Das Licht von der Dunkelheit scheiden

„Geflüster, das zum Schrei wurde“: Der polnische Dichter und Dramatiker Tadeusz Ró¿ewicz wird morgen 90 Jahre alt

Laut war es nie um ihn. Nicht so laut wie um Czes³aw Mi³osz und Wis³awa Szymborska, die berühmten polnischen Dichter und Nobelpreisträger, nicht so laut wie um Witold Marian Gombrowicz und S³awomir Mro¿ek, die international bekannten polnischen Dramatiker und Schriftsteller des Absurden.

Der am 9. Oktober 1921 in Radomsko bei £ódŸ (Lodz) geborene schlesische Lyriker und Dramatiker Tadeusz Ró¿ewicz, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, bevorzugte sein Leben lang die Distanz zu großen Worten, großen Gesten und dem großen Rummel. Bereits zu Beginn seines literarischen Schaffens mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, an dem er als Partisan der polnischen Heimatarmee teilnahm, stellte sich Ró¿ewicz, von dem auch viele Bücher ins Deutsche übersetzt sind, ganz persönlich die Frage, wie man nach all diesen Schrecken überhaupt noch Gedichte schreiben könne. Bezeichnungen wie ästhetisches Erlebnis, künstlerisches Erlebnis kamen ihm, dessen Bruder von den Deutschen erschossen worden war, lächerlich vor. Ein echtes Gedicht, schlussfolgerte der Student der Kunstgeschichte in Krakau, müsse viel mehr, nämlich eine „Erschütterung“, eine Bewegung erzeugen. Dies gelang Ró¿ewicz gleich mit seinem ersten Gedichtband „Unruhe“ (1947), der damals einer literarischen Revolution glich und Ró¿ewicz schlagartig in Polen bekannt machte. Dort heißt es in dem Gedicht „Gerettet“: „Ich suche den lehrer und meister/ der mir den blick das gehör die sprache wiedergibt/ der mir noch einmal die dinge und die begriffe nennt/ das licht von der dunkelheit scheidet.“

Die polnischen Kritiker tauften diesen kargen, asketischen Stil, der jedem Wort ein besonderes Gewicht gibt „Geflüster, das zum Schrei geworden“ ist und „Poetik der gewürgten Gurgel“. In der Zeit des sozialistischen Realismus suchte der freundlich, bescheidene Dichter, der seit 1968 in Wroc³aw (Breslau) lebt, neue, offene Wege. Theaterstücke wie „Die Kartothek“, „Die Falle“, „Der Hungerkünstler geht“ oder „Die alte Frau brütet“ brachten ihm international den Ruf ein, ein polnischer Beckett oder Ionesco zu sein, was im kommunistischen System ausdrücklich nicht als Lob verstanden wurde. So überrascht es nicht, dass der Dichter, der den Rummel um seine Person immer gemieden hat und dessen Werk längst zum polnischen Schulkanon zählt, auch den offiziellen Jubiläumsfeiern fernbleiben wird. „Manchmal beunruhigt mich, dass ich so normal bin“, hat Ró¿ewicz einmal in einem seiner Gedichte geschrieben. Vielleicht sollte es andere beunruhigen. mee

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