De-Professionalisierung nimmt zu

Journalisten werden von Beobachtern zu Akteuren, meint Medienwissenschaftler Kepplinger. Von Oliver Maksan
Donald Trump und die Medien
Foto: dpa | In der Auseinandersetzung mit US-Präsident Trump wandelten sich Medien wie die renommierte "New York Times" zu Kampforganisationen, meint Kepplinger. Auch deutsche Medien erliegen der aktivistischen Versuchung.

Herr Professor, die „Zeit“-Redakteurin Mariam Lau hat kürzlich in einem Pro und Contra ihres Blattes die Meinung vertreten, dass die private Seenotrettung weder politisch noch moralisch alternativlos sei. Darauf brach ein Sturm der Entrüstung los. Man warf ihr Unmenschlichkeit vor. Die Chefredaktion der „Zeit“ hat sich dann in einem Titelbeitrag von dem Beitrag distanziert. Hat man dem Druck der Straße nachgegeben oder ist man zu besserer Einsicht gelangt?

Es war ein Kotau.

Vor wem?

Es gab einen Shitstorm von links, vor dem die Führung der „Zeit“ eingeknickt ist. Solches Verhalten basiert auf einer Fehleinschätzung. Man sieht einige tausend, vielleicht sogar zehntausend negative Kommentare und hält das für die öffentliche Meinung. Man muss sehen, dass allein die „Zeit“ fast 500 000 Exemplare verkauft und noch mehr Leser hat. Durch das Internet bekommen Randstimmen ein unverhältnismäßig großes Gewicht. Man muss lernen, dass einige zehntausend Kommentare mit Bezug zur Größe der Bevölkerung keine Rolle spielen, auch nicht mit Bezug zur Auflage einer großen Wochenzeitung wie der „Zeit“.

Aber welches Signal sendet eine Distanzierung der eigenen Chefredaktion an Journalisten? Wird man es sich künftig nicht dreimal überlegen, eine abweichende Meinung zu vertreten?

Es erzeugt Ärger und Hilflosigkeit. Mit Senja Post habe ich mehrere hundert Journalisten befragt, welche Reaktionen Shitstorms und andere öffentliche, verbale Angriffe bei ihnen auslösen. Für Journalisten, die gewohnt waren, das letzte Wort zu haben, ist das schwerwiegend. Der Journalismus erlebt einen großen Kontrollverlust.

Wie gehen Journalisten damit um?

Zwei Drittel der befragten Journalisten reagieren nachdenklich-defensiv. Sie würden in Zukunft bei Artikeln zum gleichen Thema genauer überlegen, was sie äußerten. Ein Drittel reagiert abwehrend-aggressiv. Sie wollen jetzt erst recht nachlegen.

Also keine Gefahr der Vorzensur im eigenen Kopf?

Die Mehrheit der Journalisten wird sich vermutlich anpassen. Aber das genannte Drittel, tendenziell eher älter, fühlt sich bestärkt und würde vermutlich nachlegen. Sie lassen sich weder von Vorgesetzten noch von der Öffentlichkeit beeindrucken.

Ein anderes Beispiel aus dem Umfeld der Ludwig-Erhard-Stiftung: Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz sollte von Stiftungschef Roland Tichy einen Preis bekommen. Merz lehnte ab, mit Tichy auf einer Bühne zu stehen. Hier hat sich konservativ gegen konservativ gestellt. Warum?

Vermutlich vertritt der wirtschaftsliberale Merz wirtschaftspolitisch ähnliche Ansichten wie der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche Tichy. Wahrscheinlicher ist, dass es um Politik geht. Tichy ist als entschiedener Kritiker von Merkels Migrationspolitik bekannt.

Die „Süddeutsche Zeitung“ stieg gleich ein und bezeichnete Tichys Blog als „rechtspopulistisch“. Viele der Artikel seien meinungsstark, aber faktenschwach. Ein hartes, aber gerechtes Urteil?

Das ist ein wohlfeiles Argument. In jeder Zeitung, die „SZ“ eingeschlossen, sind gelegentlich schlecht recherchierte einzelne Beiträge – aktuell etwa zur Dieselaffäre. Auch hier triumphiert Meinung häufig über Fakten. Wenn man die Latte so hoch legt wie die „SZ“, dann schlüpfen auch viele andere drunter durch.

Worum geht es dann?

Es geht darum, eine politisch missliebige Publikation wie Tichys Blog zu diskreditieren. Der Begriff „Rechtspopulismus“ ist ein Kampfbegriff. Damit sollen bestimmte politische Präferenzen tabuisiert und aus dem Diskurs ausgeschlossen werden. Das sahen Sie am Beispiel der „Zeit“. Schon die Frage, ob die private Seenotrettung sinnvoll ist, wird ja schon tabuisiert. Das ist eine ungewollte Absage an ein Grundprinzip der Liberalismus.

Die Tabuisierung ist also das zentrale Problem?

Ja. Für eine liberale Demokratie ist das höchst gefährlich. Denn sie beruht auf der Forderung, dass alle nicht strafbaren Positionen diskutiert werden können. Hier geht es aber schlicht um Macht und Diskursbeherrschung.

Ein deutsches Phänomen?

Nein. Das finden Sie in der ganzen westlichen Welt. Die USA sind ein besonders krasses Beispiel. Große Medien wie die „New York Times“ oder die „Washington Post“ sind in der Berichterstattung über den Präsidenten von neutralen Medien zu Kampforganisationen geworden. Journalisten werden von Beobachtern zu Akteuren. Hier findet eine De-Professionalisierung statt.

Warum?

Die meinungsmächtigen Eliten haben sich weit von der Meinungsverteilung der Mehrheit der Bevölkerung entfernt. In Deutschland haben 1976 42 Prozent der Bevölkerung SPD gewählt, 55 Prozent der Journalisten. Der Abstand war relativ klein. 2005 haben die meisten Journalisten, 36 Prozent, die Grünen gewählt, aber nur acht Prozent der Bevölkerung. Der Abstand war jetzt mehr doppelt so groß.

Die Schere zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung geht also immer weiter auseinander.

Ja, es gibt eine Entfremdung zwischen der meinungsmächtigen Elite und der Mehrheit der Bevölkerung. Hinzu kommt ein Zweites: Tonangebend für die politische Berichterstattung in Deutschland sind nur 6 000 bis 8 000 Journalisten. Diese sind auf wenige Städte und Redaktionen konzentriert. Zwischen ihnen findet eine tägliche Kommunikation statt. Durch diese Orientierung aneinander entstehen festgefügte Sichtweisen, die sie für die einzig sachlich richtige und moralisch vertretbare Haltung halten. Dem entziehen sich nur wenige.

Sie haben das Stichwort Tabuisierung genannt. Seit wann funktioniert das?

Es hat immer schon funktioniert. Aber seit der deutschen Vereinigung ist es stärker geworden.

Warum?

Mit der deutschen Einheit zerbrach die Idee des demokratischen Sozialismus, der die linke Mehrheit der Journalisten anhing. Das war eine schwere und lange nachwirkende Niederlage. Die Migrantenkrise bot die Chance, die linke Meinungshoheit wieder herzustellen und zugleich die alte Forderung nach einer multikulturellen Gesellschaft durchzusetzen. Die Flüchtlingsfrage wurde deswegen moralisch überhöht und tabuisiert. Diese Position wird seitdem mit Zähnen und Klauen verteidigt. Siehe Beispiel „Zeit“.

Wenn wir in die Zukunft schauen: Wie geht das weiter? Werden Journalisten wieder Beobachter sein oder immer stärker Akteure werden?

Letzteres kann man auf keinen Fall wünschen, scheint mir aber wahrscheinlich. Die Reichweiten aller Medien, öffentlich-rechtliche inklusive, gehen seit den achtziger Jahren zurück. Es fing also schon vor dem Internetzeitalter an. Die Einnahmen und die politische Bedeutung der einzelnen Medien schwinden mit der Reichweite. Das wird sich fortsetzen. Die Konkurrenz wird noch härter werden. Einzelne Medien werden sich deshalb noch klarer positionieren. Der Anteil der Journalisten, die glauben, sie hätten eine moralische Mission, nimmt zu. Die Journalisten hingegen, die mit Ha-Jo Friedrich meinen, ein Journalist solle sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, werden weniger. Der Journalist Johannes Groß schrieb, die Ehre des Journalisten liege darin, „nichts zu wollen“. Das sehen immer weniger Journalisten so. Das führt langfristig zu einer wachsenden Segmentierung der Gesellschaft.

Noch gibt es in Deutschland kein relevantes konservatives Gegenmedium. Würde es sich etablieren: Wäre es wie Fox News oder Breitbart in den USA eher ein aktivistisches oder eher ein journalistisches Medium?

Ersteres wäre zu befürchten. Wünschen kann man sich das um der Demokratie willen weder links noch rechts. Stattdessen muss man hoffen, dass sich wieder mehr Journalisten auf ihre Aufgabe besinnen – als passive Beobachter des Geschehens neutral darüber zu berichten, was meinungsstarke Kommentare ja nicht ausschließt.

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