„Das Werk von Engeln“

Eine Prachtausgabe für Liebhaber mittelalterlicher Buchkunst: „Book of Kells – Das Meisterwerk keltischer Buchmalerei“. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: Herder | „Der thronende Christus“, Abbildung in den „Book of Kells“.
Foto: Herder | „Der thronende Christus“, Abbildung in den „Book of Kells“.

„Schaust du ganz genau hin und dringst mit den Augen in die Geheimnisse der Kunstfertigkeit ein, dann entdeckst du Feinheiten so zierlich und zart, so eng beisammen und ineinander verwoben, so verschlungen und zusammengerankt und so frisch noch in der Färbung, dass du nicht zögerst zu erklären, dass all diese Dinge nicht das Werk von Menschen, sondern nur von Engeln sein können“, rühmt der Dichter und Kirchenhistoriker Gerald von Wales im 12. Jahrhundert das Book of Kells, das zu den kostbarsten Schätzen der Buchkunst zählt. Seit 2011 gehört das Nationalheiligtum Irlands zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Schon im späten vierten Jahrhundert kam das Christentum auf die Grüne Insel; durch den irischen Nationalheiligen Patrick und seine Gefährten konnte es im fünften Jahrhundert hier Fuß fassen.

Das Book of Kells befindet sich heute in der altehrwürdigen Bibliothek des 1592 gegründeten Trinity College in Dublin, die zu den eindrucksvollsten Attraktionen Irlands gehört. Jedes Jahr ziehen eine halbe Million Menschen an dem unter einer Glasvitrine präsentierten Kunstschatz vorüber.

Der Herder-Verlag widmet sich der Zimelie mit einem großformatigen Band unter dem Titel „Book of Kells – Das Meisterwerk keltischer Buchmalerei“ mit ganzseitigen Abbildungen der Textzierseiten aus dem Werk und zahlreichen weiteren Illustrationen. Autor Bernard Meehan, der die Handschriftenabteilung der Trinity College Library leitet, erforscht seit mehr als dreißig Jahren alle möglichen Aspekte des Buches und lässt den Leser an seinen eindrucksvollen Ergebnissen teilhaben.

Was ist das Besondere an dem lateinischen Evangeliar, das man nach einem Diebstahl 1007 in Kells in der irischen Grafschaft Meath unter einer Grassode wiederfand und das seit 1653 in Dublin aufbewahrt wird? Vermutet wird, dass das Manuskript um das Jahr 800 in einem vom heiligen Kolumban gegründeten Kloster auf dem schottischen Eiland Iona angefertigt wurde. 802 wurde die Abtei „von den Heiden niedergebrannt“, wie es in den Annalen heißt. Mit den „Heiden“ waren die Wikinger gemeint, die seit Ende des 8. Jahrhunderts mit ihren Raubzügen nicht nur die Küsten der britischen Inseln unsicher machten. Von Iona aus gelangte das Book of Kells 804 durch irische Mönche, die auf der Flucht vor den Wikingern waren, schließlich nach Kells.

Es ist nicht das Werk eines einzelnen Schreibers und Buchmalers, sondern das Produkt vieler Hände, die zudem in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens daran arbeiteten. Das zeigt sich an den Ausführungen der Handschrift und der unterschiedlichen Kunstfertigkeit und Kolorierung der einzelnen Illuminationen, aber auch an Gewicht und Struktur des verwendeten Pergaments.

Für das ungeschulte Auge mag das Manuskript auf den ersten Blick mysteriös, Ornamente und Tierabbildungen willkürlich gewählt sein. Die insulare Buchkunst zeichnet sich durch einen üppigen Reichtum an Gestaltungselementen aus, die ganz charakteristisch sind und in ihrer Symbolhaftigkeit einer Deutung bedürfen. Denn nicht zufällig sind hier Elemente verwendet worden, die – an keltische Vorbilder anknüpfend und mit christlichen Inhalten gefüllt – in ihrer Vielfalt doch eines ganz deutlich zum Ausdruck bringen: einen christlichen Mikrokosmos, der unter Symbolgestalt auf zentrale Inhalte des Glaubens verweist: auf Christus den Erlöser und auf die von ihm gespendete Eucharistie. Spiralen, Knoten, filigrane Wirbelmuster füllen die ganzseitigen Abbildungen aus, mehr als 2 000 detailreich ausgestaltete Initialen führen in die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ein. In einem fulminanten Zusammenspiel von Bild und Text verweisen Miniaturen – Formen, Tiere und Gegenstände – „symbolisch auf Christus, auf seine Natur, sein Leben, sein Leiden am Kreuz und seine Auferstehung“, wie Meehan schreibt. Beherrschendes Element der Handschrift ist daher das Kreuz, in vielfältiger Ausgestaltung, Form und Größe, und dieses findet sich auf fast jeder Seite wieder. Weinreben, Weinranken, Kelche und Hostien ziehen sich wie ein weiteres Leitmotiv durch die gesamte Handschrift und deuten auf die Eucharistie hin.

Unerschöpflich sind die Sinnbilder, die für Christus stehen. Eines davon ist die Raute, die einerseits als Zierelement die Buchseiten schmückt, andererseits aber auch eine wichtige Symbolfunktion übernimmt. Ihre vier Ecken stellen die frühmittelalterliche Vorstellung vom Kosmos dar, die „viergeteilte Welt“. So heißt es in der Apokalypse: „Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest“ (Off 7,1).

Auf den insgesamt 680 Seiten des Book of Kells wimmelt es nur so von bildlichen Darstellungen von Tieren – Pfaue, Hirsche, Ziegen, Tauben geben sich hier ein Stelldichein – und die meisten von ihnen sind wiederum Sinnbilder – teils grotesk verzerrt, teils stark stilisiert – für Christus. Das sich im Book of Kells entfaltende Bildprogramm war stark von den Inhalten des Physiologus – einer Dichtung aus dem vierten Jahrhundert, in der Eigenschaften und Verhaltensweisen von Tieren christlich-allegorisch interpretiert wurden – und der Etymologiae des Isidor von Sevilla (um 560–636) – einer Enzyklopädie, die das Wissen ihrer Zeit zu versammeln suchte – geprägt. So wird Christus im Book of Kells an vielen Stellen durch einen Löwen, dem Sinnbild der Stärke, repräsentiert, über den es im Physiologus heißt: „Unser Heiland, der geistliche Löwe, der Sieger aus dem Stamme Juda, der Wurzel Davids“. Ein weiteres urchristliches Symbol ist der Fisch, der auch hier hin und wieder auftaucht. Es geht auf Augustinus von Hippo zurück, der entdeckte, dass die Anfangsbuchstaben des griechischen Ausdrucks für „Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser“ das Wort ICHTYS (Fisch) ergeben. Doch auch doppeldeutige Symbole finden sich. So kann die Schlange für den Sündenfall – und damit für das Böse – als auch für die Auferstehung Christi von den Toten stehen.

Liebhabern mittelalterlicher Buchkunst bietet diese Prachtausgabe einen kenntnisreichen Überblick über den historischen Hintergrund, über Herstellung, Beschaffenheit, Schreiber und Buchmaler des Book of Kells und seine Inhalte sowie einen detaillierten Einblick in seine Symbol- und Bildwelten.

Bernard Meehan: „Book of Kells – Das Meisterwerk keltischer Buchmalerei“. Herder Verlag 2012, 256 Seiten, EUR 88,–

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