Das Wahre ist das Ganze

Was bestimmt unser Handeln? Ein kritischer Blick auf aktuelle Prinzipien der Politik. Von Professor David Engels
Jahresrückblick 2015 - Die europäische Idee schwindet
Foto: dpa | Fähnchen im Wind oder Orientierung an der Wahrheit? Die europäische Politik steht vor der Zerreißprobe.

Quid est veritas“ – „Was ist Wahrheit?“ – in diesem biblischen Ausdruck, vom Evangelisten Johannes dem Pontius Pilatus in den Mund gelegt, liegt auch heute noch in seiner vollen Schärfe das ganze Problem aufgehoben, mit dem wir uns heute anlässlich unserer Diskussion um das gegenseitige Verhältnis von „Wahrheit und Politik“ beschäftigen wollen. Ich will in diesem Rahmen nicht auf das ganze Ausmaß der Parallelen eingehen, die politisch, gesellschaftlich, kulturell und wirtschaftlich zwischen der späten römischen Republik und dem frühen Kaiserreich auf der einen und der alternden westlichen Welt auf der anderen Seite liegen und kann nur auf mein diesbezügliches Buch „Auf dem Weg ins Imperium“ (Berlin 2014) verweisen. Nur soviel sei aber doch erwähnt, dass der Ausspruch des Pilatus, über dessen Historizität bei langem nicht das letzte Wort gesprochen ist, das gesamte Spektrum abdeckt, das auch uns Heutige beschäftigt und oft verzweifeln lässt. Ist der Satz „Was ist Wahrheit“ nun sokratisch-ironisch gemeint? Oder skeptisch? Oder gar zynisch? Spricht aus ihm die Verzweiflung dessen, der mit so vielen philosophischen Lehrmeinungen konfrontiert worden ist, dass der Begriff der „Wahrheit“ an sich ihm abhanden gekommen ist? Oder vielmehr das reine utilitaristische Denken eines bloßen Machtmenschen, für den „Wahrheit“ zu einem rein rhetorischen Spiel oder, um ein modernes Wort zu gebrauchen, zu einem „performativen“ Akt verkommen ist?

Auch uns stellt sich heute auf Schritt und Tritt die Wahrheitsfrage, durch die spezifische Entwicklung der abendländischen Moderne vielleicht noch verschärfter als zu vielen anderen, technisch statischeren Zeiten der Geschichte. Der gewaltige Datenfluss des „globalen Dorfes“, die Gerüchteküche der sozialen Netzwerke, der unmittelbare, durch kaum ein Hemmnis eingeschränkte Zugang zu Information und Desinformation, sie alle konfrontieren den modernen Menschen in scheinbar jeder Situation seines Lebens mit widersprüchlichen Optionen und Weltanschauungen, alle anscheinend gleichermaßen durch harte „Fakten“ oder noch härtere „Zahlen“ gedeckt. Es ist daher kaum erstaunlich, dass manch einer ganz in der zynischen Weisheit des fälschlicherweise Churchill zugeschriebenen Bonmots aufgeht: „Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, und dass er das Dickicht der Meinungen zunehmend nicht mehr als Herausforderung sieht, dieselben strengstens zu vergleichen und sie moralisch zu sieben, sondern vielmehr als wohlfeile Ausrede, sich diejenigen auszuwählen, die seiner gegenwärtigen egoistischen Zielsetzung gerade am ehesten angepasst scheinen.

Dies gilt natürlich insbesondere für den Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen und somit vor allem für die Politik, womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären. Ich möchte im Folgenden die Frage aus zwei Perspektiven betrachten: erstens dem Stellenwert VON Wahrheit – mit unbestimmtem Artikel – in der Politik, und zweitens dem Stellenwert DER Wahrheit – mit bestimmtem Artikel – in der Politik.

Was den ersten Punkt betrifft, so sind wir alle, ob wir es wollen oder nicht, mit einem zutiefst vulgärmachiavellistischen Verständnis von Politik aufgewachsen. Politik erscheint uns, oder doch den meisten Mitbürgern, als eine zutiefst schmutzige Angelegenheit, da nahezu sämtlichen Politikern und Parteien zu gleichen Teilen Machthunger wie Korruption zugeschrieben werden; kein Wunder angesichts eines demokratischen Systems, das solcherart komplex und kurzzeitig agiert, dass für die Umsetzung größerer Reformmaßnahmen ohnehin keinerlei institutioneller Rahmen besteht und Politik daher zunehmend nicht mehr große Reformer anzieht, sondern vielmehr kurzfristige Profiteure. Das Verhältnis zeitgenössischer Politiker zur Wahrheit ihrer Aussagen gilt deshalb mittlerweile bestenfalls als zweifelhaft; und Wahlresultate wie Regierungswechsel kommen dementsprechend meist nicht auf der positiven Grundlage größeren Vertrauens zu neuen Politikern oder Parteien zustande, sondern eher aus dem Wunsch heraus, moralisch oder faktisch diskreditierte Mehrheiten „abzustrafen“ und mit dem jeweiligen politischen Gegner das scheinbar kleinere Übel an die Macht zu bringen – bis zur nächsten Wahl... Kaum erstaunlich, dass dieser Teufelskreis aus Vertrauensverlust von unten und Ausbeutung von oben die liberale Demokratie an den Rand jenes Zusammenbruchs gebracht hat, mit dem wir uns nunmehr, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, im Westen überall konfrontiert sehen.

Und doch wäre es verfehlt, ganz zu verzweifeln: Gerade die Sinnkrise der modernen Politik, gerade die gewaltige Frustration der großen Massen über ihre Politiker, gerade der gegenwärtige Niedergang der Systemparteien überall in Europa beweisen eindrücklich wie kaum eine zweite historische Entwicklung die Tatsache, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit immer noch (und vielleicht mehr denn je) zentrale Bedürfnisse der Menschen darstellen; dass die Überflutung mit subjektiven Standpunkten, frisierten Statistiken, Denken in Kurzzeitperspektiven und relativistischen Argumentationen eben nicht oder doch nicht überall zu einem Rückzug ins Private und Egozentrische geführt haben, sondern vielmehr dabei sind, das Gespür dafür zu schärfen, dass alle diese Positionen, um wirklich Bestand zu haben, der Berufung auf ein Drittes, ein Absolutes bedürfen. Anders ausgedrückt: Je offensichtlicher die Vielzahl der Lügen geworden ist, desto mehr wächst dialektisch das Bedürfnis nach dem Wahren, das immer eines und einfach ist, und das sich allmählich als jener ultimative Vergleichsmaßstab herauskristallisieren wird, an dem die Nichtigkeit der Gegenwart gemessen – und verworfen werden wird.

Nur die Verteidigung der Werte kann noch helfen

Dies bringt uns zum zweiten Punkt unserer Argumentation: der Stellenwert DER Wahrheit in der Politik. Ich wählte im Eingang zum ersten Punkt bewusst den Begriff „vulgärmachiavellistisch“, weil die gegenwärtige Lesart des Machiavellismus der Tatsache nicht Genüge tut, dass auch der ideale „Fürst“ Machiavellis nicht völlig im amoralischen Bereich reiner Machtpolitik verankert ist, sondern die oft verbrecherische Natur seiner Handlungen mit der Verfolgung eines höchsten Guts rechtfertigen muss: nämlich der politischen Vereinigung der im 15. Jahrhundert zerrissenen italienischen Halbinsel und der Wiederherstellung des römischen Reiches.

Dies zeigt, dass auch für den angeblichen Grundvater des Machiavellismus Politik zwar durchaus die „Kunst des Möglichen“ darstellt, aber keineswegs eine Apologie bloßer Machtgier, und noch weniger eine Verteidigung dessen, was wir im Österreich-Ungarn des 19. Jahrhunderts und in der EU des 21. Jahrhunderts als planloses „Durchwurschteln“ bezeichnen können, nämlich das weitgehend ziellose, nahezu pflanzliche Reagieren auf äußere Stimuli, ohne der eigenen Staatlichkeit einen echten, inneren Sinn zu geben. Nur auf parteipolitischer Ebene finden wir heute zwar ab und zu, zumindest im Gründungsmanifest, Formulierungen, die auf einen solchen Sinn hinzielen, doch wird deutlich, dass dieser Sinn meist alles andere als gesamtgesellschaftlich wünschenswert oder philosophisch-moralisch begrüßenswert ist. Ob es nun die „Diktatur des Proletariats“ ist, welche auf der Ausrottung nicht nur des Bürgertums, sondern auch jeglichen Idealismus' und Spiritualismus' beruht, der „Liberalismus“, der letztlich einen ganz ähnlich materialistischen, nur eben gesellschaftlich umgekehrten „Sieg der Stärkeren“ vertritt, der „Nationalismus“, der die Minderwertigkeit der anderen Völker vertritt, oder gar der „Internationalismus“, der auf die Auflösung der kulturellen Reichhaltigkeit der einzelnen Völker zugunsten eines multikulturellen Schmelztiegels abzielt – sie alle stützen ihr Weltbild nicht nur auf bloße, oft sehr selektive Ausschnitte der Realität, sondern wollen eben jene Realität auch in ihrem eigenen Sinne durch Vernichtung des jeweiligen Gegners grundlegend umgestalten. Es liegt auf der Hand, dass weder im Totalitarismus, also im Sieg einer dieser Optionen, die Lösung für unsere Zeitfragen liegen kann, noch in der Weiterführung ihrer wechselseitigen Ausschaltung durch die permanente, sterile Patt-Situation des modernen Parlamentarismus.

Nur die Rückbesinnung auf das Konzept einer einen, ungeteilten, allumfassenden Wahrheit, DER Wahrheit, wie sie uns hier im Westen philosophisch im Idealismus, religiös im Christentum entgegentritt, könnte dazu beitragen, unser schwankendes Gemeinwesen wieder zu festigen und den Relativismus subjektiver Weltanschauungen zu überwinden. Frei nach Hegels „Das Wahre ist das Ganze“ dürfen es nicht die klassengesellschaftlichen Teilinteressen sein, die im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit stehen, sondern die gesamtgesellschaftliche Harmonie; nicht die brutale Umgestaltung der lebenden Natur zu einer technisch manipulierten biologischen Versorgungsmaschine, sondern die friedliche Einordnung des Menschen in das bestehende Gleichgewicht seiner Umwelt; nicht die mechanistische Gleichstellung der Forderungen aller selbsternannten Minderheiten mit den Interessen jener, die den überwältigenden Anteil am Funktionieren einer Gesellschaft tragen, sondern die klare Gewichtung zwischen Ausnahme und Regel, Leitkultur und geschützter Randgruppe; nicht die künstliche Loslösung des Einzelnen von seiner natürlichen Bedingtheit durch Alter, Behinderung oder Geschlecht, sondern die Entdeckung des inneren Reichtums dieser Lebensstufen und -formen und der Schutz des Lebens an sich; nicht die systematische Untergrabung aller geistigen, künstlerischen oder moralischen Pfeiler unserer historisch gewachsenen Gesellschaft durch einen chronisch gewordenen Zynismus und Skeptizismus, sondern ihre vorsichtige Pflege und positive Weiterentwicklung.

Nur das Bekenntnis zu einem zukunftsgewandten, wahrhaft „revolutionären“ Konservatismus, dem es nicht um Wiederherstellung überlebter Verhältnisse der jüngeren Vergangenheit oder die bloße, sterile Negation der Modernität geht, sondern um die Verteidigung all jener Werte, die schon seit Jahrhunderten die Kraft der abendländischen Gesellschaft ausmachen, kann demnach fähig machen, auch den Stellenwert der „Wahrheit“ in der Politik zu rehabilitieren, und zwar in ihrem weitesten Sinne als ultimative transzendente Einheit, ohne die alles andere in Einzelteile zerfällt. Und sehe ich vor meinem geistigen Auge die Bilder jener polnischen Bürger, die friedlich und innig ihre politische Position mit dem einfachen Singen des schönen Liedes „My chcemy Boga“ („Wir wollen Gott“) zum Ausdruck bringen, so kann ich dem aus der Perspektive des philosophischen Idealismus nur vollkommen zustimmen und hoffen, dass dieses Beispiel bald auch überall sonst im Westen Schule machen wird, wo es noch nicht ganz zu spät für eine solche Besinnung ist.

Der vorliegende Text wurde als Beitrag zur 8. Auflage der Tagung „Polska – Wielki Projekt“ konzipiert und am 19. Mai 2018 als Teil der Sektion „Wahrheit und Politik“ in Warschau vorgetragen.

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