„Das muss ich mit mir und meinem Heiland ausmachen“

Es war kein Tag für Heimspiele. Bevor am Donnerstagabend der Fußball-Bundesligist Bayer Leverkusen im Uefa-Cup-Viertelfinale zu Hause gegen den russischen Meister Zenit St. Petersburg ein 1:4-Debakel erlebte und Tabellenführer FC Bayern München in der Allianz-Arena trotz drückender Überlegenheit nicht über ein Unentschieden gegen den spanischen Club FC Getafe hinauskam, hatte auch die forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ilse Aigner ihr Heimspiel verloren geben müssen. Auf einer Diskussionsveranstaltung zur Stichtagsverschiebung, die auf Einladung der Benedictus-Stiftung in der Villa „von Miller“ in Niederpöcking bei Starnberg stattfand, das wie die Landkreise Bad Tölz und Miesbach zum Bundeswahlkreis der CSU-Politikerin gehört, hatte die 43-jährige Bundestagsabgeordnete von Anfang an einen schweren Stand.

Kein Mittel gegen Tumorbildung von embryonalen Stammzellen

Der Flut von Fakten, mit denen der Wiener Stammzellforscher Lukas Kenner gleich zu Beginn der von SZ-Redakteurin Nina von Hardenberg umsichtig moderierten Veranstaltung aufwartete, hatte die staatlich geprüfte Elektrotechnikerin im Anschluss kaum mehr als vage Hoffnungen entgegenzusetzen. Unter der Überschrift „Stammzellen – Mythen und Fakten“ räumte Kenner, der am Ludwig-Boltzmann-Institut für Krebsforschung mit Hilfe embryonaler Stammzellen der Maus sowie in transgenen Tiermodellen die Entstehung von Krebs und mögliche therapeutischen Eingriffe erforscht, mit sämtlichen Argumenten, die für eine Verlegung des im Stammzellgesetz festgeschriebenen Stichtags in Feld geführt werden, binnen zwanzig Minuten kräftig auf. Während Forscher, die hierzulande mit embryonalen Stammzellen forschen, häufig darauf verweisen, embryonale Stammzellen seien den ethisch unproblematischen körpereigenen Stammzellen, für deren Gewinnung keine menschlichen Embryonen getötet werden müssen, funktional überlegen, erklärte Kenner, laut der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH würden derzeit 73 Indikationen mit adulten Stammzellen therapiert, jedoch keine einzige mit embryonalen Stammzellen.

Den wichtigsten Grund für diesen Bände sprechenden Umstand lieferte der Krebsforscher gleich mit: „Wenn man embryonale Stammzellen ihrer natürlichen koordinierenden Umgebung, dem intakten Embryo, entreißt, verhalten sie sich wie Tumorzellen, mit allen negativen Konsequenzen eines malignen Tumors: Sie bilden alle Zelltypen des Organismus, aber eben unkoordiniert.“ Die Folge: Im Inneren eines mit embryonalen Stammzellen behandelten Organismus entstehen Teratome. Dass embryonale Stammzellen außerhalb des Embryos „Tumorzellen“ seien, habe, so Kenner, der Österreicher Karl Illmensee erstmals bereits 1975 in Experimenten mit Mäusen gezeigt.

Laut dem Krebsforscher gibt es heute kein erfolgversprechendes Mittel gegen die Neigung embryonaler Stammzellen, außerhalb des Embryos Tumore auszubilden. So würden auch trotz der zwischenzeitlich entwickelten „Aufreinigungstechniken“ in Tierversuchen immer noch bei 86 Prozent der Tiere, die mit aufgereinigten embryonalen Stammzellen behandelt wurden, Tumore festgestellt. Dass sich daran Gravierendes ändere, könne praktisch ausgeschlossen werden. Das Problem sei „immanent“, so Kenner.

Auch dass den Forschern fünf Jahre nach Inkraftreten des Stammzellgesetzes, die vor dem Stichtag (1. Januar 2002) aus menschlichen Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen ausgingen, weshalb der damals unter Auflagen erlaubte Import dieser Zellen folglich nur noch dann Sinn mache, wenn der Stichtag – wie dies von Aigner und zahlreichen anderen Abgeordneten gefordert wird – näher an die Gegenwart verlegt werde, verwies Kenner ins Reich der Legende. Im April 2002, als das Stammzellgesetz beschlossen wurde, sei von den 60 beim NIH registrierten Stammzelllinien genau eine einzige versandfähig gewesen. 2004 sei die Zahl auf 17 angestiegen. Heute stünden ganze 21 Stammzelllinien für den Import zu Verfügung. Ergo: Deutschen Stammzellforscher stehen für ihre Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht weniger, sondern mehr Stammzelllinien zur Verfügung als damals.

Damit nicht genug: Auch die von Forschern und Politikern ins Feld geführte Klage, diese Zellen seien, weil auf tierischen Nährmedien kultiviert, mit Viren kontaminiert und daher für eine therapieorientierte Forschung unbrauchbar, parierte der Wiener Stammzellforscher souverän. Dies träfe nämlich auch auf nahezu alle nach dem Stichtag hergestellten neuen embryonalen Stammzelllinien zu. Laut Kenner verzeichnet das „Europäische Stammzellregister“ hier 260 Stammzelllinien. Von diesen seien derzeit jedoch überhaupt nur 109 „lieferbar“. Von diesen wiederum sei keine einzige nicht auf tierischen Nährmedien etabliert worden. Überhaupt verzeichne das Europäische Stammzellregister nur eine einzige „xenofreie“ Stammzelllinie. Diese Linie, die unter der Bezeichnung „SA611“ geführt wird, sei von der schwedischen Firma Cellartis hergestellt worden, aber derzeit nicht lieferbar. Folglich stünde deutschen Forschern auch nach einer Verschiebung des Stichtags „keine einzige xenofreie Linie zur Verfügung.“

CSU-Politikerin fühlt sich von Bischöfen unter Druck gesetzt

Angesichts eines solchen Fakten-Feuerwerks konnte einem die forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion beinah schon leid tun. Auch die CSU-Politikerin selbst war sich ihrer Lage vollends bewusst. „Ich weiß, dass ich hier wahrscheinlich für meine Position keine Mehrheiten finden werde“, begann Aigner ihre Ausführungen. 2002 hatte die CSU-Politikerin wie viele andere in der Fraktion, noch gegen eine Importgenehmigung gestimmt. Dass sie jetzt zusammen mit dem SPD-Politiker René Röspel federführend für eine Verschiebung des Stichtages eintrete, führte Aigner vor allem auf die Erfolge bei der Reprogrammierung von adulten Stammzellen zurück. Um mit den sogenannten IPS-Zellen (ips = induzierte pluripotente Stammzellen) weiterzukommen, benötigten die Wissenschaftler embryonale Stammzelllinien als Referenzmodell; ein Argument, dessen sich mit Vorliebe auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bedient.

Das Problem dabei: Der Plan, den Stichtag zu verlegen, ist viel älter als die Entdeckung der IPS-Zellen. So wurden die Arbeiten der beiden Forscherteams um den Japaner Shinya Yamanaka und den US-Amerikaner James Thomson, in denen der Nachweis erbracht wurde, dass sich Hautzellen von erwachsenen Menschen in pluripotente Stammzellen zurückverwandeln lassen, welche Eigenschaften humaner embryonaler Stammzellen aufweisen, zeitgleich am 20. November 2007 veröffentlicht. An den Gesetzentwürfen, über die der Deutsche Bundestag am kommenden Freitag abschließend beraten und abstimmen wird, wurde aber schon während der Sommerpause fleißig gearbeitet.

Man kann der CSU-Politikerin sicher nicht vorwerfen, es sich leicht zu machen. So räumte Aigner nicht nur ein, dass die adulte Stammzellforschung „weiter sei“ als die Forschung mit embryonalen Stammzellen, sondern forderte auch, dies dürfe „nicht kleingeredet werden“. Auch für die „stringente Haltung“ der katholischen Kirche in Fragen des Lebensschutzes bekundete Aigner in der Villa „von Miller“ durchaus Sympathien, beklagte jedoch zugleich, sie fühle sich von „einigen Bischöfen unter Druck gesetzt“. Bislang hatten Politiker dies lediglich von Forschern behauptet. Bedauerlicherweise wollte die forschungspolitische Sprecherin, die sich auf ihr Gewissen berief – „das muss ich allein mit mir und meinem Heiland ausmachen“ – und in diesem Zusammenhang den Parteitagsbeschluss der Schwesterpartei CDU kritisierte, jedoch auch auf Nachfrage keine Namen nennen.

Auch wenn die Motivation für den Sinneswandel der CSU-Politikerin letztlich nebulös blieb, so deutete doch alles daraufhin, dass Aigner und ihre Kollegen letztlich den Argumenten vertrauen, die von der Mehrheit der Wissenschaftler vorgebracht werden. So bemerkte Aigner mehrfach, dass die von Kenner vorgetragenen Argumente – so etwa dass sich sämtliche Erkenntnisse, die mit humanen embryonalen Stammzellen gewonnen werden, auf dem Gebiet der Grundlagenforschung auch mit tierischen embryonalen Stammzellen gewonnen werden könnten, von der Mehrzahl seiner Kollegen in Deutschland nicht geteilt werde. Es gebe überhaupt nur noch zwei Forscher, die Kenners Meinung teilten. Wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellte, ist ausgerechnet von diesen drei Forschern keiner von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) abhängig, während alle anderen, die sich für eine Abschaffung oder Verschiebung des Stichtags plädieren, Fördermittel von der DFG, die im Herbst 2006 als erste die Abschaffung der Stichtagsregelung gefordert hatte, beziehen.

Zu welchen Informationslücken dies mitunter führt, wurde während des Vortrags des Wiener Stammzellforschers überdeutlich. Als Kenner von den Heilungserfolgen mit adulten Stammzellen berichtet, und dabei auch Fotos zahlreicher geheilter Personen präsentierte, kam es zu einem kurzen Schlagabtausch zwischen beiden Referenten, die ansonsten kaum die Klingen kreuzten.

Vor dem Gewissen und vor dem Wähler verantworten

So lobte Kenner zunächst den Düsseldorfer Kardiologen Bodo E. Strauer, der mit einer von ihm entwickelten Therapie mit adulten Stammzellen, die aus dem Knochenmark gewonnen werden, bereits mehr als 450 Patienten erfolgreich behandelt habe. Darauf bemerkte die CSU-Politikerin: „Aber einer sei schon tot.“ Das sei zwar richtig, erwiderte Kenner, „nur sei der Patient im Bad gestorben.“ Anders als kolportiert, sei der zuvor von einem schweren Herzinfarkt geheilte Mann nicht den Folgen der Stammzelltherapie erlegen, sondern an einer Hirnblutung gestorben, die er sich bei einem Sturz im Bad zugezogen habe.

Letztlich kommt alles darauf an, wem die Politiker, die ja selbst keine Fachleute sind, am Ende Glauben schenken. Dass dabei ausgerechnet jenen mehr Vertrauen entgegengebracht wird, die von einer solchen Verschiebung des Stichtags profitieren, statt denen, die davon in keiner Weise betroffen sind, muss verwundern. Denn entweder sind die Politiker naiv oder es geht ihnen letztlich doch darum, die finanziellen Interessen deutscher Forscher notfalls auch durch Missachtung von Ethik und Moral zu befriedigen. Sollte es wirklich soweit kommen, dann müssen sich die CSU-Abgeordneten in Bayern wohl auf eine ganze Reihe schwieriger Heimspiele einstellen. Die mögen zwar ihre Entscheidung ähnlich wie Ilse Aigner zunächst mit sich und dem Heiland ausmachen. Anschließend werden sie diese gleichwohl vor den Wählern vertreten müssen. Und die werden, wenn die Stimmung in der Villa „von Miller“ auch nur halbwegs repräsentativ für Bayern ist, eindeutig weniger Gnade walten lassen.

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