Das Leerversprechen

Die Psychotherapie erlebt

gerade eine spirituelle Wende. Was sich zuerst spannend

anhört, entpuppt sich schnell als ein leeres innerweltliches Heilsversprechen.

Von maren Gräfin zu castell

Wer Anfang der neunziger Jahre Psychologie studierte, hörte von seinen Lehrern noch: Die Religion ist eine Neurose, Glaube wirkt sich negativ auf die Psyche aus. Das hat sich weitgehend geändert. Viele Studien insbesondere aus den USA zeigen, dass sich spirituelle Praktiken und Glauben positiv auf die Gesundheit auswirken. So haben spirituelle Praktiken nach und nach systematisch Einzug gehalten in die Psychotherapie, insbesondere in die Verhaltenstherapie. Therapeuten sprechen gar von einer spirituellen Wende.

Die kommt beispielsweise auch in gut besuchten Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte und Psychologen zum Ausdruck, die dann Titel tragen wie „Von der evidenzbasierten Medizin zur integralen Heilkunst – ein neues Behandlungskonzept für psychosomatische Kliniken“. Solche Veranstaltungen werden selbst von renommierten Kliniken ausgerichtet, was erstaunlich ist, weil sie nicht annähernd das bieten, was sie versprechen.

Was also hat es mit der spirituellen Wende in der Psychotherapie tatsächlich auf sich? In Deutschland gibt es derzeit drei Kliniken, die sich gänzlich dem neuen spirituellen Therapiekonzept verschrieben haben, das auf dem Gedankengut der sogenannten Transpersonalen Psychologie nach Ken Wilber basiert. Der Philosoph Wilber hat mit seiner schillernden Metatheorie der Wissenschaften und der Psychologie insbesondere in der Berliner psychotherapeutischen Szene in den vergangenen Jahren immer mehr Anhänger gefunden. Verhandelt wird dabei ein eigenes Entwicklungsmodell des individuellen Menschen und der kollektiven Menschheit, das sogenannte Quadrantenmodell, sowie eigene Ideen zum menschlichen Bewusstsein. Kern aller dieser Überlegungen ist die Idee, dass es eine Evolution nicht allein der Spezies gibt, sondern auch des Bewusstseins der Menschen. Aller Entwicklung soll eine intelligente Kraft zugrunde liegen, die Wilber Geist nennt. Er benutzt den Begriff des Geistes nicht im Sinne einer personalen Identität, wie das etwa im Begriff vom Geist Gottes geschieht; der Geist ist nach Wilber vielmehr eine nonpersonale intelligente Kraft, die sowohl im ganzen Kosmos als auch in jedem seiner kleinen Teilchen innewohnt. Das Ziel jeder Entwicklung ist eine qualitative Veränderung des Bewusstseins, dem es dann möglich sein soll, holistisch und integral zu denken und zu handeln. Auffällig ist nun, dass die unterschiedlichsten heute praktizierten Psychotherapierichtungen, die selbst für den Fachmann kaum noch zu überschauen sind, in diesem Modell einen Platz und Sinn finden.

Es geht also in der Transpersonalen Psychologie um Entwicklung. Jeder Entwicklungsphase wird eine Farbe zugeordnet, wobei die Phasen (bei Wilber „Ebenen“ genannt) jedoch nicht im Sinne eines reinen Typus definiert werden, sondern viele Überlappungen und Verwischungen enthalten.

Am Anfang steht nach der Transpersonalen Psychologie das Archaisch-Instinkthafte: Hier geht es um das Überleben. Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Sicherheit haben Priorität. Die Menschen bilden Überlebensgruppen, um Leben zu erhalten und weiterzugeben. Zu finden sei diese Ebene der Entwicklung des Bewusstseins in den ersten menschlichen Gemeinschaften, bei neugeborenen Kindern, bei senilen alten Menschen, bei psychisch gestörten Obdachlosen, bei hungernden Massen, bei psychischem Trauma. Die Transpersonale Psychologie nimmt für diese Phase die Farbe Beige.

Es folgt nach dieser Theorie die Magisch-Animistische Phase oder Ebene, der die Farbe Purpur zugeordnet wird. Jetzt bilden Menschen ethnische Stämme. Geister existieren als Ahnen und erhalten die Bindung innerhalb des Stammes. Zu finden sei das im Glauben an Voodoo-ähnliche Verfluchung, bei Blutrache, stark ausgeprägt in Gemeinschaften der sogenannten Dritten Welt, in Banden oder Mannschaften im Sport.

Die dritte, mit Rot markierte Phase oder Ebene heißt danach die der Machtgötter. Verstanden wird darunter ein erstes Auftauchen eines Selbst, das vom Stamm unterschieden ist, machtvoll, impulsiv, egozentrisch, heroisch: Die Grundlage feudaler Reiche sei Macht und Ruhm. Dieser Ebene oder Phase begegne man dann in der sogenannten Trotzphase von Kindern, bei rebellischen Jugendlichen, feudalen Reichen, epischen Helden, Söldnern oder auch wilden Rockstars.

Als vierte Ebene oder Phase definiert die Transpersonale Psychologie das Phänomen der konformistischen Regel. Auf dieser Ebene hat das Leben Bedeutung, Richtung und Sinn, was durch eine Ordnung garantiert ist, in der es Allmacht und einen festen Verhaltenskodex gibt. Diese „selbstgerechte Ordnung“ beruht nach Ansicht der Transpersonalen Psychologie auf absolutistischen und unveränderlichen Prinzipien. Diese bildeten die Grundlage der Nationen des Altertums. Kennzeichen seien rigide soziale Hierarchien, fundamentalistische Glaubensvorstellungen. Impulsivität werde durch Schuld kontrolliert. Charakteristisch sei diese Entwicklungsstufe des Bewusstseins für das puritanische Amerika, das konfuzianistische China (Farbe: Blau).

Als fünfte Ebene der Evolution des Bewusstseins, markiert mit der Farbe Orange, gilt die wissenschaftliche Leistung. Hier entkomme das Selbst der Herdenmentalität des Blau und suche Wahrheit und Sinn in individualistischer Weise, nämlich hypothetisch, deduktiv, experimentell, objektiv, mechanistisch, operational. Damit ist nach der Transpersonalen Psychologie die Grundlage für Staaten gelegt, die auf gesellschaftlicher Vereinbarung beruhen. Zu finden sei das in der Aufklärung, an der Wall-Street, im Kolonialismus, im Kalten Krieg, in der Modeindustrie und im Materialismus.

Grün bezeichnet schließlich für die Transpersonale Psychologie die sechste Ebene, die als das empfindsame Selbst beschrieben wird. Das ist für diese Theorie die Zeit der gemeinschaftlichen ökologischen Netzwerke, der menschlichen Bindungen. Der menschliche Geist werde von Gier, Dogma und der Neigung, sich abzusondern, befreit. Gefühle und Anteilnahme überlagerten kalte Rationalität, was eine Wertschätzung der Erde zur Folge habe. Die Betonung hier liegt auf Dialog, Beziehung. Entscheidungen sollen durch Vermittlung und Konsens getroffen werden. Diese Ebene soll die Spiritualität beleben, Harmonie bringen. Stark egalitäre, antihierarchische, pluralistische Werte werden propagiert, die soziale Konstruktion der Welt angezeigt. Aktualisiert sei diese Ebene in der Tiefenökologie der Postmoderne, in der Gesprächstherapie nach Rogers, in der Theologie der Befreiung, dem Weltkirchenrat, bei Greenpeace, im Ökofeminismus, als Political Correctness, innerhalb der Bewegungen von Minderheiten und Menschenrechtsgruppen.

Mit der Vollendung der sechsten Ebene wäre das menschliche Bewusstsein dann nach der Transpersonalen Psychologie gleichsam reif für den Quantensprung in ein „Denken zweiten Ranges“. Wie gesagt, die Ebenen oder Phasen werden hier nicht im strengen Sinne als sich ablösende Momente eines linear ablaufenden Entwicklungsprozesses verstanden, sondern als Verhaltensmöglichkeiten und Bewusstseinszustände des einzelnen Menschen, die je nach Lebensumständen aktiviert oder deaktiviert werden. So können die Menschen laut Transpersonaler Psychologie in Notsituationen rote Machttriebe aktivieren, in Reaktion auf Chaos blaue Ordnungen errichten und so weiter.

Mit dem „Denken zweiten Ranges“ würde sich nun all das bisher Beschriebene verändern, jetzt würden die bisher pluralistischen Systeme in holistische und integrale Spiralen verändert. Dieser neuen Ebene wird dann in der Transpersonalen Psychologie die Farbe Gelb zugeordnet, darauf folgt noch Türkis und Koralle, wobei hier die Theorie der Transpersonalen Psychologie keine genauen Beschreibungen mehr liefert, weil es zu wenige Menschen gebe, die diese Ebenen schon erreicht hätten.

Dieses hochvariable Entwicklungskonzept wird nun von seinen Befürwortern als motivierendes und attraktives Modell empfunden, das der Gesundung bei psychischen Erkrankungen eine Richtung und Sinn gibt. Dass es zahlreiche politische Implikationen hat, sei hier nur am Rande erwähnt. Wichtiger jedoch ist zu sehen, mit welchen unaufgeklärten, impliziten Voraussetzungen es arbeitet, die eine Kritik unerlässlich machen.

Die Transpersonale Psychologie fußt erstens auf der Evolutionstheorie und nimmt sie als bewiesen an. Das aber ist sie nicht. Sie konnte bisher auch nicht falsifiziert werden – aber die faktischen Abläufe der Entwicklung der Arten kennt niemand. Insofern ist die Transpersonale Psychologie ein Glaubenssystem.

Wilber nimmt eine analoge Evolution des Bewusstseins an und begründet sie mit der Entwicklungspsychologie. Ob es eine Evolution des menschlichen Bewusstseins gibt, ist aber rein spekulativ. Abgesehen davon, dass schon Mut dazu gehört, so unterschiedliche Gesellschaften wie das puritanische Amerika und das konfuzianische China unter einer Kategorie zu fassen, wird hier die kollektive Entwicklung der Menschheit und die individuelle Entwicklung des je einzelnen Menschen in einem Modell miteinander vermengt. Dies mag originell sein – wissenschaftlich ist es nicht. Vor allem vergisst die Transpersonale Psychologie offensichtlich die Befunde der Bindungsforschung. Bedürfnisse nach Sicherheit und Überleben sind den Menschen existenziell zugehörig, aber das Bedürfnis nach Bindung ist mindestens gleichursprünglich und wichtig. Bindung steht nicht am Ende, sondern am Anfang der Entwicklung. Um zu überleben und eine gesunde Entwicklung zu nehmen, braucht der Säugling eine sichere Bindung. Um diese aufzubauen, braucht es vor allem die Feinfühligkeit der Mutter oder anderer wesentlicher Bezugspersonen.

Das Entwicklungsmodell eines Wilber impliziert, dass ein Mensch für eine gesunde Entwicklung alle die beschriebenen Ebenen durchleben muss. Eine reife Entwicklung muss also zunächst Sicherheit erfahren („beige“), eine magisch-animistische Phase durchleben sowie danach erst eine Art Selbst in der roten Ebene entwickeln, um sich dann in blauen-zwanghaften Strukturen zu erproben und so weiter. Die Definition einer solchen Hierarchie von Bedürfnissen ist gemessen an den Erkenntnissen der Bindungstheorie jedoch falsch. Nicht erst in der sechsten Ebene – Farbe Grün – wird der Mensch bindungsfähig. Bindung entsteht als erstes, es ist das erste, es ist philosophisch gesprochen die Bedingung der Möglichkeit des Menschseins und ist grundlegend für eine gesunde Entwicklung, ja für das Überleben überhaupt.

Spekulativ bleibt auch, ob das Selbst in der sogenannten roten Ebene entsteht oder nicht doch schon vorher. Es spricht viel dafür, dass ein Säugling schon Charakterzüge und kulturelle Prägungen zeigt, die Anzeichen für ein Selbst sind.

Die Transpersonale Psychologie führt als Methode des Wachstums und der Genesung neben Medizin und Psychotherapie zudem die Meditation ein. Vermittelt wird eine Meditation, die von der buddhistischen Tradition der Achtsamkeit abgeleitet ist, und die nicht eine Person – Christus etwa – oder ein weises Wort oder ein Bild meditiert, sondern sich selbst, den eigenen Körper, den Atem und damit letztlich in eine Leere, ein Nicht-Denken führen will. Es gibt einige Befunde, die nahelegen, dass Meditation präventiv wirkt. Ob sie bei einer akuten Erkrankung hilft, ist unklar. Im Grunde hilft oft nur der Nebeneffekt, also die Entspannung, welche Schmerzen reduziert und das Immunsystem aktiviert.

Nicht zuletzt ist der Geist, von dem die Transpersonale Psychologie redet, aus indisch-vedischen Quellen genährt. Der evangelische Theologe und Psychotherapeut Michael Utsch schreibt in seiner Kritik an der Transpersonalen Psychologie deshalb: „Aus christlicher Sicht verkennt die Vorstellung der bis zum göttlichen reichenden Bewusstseinsevolution die Gebrochenheit der Person. Christlicher Glaube grenzt sich auch von einer psychotechnischen Machbarkeit spiritueller Erfahrungen ab. Christlicher Glaube spricht vom unverfügbaren Handeln Gottes und macht sich nicht abhängig von außergewöhnlichen Erlebnissen.“

Themen & Autoren

Kirche