Das Leben ist bunt

2017 geht zu Ende: Was war gut? Was war suboptimal? Was lässt sich lernen? Eine katholischer Jahresrückblick. Von Martin Lohmann
Regenbogen über Weinberg
Foto: dpa | Der natürliche Regenbogen am bewölkten Himmel lässt sich auch heute noch als Zeichen der Treue Gottes verstehen und damit als Zeichen der Hoffnung.

Was war? Was bleibt? Was wirkt? Es ist nur allzu normal, am Ende eines Jahres zurückzuschauen, zu werten, zu gewichten – und etwas hinüberzunehmen in das Neue. Vorsätze begleiten den Übergang, und sie drücken vor allem eines aus: Hoffnung. Hoffnung auf Besserung. Auf Frieden. Auf Versöhnung. Erst recht dann, wenn einem genau diese im alten Jahr – von wem auch immer – verweigert wurde. Wie heißt es so wahr: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber eigentlich darf sie gar nicht sterben.

Sie ist weit mehr als billiger Optimismus, der sich aus dem oberflächlichen Bekenntnis zu speisen neigt: Es wird schon wieder gut. Hoffnung, auf die hin der Mensch angelegt ist, ist wesentlich mehr. Sie sucht den Halt an der Wahrheit. Denn nur die macht frei. Bei Johannes (8, 32) steht nicht: Die Taktik wird euch frei machen. Oder die Strategie. Oder die Feigheit. Oder die Anpassung. Oder gar der Opportunismus. Nein, dort steht klar und deutlich: Die Wahrheit. Was für eine Erkenntnis! Was für eine Hoffnung!

Jeder Rückblick ist natürlich subjektiv. Nicht nur, weil in ihm sich das Offizielle in Kirche und Gesellschaft verbindet mit dem Privaten, der kostbaren Erfahrung gelebter Freundschaft, dem Heimgang eines geliebten Menschen, dunklen Räumen und hellem Licht, Irrwegen und Rückkehr zur Berufung, Krankheiten und Herausforderungen. Auch da gibt es immer ein Mischverhältnis: Das enttäuschte Warum trifft sich mit dem beglückenden Danke. Nichts scheint nur schwarz oder nur weiß zu sein. In der Kirche ist das wohl auch so. Die, die da nassforsch einteilen in benediktinische Verliererchristen und franziskanische Gewinnertypen, so als gebe es Gestrige, denen das kritische und wache Begleiten verboten werden müsse, machen es sich ebenso zu einfach wie jene, die aus den vielen Verunsicherungen letztgültige Urteile über „Gäste im Gästehaus“ zu sprechen wagen wollen. Beides entspricht nicht dem Geist des Katholischen, des Weltumspannenden.

Denn auch da gilt: Das Leben ist bunt. Und bisweilen auch menschlich widersprüchlich und hart unglaubwürdig, wie kurz vor Weihnachten beobachtet werden konnte. Die päpstliche Weihnachtsschelte war noch nicht verklungen, da wurde dessen verbal armutsaffiner Chefreformer als raffgieriger reicher Purpurträger enttarnt, zwischen dessen Predigt und Leben offenbar Welten lagen. Mancher Beobachter nannte diese Wirklichkeit einen wahrhaftigen Kardinalfehler. Ein Fall für Barmherzigkeit? Oder für Aufklärung und Gerechtigkeit? Wohl beides, auch, weil beides nicht voneinander zu trennen ist und Barmherzigkeit nicht als ein Gegenstück zu Gerechtigkeit und Wahrheit missverstanden werden darf – wenn man sich am Herrn selbst orientiert.

Zurück zu 2017. Martin Luder, der sich später Luther nannte, wurde gefeiert. Trotz aller Widersprüchlichkeit und menschlichem Versagen. Als Reformator. Als erster Bibelübersetzer ins Deutsche, obwohl es bereits ein Dutzend deutsche Übersetzungen gab, aus denen er sich bedienen konnte. Deftig und kräftig kam er rüber. Mit berechtigten Sehnsüchten im Kampf gegen eine Kirche, die dringend der Reform bedurfte. Als jemand, der das Gottesbild änderte, die Vernunft eine Hure nannte und den freien Willen abschaffte, wurde er nicht gefeiert. Die Spaltung, die übrig blieb, schmerzt bis heute, auch wenn sie sich als Einheit beim gemeinsamen Kreuzablegen auf dem Tempelberg zeigt. Aber: Niemand zweifelt mehr daran, dass wir eine echte Ökumene brauchen. Christus ist nicht geteilt. Der Herr ist einer! Es war auch das Jahr der Freimaurer. 300 Jahre. Und genau vor 100 Jahren erlebte ein gewisser Maximilian Maria Kolbe in Rom während des Studiums einen ihn bis ins Mark erschreckenden Umzug der Kirchenfeinde. Diese zogen damals zur Feier ihres Jubiläums zum Peterplatz und verkündeten laut, Satan werde hier regieren und der Papst sein Diener sein. Der junge Franziskaner war nicht nur erschrocken, er handelte und stellte sein Lebenswerk fortan noch deutlicher der Gottesmutter in den Dienst, gründete die Ritter der Immaculata und zehn Jahre später eine eigene Stadt der Unbefleckten: Niepokalanow in der Nähe von Warschau.

Von dort kämpfte er mutig und buchstäblich unerschrocken für die Wahrheit. Bis ihn die Nationalsozialisten, die wie alle sich selbst zur Wahrheit erklärenden Ideologen den Einsatz für die Wahrheit nicht ertragen konnten, verhafteten und in Auschwitz umbrachten. Das, was sie damit aber töten wollten, lässt sich nicht töten: Denn die Wahrheit macht frei. Sie lebt. Und sie hat einen Namen: Jesus Christus.

Diese Erkenntnis kehrt 2017 wieder zurück ins Blickfeld der nach Mehr Suchenden. Es war der gelebte Gerade Weg des Journalisten Fritz Gerlich, der jeden absolutistischen Relativisten wie die Nazis damals zum brutalen und mörderischen Kochen brachte – und bringt. Der Seligsprechungsprozess für Gerlich wurde eröffnet. Eine gute, eine starke Nachricht, die aus der Rückschau ins mutige Morgen den Weg finden wird. Sie wird jeder metaphysischen Trägheit, der acedia, das Ausbreiten erschweren, zumal auch – frei nach Joseph Ratzinger – die Kirche ihr verfallen kann: „Ein Übermaß an äußerer Aktivität kann der klägliche Versuch sein, den innersten Kleinmut und die Trägheit des Herzens zu verkleistern, die aus Glaubensarmut, aus Mangel an Hoffnung und an Liebe zu Gott und zu seinem Abbild, dem Menschen, hervorkommt. Weil man das Eigentliche und Große nicht mehr wagt, muss man umso mehr vom Vorletzten tun.“

Was das Eigentliche ist oder sein könnte, ja müsste, das hat vor einhundert Jahren keine Geringere als die Gottesmutter selbst in Fatima als Botschaft in unsere Zeit geschenkt. Auch das war ein, leider in Deutschland als Wegweisung zu wenig ins Licht gerückte, Datum für 2017. Eine Botschaft, die aktuell bleibt. Der tägliche Rosenkranz ist nichts von gestern. Er bleibt die Perlenschnur, die mit der Wahrheit verbindet und Großes bewirken kann, Großes bewirkt. Die Wahrheit macht frei. Trotz aller Sorgen und Ängste. Trotz oder gerade wegen aller Nöte und Irrungen. Ein Kompass, dessen Magnetfeld immer sicher ist. Bis hin zu der Verheißung der Frau vom Rosenkranz im portugiesischen Fatima: Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren.

Vielleicht gehört auch das zu den zugelassenen Erkenntnissen des Jahres 2017: Das faktische Verbot der Mission, eingehüllt in toleranzgeschwängerte Sprüche von Rücksicht und Ängstlichkeit, war während der zurückliegenden Jahrzehnte nicht das Klügste und Treueste deutschkatholischer Wirklichkeit. Es gibt sie, die Mutigen und Treuen, die den Auftrag des Herrn nicht vergessen oder verdrängt haben und gar unerschrocken auf Andersgläubige zugehen, um diesen den Gott der Liebe und Barmherzigkeit zu öffnen, der als kleines Kind allen Menschen sagte: Ich liebe dich, genau dich, und genau für dich werde ich Mensch. Gewalt, Hass, Unterdrückung, Mord und Tod darf und kann es jetzt nicht mehr geben. Manche, die sich am Rosenkranz „festhalten“ und sich anfüllen lassen von diesem real existierenden Gott, haben schon hunderte zur Taufe und zur Wahrheit geführt. Und wenn dann am Ende des Jahres auch noch bekannt wird, dass sich viele Deutsche wünschen, ihr Land möge doch etwas christlicher geprägt sein, dann ist auch das eine gute Botschaft der Hoffnung aus 2017. Niemand kann bezweifeln wollen, dass die Angst vor einer Islamisierung Deutschlands in einem Zusammenhang gesehen werden kann mit der Verdunstung und der Vernachlässigung des christlichen Glaubens. Wo ein Vakuum entsteht, ist manche Füllung ohne Widerstand möglich.

Wer nicht weiß, wofür er steht, woran er glaubt, was ihn stark macht und Nachhaltigkeit verleiht, kann auch nicht wissen, was wirkliche Toleranz bedeutet. Denn die will nicht, dass alles egal ist und alles relativ, sondern die erträgt auch den Irrtum, toleriert ihn – benennt ihn aber auch. Toleranz will niemals Intoleranz. Toleranz kann Intoleranz nicht tolerieren. Toleranz will hingegen immer den Zugang zur Hoffnung, die ihrerseits die Wahrheit sucht. Vielleicht, hoffentlich rettet sich diese Hoffnung ins Neue Jahr: Die Wahrheit wird frei machen.

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