Das Pendel schlägt zurück

Man glaubt es kaum. Aber es tut sich etwas in Sachen Lebensschutz in Europa. Und zwar Erfreuliches. Mit einer glasklaren Mehrheit hat die Französische Nationalversammlung einen Gesetzentwurf abgelehnt, der die „Tötung auf Verlangen“ zulassen wollte. In der Schweiz hat der Bundesrat – also die Regierung – eine Gesetzesinitiative gestartet, mit der den Suizidbegleitern das Handwerk gelegt werden soll. In Deutschland haben Union und FDP im Koalitionsvertrag festgeschrieben, ein ähnliches Gesetz erlassen zu wollen. Mit all dem hätte bis vor kurzem noch niemand rechnen können. Lange, sehr lange schien es, als wären die Befürworter der Euthanasie überall in Europa unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Mit Luxemburg liberalisierte das letzte verbliebene Benelux-Land die „Tötung auf Verlangen“, in Deutschland beschloss der Gesetzgeber trotz vieler mahnender Stimmen ein haarsträubendes Patientenverfügungsgesetz, in Großbritannien erließen die fünf Lordrichter des inzwischen in einem neuen Verfassungsgerichtshof aufgegangenen Obersten Gerichts des „House of Lords“ ein Urteil, welches das Zeug hatte, die verbotene Beihilfe zum Suizid am Parlament vorbei durch die Hintertür der Rechtsprechung zu liberalisieren.

Gebannt ist die Gefahr der drohenden Entsolidarisierung mit alten, kranken und schwachen Menschen mit solchen Erfolgen freilich noch lange nicht. Auch sollte niemand glauben, dass die modernen Illusionen von „Autonomie“ und „Selbstbestimmung“ am Lebensende an Blendkraft verloren hätten. Erst recht sind die kleinen Siege, die jetzt erzielt wurden, weit davon entfernt, ernsthafte Bekenntnisse zu einem christlichen Menschenbild zu sein, das als einziges die unverletzliche Würde jedes Menschen achtet und die Entscheidung über Leben und Tod allein Gott überlässt.

Und dennoch lässt es sich nicht leugnen: Das Pendel schlägt zurück. In einer Zeit, in der die Folgen des demografischen Wandels immer mehr Menschen immer schmerzlicher bewusster werden und in der die Kosten für die Wiederherstellung von Gesundheit weiter steigen, kann das nicht hoch genug bewertet werden. Der Automatismus, mit dem lange Zeit auf einen falschen Schritt der nächste zu folgen schien und dies frech als „Fortschritt“ verkauft wurde, ist nun mehrfach durchbrochen worden. Ein Grund, sich zurückzulehnen, ist das nicht. Aber es zeigt sich auch: Es lohnt sich trotz zahlreicher empfindlicher Niederlagen und einer scheinbaren Übermacht weiterzukämpfen, statt einzelne „Schlachten“ voreilig und erst recht den „Krieg“ verlorenzugeben. Und auch wenn die Auseinandersetzungen, die auf dem Feld des Lebensschutzes geführt werden, mitunter echten Schlachten ähneln, so geht es letztlich doch nicht um Sieg oder Niederlage. Letztlich geht es darum, Zeugnis abzulegen. Zeugnis für ein Bild vom Menschen, das ihn jeder Mühe wert weiß. Nicht weil wir so großartig wären, sondern weil Gott uns so sehr liebt, dass er uns nicht nur erschaffen, sondern auch erlösen wollte. „Siege“ oder „Niederlagen“ verlieren da an Bedeutung.

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