Wesen der Kirche

Das Wort vom „toten Punkt“ ist enthüllend

Eine Erklärungsversuch zu einer missverständlichen Metapher, die einen tiefen Einblick in das Denken, Fühlen und Handeln zu gewähren scheint.
Depressionen
Foto: dpa | Wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht: am „Toten Punkt“ vollzieht sich eine Wende.

Wer den sogenannten „toten Punkt“ benennt, der tut das in der Regel, um an seine Überwindung zu glauben. Das Bild bezeichnet den Moment in einem lebendigen Prozess, an dem sich ein Gleichgewicht der Kräfte einstellt (Gewinn-Verlust-Balance in der Ökonomie) oder an dem eine neue Entwicklung initiiert werden muss. Der tote Punkt ist kein statisches Element, sondern ein dynamisches. Er bezeichnet keine Sackgasse, sondern einen Wendepunkt.

Die Metapher vom „toten Punkt“ wird in der Wirtschaftslehre, in der Sportwissenschaft, in der Ahnenforschung eingesetzt. Die Frage ist allerdings, ob er im Leben der Kirche seine Berechtigung hat. Darf man die Behauptung aufstellen, „die Kirche sei an einem toten Punkt angekommen“? Oder verbirgt sich in einer solchen Formulierung nicht schon ein grundsätzliches, in seiner Tiefe kaum zu überschätzendes Missverständnis?

„Es gibt keine mystische Wirklichkeit mehr,
keine Transzendenz, keinen Geist,
sondern nur noch das Fleisch“

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Was mit dieser Metapher gemeint werden sollte, ist klar: In den Augen einiger Katholiken bedarf das, was sie „Kirche“ nennen, einer grundlegenden Erneuerung, ja Modernisierung. Die Forderungen dieser Partei sind allgemein bekannt, sie müssen hier nicht wiederholt werden. Warum, zu welchem Zweck und mit welchem konkreten Ziel es dieser Innovationen bedarf, bleibt unbenannt – und dieser Mangel an Teleologie, an Zielgerichtetheit, an Ergebnisorientierung macht diese Forderungen obskur. Wer eine Organisation erneuern will, der verbindet damit konkrete Absichten. Innovation um der Innovation willen ist sinnlos. Und der Rekurs auf die allgemeine Stimmung, die eine solche Innovation erforderlich zu machen scheint, ist ein schlechtes Argument.

Aber ist die Kirche tatsächlich nur eine Organisation? Was sich in der Rede vom toten Punkt, an dem die Kirche angeblich angekommen sei, am meisten verwundert, ist die mangelnde Differenzierung von zentralen Begriffen und Entitäten, die um so verwunderlicher ist, als die Nutzer dieser Metapher langjährige theologische Studien betrieben haben. Was hier durcheinander gerät sind drei Dinge: Kirche, Christentum und Christenheit.

Die Kirche kann nicht an einem „toten Punkt“ ankommen

Die Kirche ist keine organisationelle Struktur, sondern ein mystischer Körper. Sie wurde mit dem Tod des Erlösers ein für alle Mal ins Leben geboren, sie ist ewig unbefleckt und unbefleckbar. Die Kirche wurde aus dem Herzen Christi in die Wirklichkeit gebracht. Sie wurde ein einziges Mal geboren und kann nicht sterben. Sie kann daher auch an keinem „toten Punkt“ ankommen. Sie hat eine übernatürliche Größe, die solche Bilder ausschließt.

Das Christentum als eine Zivilisation, die von der Kirche als mystischem Körper geprägt und ausgeformt wurde, und die Christenheit als ihr gesellschaftliches Pendant hingegen sind Versuche, das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen („Dein Reich komme“). Was die Seele für den Körper, das sind die Christen in der Welt (Brief an Diognet). Die Christenheit ist ein soziales Gewebe, das bis in seine kleinsten Fasern des zeitlichen Lebens mehr oder weniger von Religion durchdrungen ist – Sitten, Gebräuche, Arbeit, Spiele: das alles wird vom Ewigen aus bestimmt. Die Kirche also wurde aus dem Herzen Christi geboren, die Christenheit aus dem Herzen der Märtyrer und Heiligen. Die Heiligen sind die Söhne der Kirche, das Christentum ist die Tochter der Heiligen. Die Christenheit vermischt sich in ihrem Bestreben, das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen, beständig und unausweichlich mit den Unreinheiten des Blutes und der Erde, kann sich aber immer wieder reinigen, hat lange Phasen der Revolte zu überstehen und unternimmt das alles, um dem Naturrecht, das das Gottesrecht ist, zu seiner Durchsetzung zu verhelfen.

Wir Sünder halten das Christentum in Gang

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Dazu gab und gibt sich die Christenheit Organisationsformen und Regeln. Christus, der seine Jünger aussandte (Lk 10,1-24), organisierte solcherart die Ausbreitung der Wahrheit. Er gab den Jüngern Anweisungen mit auf den Weg („Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe!“ etc.) Später, als die Glaubensgemeinschaften wuchsen, kamen die Ordensregeln hinzu. Und so formte sich die Christenheit nach dem Abbild Gottes (Paul Claudel: „On ne peut comprendre la moindre fleur des champs si l?on ne comprend pas le soleil parmi les étoiles“).

Bei dieser Entwicklung gab und gibt es in der Tat viele „tote Punkte“, weil es sündige Menschen sind, die das Christentum in Gang halten. Die Schwächen des christlichen Gewebes sind nicht die Schwächen des Geistes, dem sich das Gewebe verdankt, sondern diejenigen der Webmeister. Was wäre die Christenheit ohne ihre Quelle, die mystische, transfigurierte, ewige Kirche?

Die Kirche hat alle weltlichen Katastrophen überstanden

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Aber immer wieder wurden diese „toten Punkte“ der Christenheit auch überwunden, selbst in Momenten, an denen es so schien, als sei das Reich Gottes auf Erden am Ende und als sei Gott selbst „tot“. Die französische Revolution, das Konkordat von 1801, die Säkularisation, das französische Gesetz der Trennung von Kirche und Staat von 1905, der Kommunismus, der Nationalsozialismus, der moderne Hedonismus – all das sind klaffende Löcher in der Textur des Gewebes, die wieder gestopft wurden, aber es sind beileibe keine „toten Punkte“ der Kirche.

Was also bedeutet es, wenn es jetzt heißt, „die Kirche sei an einem toten Punkt angekommen“? Es bedeutet, so schmerzhaft das auch scheinen mag, dass für einige unserer Kirchenführer die Kirche mit der Christenheit identisch ist. Theologisch ist das eine Ungeheuerlichkeit.

Es scheint für sie nur noch eine Realität zu geben – die des Menschen und seiner Organisationsformen. „Kirche“ ist das, was wir Menschen aus dem machen, was wir für „Christentum“ halten. Es gibt keine mystische Wirklichkeit mehr, keine Transzendenz, keinen Geist, sondern nur noch das Fleisch.

Ein unbedachtes Wort enthüllt die ungeheure Wahrheit

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So zieht ein vielleicht nur unbedacht ausgesprochenes Wort mit einem Mal den Schleier weg und enthüllt eine Theologie des Diesseits, die weite Teile der geistlichen Landschaft beherrscht. Wer die Zukunft der Kirche von Frauenordination etc. abhängig macht, der hat vergessen, was „Kirche“ im Wesen bedeutet. Und vom dem ist leider auch anzunehmen, dass er den innersten für uns erreichbaren, oder besser: erahnbaren, Kern dieser Kirche – die Transsubstantiation – für ein bloß organisationelles Ritual hält, an dessen substanzieller Wahrheit gezweifelt werden kann. Man könnte diese Entwicklung als Protestantisierung der katholischen Kirche bezeichnen, würde aber damit den Protestanten Unrecht tun. Denn bei ihnen existieren immerhin noch Bilder von „Kirche“, die viel eher mystisch zu nennen sind.

So gesehen wäre ein Rücktritt, der sich aus der Konstatierung des toten Punktes ergibt, wünschenswert gewesen. Denn er folgt der Erkenntnis, nicht mehr an eine übernatürliche Wirklichkeit glauben zu können. Was aber will man mit einem Christentum ohne Kirche? Die Bekräftigung, immerhin weiter gerne als „Priester“ arbeiten zu wollen, hat jedoch angesichts dieses fundamentalen Eingeständnisses einen seltsamen Beigeschmack. Und sie enthüllt ein weiteres Missverständnis. Denn selbst, wenn er keine Lust mehr hätte, als Priester zu arbeiten – „Priester“ wird er immer bleiben.

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