Das Massaker von Oslo – Geistiges Erbe gewalttätiger Kreuzfahrer?

Kirche, Glaube, Gewalt und die Frage nach der Schuld – Eine Entgegnung auf Gerd Althoff. Von Christoph Böhr
Foto: KNA | Die Kreuzzüge sind ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Abendlands. Die Rolle der Religion sollte man dabei nicht überschätzen. Machtpolitische Fragen waren von Bedeutung. Auf diesem Fresko aus dem 12.
Foto: KNA | Die Kreuzzüge sind ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Abendlands. Die Rolle der Religion sollte man dabei nicht überschätzen. Machtpolitische Fragen waren von Bedeutung. Auf diesem Fresko aus dem 12.

In einem Zeitungsbeitrag für die „Frankfurter Rundschau“ („Die Tagespost“ berichtete am vergangenen Samstag) hat jetzt der Münsteraner Professor für mittelalterliche Geschichte und zugleich Sprecher des an dieser Universität angesiedelten Exzellenzclusters Politik und Religion, Gerd Althoff, die Frage gestellt, ob die christlichen Kirchen häufiger und klarer die Kreuzzüge gegen die Muslime im Heiligen Land hätten verurteilen müssen, um nicht falschen Vorbildern Raum zu geben. Anlass für diese Frage gibt die Tatsache, dass bei dem Attentäter von Oslo offenbar Symbole der Templer gefunden wurden, die auf das Selbstverständnis des Täters und eine Deutung seiner Beweggründe Rückschlüsse geben sollen.

Mitschuld durch Unterlassung?

Nun kann man, wie Althoff es tut, die Frage nach einer Mitschuld durch Unterlassung stellen – im Wissen, dass man dem Täter auf den Leim geht und seine Selbstauskunft als sinnvoll übernimmt. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Bei muslimischen Attentätern, die den eigenen Tod in Kauf nehmen, sind wir nicht ohne weiteres bereit, ihre selbst geltend gemachte ‘pseudoreligiöse Motivation‘ einfach hinzunehmen. Wir fragen stattdessen, was das für ein Verständnis von Religion ist, das in einem vergleichbaren Zusammenhang ins Spiel gebracht wird. Ist Religion überhaupt fähig, eine so schreckliche Tat anzuregen – oder gar zu rechtfertigen?

Althoff gibt – mehr unter der Hand – die im Übrigen zutreffende Antwort selbst: Nicht die Religion war es, die zum Beispiel Päpste im Hochmittelalter bewogen hat, statt zu Wallfahrten zu Kreuzzügen aufzurufen. Es war der damalige ganz und gar weltliche Herrschaftsanspruch der Päpste, der ihre seinerzeitige Rolle in der Geschichte entscheidend prägte und – wen kann es wundern – zu diesen und anderen verheerenden Fehleinschätzungen führte.

Die Antwort befriedigt nicht ganz. Denn es gab auch durch und durch religiös verursachte Aufrufe zur Befreiung des Heiligen Landes. Nun mag dahingestellt bleiben, ob diese Aufrufe ausdrücklich auch die mit ihnen verbundene Aufforderung zum Massenmord beinhalteten. Nicht jeder Prediger im 11. und 12. Jahrhundert hatte die Möglichkeit, eine wirklichkeitsnahe Vorstellung von Krieg und Gewalt mit seinem von klösterlichen Lebenserfahrungen geprägtem Denken zu verbinden. Das ist keine Entschuldigung für falsche Ratschläge, aber ein Hinweis auf die tatsächliche Gewaltbereitschaft von Menschen, die selbst keiner Fliege etwas zuleide taten, auch wenn sie gleichwohl in flammenden Reden zu Kreuzzügen aufriefen. Man denke an Catarina von Siena, die ihre Friedensbotschaften nicht in einem Gegensatz zum Kreuzzugsgedanken sah.

Nur andeutungsweise – und weil der Ministerpräsident der Türkei mit seiner Bemerkung zum Massaker in Oslo dazu Anlass gab: Grausame Gewalt gab es auf beiden Seiten: bei den Eroberern und den Rückeroberern – in einer Zeit, in der Gewalttätigkeit weit weniger geächtet war als heute. Keine Seite stand der anderen nach, wenn es darum ging, möglichst viele Köpfe abzuschlagen. Die Geschichte der Kreuzzüge ist verwickelt und schwierig. Von ihr versteht Althoff weit mehr als ich. Und es mag Zeiten gegeben haben, da man dieses Verhalten einseitig romantisierend verklärte, wie es auf der anderen Seite einseitig dämonisierend verteufelte. In Europa setzte, als das Rittertum allmählich ausstarb und Kriege seitdem – nicht weniger bluttriefend – als Massenauftriebe geführt wurden, eine Verklärung dieses Standes – allerdings nie mit kirchlichem Segen oder Wohlgefallen – ein, wie wir ihn in der Persiflage des Ritters von der traurigen Gestalt aus dem Jahre 1605 noch heute nachlesen können.

Aber sollte tatsächlich diese Verklärung des ausgehenden Mittelalters die Empfindungen des 32 Jahre alten Massenmörders von Oslo beeinflusst haben? 1979 geboren, 1985 eingeschult: Sollte dieser Mann tatsächlich von ausgebliebenen weltkirchlichen Verurteilungen der Kreuzzüge in die Irre geleitet worden sein, oder, wie behauptet wird, sich dadurch gar zu seiner Tat ermutigt und aufgefordert gefühlt haben? Bis zu dem großen Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. am 1. Fastensonntag des Jahres 2000 gab es 94 Erklärungen und Reden allein dieses Papstes, mit denen er um Vergebung bat für die Schuld und die Sünden der Kirche – auch jene im Zusammenhang mit den Kreuzzügen, als die Politik an die Stelle des Evangeliums trat.

Althoff legt die Vermutung nahe, dass der Täter von Oslo seine Verirrungen rechtzeitig hätte einsehen können, wenn es in den neunziger Jahren mehr scharfe Verurteilungen der Kreuzzüge gegeben hätte. Man wird es bezweifeln dürfen. Wissen können wir es zum jetzigen Augenblick nicht, die weiteren Ermittlungsergebnisse bleiben abzuwarten. Voraussetzen müsste man allerdings, wollte man Althoffs Vermutung (oder Befürchtung) teilen, eine eigenartige Ambivalenz des Täters zu kirchlichen Lehren: Einerseits die gänzliche Unkenntnis der Lehre über die Würde des Menschen – und andererseits jene unterstellte vertiefte Aufmerksamkeit für unterbliebene lehramtliche Verurteilungen. Es ist eine komplizierte Argumentationsfigur, in die man fällt, wenn man der Vermutung Althoffs folgt – gerade unter dem von ihm geltend gemachten Gesichtspunkt einer Erforschung der Wirksamkeit wirrköpfiger Gedanken. Denn jene gänzliche Unkenntnis der kirchlichen Lehre über den Menschen kann man sich ja doch wohl nur erklären, wenn man eher eine gewisse Ferne zur Kirche annimmt. Hingegen erfordert die Bereitschaft, sich durch vermeintlich allzu schwache Verurteilungen menschlichen Fehlverhaltens – dem Blutrausch der Kreuzzügler – in seinem schrecklichen Tun selbst gerechtfertigt zu sehen, nicht nur einen befremdlichen Eigensinn des Täters, sondern sie setzt doch wohl auch eine gespannte Aufmerksamkeit gegenüber angeblich unterbliebenen kirchenamtlichen Stellungnahmen voraus, die sich – auch nach meiner Erinnerung – in der jüngsten Vergangenheit tatsächlich nicht mit den Kreuzfahrern befasst haben.

Warum hätten sie es auch tun sollen? Hat die Kirche, wie Althoff behauptet, damit einen Raum der Heiligung von Gewalt eröffnet? Hier – an dieser Frage – setzt mein entschiedener Widerspruch zu Althoffs Überlegungen ein. Denn das Verhältnis von Religion und Politik ist schwieriger, als Althoffs Überlegungen es nahelegen. Dieses Verhältnis bestimmt sich über die Art und Weise, wie der Anspruch einer absoluten Wahrheit mit der Ordnung pluralistischer Freiheit vereinbar gemacht werden kann.

Der Wahrheitsbegriff des Thomas von Aquin

Mit diesem Problem hat nicht nur das Christentum fast zwei Jahrtausende gerungen. Auch die europäische Philosophie hat nach Antworten gesucht – mal der Theologie vorauseilend, mal hinter ihr zurückbleibend. Dabei findet sich die Antwort schon in eben der Zeit, die auch von Kreuzzügen gezeichnet ist: dem Hochmittelalter. Thomas von Aquin hat – als Philosoph und als Theologe – einen Begriff von Wahrheit entwickelt, nach dem zwischen einer absoluten Wahrheit und der absoluten Wahrheit zu unterscheiden ist. Von der Wahrheit können wir nicht in der Mehrzahl sprechen. Aber die eine Wahrheit – als die Wahrheit schlechthin – ist vergleichbar dem Licht der Sonne: In diesem Licht sehen viele Betrachter gleichzeitig unterschiedliche Dinge, wie es Althoffs Münsteraner Kollege William S. Hoye in einem schönen Bild beschreibt. Es sind dieselben Dinge, die wir im Licht je verschieden wahrnehmen. Deshalb gilt für den Christen zwar die bedingungslose Bereitschaft zur Wahrheit, nie aber der Anspruch ihres festen Besitzes. Thomas nennt das die Unterscheidung zwischen Formalobjekt und Materialobjekt – eine auch heute noch sehr erinnerungswürdige Einsicht. Denn sie begründet nicht nur die Vereinbarkeit von Wahrheit und Freiheit, sondern findet gerade im Wahrheitsanspruch die Begründung der Freiheitssicherung.

Die Kirche hat nicht zur Gewalt aufgefordert

Nun hat es fast acht Jahrhunderte gedauert, bis diese Lehre kirchenamtlich wurde – in den Entscheidungen des II. Vatikanums. Nicht weniger Zeit hat übrigens die säkulare Politik gebraucht. Aber auf dem langen Weg zu diesem Ziel gab es nicht ein einziges Mal den Fall, dass die Kirche zur Gewalt aufforderte. Sie hat diese – übrigens bis heute – in bestimmten Fällen eher widerstrebend hingenommen. Aber sie hat nie einen Glauben verkündigt, der dazu aufforderte, andere Menschen blindwütig abzuschlachten. Dessen bedurfte es auch nicht, weil die Barbarei der Europäer den Barbareien anderer Kulturen nie nachstand.

Wer sich mit der kirchlichen Lehre der letzten hundert Jahre beschäftigt, kommt nicht umhin, deren entscheidenden Beitrag zur Entwicklung eines – uns heute allmählich geläufig werdenden – Verständnisses menschlicher Würde zu sehen. Unsere Verfassungen sind – entgegen manchen Vermutungen – auf eine Wahrheit gebaut: eine absolute Wahrheit zumal; der Wahrheit nämlich, die sich über den Menschen sagen lässt, weil sie sich im Menschen findet – dem Menschen, der, einem Wort Karol Wojtylas folgend, sich in der Erfahrung (vor allem in der Selbst-Erfahrung) als Person durch die Selbstbestimmung gegeben ist. Von dieser Überzeugung war jene Liturgie getragen, die Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 feierte, um all denen Abbitte zu leisten, die durch die Jahrhunderte unter kirchlicher – manchmal auch blutiger – Verfolgung gelitten haben.

In der deutschen Verfassung heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und zur Verteidigung dieser Würde als der absoluten Wahrheit, hinter die nicht zurückgegangen werden darf – aber auch nur zu diesem Zweck – rechtfertigen wir auch heute noch unter bestimmten Umständen und in bestimmten Fällen den Einsatz von Gewalt.

Ob der Täter von Oslo mit solchen Fragen sich je beschäftigt hat? Man kann vermuten, dass es andere Erfahrungen, Überlegungen und vielleicht auch Verletzungen waren, die ihn zu seiner unvorstellbaren Tat bewogen haben – einer Tat, die im Kreuz der Templer sicher nicht, wie von Althoff behauptet, ihren zeichenhaft verdichteten Ausdruck findet.

Die Sache ist sehr viel schwieriger. Geschichtlich hat das Christentum in Europa, einem Wort Rémi Bragues folgend, als eine das Heidentum bewahrende – und dieses Heidentum zugleich bezähmende – Macht gewirkt. Der Versuch, unter Absehung des Christentums und seiner zähmenden Kraft bestimmte Zeichen und Gedanken wieder neu aufleben zu lassen, nimmt schnell Züge des Teuflischen an. Der Totalitarismus der Politischen Religionen des 20. Jahrhunderts – und deren Ausdruck in der ihnen eigenen Ikonographie, Architektur und Mythologie – gibt davon ein gleichermaßen beredtes wie erschreckendes Zeugnis.

Der Verfasser unterrichtet Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Philosophie der Gegenwart an der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz/Wien.

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