Den Beschädigungen der Welt nachgespürt

Heute wird der veritable Pessimist, der niemals den Optimismus verriet, 85 Jahre alt: Der Schriftsteller Günter Kunert. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | Katzen mochte er schon immer: Der Lyriker Günter Kunert.
Foto: dpa | Katzen mochte er schon immer: Der Lyriker Günter Kunert.

Der Mann mit dem Tatarengesicht steht für die zähe Überlistung der jeweils herrschenden Zeittendenzen, die im realexistierenden Sozialismus auf heldische Arbeiterdenkmäler drängte und im Turbokapitalismus auf die Ballung von Marktmacht. Zeitlebens durchforstete er mit dem Echolot des Sinnsuchers die Seelensteppe, und ihm gelang es, bei all seiner Schwarzgalligkeit, das Gran Hoffnung zu finden, das immer ein wenig schwerer wog als die Resignation.

Selbst wenn sein geschichtspessimistisches Denken Programm ist, Kunert setzt dem das Widerstandspotenzial der Lyrik entgegen. Sein Pessimismus bleibt immer auch eine Liebeserklärung an das Leben. Dabei begleitet ihn eine – durchaus im Sinne der schmerzerfüllten Romantiker – ironische Distanz, dank der er die Beschränkung auf den egozentrierten Wahrnehmungshorizont zeitlebens mit poetischen Mitteln zu entgrenzen versuchte. Durch das Potenzial der Phantasie gelang es ihm, Sentenzen wie Perlen an einer Kette aufzusäumen. Aber seine Gedichte konnten auch schlagen wie eine erhobene Faust. Herrschte in der DDR zu wenig Humanismus für sein gleißendes Parlando? Jedenfalls in seinen lyrischen Betrachtungen bedient er sich eines psychoanalytisch befeuerten Instrumentariums, das ein Abbild gibt von Traumatisierungen des Poeten, doch weit mehr ist als ein freudianisch abgeschmeckter Literaturbrei.

Früh übte Kunert sich in dichterischer Strenge. Brecht korrigierte seine Verse und notierte ihm an den Rand: „Kürzer, kürzer. Alles Überflüssige muss weg.“ Kunert hat es beherzigt. Seine Lyrik, ein zum Äußersten verknappter Code, stellt das unauflösliche Oszellieren der Einsamkeit dar, die ein Skandal ist, aber auch rettendes Ufer in Zeiten der Diktatur. Einsamkeit, eine letzte Überlebenschance in jenem dantesken Berlin, in dem die Lauscher der Stasi überall virulent waren. In Kunerts Texten geht es um den Verlust an Sicherheiten und Gewissheiten, er spürt den Beschädigungen des Ichs und der Welt nach. Der Künstler, verwundete Seele, verbildlicht in Munchs „Der Schrei“. Seine Texte sind präzis formulierte, subjektive Reflexe auf konkret Erlebtes, Erfahrenes und Erlittenes – sind Schrei.

Günter Kunert wurde am 6. März 1929 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin geboren. Seine Mutter war Jüdin. Der Nazi-Staat schloss Kunert wegen seiner jüdischen Abstammung von der Oberschule aus und erklärte ihn für „wehrunwürdig“. Man gestattete ihm nicht das Gefühl von Zugehörigkeit, sondern erklärte ihn zum Paria. Eine Zeit der inneren Emigration, keiner freiwilligen, wie vielleicht bei Kästner, sondern einer aufgezwungenen. Günter Kunert wuchs in einer Atmosphäre der Angst auf. Schon als Kind floh er in die Welt der Bücher. Seine Mutter schrieb ihm Entschuldigungen, ließ ihn krank zu Haus und holte Bände aus dem Antiquariat, mit denen er sich selbst bilden sollte.

Kaum jemand kann die Angst ermessen, die er in seinen jungen Jahren erfuhr: „der auserlesene Findling/ Kind ohne Kindheit/ Fremder in eigener Heimat und/ verhöhnt“, mit diesen Worten porträtiert er Edgar Allen Poe, doch in dieser Skizze schimmert deutlich sein Bild hindurch. In seinem autobiographischen Prosastück „Ohne Bilanz“ beschreibt er scheinbar nebensächlich den Eindruck seiner „verstörten Kindheit“, die er „genauso verlassen kann wie die Schnecke ihr Haus“. Über seinen zunächst unpolitischen Vater, der durch seine Ehe zum Hitler-Gegner wurde, schreibt er: „Obwohl aufgefordert, sich scheiden zu lassen, um des Durchschnittslebens eines Durchschnittsbürgers teilhaftig zu werden, hielt mein Vater dickköpfig an Frau und Feindschaft fest.“ Kontakte zu nicht-jüdischen Nachbarn gab es kaum wegen der „offiziellen Ächtung“. Selbst das rudimentäre Familienleben schwand „mit dem Beginn der Deportationen und vergrößerte das Vakuum subjektiven Lebensraumes. Obwohl im Heimatland, fühlte man sich in der Fremde.“ Schon früh erlebte er sein lyrisches Ich als eine „Legierung individueller und gesellschaftlicher Komponenten“.

Nach Kriegsende dann eine neue Ära, neue Hoffnungen. Kunert studierte fünf Semester an der Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. 1949 trat er der SED bei. Bereits ein Jahr zuvor erschienen satirische Gedichte und Kurzgeschichten von ihm in der Satirezeitschrift „Ulenspiegel“. Der expressionistische Dichter und DDR-Kulturfunktionär Johannes R. Becher wurde auf ihn aufmerksam. Resolut hinterlässt ihm der junge Dichter Becher ein Konvolut erster Gedichte, die der doggengesichtige Potentat offenbar zunächst unwirsch aufnahm. Aber er verhalf Kunert zur Teilnahme am ersten Schriftsteller-Lehrgang des Deutschen Schriftstellerverbandes 1950 und im gleichen Jahr zu seinem Lyrikdebüt „Wegschilder und Mauerinschriften“. In Kunerts erstem Lyrikbändchen heißt es: „Über einige Davongekommene“ im Stil seines anderen Mentors Brecht: „Als der Mensch/ unter den Trümmern/ seines/ bombardierten Hauses/ hervorgezogen wurde,/ schüttelte er sich/ und sagte:/ Nie wieder.// Jedenfalls nicht gleich.“ Hier klingt bereits an, was Kritiker Kunert bis heute apodiktisch vorwerfen: Seinen illusionslosen Blick auf das Leben. Dabei entlarvt Kunert ganz schlicht unsere Realität, die wir gern in Verdrängungsmanier aufhübschen. „Pessimist bin ich immer nur in den Augen der so völlig grundlosen Optimisten“, hat er gesagt. Seine Kritiker versäumten nicht selten, seine feine, leise mitschwingende Ironie herauszuhören.

Bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik lebte Kunert als freier Schriftsteller in der DDR. Sein Oeuvre umfasst zahlreiche Gedichte, Erzählungen, Essays und Glossen, sowie den Roman „Im Namen der Hüte“ (1967). Zusätzlich verfasste er zahlreiche erfolgreiche Beiträge für Film, Funk und Fernsehen, die ihn auch außerhalb der Literaturszene populär machten. In der DDR gehörte Kunert zu den meistgelesenen Autoren seiner Generation. Doch sein Werk fand auch im Westen eine breite Leserschaft. Wegen seiner Skepsis und seines Kulturpessimismus geriet er allerdings bereits Mitte der 1960er Jahre in Konflikt mit den DDR-Kulturbehörden. „Man wirft mir stets vor, ich sei zu pessimistisch, aber man kann gar nicht pessimistisch genug sein, sobald man bereit ist, Lehren aus der Geschichte zu ziehen“, sollte er später sagen.

1976 gehörte Kunert zu den Erstunterzeichnern der Petition einer Reihe von DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung des Liedermachers und Dichters Wolf Biermann. Im Januar 1977 wurde ihm die SED-Mitgliedschaft aberkannt. 1979 verließ er Ost-Berlin, begleitet von seinen sieben Katzen und seiner Frau, die seinen Lesern durch Zueignungen wie „Marianne gewidmet, die außer der Lektüre meiner Texte auch noch mich selber erträgt“, vertraut ist. Fernab der großen Welt, im Schleswig-Holsteinischen Dorf Kaisborstel, fand er schließlich ein neues Zuhause. Ein Weltreisender war er durchaus, fünfmal besuchte er die Vereinigten Staaten, flog nach Australien und Neuseeland und durchquerte mit dem eigenen Wagen Marokko. Die „Kassandra aus Kaisborstel“ hat er sich einmal selbstironisch genannt. Seiner dichterischen Geltung taten seine nunmehr aus der Provinz stammenden Notizen keinen Abbruch. Nur scheinbar fernab vom großen Weltgeschehen avancierte er zu einer gewichtigen Stimme im deutsch-deutschen Dialog.

Mit zunehmendem Alter hat ihn sein Skeptizismus nicht verlassen. In seiner Parabel ,,Die Schreie der Fledermäuse“, schreibt Günter Kunert: ,,Sie schreien laut, aber ihr Schreien wird nur von ihresgleichen gehört“, zudem erkennen sie am Echo, ob ein Hindernis vor ihnen liegt oder nicht. Würde man ihnen nun ,,die Stimme“, den Ultraschall, wegnehmen, fänden sie „keinen Weg mehr“.

Zurzeit sammelt er skurrile Nachrichten und schreibt Kurzprosa – inzwischen sind es an die 6 000 Texte; die werde wegen des Umfangs keiner veröffentlichen, betont er verständnisvoll. „Meine Angst hat sich rapide verringert, aber meine Befürchtungen sind gewachsen“, hat er einmal gesagt. Hier klingt jenes kommunistische Denken nach, das Antonio Gramsci mit den Worten: „Pessimismus des Denkens, Optimismus der Tat“ umschrieb. Das Menschengemachte und Menschengedachte kann eben keine Erlösung in sich tragen. Hier geht nur, was Kunert zeitlebens praktiziert hat: Menschlich bleiben. Zu seinem 85. Geburtstag veröffentlicht der Hanser Verlag den Band „Fortgesetztes Vermächtnis“. Der Jubilar wünscht sich hingegen nichts Ungewöhnliches, nur „Gesundheit und weniger körperliche Defekte“.

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