Das Leben als Fest

Eine Ausstellung im Städel in Frankfurt am Main feiert „Monet und die Geburt des Impressionismus“. Von Susanne Kessling
Foto: Städel Museum | Claude Monet: „Das Mittagessen: dekorative Tafel”, um 1873.
Foto: Städel Museum | Claude Monet: „Das Mittagessen: dekorative Tafel”, um 1873.

Die Frau hat sich ein schattiges Plätzchen ausgesucht. Ihr langes Kleid ist hübsch drapiert und sie scheint sich in eine Lektüre versenkt zu haben. Der grüne Schirm jedenfalls liegt aufgespannt neben ihr und zeugt von einem nicht enden wollenden Sommertag. Die Sonne taucht diese so friedvolle und heitere Szene in ein gleißendes Licht. Es sind viele Facetten, die an den Werken Claude Monets (1840–1926) begeistern. Die Begegnung mit seinen Bildern ist ein Spaziergang durch die flirrende Metropole von Paris oder einem ländlichen Fest, wie es sich in eben dem Gemälde „Sommer“ von 1874 mit seinem Licht- und Schattenspiel zeigt. Es werden exzellente Impressionistenausstellungen angeboten, die sich immer als wahre Publikumsmagnete erweisen. Die unerschöpfliche Begeisterung und ungebrochene Faszination dafür lassen sich vielleicht auf folgende Grundformel bringen. Der Impressionismus setzt zum einen keine großen Kunsttheorien voraus. Zum anderen bringt die Pleinairmalerei eine Aufhellung der Palette mit sich, die das menschliche Grundbedürfnis nach Licht und Wärme zu erfüllen scheint. Das Dargestellte erschließt sich aus der einfachen Betrachtung und förmlich überträgt sich der Genuss, den der Maler am Wechselspiel der Erscheinungen hatte, auf den Betrachter.

So einfach scheint es. Was so leicht und mühelos wirkt, so auf die Leinwand hingeworfen, und für uns heute als die Inkunabel der Modernen Malerei gilt, musste sich erst durchsetzen in dem von der Akademie geprägten Ausstellungsbetrieb und den jährlich stattfindenden Salons von Paris. Die im Städel in Frankfurt gezeigte Schau über „Monet und die Geburt des Impressionismus“ spürt genau diesen Anfängen nach. „Impression Sonnenaufgang“ von 1874, die Studie Monets, die der Kunstrichtung auch ihren Namen gab, wurde zunächst von den Kritikern spöttisch bewertet. Sie ist nicht in der Frankfurter Schau zu sehen, die ihren Schwerpunkt auf die Frage nach dem Ursprung und der frühen Entwicklung des Impressionismus gelegt hat. Dafür bietet die Ausstellung auf zwei Etagen neben rund 50 Gemälden von Claude Monet genug Raum für weitere Zeitgenossen des Meisters wie Auguste Renoir, Edgar Degas, Camille Pissarro, Alfred Sisley und den wunderbaren Gemälden der immer wieder neu zu entdeckenden Berthe Morisot. Ihr „Hafen von Lorient“ von 1869 hat eine weite Reise aus der National Gallery of Art in Washington hinter sich und überzeugt in seiner atmosphärischen Verdichtung und der Gesamtkomposition. Der Künstlerin gelang es unter anderem mit diesem Werk, als einzige Frau an der ersten Schau der Impressionisten 1874 teilzunehmen.

In Frankfurt wird die Zeitspanne im Wirken Monets zwischen den frühen 1960er Jahren bis 1880 gezeigt. Die sogenannte Schule von Barbizon hatte die Vor-aussetzungen für die Impressionisten geschaffen. Es waren nicht die alten Zöpfe, wie sie sich in der Salonmalerei etabliert hatten, sondern eine frische, realistische Naturauffassung und ein eingehendes Studium des Wechselspiels von Licht und Schatten hatten die Grundvoraussetzungen dafür gesetzt. Wegbereiter waren Camille Corot, Charles-François Daubigny, Jean-François Millet oder Théodore Rousseau. Und so wird die Ausstellung zunächst mit Gemälden, wie dem „Blick vom Seine-Ufer“, 1851 von Charles-Francois Daubigny, oder den „Reisigträgerinnen“ (etwa 1867) von Jean-François Millet eingeleitet. Es sind noch die verhaltenen, gedeckten Töne in Braun und zartem Grün, die hier in den ländlichen Szenen angeschlagen werden. Anders als bei Millet gerät bei Monet später dann der Aufenthalt im Freien zum Fest, zur Darstellung des Erbaulichen und Erholsamen. In der Fülle der in Frankfurt gezeigten Gemälde bildet das „Mittagessen“ Monets von 1868/69 den Wendepunkt. Es wurde zunächst vom Salon abgelehnt und war dem Maler aber so wichtig, dass er es auf der ersten Impressionisten-Ausstellung von 1874 zeigte. Er wählte ein monumentales Bildformat, um seine Familie in Szene zu setzen. Ursprünglich waren große Leinwände nur Personen des öffentlichen Lebens wie Königen, Fürsten oder Würdenträgern vorbehalten. „Die bürgerliche Idylle täuscht: Was nach trautem Elternglück aussieht, entsprach nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen von einer Familie: Die Darstellung, das Heim des Paares ohne Trauschein und mit unehelichem Kind, war gerade in ihrer Selbstverständlichkeit eine gezielte Provokation und eine Kritik an den herrschenden Konventionen“, verdeutlicht Felix Krämer, der die Ausstellung kuratiert hat. Dieses Interieur wirkt in seiner Auffassung, wie sie von Manet geprägt wurde, fast noch altertümlich im Vergleich zu dem „Mittagessen“ von Monet aus dem Musée D?Orsay, das er um 1873 malte. Hier atmet ein freierer Geist. Die Personen sind nebensächlich, während der flüchtige Moment des Licht- und Schattenspiels auf dem weiß gedeckten Tisch mit den frei gesetzten Pinselstrichen eingefangen wird. Überbordend heiter und farbenfroh ist die Palette gewählt. Der Rückzug ins Private kann aber nicht über die politische Situation des untergehenden Second Empire hinwegtäuschen. Drakonische Strafen waren damals noch gebräuchlich und kommen in der Ausstellung in der Fotografie, die die Köpfe von hingerichteten Kommunarden von 1871 zeigt, besonders erschreckend zum Ausdruck.

Einer der ersten Kunsthändler, der den Wert der Impressionisten erkannte, war Paul Durand-Ruel. Eine gerade ihm eigens gewidmete Ausstellung der National Gallery in London zeigt 85 Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen. Doch was wäre der Impressionismus ohne sein Zentrum der Metropole Paris, in der die Weltausstellung von 1867 das Großereignis darstellte und mit ihrem von Haussmann geprägten Stadtbild, das charakteristisch war mit seinen breit angelegten Boulevards. Den Großstadtvergnügungen schienen keine Grenzen gesetzt. Man konnte in den Tuilerien spazieren gehen, wie es Monet 1876 in dem aus dem Musée Marmottan in Paris entliehenen Gemälde zeigt, oder auf dem Boulevard des Capucines schlendern. Es ist ein weiterer Höhepunkt und wurde vom Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City zur Verfügung gestellt. Hier am Boulevard des Capucines 35 öffnete am 15. April 1874 im früheren Fotostudio von Nadar die Galerie mit der ersten Schau der Impressionisten ihre Pforten. „Eingegangen in die Annalen der Kunstgeschichte ist die Vorstellung, dass die erste Impressionisten-Ausstellung ein Misserfolg war, sich Presse und Publikum in höhnischen Kommentaren über die jungen Künstler lustig machten...“, so Felix Krämer in seinem Beitrag zum Katalog. Die französische Hauptstadt bot mit ihren zahlreichen Theater- und Ballettaufführungen ein abwechslungsreiches Angebot. Die „Ballettprobe“ und die „Orchestermusiker“ von Edgar Degas, sowie die Theaterszene von Auguste Renoir aus der National Gallery in London sind nur einige Beispiele, die den Esprit der Metropole atmen. So wurde Paris zum Vorbild vieler Großstädte und hatte Vorzeige- und Modellcharakter.

Was im Wald von Fontainbleau begann, entwickelte sich zu einem französischen Exportschlager. Die in Frankfurt gezeigten Gemälde sind heute von unschätzbarem Wert. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, sei ein Blick auf eine Auktion Anfang Februar bei Sothebys in London geworfen. Hier wurden Umsatzrekorde erzielt. Mehrere Werke Monets standen zur Disposition. Dabei wechselte sein Gemälde „La Grand Canal“ von 1908 für umgerechnet mehr als 31 Millionen den Besitzer. Für 14 Millionen ging ein weiteres Ölgemälde „Les Peupliers a Giverny“ (1887) an einen Privatsammler aus den USA. Für 11,6 Millionen wurde „Antibes vu de la Salis“ versteigert.

Wer weiter in die französische Epoche des Impressionismus eintauchen möchte, dem sei „Die Tiefen des Ruhms“ von Irving Stone empfohlen. Der Autor hat auch hervorragende Romanbiographien über Vincent van Gogh oder Michelangelo geschrieben. Die aktuelle Lektüre des Briten Julian Barnes ist ergänzend zum Ausstellungsbesuch dringend zu empfehlen; unter anderem handelt der Band von ersten Ballonfahrten und der neuartigen Entwicklung der damals noch jungen Fotografie, wie sie Félix Toucheron, genannt Nadar, vorantrieb. Barnes' schmales Bändchen „Lebensstufen“ umfasst drei Essays über die Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der sich der Impressionismus in Paris durchsetzte. Und im Städel ist tatsächlich in dem die Schau ergänzenden Fotokabinett eine kleine Aufnahme des Ballons „Le Neptune“ auf der Place Saint-Pierre auf dem Montmartre vom 23. September 1870 zu sehen. „Nadar, der bereits in den 1860er Jahren größtes Aufsehen mit ersten, von einem Ballon aus geschossenen Luftaufnahmen erregt hatte, zeigt hier ein Ereignis wenige Tage nach dem Einsetzen der Belagerung der Hauptstadt durch die Deutschen. Der ,Ballon Neptune‘ wurde zum lebenswichtigen Fortbewegungsmittel, mit dem die Blockade überwunden werden konnte...“, heißt es im hervorragend recherchierten Katalog. Weitere Fotografien belegen, dass neben den Malern auch Fotografen im Wald von Fontainbleau sich mit dem Thema Natur auseinandersetzten. Die Künstler nutzten das noch so neue Medium der Fotografie zur Inspiration.

Ähnlich einem Roman, ist auch die Ausstellung in einen Prolog und einen Epilog gegliedert. Der Epilog ist mit seinen Leihgaben, wie der „Waterloo Bridge“ von 1901 aus dem Philadelphia Museum of Art oder der grandiosen „Charing Cross Bridge“ von etwa 1900 aus dem Indianapolis Museum oft Art, fulminant bestückt. Die Konturen haben sich hier längst aufgelöst. Übrig bleiben flüchtige, schemenhafte Andeutungen einer Atmosphäre, die sich schon im nächsten Augenblick wieder gewandelt haben kann. Ein Farbenspiel, ein Fest für das Auge und die Sinne. Man geht beglückt und mit der sicheren Gewissheit, dass dies beileibe nicht die letzte Ausstellung über die Impressionisten gewesen ist, die man besucht hat.

Monet und die Geburt des Impressionismus. Städel, Frankfurt am Main, bis 21. Juni. Zur Ausstellung ist ein Katalog bei Prestel in Deutsch und Englisch erschienen, herausgegeben von Felix Krämer. Im Buchhandel EUR 49,95, im Museum EUR 39,90

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