Das Wort Gottes an unerwarteten Orten

Der Figuralchor Köln führt am Ostermontag Händels „Messias“ auf

Der Messias kommt aus der Müllverbrennungsanlage: „Im Dunkeln ein Licht“. Hingerichtet und auferstehen wird er im Treppenhaus des Oberlandesgerichts: „Schau hin und sieh“. Die Erlösung erfolgt in der Innenstadtkirche Sankt Ursula: „Mein Erlöser lebt“. So lässt sich in kurzen Worten ein mutiges visuelles und vor allem musikalisches Experiment beschreiben, das der Figuralchor Köln am Ostermontag durchführt. Durch die Aufführung jeweils eines Akts des „Messias“ von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) an den drei genannten Örtlichkeiten wird es sieben Stunden dauern, bis der letzte Takt der Partitur von einem der bedeutendsten Werke der geistlichen Chorliteratur verklungen sein wird. „Unsere Idee ist es, das Wort Gottes an Orten hörbar zu machen, wo man es nicht erwartet“, sagt Dirigent Richard Mailänder.

Dabei wurde das gewaltige Oratorium noch zu Lebzeiten seines Schöpfers gar nicht als Verkündigung wahrgenommen. Galt es doch noch Jahre nach den ersten Aufführungen in Dublin und London als blasphemisch, obwohl der Text fast ausschließlich aus Prophetenbüchern und Psalmen des Alten Testaments entnommen ist. Händel selbst bezeichnete sein vielfach umgeschriebenes Werk als „fine entertainment“, allerdings verbunden mit dem ausdrücklichen Anspruch der geistigen Bildung.

„Natürlich wissen wir, dass der ,Messias‘ liturgisch nicht eindeutig zugeordnet werden kann“, so Mailänder, „aber es geht doch eindeutig um die Verkündigung von Gottes Wort, und die erfolgt eben an den unterschiedlichsten Orten.“ In diesem Sinne will der Musiker durch die Örtlichkeiten seiner Aufführung denn auch mögliche Hörerwartungen enttäuschen: „Es ist eben keine durchgängige Darbietung als monumentales, romantisches Konzerterlebnis.“ Vielmehr sollen die tiefen geistigen und spirituellen Dimensionen durch die besondere räumliche und musikalische Aufführung freigelegt werden. Weil die Einheit von geistlicher Musik und gewohnten Aufführungsorten aufgebrochen wird, müssen sich die Zuhörer und Besucher an jedem Ort wieder neu einfinden und einhören und sich auf die Auseinandersetzung mit Inhalt und Musik einlassen.

Das klangliche Ergebnis einer solchen Herangehensweise werde ein „asketischer, sehr an der englischen Aufführungspraxis angelehnter ,Messias‘ sein“. Mailänder, im Hauptberuf Kirchenmusikdirektor des Erzbistums Köln, stützt sich bei seiner Interpretation des Oratoriums auf die wissenschaftliche Edition der Halleschen Händelausgabe. So werden vor allem im zweiten und dritten Akt zahlreiche Teile beispielsweise durch Soloinstrumente statt mit sattem Orchestertutti musiziert. Und auch das berühmte Halleluja hebt zart, ja fast zurückhaltend an, ehe es sich zu jenem erhaben klingenden Gotteslob aufschwingt, als dass es landläufig bekannt ist.

Geistliche Musik erleben und erlebbar machen ist das Ziel der rund 30 Sänger des Figuralchores, der vor über 20 Jahren von Mailänder gegründet worden ist. „Der sakrale Charakter der Musik soll durch die Auswahl geeigneter Aufführungsstätten und -anlässe deutlich werden.“ Es ist diese Verknüpfung von musikalischen Inhalten und räumlichen Gegebenheiten, die die Gesamtarchitektur für diese ungewöhnlichen, mitunter sehr gewagten Aufführungen bilden, die sich so völlig dem landläufig bekannten Konzertbetrieb – und eben auch der hergebrachten Aufführungspraxis im kirchlichen, liturgischen Kontext – entzieht.

Mit diesem Ansatz, dieser Neugier und Experimentierfreude für die dadurch meist unkonventionelle Darbietung geistlicher Musik hatte der Musiker schon öfters für Aufsehen gesorgt. So führte er vor Jahren im Rahmen einer „normalen“ heiligen Messe mit dem damaligen Kölner Weihbischof und heutigem Würzburger Diözesanbischof Friedhelm Hofmann als Zelebranten die Hohe Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach auf. Man darf gespannt sein, ob sich jene ergreifende musikalische, mehr noch geistliche und spirituelle Faszination und Erfahrung, mit der dieser Gottesdienst seinerzeit die Besucher und Gläubigen beeindruckt hatte, auch wieder am Ostermontag einstellen wird.

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