„Das nicht zu errechnende Gewicht der Zeit spüren“

Für Jorge Luis Borges war in dem Epos schon die Weltweisheit enthalten: „Gilgamesh“ – Szenische Lesung nach Raoul Schrott. Von Ingo Langner
„Gilgamesch“ - Bühnenbild mit steinzeitlichen Höhlenzeichnungen
Foto: Langner | Das Bühnenbild war von steinzeitlichen Höhlenzeichnungen inspiriert.

Gilgamesh“ und nicht „Gilgamesch“. Raoul Schrott hat das „c“ weggelassen und gleich schaut uns der altvertraute Name ein bisschen fremder an. Altvertraut? Kennt jemand aus der Generation der Sozial-Vernetzten den Namen überhaupt noch? Haben jene, denen mit Smartphone und „www“ das Wissen der Welt im Sekundentakt frei Haus geliefert wird (und die uns Altvorderen gleichwohl oft genug ahnungslos anstarren, wenn es um das geht, was einst Bildung genannt worden ist) je von diesem Mann aus dem 3. Jahrtausend vor Christus gehört, der die Mauer um Uruk und um das heilige Eanna baute, der die Tiefe auslotete, der Entlegenes wusste, der alles verstand, alles begriff, nämlich die ganze Summe der Weisheit?

So jedenfalls ist es uns in einer der ältesten Dichtungen der Menschheit überliefert und hat seitdem nachgeborene Dichter und Schriftsteller inspiriert. Jorge Luis Borges nahm es in seine „Persönliche Bibliothek“ auf. Für ihn war im Epos „bereits alles enthalten“. Denn „seine Seiten flößen das Grauen vor dem Uralten ein und zwingen uns, das nicht zu errechnende Gewicht der Zeit zu spüren“. Und für Elias Canetti war das verzweifelte Anrennen dieses gleichermaßen realen wie mythischen sumerischen Königs sogar die tiefste Inspiration für sein eigenes Werk: „Ein Recht auf Glanz, Reichtum, Elend und Verzweiflung aller Erfahrung habe ich mir durch die Empörung gegen den Tod erworben. In diesem endlosen Aufstand habe ich gelebt. Und wenn der Schmerz um meine Nächsten, die ich im Lauf der Zeit verlor, nicht geringer war als der des Gilgamesch um seinen Freund Enkidu, so habe ich doch eines, ein einziges vor dem Löwenmann voraus: dass es mir um das Leben jedes Menschen und nicht nur um das meiner Nächsten geht.“

Doch wie nun bringt man diesen nach der Entdeckung der ersten Tontafeln im Jahre 1853 erst 1872 aus dem Sumerischen übersetzten Text auf eine Theaterbühne? Auf welch würdige Weise will man theatralisch anschaulich machen, wie der seinem Volk gegenüber grausame Gilgamesch in dem von einer Tempelhure gefügig gemachten und ihm an Kraft ebenbürtigen Tiermenschen Enkidu einen Freund fürs Leben fand, der dann jedoch nach dem unergründlichen Ratschlag der Götter allzu früh sterben musste, was Gilgamesch wiederum in eine ihm selbst bis dahin fremde existenzielle Verzweiflung trieb, der er nur durch die Vollendung der großen Mauer in der sumerischen Zweistromhauptstadt Uruk Herr werden konnte?

Wir können uns denken, wie die Gegenwarts-Berserker an den Regiepulten der bundesdeutschen Subventionstheater einen solchen Stoff ins banal Heutige abflachen und ihm mit den sattsam bekannten immer gleich schalen Witzchen die Fortschrittsmaske verpassen und so rundum unkenntlich machen würden. Nicht so– zu unserem Glück – im Berliner Gastspiel des Liechtensteiner Theater am Kirchplatz (TAK). Denn die „szenisch“ genannte Lesung, in der die Schauspieler-Schwestern Claudia und Monika Wiedemer für eine sprachlich-stimmlich fulminante, tief beeindruckende Übermittlung des Textes sorgen und der Bühnenbildner David König auf die eingangs weiße Leinwand mit schwarzer Farbe ein Figuren-Ensemble malt, das wohl von steinzeitlichen Höhlenzeichnungen inspiriert, seine Nähe zum Bilderkosmos eines A.R. Penck gleichwohl nicht verleugnen kann. Die beiden Schauspielerinnen stehen in wechselnden Konstellationen vor drei am Bühnenrand aufgestellten Mikrophonen. Sie sind schwarz gekleidet. Ab und an ziehen sie ihre Jacken aus und zeigen ihre bis zu den Schultern nackten Arme. Zwei oder dreimal löst Claudia Wiedemer ihr bis dahin streng zusammengebundenes lockiges schwarzes Haar. Mehr geschieht gestisch nicht. Musikalische Tupfer sorgen für Zäsuren zum kurzen Innehalten. Doch ist es gerade dieser Minimalismus, der dem wuchtigen Textgebirge den ihm gebührenden Raum zur Entfaltung gibt.

Spielort in Berlin ist das Neue Museum und dort der Griechische Hof. Vermutlich wäre nur noch das babylonische Ischtar-Tor im Pergamonmuseum gleich nebenan besser geeignet gewesen. Doch der im Krieg fast gänzlich zerstörte und nach der Wiedervereinigung der deutschen Hauptstadt dem Thema „Weltordnungen“ gewidmete restaurierte Griechische Hof ist ideal. Denn der rundum gehende 65 Meter lange und den Untergang Pompejis zeigende Fries, auf dem Vulcanus das Chaos dirigiert und die ziegelgemauerten Wände mit den Medaillons von Hera, Zeus und Athena geschmückt sind, ist eine stimmige Ergänzung für das uralte Epos. Spannt er doch auch den historischen Bogen von der Erschaffung der Welt bis ins architektonisch Heute.

Von dem Borges zu Recht sagte, dass hier die künftige Weltliteratur ebenso enthalten sei, wie die von der Aufklärung entzauberte Welt. Gemessen an strengen philologischen Maßstäben darf man die Übertragung von Raoul Schrott wohl eigenwillig nennen. Doch eigenwillig sind die Heroen Gilgamesch und Enkidu ja schließlich auch. Das Gastspiel aus dem Fürstentum Liechtenstein ist mithin mit Fug und Recht ein Glücksfall für Berlin zu nennen. Schade, dass es nur einmalig war.

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