Das letzte mögliche Gespräch

Das Autobiographische: Eine Tagung der Jünger-Gesellschaft e.V. Von Felix Dirsch

Am Wochenende war es wieder so weit: Die Mitglieder der Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V. und ein interessiertes Publikum versammelten sich im Kloster Heiligkreuztal in der Nähe der oberschwäbischen Stadt Riedlingen. Die Vorträge kreisten um die „Idee des Autobiographischen“ bei den Gebrüdern Jünger. Nach der Begrüßung durch Alexander Pschera und Thomas Bantle referierte Joana van de Löcht über die „Kunst der Abschrift – Ernst Jüngers Tagebücher des Zweiten Weltkrieges“. Die „Strahlungen“, über die es im betreffenden Zeitraum geht, umfassen sechs Tagebücher: „Gärten und Straßen“, „Das erste Pariser Tagebuch“, „Kaukasische Aufzeichnungen“, „Das zweite Pariser Tagebuch“, „Kirchhorster Blätter“ (alle 1949 erschienen), dazu noch „Jahre der Okkupation“ (späterer Titel „Die Hütte im Weinberg“) von 1958. Als allgemeines Merkmal dieser Art von Literatur gilt Jünger, der in diesem Medium „das letzte mögliche Gespräch“ im totalen Staat erkennt, „die Absetzung des Geistes vom Gegenstand, des Autors von der Welt“. Selbst die trotz Verschlüsselung vernehmbare Distanzierung von den braunen Machthabern verschonte ihn nach 1945 nicht vor Kritik, vorgebracht zumeist von nachgeborenen Besserwissern.

Am Samstag widmete sich Jan Röhnert der Problematik „Selbstbehauptung. Idee und Praxis autobiographischen Schreibens bei Ernst Jünger“. Im Mittelpunkt standen das Medium des Traums und seine Verarbeitung. Jünger teilt Träume in Kategorien ein, wobei der entsprechende Modus öfters unklar bleibt. Die Träume, deren Bezug zur Wirklichkeit notwendigerweise vielfältig ist, werden mit Datumsangabe festgehalten und ästhetisch verschriftlicht. Auf diese Weise können bevorstehende Ereignisse, etwa das absehbare Ende des Krieges, beschrieben werden. Röhnert bemerkte, dass meist nicht zu erkennen ist, ob es sich bei den Träumen um intensivere oder flüchtigere handelt. Letztlich steht die Selbstbehauptung des „Ichs“ im Vordergrund. Der Traum und seine spezifische Verarbeitung sollen zur Harmonisierung des Lebens beitragen. Beiläufig betrachtete der Referent Parallelen zur Psychoanalyse. Er konstatierte engere Bezüge Jüngers zu Jung als zu Freud.

Der Würzburger Germanist Wolfgang Riedel trat nicht als Spezialist der Jünger-Forschung auf, wenn er über die „Erzählstruktur der ,Stahlgewitter‘“ Auskunft gab und deshalb zur Interpretation einen weiteren Rahmen wählte. Er scheute sogar nicht davor zurück, Anleihen bei der griechischen Tragödie zu nehmen. Dass dieses Vorgehen nicht unumstritten ist, wurde bei der Diskussion deutlich. Der Vortragende teilte seine Äußerungen über das Tagebuch des Ersten Weltkrieges in drei Teile: fallende Handlung, Nekyia und innerer Abstieg. Jünger fühlt sich, wie seine Kameraden, als potenziell Toter. Er stilisiert sich Riedel zufolge gleich einem antiken Heros, der in die Unterwelt hinabsteigt, um mittels der dortigen Erfahrungen die Macht des Todes zu brechen. Diese Deutung ist angesichts der Nahtoderfahrung des hochdekorierten, siebenmal verwundeten Frontkämpfers nicht allzu weit hergeholt. Die „Umwertung aller Werte“ auf den Schlachtfeldern (bis hin zur Aufstellung des Gebotes „Du sollst töten“) arbeitete der Referent eindrucksvoll heraus, der in den „Stahlgewittern“ eine „Sinngebung des Sinnlosen“ (in Anlehnung an den Schriftsteller Theodor Lessing) erkennt.

Die französische Literaturwissenschaftlerin Florence Bancaud analysierte das Gartenmotiv in Jüngers „Gärten und Straßen“. Teil von Jüngers Abwendung von der tristen Wirklichkeit bald nach 1933 sind die Beschäftigung mit Insekten, aber auch die Beschreibung der Natur und diverse Auslandsreisen in den 1930er Jahren. Jünger kreist in starkem Maße um die wunderbare Harmonie zwischen Menschen und Natur. Gärten sind für ihn ein privilegierter Ort der Bezauberung. Uralte Wunschbilder kommen zum Vorschein. Literarische Vorbilder für solche Erzählungen gibt es viele (etwa Rousseau). Auch die Harmonie der Farben in der Natur wird beschrieben. Diese regeneriert sich nach Abtötungen stets von Neuem, offenbart also dadurch ihr Unzerstörbares. Die Hoffnung bleibt für Jünger, dass dieser Grundsatz auch auf das menschliche Zusammenleben nach den Verwüstungen des Krieges zutrifft. Manuel Mackasare erörterte die Zusammenhänge von Vergessenheit, Bewusstsein und Erinnerung bei Friedrich Georg Jünger, der Verwahrensvergessen und Wahrnehmungsvergessen vom Ausbleiben der Erinnerung differenziert. Immer wieder werden bei Jünger die Erinnerungen als Kern des existenziellen Daseins herausgestellt. Die Kunst ist es schließlich, die kollektives und individuelles Gedächtnis zusammenfließen lässt. Ein Film über Ernst Jünger im Spiegel der Zeitzeugen beendete den Vormittag. Zum Ende der Tagung bekamen die Teilnehmer, wie üblich, einen Mokka im Stauffenberg'schen Schloss Wilflingen serviert.

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Ingolf Bossenz
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