Das Netz vergisst nichts

Auf der Suche nach persönlichen Nachrichten – Facebook soll unter den Netzwerken den ersten Platz erreicht haben

Ein exemplarisches Beispiel für die rasanten Entwicklungen im Internet: Vor drei Monaten erst wurde berichtet, die deutschen Netzwerke StudiVZ, SchuelerVZ und MeinVZ bildeten zusammen das größte „soziale Netzwerk“ in Deutschland. Eine Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen hat dies nun offenbar widerlegt. Demnach hat Facebook mittlerweile mit 6,5 Millionen Nutzern in Deutschland auf der Rangliste der Netzwerke Platz eins erreicht.

Und das Netzwerk wächst weiter. Insgesamt hat Facebook inzwischen 250 Millionen Nutzer in den westlichen Ländern. Gerade das ist sein Vorteil: Während die VZ-Netzwerke allein auf Deutschland beschränkt sind, verbindet Facebook die Welt im Netz. Nutzer aus allen Ländern der Welt können sich miteinander verbinden. Einzige Voraussetzungen: ein Computer, Internetanschluss und die Bereitschaft, persönliche Daten öffentlich zu machen. Wer sich eine Profilseite einrichtet, hat die Möglichkeit, Daten, Adressen, Bilder und Videos zu präsentieren. Doch das alleine genügt den Betreibern von Facebook nicht. Sie wollen ihr Netzwerk mit den beiden größten deutschen E-mail-Diensten, Web.de und GMX, verbinden. Das spart dem Nutzer erheblich Zeit. Bekam man bisher eine Meldung per E-mail, dass sich im Nachrichteneingang von Facebook eine neue Meldung befinde, so musste man sich extern bei Facebook einloggen. Also einmal einloggen im Email-Dienst und einmal einloggen bei Facebook. In Zukunft soll es genügen, sich einmal bei einem der beiden Dienste einzuloggen, um dann sowohl auf die eigenen E-mails als auch auf das Facebook-Profil Zugriff zu haben. Dieser Vorgang nennt sich dann „OpenID“ und wird schon länger etwa von Google, Microsoft und AOL angewandt.

Trotz dieser Zeiteinsparung verbringen die Nutzer aber im Durchschnitt mittlerweile auch mehr Zeit bei Facebook als bei den VZ-Netzwerken. Der durchschnittliche Nutzer verbringt pro Tag zwei Stunden und 24 Minuten bei Facebook. Im Gegensatz zu europäischen Netzwerken ist Facebook immer auf dem neuesten Stand des Fortschritts, plant sogar seine Mitarbeiterzahl in diesem Jahr um 50 Prozent auf 1 500 Personen aufzustocken. Das liegt vor allem daran, dass man in den Vereinigten Staaten immer noch sehr viel Geld in das Web 2.0 investiert, vor allem tun dies Risikokapitalgeber. Sie fasziniert besonders das „Echtzeitweb“, also die Tatsache, dass sich Nachrichtenmeldungen durch Twitter in Echtzeit verbreiten und dadurch auch Einfluss auf die Schnelligkeit der Berichterstattung in Fernsehen und Radio nehmen. Die neuesten und beliebtesten Investitionsobjekte in den USA sind momentan Suchmaschinen, die aktuelle Nachrichten durchsuchen und aufbereiten.

Während Facebook eher für den privaten Gebrauch gedacht ist, also zum Austauschen von persönlichen Nachrichten, gibt es auch Netzwerke für Firmen und Geschäftsleute. Größtes Netzwerk in Deutschland ist hier Xing. Der amerikanische Weltmarktführer Linkedin hat in Deutschland keine Chancen. Durchschnittlich drei Millionen Mal im Monat wird Xing aufgerufen, Linkedin dagegen nur 450 000 mal. Und auch die Verweildauer ist mit einer halben Stunde pro Monat bedeutend höher (drei Minuten sind es bei Linkedin).

Aber nicht nur Facebook und Xing wachsen. Auch Twitter – der Kurznachrichtendienst ist in Deutschland konkurrenzlos – verzeichnet wachsende Nutzerzahlen. Seit März diesen Jahres hat sich die Anzahl allein in Deutschland auf 1,99 Millionen etwa verdoppelt. Ebenso auch hier dadurch, dass einzelne Dienste miteinander verbunden werden. Wer einen Account zum Beispiel bei Google hat, kann sich ohne Probleme auch bei Twitter zu Wort melden. Dass diese Wortmeldungen aber oftmals nicht legal sind, zeigt sich immer häufiger. Wer twittert, sollte sich darüber im klaren sein, welche Reichweite seine Nachrichten haben können. Lange Romane schreiben kann man nicht, denn jede Kurznachricht ist auf nur 140 Zeichen beschränkt (also genau auf die Länge dieses Satzes). Doch inzwischen ist nicht einmal mehr unbedingt klar, wer eigentlich hinter der Nachricht steht. Auch immer mehr Firmen haben einen Account bei Twitter. Doch wer steckt dahinter? Ist es ein kleiner Angestellter oder ein Mitarbeiter der Chefetage? So gibt es zum Beispiel einen Nutzer, der sich„ClausKleber“ nennt, der Nachrichtensprecher des ZDF also. Könnte man meinen. Doch Claus Kleber erklärte kürzlich, dass er keinen Account bei Twitter besitze. Nach deutschem Recht ist dieser „Identitätsklau“ sogar illegal, denn der Name ist durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht geschützt.

Was häufig bei der Internetnutzung unbedacht bleibt: Das Netz vergisst nichts. Wer, wann, was, wo, wie gemacht, gesagt, geschrieben hat. Alles wird abgespeichert, auch dann, wenn es vom Erzeuger bereits gelöscht wurde. Wer sich durchs Internet bewegt, hinterlässt eine virtuelle Spur. So kommt es immer wieder auch zu Vorwürfen gegenüber sozialen Netzwerken, mit dem Datenschutz eher locker umzugehen. Als etwa StudiVZ seine Datenschutzbestimmungen Anfang 2008 ändern wollte, kam es zu einem virtuellen Massenaustritt. Die Änderung wurde daraufhin zurückgenommen; trotzdem werden persönliche Daten zu personalisierter Werbung verwendet. Und selbst, wer sich endgültig abgemeldet hat, ist immer noch irgendwo gespeichert.

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