichworten solche Aufgaben in der Pastoral zu skizzieren, die von vielen „verinnerlicht“ werden sollten.

Wenn die herkömmliche Gemeindeseelsorge sich wandelt, ja wandeln muss, weil es in den kommenden Jahren weniger Priester geben wird, weniger Katholiken, größere pastorale „Räume“, eine noch stärkere Mobilität der Menschen und zudem ein sich weiter in Richtung Pluralismus und Bindungsschwäche veränderndes geistig-gesellschaftliches Klima, dann sollte sich – in Parallele zu diesen Stichworten – eine Ortskirche besonders dieser Aufgaben annehmen:

• ehrenamtliche Seelsorge stärken,

• die Vernetzungsfähigkeit der Glaubenden fördern,

• auf orientierende „Leuchttürme“ setzen,

• kirchliche Einrichtungen als „Pastoralorte“ stark machen,

• nach einer nüchternen Spiritualität der Gottesverbundenheit, die dem heutigen Alltag standhält, Ausschau halten.

1. Ehrenamtliche Seelsorge stärken

Gerade auf diesem Feld der Pastoral sind wir schon (seit DDR-Zeiten) entscheidende Schritte vorangekommen. Ich erinnere nur an die lange bestehende Rätestruktur in den Gemeinden, an die Ehrenamtler in den Verbänden und Gemeinschaften, und so weiter. Aber gilt es hier nicht weiterzudenken? Brauchen wir nicht weitere differenzierte Formen von Mitarbeit, die eine echte Eigenverantwortlichkeit von Gemeindegliedern voraussetzen? Etwa in der Glaubensunterweisung von Kindern und Jugendlichen? Bei neuen Formen gesellschaftlicher Diakonie? Brauchen wir in Orten, die zu klein sind für den Einsatz von Hauptamtlichen, so etwas wie (gegebenenfalls auf Zeit gewählte und bischöflich gesendete) „Gemeindesprecher“, gleichsam „kirchliche Ortsbürgermeister“, also Ansprechpersonen, die für Grunddienste einstehen und für andere der Kirche vor Ort ein Gesicht geben? Der Dienstcharakter der Kirche erschöpft sich nicht in den auf Weihe begründeten Dienstämtern. Es gibt auch Dienste, zu denen die Kirche Laien kraft ihrer Taufe rufen kann. Wo herausfordernde Aufgaben erkannt werden, gibt es meist auch Bereitschaft zur Mitarbeit. Wir können von Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements in der heutigen Zeit durchaus lernen.

2. Vernetzungen ermöglichen

Hier wären jene (alten und neuen) Lebensäußerungen aus dem Gottesglauben heraus anzusiedeln, die Gläubige untereinander zusammenführen, also Initiativen, die eine ausdrückliche Verbundenheit im gemeinsamen Glauben fördern. Es wäre an die Möglichkeiten überpfarrlicher Kooperationen zu denken, auch in der Ökumene, an niederschwellige Angebote für Rand- und Nichtchristen, von denen wir einige hier in Thüringen entwickelt haben. Das haben wir in den letzten Jahren durchaus gelernt: Es gibt mehr „Gottesfürchtige” und am Glauben Interessierte, als wir manchmal meinen. Die Pfarrer bei der Bundeswehr bestätigen das. Die heutigen medialen Möglichkeiten geben uns Rückenwind. Auch eine neue Beweglichkeit vieler Menschen, die bewusst „Vernetzungen“ suchen, befördert unser Anliegen. Hier hätten beispielsweise auch die kleinen Gruppen von Ordensleuten wichtige Aufgaben, etwa anderen an ihrem Beten und Tun Anteil zu geben. Die Beispiele der jüngst entstandenen Kleinkommunitäten von Schwestern in Schleusingen und Buttstädt bestätigen das.

Es wird sich eine „Alltagsmystik“ entwickeln

3. „Leuchttürme“ unterhalten

In größeren Räumen sind „Leuchttürme“, die orientieren, unersetzlich. Die Bistumskirche wird überlegen, welche pastoralen Häuser solche „Leuchttürme“ sein können, was die Wallfahrten für die Menschen in diesem Land bedeuten, welche bistumsweiten Initiativen in gewissen Abständen gewagt werden sollten, welche herausragenden kirchlichen „Orte“ noch mehr Strahlkraft gewinnen können, nicht zuletzt durch eine gewinnende und gut informierende Öffentlichkeitsarbeit. Bildungs- und Gesprächs-Initiativen setzen Themen und strahlen so in die Region aus. Es braucht lokale geistige und geistliche Zentren, die anders als die Gemeinden in der „Fläche“ im Blick auf die Glaubensstärkung der Vielen und für das Zeugnis in der Mediengesellschaft besondere Wirkung entfalten.

4. Kirchliche Einrichtungen „religiös musikalisch“ machen und als „Orte der Pastoral“ stark machen

Manche kirchliche Einrichtungen sind zwar oft in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große Bedeutung. Sie und neu geschaffene Einrichtungen erreichen täglich viele Menschen. In ihrer seelsorglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen sind unsere kirchlichen Kindergärten, aber auch Schulen, Heime, Krankenhäuser, Betreuungseinrichtungen. Immer hängen an solchen Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche „Brücken“ zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser. Eine Kirche, die von Gott redet, braucht Orte, wo sie konkret den Dienst der Fußwaschung verrichtet.

5. Den „geistlichen Grundwasserspiegel“ heben

Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Hier gilt verstärkt das Wort: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Es braucht in eine sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierende Moderne hinein eine Spiritualität, die im heutigen Alltag dem Christen Stehvermögen und Durchhaltekraft verleiht. Wie diese aussieht? Sie wird die klassischen geistlichen Erfahrungen neu befragen müssen, sie wird sich an Schrift und Sakramenten festmachen, am Kirchenjahr. Sie wird eine „Alltagsmystik“ entwickeln, die auch Erfahrungen der Verborgenheit Gottes auszuhalten weiß. Und das alles in ganz unpathetischer, nüchterner Weise. Die geistlichen Gemeinschaften geben uns dazu wichtige Impulse.

Ich hatte zu Beginn meiner bischöflichen Tätigkeit einmal davon gesprochen, nach Wegen zu suchen, den christlichen Glauben „auf mitteldeutsch“ zu buchstabieren. Mit dieser Aufgabe werden wir so bald nicht fertig sein. Die friedliche Revolution vor 20 Jahren mit ihren positiven Veränderungen in der Gesellschaft hat uns dafür – bei allen mit ihr verbundenen Problemen – insgesamt doch Rückenwind gegeben. Erste Gehversuche in dieser Aufgabe hat unsere Erfurter Ortskirche schon gemacht. Es gilt, sie geduldig und zuversichtlich fortzusetzen.

Themen & Autoren

Kirche