„Das Leben ist heilig und unantastbar“

Vor italienischen „Pro Life“-Gruppen verurteilt Papst Franziskus eine „Wegwerfkultur“, die Menschenleben tötet, und fordert, Zeugnis für das Leben abzulegen
Foto: dpa | „Die Kinder und die Großeltern sind die Hoffnung eines Volkes!“: Papst Franziskus vor zahlreichen jungen und älteren „Pro Life“-Vertretern am 11. April im Vatikan.
Foto: dpa | „Die Kinder und die Großeltern sind die Hoffnung eines Volkes!“: Papst Franziskus vor zahlreichen jungen und älteren „Pro Life“-Vertretern am 11. April im Vatikan.

Liebe Brüder und Schwestern,

als ich hereinkam, habe ich gedacht, ich hätte mich in der Tür geirrt und hätte einen Kindergarten betreten... Entschuldigt!

Ich heiße jeden von Euch herzlich willkommen. Ich begrüße Euren Präsidenten Carlo Casini und danke ihm für seine Worte, doch vor allem möchte ich meine Dankbarkeit für die ganze Arbeit zum Ausdruck bringen, die er in so vielen Jahren im „Movimento per la Vita“ [Bewegung für das Leben] geleistet hat. Ich wünsche ihm, dass ihm, wenn der Herr ihn rufen wird, die Kinder dort oben die Tür öffnen werden! Ich begrüße den Präsidenten der „Centri di Aiuto alla Vita“ [Vereinigungen, die schwangeren Frauen helfen] sowie die Verantwortlichen der verschiedenen Dienste, vor allem des „Progetto Gemma“, das in den letzten zwanzig Jahren durch eine besondere Form konkreter Solidarität die Geburt vieler Kinder ermöglicht hat, die sonst nicht geboren worden wären. Danke für das Zeugnis, das Ihr ablegt, indem Ihr das menschliche Leben von der Empfängnis an fördert und schützt! Wir wissen: das Leben ist heilig und unantastbar. Jedes zivile Recht fußt auf der Anerkennung des ersten und fundamentalen Rechts, des Rechts auf Leben, das keiner Bedingung unterworfen ist, weder qualitativer, noch ökonomischer und erst recht nicht ideologischer Art. „Ebenso wie das Gebot ,du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ,Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. … Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die ,Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird“ (Evangelii gaudium, 53). Und so wird auch das Leben weggeworfen. Eine der schlimmsten Gefahren, denen diese unsere Zeit ausgesetzt ist, ist die Trennung zwischen Wirtschaft und Moral, zwischen den von einem Markt, der über jede technologische Neuheit verfügt, angebotenen Möglichkeiten und den elementaren ethischen Normen der menschlichen Natur, die immer mehr vernachlässigt wird. Es ist daher notwendig, jedem direkten Angriff auf das Leben – vor allem das unschuldige und wehrlose Leben – den entschlossensten Widerstand entgegenzusetzen – und das Ungeborene im mütterlichen Leib ist die Unschuld schlechthin. Rufen wir uns die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung: „Das Leben ist daher von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuenswürdige Verbrechen“ (Gaudium et spes, 51). Ich erinnere mich an eine Konferenz mit Ärzten, bei der ich vor langer Zeit war. Nach der Konferenz habe ich die Ärzte begrüßt – das ist jetzt sehr lange her. Ich habe also die Ärzte begrüßt, mit ihnen gesprochen, und einer von ihnen nahm mich zur Seite. Er hatte ein Paket und sagte zu mir: „Pater, ich möchte Ihnen das hier geben. Das sind die Instrumente, die ich benutzt habe, um Abtreibungen vorzunehmen. Ich bin dem Herrn begegnet, habe bereut, und jetzt kämpfe ich für das Leben“. Er hat mir die ganzen Instrumente gegeben. Betet für diesen rechtschaffenen Mann!

Papst: „Der Herr unterstütze die Initiative ,Einer von uns‘“

Wer Christ ist, der hat immer die Aufgabe, dieses dem Evangelium entsprechende Zeugnis abzulegen: das Leben voller Mut und Liebe in allen seinen Phasen schützen. Ich ermutige Euch, das immer mit dem Ausdruck der Nähe, der Verbundenheit zu tun: dass jede Frau sich als Person angesehen fühlen möge, der man zuhört, die man annimmt, die man begleitet.

Wir haben von den Kindern gesprochen: hier sind heute viele! Doch ich möchte auch über die Großeltern sprechen, die andere Seite des Lebens! Denn wir müssen uns auch um die Großeltern kümmern, weil die Kinder und die Großeltern die Hoffnung eines Volkes darstellen. Die Kinder, die jungen Menschen, weil sie es voranbringen, sie werden dieses Volk voranbringen; und die Großeltern sind, weil sie über die Weisheit der Geschichte verfügen, das Gedächtnis eines Volkes. Das Leben in einer Zeit schützen, in der Kinder und Großeltern in diese Wegwerfkultur hineinkommen. Sie werden als Material betrachtet, das man wegwerfen kann. Nein! Die Kinder und die Großeltern sind die Hoffnung eines Volkes!

Liebe Brüder und Schwestern, der Herr unterstütze Euer Wirken als „Centri di Aiuto per la Vita“ und als „Movimento per la Vita“ sowie vor allem die Initiative „Einer von uns“. Ich vertraue Euch der himmlischen Fürsprache der Jungfrau Maria an und segne von Herzen Euch und Eure Familien, Eure Kinder, Eure Großeltern – und betet für mich, ich brauche es!

Wenn man über das Leben spricht, denkt man sofort an die Mutter. Wenden wir uns an unsere Mutter, dass sie uns alle behüte. „Ave Maria...“.

Segen

Noch ein Letztes: Wenn Kinder weinen, wenn sie jammern, wenn sie schreien, dann ist das für mich eine wunderschöne Musik. Doch einige Kinder weinen, weil sie Hunger haben. Gebt Ihnen hier bitte ruhig etwas zu essen!

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

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