Das Kreuz verwandelt alles menschliche Scheitern

„Die Kunst ist ein Gebet“ – Die christlichen Motive in den Kunstwerken Lateinamerikas. Von Anja Kordik
Foto: Kordik | Cristo Rey, der Christus König, überragt Río de Janeiro – Lateinamerika bleibt ein katholischer Kontinent, dessen christliche Bezüge sich in der Kunst wiederspiegeln.
Foto: Kordik | Cristo Rey, der Christus König, überragt Río de Janeiro – Lateinamerika bleibt ein katholischer Kontinent, dessen christliche Bezüge sich in der Kunst wiederspiegeln.

Im vergangenen Jahr konnten die meisten lateinamerikanischen Staaten, angefangen von Mexiko über Kolumbien bis Argentinien, 200 Jahre Unabhängigkeit von Spanien feiern – Anlass, sich der eigenen Identität zu vergewissern und die Frage nach dem zu stellen, was lateinamerikanisches Selbstverständnis, die lateinamerikanische Kultur im Besonderen geprägt hat. Zum Erbe der europäischen Kolonialherren zählt vor allem die christliche Prägung des lateinamerikanischen Subkontinents – sie spiegelt sich in vielen Bereichen von Kunst und Kultur wieder: angefangen von frühen Zeugnissen wie den Jesuiten-Reduktionen in Argentinien, Brasilien und Paraguay über bedeutende Wallfahrtskirchen, die Basilika von Guadalupe in Mexiko oder die Marienbasilika in Aparecida, Südbrasilien. Die Entwicklung christlicher Kunst in Lateinamerika führt bis zu den Werken des Brasilianers Claudio Pastro – eines der bedeutendsten Maler sakraler Kunst in der lateinamerikanischen Gegenwart.

Pastros berühmten Bilderzyklus „Cantico – Sein Zeichen heißt Liebe“ stellt das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat zu Beginn seines Jubiläumsjahres in den Mittelpunkt einer Ausstellung, die jetzt in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ eröffnet wurde. Der aus 25 Bildern komponierte, farbenprächtige Bilderzyklus führt zu einer Auseinandersetzung mit biblischen Motiven und einer religiös inspirierten Liebespoesie.

Das Hohelied, eine Sammlung von Liebesliedern im Alten Testament, wird in der kirchlichen Liturgie immer wieder als Allegorie für die Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk verstanden. Durch die Jahrhunderte hindurch wurden Künstler, Dichter und Maler, angeregt, die Verse der hebräischen Liebeslyrik in eine neue, eigene Sprache zu übersetzen.

Auch Claudio Pastro, geboren 1948 in Sao Paulo, wo er noch heute lebt und arbeitet, ließ sich von der bilderreichen Sprache des Alten Testaments leiten: „Die Kunst ist ein Gebet“, sagt er. „Meine Linien, meine reinen, oft komplementären Farben sind eine Weiterführung des heiligen Textes in ein anderes Medium.“ Und weiter erklärt er: „Meine Sprache ist symbolisch und nicht realistisch. Ich will über die Abbildung der Wirklichkeit als Kopie hinausgehen.“

Pastros Bildersprache, in der er portugiesisch-spanische mit indianischen und afrikanischen Stilelementen verbindet und die kulturelle Vielfalt Lateinamerikas veranschaulicht, bringt mit warmen, oftmals leuchtenden Farben und weichen, stark geschwungenen Formen die Symbolik der biblischen Verse zum Ausdruck. Der Brasilianer macht in seinen Bildern die Liebe Gottes zum Menschen ebenso erfahrbar wie die Liebe zwischen Mann und Frau – mit ihren Sehnsüchten, Zweifeln, ihren Erfüllungen, notwendigem Ausharren und der Furcht vor dem Scheitern, Liebe und Vertrauen in all ihrer Verletzbarkeit. Die Liebe als Ausgangspunkt und Ziel menschlichen Daseins stehen im Mittelpunkt von Claudio Pastros „Cantico-Zyklus“.

Auffällig sind die engen Bezüge zwischen Bildern und Versen des Alten Testaments. Stets sind die Wortes des „Hohenliedes“ ganz unmittelbar ins Bild gesetzt: „Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht/ ich rief ihn, er antwortete nicht. Da fanden mich die Wächter/ bei ihrer Runde durch die Stadt/ und sie schlugen, sie verletzten mich. Den Mantel entrissen sie mir./ die Wächter der Mauern. Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter! Wenn ihr meinen Geliebten findet/ sagt ihm/ ich bin krank vor Liebe.“

Diesen Versen ordnete Claudio Pastro ein hochformatiges Bild in warm leuchtenden Gelb- und kontrastrierenden Grau- und Blautönen zu – dem starken Gefühl der Liebe wird die innere Kälte der Verfolger der Liebenden entgegengestellt. Liebe bedeutet immer auch, Anfeindungen um der Liebe willen, Missgunst und Verfolgung. Liebe bedeutet: Zeiten der Trennung und seelischen Schmerzes auf sich nehmen. Claudio Pastro stellt die Liebe zwischen Menschen in den Vordergrund, die Liebe, sinnstiftend – die stets ein Widerschein der göttlichen Liebe ist.

200 Jahre nach Ende der Kolonialzeit ist und bleibt Lateinamerika ein katholischer Kontinent, ungeachtet aller gesellschaftlichen Tranformationsprozesse wie zunehmende Verstädterung und ein schleichender Säkularisierungsprozess. Christliche Elemente zeigen sich an vielen Stellen in Kunst und Kultur Lateinamerikas. Claudio Pastro ist nur ein herausragendes Beispiel. Sie zeigen sich nicht nur in unzähligen Kirchen, auch in modernen Kirchenbauten wie der Dom Bosco-Kirche in Brasilia, deren vorherrschende Farbe Blau ist – Blau, die Farbe des Himmels: Die Wände bestehen von oben bis unten aus Glasmosaiken in unterschiedlichsten Blautönen, in denen sich das Licht eines enormen Kristallleuchters bricht. Zurzeit der Vorabendmesse ist die Kirche zwar nicht bis auf den letzten Platz besetzt, aber doch gut gefüllt. Bei der Hautfarbe der Gottesdienstbesucher dominiert Weiß. Es sind aber auch dunklere Hautschattierungen vertreten – die brasilianische Hauptstadt zieht immer mehr Zuwanderer aus anderen Regionen des Landes an.

Ein Höhepunkt christlicher Kunst in Lateinamerika offenbart sich auch im Heiligtum des Guten Herrn Jesus in Congonhas, wo der brasilianische Bildhauer Aleijadinho auf dem Vorplatz und in den Kapellen großartige Skulpturen geschaffen hat. Unweit von Ouro Preto befindet sich dieses Heiligtum, bestehend aus einer Wallfahrtskirche und sieben Kreuzwegkapellen. Hunderttausende von Pilgern versammeln sich hier alljährlich im September. Die 1772 fertiggestellte Kirche birgt eine großartige Innenausstattung im Stil des Rokoko. Glanzstücke des Santuário sind die um 1800 hinzugekommenen Figurengruppen in den etwas unterhalb der Kirche stehenden Kapellen. Diese mehrfarbigen Meisterwerke der spätbarocken, kolonialen Bildhauerei zeigen den Leidensweg Christi und stammen von Aleijadinho und seinen Schülern, ebenso die zwölf lebensgroßen Figuren der Propheten, die den Treppenaufgang zum Vorplatz der Kirche säumen.

Manchmal finden sich leise Spuren des Glaubens in Lateinamerika ganz unerwartet am Wege: so in den Bergen der Provinz Sao Paulo. In einem Waldstück, in der Nähe der Kleinstadt Guarantenguitá, findet sich eine Kapelle mit einem Kruzifix, aus zahllosen Müllteilen zusammengesetzt. „Rekuperanten“, ehemalige Drogenabhängige von der „Fazenda der Hoffnung“, einem kirchlichen Sozialprojekt in der Nähe, haben dieses Kruzifix geschaffen – als Zeichen, dass kein Mensch, so tief er gesunken ist, einfach „zu Müll“ wird. Der Gott am Kreuz verwandelt alles Scheitern im menschlichen Alltag. Auch dies ist ein Aspekt in der christlichen Kunst Lateinamerikas, die sich gerade heute in vielen Formen ausdrückt.

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