Das verkehrte Heldenlied von Konstantinopel

In der Türkei und bei im Ausland lebenden Türken ist der Film „Fetih 1453“ der diesjährige Schlager an den Kassenkinos. Er verherrlicht den Sieg des Islams über das Christentum bei der Eroberung Konstantinopels – entgegen gut belegten Forschungsergebnissen. Von Professor Robert Grulich
| Rauchender Schlachtenlärm auf der Leinwand: Der Film „Fetih 1435“. Foto: Kinostar
| Rauchender Schlachtenlärm auf der Leinwand: Der Film „Fetih 1435“. Foto: Kinostar

Es ist der teuerste türkische Film aller Zeiten, aber auch der Film, der das meiste Geld einspielt: Fetih 1453. Die Eroberung 1453. Gemeint ist die Eroberung Konstantinopels und das Ende des Byzantinischen Reiches, ein in der Türkei und bei den Auslands-Türken begeistert aufgenommenes Must-See-Event, eine Verherrlichung des Sieges des Islams über das Christentum. Er passt zum Neoosmanismus Erdogans und beflügelt, den Patriotismus der Türken, der sich immer mehr von der Religion speist. Der Film ist unkritisch und lässt christliche Soldaten mit Kreuzen auf ihren Schildern wehrlose Frauen abschlachten. Die Eroberung Konstantinopels wird nur unter islamischen Vorzeichen gesehen. Historische Hintergrundinformationen werden auf den Kopf gestellt. Dabei ist die Situation des tragischen Endes des christlichen Kaiserreiches von Konstantinopel historisch gut erforscht.

Konstantinopel und das Byzantinische Reich hatten sich nie mehr von den Schäden des Vierten Kreuzzuges erholt, der 1204 das Neue Rom am Bosporus heimgesucht hatte. Als 1291 die Kreuzfahrer mit Akko ihre letzte Festung im Heiligen Land räumten, hielten sie sich nur in Zypern und Rhodos. Im südlichen Kleinasien bestand das Königreich Kleinarmenien bis 1375. Dann war ganz Anatolien islamisch geworden.

Erstaunlich ist aber im 14. Jahrhundert der Aufschwung griechischer Kultur im Oströmischen Reich, wie vor allem die Mosaiken im Chora-Kloster beweisen. Sie zeigen uns in höchster künstlerischer Vollendung das Leben Mariens nach dem apokryphen Jakobus-Evangelium. Auf theologischem Gebiet schuf das zu Ende gehende Byzanz mit der Lehre des Gregor Palamas von Gottes Wirkursachen und dem ungeschaffenen Licht Möglichkeiten der Annäherung zwischen dem lateinischen Filioque und der östlichen Trinitätslehre.

Im 14. Jahrhundert entstand durch die Osmanen eine neue Gefahr für das Byzantinische Reich, denn sie überschritten schon 1354 die Dardanellen und eroberten kurz 1361 Adrianopel, das sie zu ihrer Hauptstadt machten und Konstantinopel einschlossen. Nach der Niederlage der Serben auf dem Amselfeld 1389 schien der Westen die Gefahr zu erkennen, aber ein Kreuzzug gegen die Osmanen unter Führung des ungarischen Königs Sigismund scheiterte 1396 bei Nikopol. Die Niederlage des türkischen Sultans 1402 gegen den Mongolenherrscher Timur bei Ankara gab dem Byzantinischen Reich eine letzte Schonfrist. Der letzte Versuch eines westlichen Kreuzzuges durch den polnischen König endete 1444 mit der Niederlage von Varna. Als 1451 Mehmet II. mit 21 Jahren seinem Vater Murat II. als Sultan nachfolgte, war sein erstes Ziel, Konstantinopel zu erobern.

Über die Tatsachen der Eroberung Konstantinopels 1453 besitzen wir zeitgenössische Quellen wie jene griechische von Georg Phrantzes, der diese Ereignisse selbst erlebte. Das „Tagebuch eines polnischen Janitscharen“ stammt von einem Serben, der im türkischen Heer bei der Belagerung und Eroberung dienen musste und sich später nach Polen zurückzog. Eine „Slawische Chronik“ über die Eroberung der Kaiserstadt ist so lebendig geschrieben, dass man die Augenzeugenschaft des unbekannten Autors annehmen kann. Der Venezianer Nicolo Barbaro hat ein Tagebuch der Belagerung geführt, auch von Kardinal Isidor und dem Podestá von Pera sind Berichte erhalten. Der Wiener Schriftsteller Stefan Zweig hat in seinen „Sternstunden der Menschheit“ den Fall literarisch gestaltet, ebenso Lothar Schreyer in seinem Roman „Der Untergang von Byzanz“ und der Finne Mika Waltari in dem Tagebuch-Roman „Der dunkle Engel“. Werner Bergengruen hat einzelne Aspekte in Erzählungen aufgegriffen wie „Die Brüder Orban“ oder „Die Verheißung“.

Der letzte Kaiser Konstantin XI. hatte vom Westen wenig Hilfe zu erwarten, solange die in Florenz geschlossene Union der beiden Kirchen nicht realisiert war. 1451 schickte er deshalb eine Botschaft nach Rom, die ein neues Konzil vorschlug. Der Papst lehnte ab und schrieb: „Wenn du mitsamt deinen Edlen und dem Volk von Konstantinopel das Unionsdekret (von Florenz) annimmst, wirst du Uns und Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der Heiligen Römischen Kirche, allzeit willens finden, deine Ehre und dein Reich zu stützen.“ Dies stärkte nicht die Autorität des Kaisers, solange die Opposition unter dem Mönch Gennadios andauerte.

Im Frühjahr 1452 begann der Sultan mit dem Bau einer Festung am Bosporus, heute als Rumeli Hisari bekannt, die bereits am 31. August 1452 fertiggestellt war. Sie lag der Festung Bayazits gegenüber, Anadolu Hisari, und sollte mit einer Kette den Bosporus sperren, um dadurch Hilfe vom Schwarzen Meer zu verhindern. Im Sommer 1452 entsandte der Papst seinen Legaten, den Erzbischof Isidor von Kiev, nach Konstantinopel, der in Neapel 200 Bogenschützen anwarb und dem sich der genuesische Erzbischof von Chios anschloss. Im Oktober wurden sie mit Ehrerbietung am Hof in Konstantinopel aufgenommen, da nun Hoffnung auf tatsächliche Hilfe vom Westen in Aussicht schien. Auch eine endgültige Kirchenunion mit Rom schien nun möglich. Am 12. Dezember 1452 wurde im Gottesdienst in der Hagia Sophia der Name des Papstes erwähnt und wurden die Dekrete der Union von Florenz verlesen. Der Führer der Unionsgegner, der Mönch Gennadios, zog sich in seine Klosterzelle zurück. Die Bevölkerung war gespalten. Sultan Mehmet II. aber setzte seine Vorbereitungen zur Eroberung der Hauptstadt fort. Im März 1453 fuhr seine Flotte durch die Dardanellen ins Marmara-Meer und sammelte sich gleichzeitig das osmanische Heer in Thrazien. Ein ungarischer Geschützgießer hatte Mehmet die größte Kanone seiner Zeit gegossen, die Kugeln von angeblich 610 Kilogramm Gewicht gegen die Mauern schießen sollte. Dieser Geschützgießer hatte zunächst dem byzantinischen Kaiser seine Dienste angeboten, der ihn aber nicht bezahlen konnte. Am 5. April traf der Sultan selbst mit weiteren Abteilungen seines Heeres vor den Mauern Konstantinopels ein. Die Herrscher im Abendland stritten aber weiterhin untereinander, sodass es nur einzelne Christen waren, die dem Osten zu Hilfe kamen und für Konstantinopel kämpften. Dies tat auch die venezianische Kolonie der Hauptstadt, die ihre Handelsschiffe in Kriegsschiffe umwandelte, „zur Ehre Gottes und zur Ehre der ganzen Christenheit“. Die genuesische Niederlassung Galata nördlich des Goldenen Hornes blieb offiziell neutral, aber viele Genuesen schämten sich ihrer Regierung und meldeten sich freiwillig zur Verteidigung des gegenüberliegenden Konstantinopels. Der katalanische Konsul Péré Julia schloss sich mit katalanischen Matrosen den Verteidigern an, aus Kastilien kam ein Adliger namens Don Francisco de Toledo. Auch ein osmanischer Prinz Orhan, der seit seiner Kindheit in Konstantinopel lebte, unterstellte sich dem Kaiser. Ein Deutscher namens Johannes Grant war bei den Verteidigern ein geschickter Techniker, der unterirdische Stollen gegen die Belagerer baute.

Als das türkische Heer mit 80 000 Elitesoldaten und weiteren 50 000 anderen Soldaten vorrückte und mit der Belagerung begann, hatte ihm Kaiser Konstantin nur 5 000 waffenfähige Griechen und knapp 2 000 ausländische Soldaten entgegenzusetzen. Dazu hatte er 26 Kriegsschiffe im Goldenen Horn, in dem eine Kette den türkischen Schiffen die Einfahrt sperrte.

Am 6. April 1453 begann die Beschießung der Stadt, am 18. April erfolgte der erste Sturmanagriff der Türken. Der Kaiser befehligte selber am Romanus-Tor. Am 20. April konnten drei genuesische Galeeren und ein kaiserliches Getreideschiff von den Dardanellen kommend das Goldene Horn erreichen und sich gegen die türkische Flotte durchsetzen.

Um selber mit seiner Flotte ins Goldene Horn zu gelangen, ließ der Sultan deshalb seine Schiffe über Land nördlich von Galata ins Goldene Horn ziehen. Das genuesische Galata blieb weiterhin neutral. Gegen die mächtigen Landmauern setzte Mehmet außer seiner riesigen Kanonen und anderen Geschützen auch unterirdische Stollen ein, um die Mauern zum Einsturz zu bringen, doch grub Johannes Grant immer wieder Gegenstollen, räucherte die feindlichen Stollen aus oder brachte sie zum Einsturz. Seit dem 18. Mai ließ der Sultan riesige Holztürme auf Rädern an die Mauer bringen und versuchte, den Graben vor den Mauern aufzufüllen. Am 23. Mai gelangte im Schutz der Dunkelheit ein griechisches Schiff ins Goldene Horn, das der Kaiser ausgesandt hatte, um nach der erhofften Entsatz-Flotte Ausschau zu halten. Diese war nicht in Sicht, trotzdem war der Kapitän mit seinen Matrosen zurückgekehrt. Der Kaiser dankte ihm mit Tränen in den Augen und sagte, jetzt könne die Stadt nur auf Christus, seine Mutter und ihren Gründer, den heiligen Konstantin, vertrauen. Den Rat seiner Minister, zu fliehen, lehnte der Kaiser ab.

An einem Montag, dem 28. Mai 1453, fand abends der denkwürdigste Gottesdienst in der Hagia Sophia statt, den der britische Historiker Steven Runciman so beschreibt:

„Der Tag ging zur Neige. Schon strebten die Menschenmengen von allen Seiten der großen Kirche zur Heiligen Weisheit zu. Während der vergangenen Monate war kein frommer Grieche durch ihre Portale getreten, um die von Lateinern und Renegaten besudelte Heilige Liturgie zu hören. Doch an diesem Abend hatte alle Bitterkeit ein Ende. Kaum ein Bürger, mit Ausnahme der Soldaten auf den Mauern, blieb diesem verzweifelten Bittgottesdienst fern. Priester, in deren Augen die Union mit Rom eine Todsünde war, traten jetzt an den Altar, um zusammen mit ihren unionistischen Brüdern die Messe zu zelebrieren. Der Kardinal war zugegen, und neben ihm Bischöfe, die niemals seine Autorität anerkennen würden, und jedermann war gekommen, um die Beichte abzulegen und das Abendmahl zu empfangen, ohne zu achten, ob der Priester ein Orthodoxer oder ein Katholik war. Italiener und Katalanen waren zusammen mit den Griechen gekommen. Die goldenen Mosaiken mit den Abbildern Christi und seiner Heiligen und der Kaiser und Kaiserinnen von Byzanz, und unter ihnen bewegten sich zum letzten Mal die Priester mit ihren herrlichen Messgewändern im feierlichen Rhythmus der Liturgie. In diesem Augenblick war die Kirche von Konstantinopel geeint.

Nachdem der Kaiser seine Räte entlassen hatte, ritten die Minister und Befehlshaber durch die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen. Sie beichteten und empfingen das Abendmahl, und dann begab sich ein jeder auf seinen Posten, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben.“

Am 29. Mai 1453, gegen halb zwei in der Nacht, begann der letzte Sturmangriff. Lange leisteten die Verteidiger heldenhaft Widerstand, bis durch die kleine Tür der Kerkaporta die ersten Türken in die Stadt eindrangen. Der Kaiser fiel im Kampf. Eine alte griechische Legende, die auch Werner Bergengruen gestaltete, erzählt, dass der Priester, der beim Eindringen der Türken in die Hagia Sophia die hl. Messe feierte, mit den liturgischen Geräten in einer Wand verschwand. Von dort werde er kommen, wenn die Hagia Sophia wieder eine Kirche sei, und die Messe zu Ende lesen.

Der griechische Historiker Kritobolus gibt uns einen detaillierten Bericht über die Ereignisse nach der Einnahme Konstantinopels: „Keine Tragödie birgt so viel Entsetzen wie diese. Ein herzzerreißendes, furchtbares Schauspiel. Man erschlug die Unglücklichen, die, von den Schreien angelockt, die Häuser verließen und durch die Straßen liefen, um zu erfahren, was los war. Man erschlug sie in den Häusern, wo sie sich manchmal verteidigten, und in den Kirchen, in die sie flüchteten. Die Soldaten kannten keine Gnade.“

Ein anschauliches Bild der wochenlangen Belagerung und eines türkischen Sturmangriffs auf Konstantinopel vermittelt uns auch die sogenannte Slawische Chronik, die ein Russe namens Nikon verfasste, der sich damals in Konstantinopel befand. Die Nachricht vom Fall Konstantinopels verbreitete sehr schnell überall großes Entsetzen im christlichen Abendland, sah man sich doch selber durch die Türkengefahr bedroht. Diese Angst vor den Türken hielt ein Vierteljahrtausend an, bis es nach der zweiten Belagerung Wiens 1683 zum Gegenstoß der Habsburger kam und Prinz Eugen seine großen Siege über die Türken erfocht.

Martin Luther betrachtete die Türkengefahr als eine Strafe Gottes für den unchristlichen Lebenswandel seiner Zeitgenossen: „Hört nun den Teufel im Türken, ihr, die ihr Gott in Jesum Christum nicht hören wolltet. Der Türk wird eure Häuser versengen, eure Tiere und Ernten vernichten, unter euren Augen wird er eure Weiber und Töchter schänden und erwürgen, er wird euch opfern und euch nach der Türkei verschleppen, um euch auf Sklavenmärkten feilzubieten wie schlechtes Vieh.“

Im eroberten Konstantinopel ging aber auch für die Christen das Leben weiter, wenn auch unter islamischer Herrschaft. Die Hagia Sophia wurde sofort in eine Moschee umgewandelt, andere Kirchen erst in späterer Zeit. Das Unvorstellbare war Wirklichkeit geworden, Konstantinopel war nicht mehr Residenz eines christlichen Kaisers. „Dreimal wurde die Stadt von Hellenen, dreimal durch römische Kaiser, zweimal durch byzantinische Rebellen, einmal durch den Chosros der Perser, einmal durch den Chakhan der Armenier, einmal durch den Despoten der Slawen, einmal durch die Russen, einmal durch die Lateiner, siebenmal von den Arabern, fünfmal durch die Türken belagert, und in der fünften türkischen Belagerung ... erobert.“ So schrieb der große Historiker Hammer-Purgstall in seiner Geschichte des Osmanischen Reiches.

Der Film „Fetih 1453“ ist ein osmanischer und islamischer Propagandafilm, er betreibt Schwarz-Weiß-Malerei und verunglimpft die tapferen Verteidiger. Konstantinopel war zwar gefallen, aber bis zum Ersten Weltkrieg war es unter dem Sultan, der seit 1517 auch Kalif war, eine noch zur Hälfte christliche Stadt, ehe die Armenier und Griechen vertrieben wurden. Heute kann die kleine christliche Minderheit nicht mehr die noch weit über 100 Kirchen füllen. Als Istanbul 2010 eine der Kulturhauptstädte Europas war, gab es unter Hunderten von Veranstaltungen kaum solche des christlichen Konstantinopels. Die deutsche Fassung des Films wird durch die Schwarz-Weiß-Malerei das Ende der christlichen Spuren des Neuen Roms noch beschleunigen, außer Europa wacht auf.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer