Das Werk selbst soll tönen, frei von Theorie

Die Musikalisierung der Weltwahrnehmung: Klangwelten des heute vor zehn Jahren gestorbenen Karlheinz Stockhausen. Von Barbara Stühlmeyer

Karlheinz Stockhausen war eine musikalische Ausnahmeerscheinung. Ein faszinierender Mensch, zutiefst bescheiden und voller Hingabe an das, was seine Welt ausmachte: den Klang. Geboren am 22. August 1928 in eine in bescheidenen Verhältnissen lebende katholische Familie in Mödrath, das heute zu Kerpen gehört, verlor er schon früh seine Eltern. Der Vater, Simon Stockhausen, starb im Zweiten Weltkrieg, seine Mutter, zu diesem Zeitpunkt wegen Depressionen in Behandlung in Hadamar, war eines der zahlreichen Opfer der von der NS organisierten Krankenhausmorde. Stockhausen verfolgte seinen Weg mit bemerkenswerter Energie und studierte nach dem Abitur zunächst Schulmusik an der Kölner Musikhochschule und wechselte im Anschluss an die Universität, wo er Musikwissenschaften, Germanistik und Philosophie studierte. Beide Felder, die praktische Musikausübung als Komponist und Interpret und die theoretische als Professor für Komposition und Autor zahlreicher musiktheoretischer Schriften zeichnen sein Wirken aus. Stockhausen war einer, der Musik bis an die Grenzen des damals Machbaren dachte und mit seinen weit über 300 Kompositionen zu einer der prägendsten Gestalten der zeitgenössischen Musik wurde.

Waren eine ersten Kompositionen, zu denen er – der zeitweise überlegte, neben dem Brotberuf des Musiklehrers Dichter zu werden und mit Hermann Hesse in Kontakt stand – eigene Texte beisteuerte, noch eher traditionell, ging Stockhausen ab 1950 klanglich ganz neue Wege.

Spiritus Rector für seine seriellen Kompositionen und die von ihm wesentlich inspirierte punktuelle Musik ist Olivier Messiaen, näherhin dessen Werk Mode de Valeur et d'intensités. Stockhausen belegte Kompositionskurse bei seinem berühmten Kollegen und erhielt so die Anregungen für jene spezielle Ausprägung der seriellen Musik, die sich durch den Verzicht auf vertikal wahrnehmbare Klänge und horizontal sich entfaltende melodische Elemente auszeichnete. Das Konzept der Punktuellen Musik beruht letztlich auf dem, was Meister Eckhard mit dem unendlich kleinen „Nu“ oder „Augenblick“ beschreibt und ist eine ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentrierte Form der Klangkunst.

Zwischen 1953 und 1998 legte Stockhausen, nicht zuletzt bedingt durch seine enge Zusammenarbeit mit dem Studio für Elektronische Musik des WDR einen Schwerpunkt auf die sogenannte elektroakustische Musik. Das damals höchst innovative Phänomen, das auf die in Paris gewagten Experimente mit der Musique concrete zurückgeht, beruht etwa auf der gleichberechtigten Verwendung elektronischen und akustischen Klangmaterials als Grundlage von Kompositionen. Eines der Hauptwerke Stockhausens aus dieser Zeit ist der „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“, das auf dem gleichnamigen Text aus dem alttestamentlichen Buch Daniel basiert und als wegweisend für die Entwicklung der elekroakustischen Musik gilt. Stockhausen verbindet hier die menschliche Stimme – damals gesungen von dem zwölfjährigen Josef Protschka, der später Professor für Gesang und Rektor der Kölner Musikhochschule wurde – mit elektronischen und synthetischen Klängen, für deren Erzeugung Sinus- und Impulsgeneratoren verwendet und die Knabenstimme mit Tonbandtechnik nachbearbeitet wurde. Mit dieser Komposition revolutionierte Stockhausen nicht nur das tonsetzerische Genre, sondern auch die Rundfunktechnik. Denn während die Sender damals noch einkanalig, also mono sendeten, komponierte er seinen „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ bereits für fünf Kanäle.

Grenzen zu sprengen scheint eines der Wesensmerkmale des Komponisten zu sein, denn auch seine Oper „Licht“ ist mit 29 Stunden Spieldauer länger als jedes andere vergleichbare Werk der Musikgeschichte. Dabei ging es Stockhausen nie darum, Theorie zu vertonen oder sich mit ungewöhnlichen Ideen interessant zu machen. Sein Antrieb war vielmehr das tönende Werk selbst, dem er deshalb besondere Wichtigkeit beimaß und sorgfältig überlegte, wer seine Werke aufführen durfte und wer nicht. Inspiriert, geistbewegt zu komponieren bedeutete für Stockhausen auch, mit Musikern zusammenzuarbeiten, die diesen Ansatz teilten. Deshalb unterscheidet sich seine Zugangsweise zur Musik an sich, aber auch zu einzelnen Kompositionsmethoden mitunter stark von denjenigen seiner Kollegen, bei denen eine bestimmte Theorie und deren Umsetzung im Vordergrund stand. Beispielhaft darstellen lässt sich dies an Stockhausens Umsetzung aleatorischer Musik. Diese, ähnlich den in Centotechnik aus bereits vorhandenen Melodieabschnitten aus Introiten, Offertorien oder Communiones zusammengesetzten Gesängen des Gregorianischen Chorals, besteht auch die aleatorische Komposition aus verschiedenen Elementen, die dann jedoch nicht in einer festgelegten Form, sondern aus dem Moment heraus zusammengesetzt wird. Im Gegensatz etwa zu Komponisten rund um John Cage stand jedoch für Stockhausen nicht der Zufall im Zentrum dieser kompositorischen Technik. Er legte vielmehr Wert auf die inspirierte Interaktion zwischen dem Interpreten und ihm selbst als Komponisten. Diese Grundhaltung Stockhausens verstärkte sich in den 1960 Jahren, denn in seinen Prozesskompositionen hat der Interpret in der Ausgestaltung des musikalischen Materials eine sonst ungewohnte Freiheit. Seine Aufgabe ist nun nicht mehr die möglichst exakte Wiedergabe vorgegebener Notation, sondern vielmehr die inspirierte Reaktion auf eine musikalische Situation, die, ähnlich wie im Parallelismus Membrorum der Psalmen verstärkend oder antagonistisch sein kann. Der Interpret wird so gewissermaßen zum Resonanzraum für seine Gegenwart, wenn er etwa in Stockhausens 1968 entstandenem Werk „Spiral“ musikalisch auf vom Kurzwellenrundfunk empfangene Signale reagieren soll. Stockhausen fokussiert in dieser und anderen Kompositionen gewissermaßen den Prozess der Musikalisierung der Weltwahrnehmung, indem er den Interpreten herausfordert, auf minimalisiertes Material zu reagieren.

Neben dem Moment des Räsonierens als Kernaufgabe für Komponisten und Interpreten widmete Stockhausen sich intensiv der Organisation von Musik in der Zeit, beschäftigte sich mit der Interaktion von Klang und Raum und erprobte freie Klangkreationen auf der Basis von Obertonmusik. Immer wieder wandte der Komponist, dessen 10. Todestages die Musikwelt in diesem Jahr gedenkt, sich spirituellen Themen zu wie beispielsweise in seinen Kompositionen „Hymnen“, „Mantra“, oder „Inori“, ein japanisches Wort, das Gebet bedeutet. Die Settings für seine Kompositionen sind nicht selten szenisch, oft rituell und verweisen so auf die große Tradition geistbewegter Musik.

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