Das Kreuz ist das Logo Europas

Über die Identität des alten Kontinents wird oft und heftig gestritten. Dabei genügt ein Blick auf Wirtschaft, Recht oder Sozialstaat, um zu wissen: Die christlichen Wurzeln reichen tief. Von Professor Manfred Spieker
Foto: dpa | Die Unterscheidung von Weltlichem und Geistlichem gehört zum Kern europäischen Wesens. Herzliche Begegnungen zwischen Staat und Kirche schließt das aber nicht aus.
Foto: dpa | Die Unterscheidung von Weltlichem und Geistlichem gehört zum Kern europäischen Wesens. Herzliche Begegnungen zwischen Staat und Kirche schließt das aber nicht aus.

Europa ist mehr als „eine Halbinsel Asiens“ (Paul Valéry), mehr auch als ein Kontinent und mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft. Europa ist eine Idee, eine „Gesinnung“ (Romano Guardini). Europa ist eine bestimmte Sehweise von Mensch, Gesellschaft und Welt, eine Wertegemeinschaft – trotz der Katastrophen in seiner Geschichte und in seiner Gegenwart. Als europäisch gilt „eine Lebensordnung, die getragen wird von beweglichen, erfinderischen, anpassungsfähigen Menschen, die bestimmt ist von Entdeckungsfreude und rationalem Zugriff auf die Welt; der die Individualität mehr bedeutet als die Masse, die Freiheit mehr als die Macht“ (Hans Maier).

Die tragenden Werte, die sich mit der europäischen Kultur untrennbar verbinden, sind die Würde der Person, die Herrschaft des Rechts und die Unterscheidung zwischen Geistlichem und Weltlichem. Sie machen die europäische Identität aus. Sie sind untrennbar mit dem christlichen Glauben und den christlichen Traditionen verbunden. „Gewiss, die europäische Identität ist keine leicht erfassbare Wirklichkeit“, sagte Johannes Paul II. in einer Ansprache vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates am 8. Oktober 1988 in Straßburg. „Die weit zurückliegenden Quellgründe dieser Zivilisation“, so der Papst, „sind vielfältig. Sie stammen aus Griechenland und aus Rom, aus keltischem, germanischem und slawischem Boden, aus dem Christentum, das sie tief geprägt hat. Und wir wissen, welche Verschiedenheiten an Sprachen, Kulturen, Rechtstraditionen die Nationen, die Regionen und auch die Institutionen kennzeichnen! Aber im Hinblick auf die anderen Kontinente erscheint Europa wie eine einzige Einheit, auch wenn der innere Zusammenhang von denen, die zu Europa gehören, weniger klar erfasst wird. Dieser Blick kann Europa helfen, sich selbst besser wiederzufinden. In fast zwanzig Jahrhunderten hat das Christentum dazu beigetragen, eine Sicht der Welt und des Menschen zu entwickeln, die heute ein grundlegender Beitrag bleibt – jenseits der Zerrissenheit, der Schwächen, ja sogar der Versäumnisse der Christen selbst.“

Die Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia, zwischen geistlichen Angelegenheiten und weltlichen Dingen oder zwischen Religion und Politik, steht am Anfang der modernen europäischen Identität. Im antiken Griechenland und im Imperium Romanum waren Religion und Politik noch eine Einheit. Diese Einheit führte viele der ersten Christen ins Martyrium, weil sie sich weigerten, den römischen Kaiser als einen Gott zu verehren.

Aus diesen Konflikten der ersten Christen mit den politisch-religiösen Autoritäten entwickelte sich die bis heute gültige und den freiheitlichen Verfassungsstaat tragende Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia, zwischen Religion und Politik. Nicht nur die res publica, die Welt schlechthin wird entgöttlicht. Die Politik wird relativiert, die Herrschaftsgewalt des Königs beschränkt, selbst in der Welt der orthodoxen Christenheit, deren Weg in die Moderne anders verlief als der der westlichen Christenheit. Sie orientierte ihre Beziehungen zur staatlichen Gewalt immer am Prinzip der Symphonie, dem Gleichklang von Kirche und Staat. Aber auch die orthodoxe Christenheit unterschied und unterscheidet Spiritualia und Temporalia, wie der Sozialhirtenbrief der russisch-orthodoxen Kirche vom August 2000 zeigt. Das Christentum leitete einen Säkularisierungsprozess ein, der irreversibel ist. Gewiss setzt sich die Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia mit allen ihren Konsequenzen nicht auf einen Schlag durch. Das Christentum wird erst einmal „Staatsreligion“. Politische Herrscher beanspruchen auch als Christen noch Jahrhunderte hindurch gewisse Kompetenzen in geistlichen Angelegenheiten – sei es bei der Ernennung der Bischöfe, der Papstwahl oder, nach der Reformation, bei der Bestimmung der Konfession der Untertanen. Aber der Investiturstreit des 11. Jahrhunderts war vorprogrammiert. In dem ihn zumindest im Prinzip beendenden Wormser Konkordat von 1122 wird die Unterscheidung zwischen Temporalia und Spiritualia bekräftigt. Sie ist ein wesentliches Element europäischer Identität.

Auch wenn es noch einmal rund sechseinhalb Jahrhunderte dauert, bis der definitiv auf weltliche Ziele beschränkte Staat in den USA in Erscheinung tritt, auch wenn Reformation und Gegenreformation dem Bündnis von Thron und Altar erst einmal zu neuer Blüte verhelfen und die „geistlichen Fürstentümer“ sich vor dem Hintergrund der Unterscheidung von Spiritualia und Temporalia wie ein hölzernes Eisen ausnehmen, das Christentum hat die Entwicklung der griechischen Polis und der römischen res publica zu einem Kirche und Staat scheidenden Gemeinwesen mit wechselseitiger Beschränkung der Aufgaben und Zuständigkeiten ein für allemal besiegelt. „Dass die politische Geschichte der Neuzeit von weltlichen Staaten geprägt wird, ist eine direkte, gewissermaßen gewollte Frucht des Christentums“ (Ulrich Matz).

Zur Identität Europas gehört der freiheitliche Verfassungsstaat, dessen Zweck die Herrschaft des Rechts, die Gewährleistung der Menschenrechte und damit die Sicherung der Freiheit der Bürger ist. Der freiheitliche Verfassungsstaat ermöglicht die Beteiligung der Bürger an der politischen Willensbildung. Er ist das Fundament der Demokratie. Er verlangt die Teilung der politischen Gewalten. Er hat seine Wurzeln in der athenischen Polis, in den Nomoi Platons und der „Politik“ sowie der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles, aber auch in der römischen res publica und in Ciceros „De officiis“.

Im freiheitlichen Verfassungsstaat zeigt sich aber auch das Erbe des Christentums. Die gleichberechtigte Teilnahme aller Bürger am politischen Willensbildungsprozess, die die athenische Polis und die römische res publica nicht kannten, ist eine logische Konsequenz des christlichen Menschenbildes. Es betonte die Gleichheit des moralischen Ranges aller Menschen und führte zur Abschaffung der Sklaverei. Zu diesem Menschenbild gehört aber auch die Ambivalenz der menschlichen Natur. Der Mensch kann gut oder böse, konstruktiv oder destruktiv handeln. Er kann die politische Macht zur Förderung des Gemeinwohls, aber auch zu seiner Zerstörung gebrauchen. Daraus zieht der freiheitliche Verfassungsstaat die Konsequenz, die politische Macht auf die Legislative, die Exekutive und die Judikative zu verteilen, um so eine Balance und eine gegenseitige Kontrolle zu erreichen.

Gewaltenteilung heißt Machtbegrenzung. Ein erster Schritt zur Machtbegrenzung war bereits die Unterscheidung zwischen Spiritualia und Temporalia. Aber die Gewaltenteilung geht darüber hinaus. Sie bändigt mit der Trennung und gegenseitigen Kontrolle legislativer, exekutiver und judikativer Macht die Temporalia selbst. Sie will die Versuchung zum Machtmissbrauch minimieren und da, wo Macht dennoch missbraucht wird, die schädlichen Folgen begrenzen. Wo sie abgelehnt wird, wie in totalitären Systemen nationalsozialistischer oder kommunistischer Herkunft, da wird mit der Würde und Freiheit der Person immer auch das Christentum bekämpft.

Der freiheitliche Verfassungsstaat bedarf zu seiner Entfaltung und Stabilität immer auch einer aktiven Gesellschaft, die Zivil- oder Bürgergesellschaft zu nennen man sich heute angewöhnt hat. Eine Zivilgesellschaft ist eine Gesellschaft freier, selbstbewusster und aktiver Bürger, die sich in einer relativ staatsfreien Sphäre der Wirtschaft, der Politik und der Kultur in Verbänden und Parteien selbst organisieren, am politischen Willensbildungsprozess im vorparlamentarischen Raum einer pluralistischen Gesellschaft teilnehmen und den Staat nicht nur tolerieren, sondern als zentrale Bedingung des Gemeinwohls auch stützen. Zu ihr gehören auch freie Medien. Die Zivilgesellschaft ist das notwendige Gegenüber des freiheitlichen Verfassungsstaates. Sie liegt in der Logik des personalen Menschenbildes. Wie sehr der freiheitliche Verfassungsstaat und die Zivilgesellschaft zur Identität Europas gehören, hat die Wende von 1989/90 gezeigt. So gut wie alle postkommunistischen Länder haben ihre Transformationsprozesse an ihnen orientiert.

Dass der Staat nicht nur Rechtsstaat, sondern auch Sozialstaat sein muss, auch das gehört zu dem, was Europas Identität ausmacht. Immer wieder gibt es die Versuchung, den Staat auf die Rolle des Nachtwächters zu reduzieren, der zwar für die Durchsetzung des Rechts und der Verträge nach innen und der Organisation der Verteidigung nach außen sorgt, sich aber um die Wohlfahrt seiner Bürger nicht kümmert. Letztere gilt als deren eigene, private Angelegenheit. Eine Spaltung der Gesellschaft ist die logische Folge dieser Perspektive. Der soziale Rechtsstaat sorgt dagegen nicht nur für Recht und Sicherheit, sondern auch für menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen. Er schützt die Bürger gegen Einkommensrisiken, die aus Krankheit, Invalidität, Alter und Arbeitslosigkeit erwachsen. Er gewährleistet mit der sozialen Sicherheit soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Integration und individuelle Freiheit.

An der Entstehung des modernen Sozialstaats im 19. Jahrhundert waren zwar verschiedene geistige Strömungen beteiligt: konservative Vorstellungen von der sozialen Verantwortung der Obrigkeit, sozialistische Konzeptionen von der Kompetenz der Politik bei der Gestaltung der Gesellschaft, die liberale Genossenschaftsbewegung, die wissenschaftlichen Vorstellungen der Kathedersozialisten, aber nicht zuletzt und mit größtem praktischen Einfluss christliche Strömungen in der katholischen und in der evangelischen Kirche. Diese Aufgabe des Gemeinwesens ist ein christliches Erbe. Schon im Mittelalter galt die Sorge für die Armen, die Witwen und die Waisen als Aufgabe des christlichen Gemeinwesens, derer sich die Klöster, die Orden, die Spitäler und Hospize annahmen. Sie setzt die Fähigkeit zum Mitleiden mit dem in Not geratenen Mitmenschen voraus. Das Mitleid und das Erbarmen sind ein wichtiges Element der europäischen Kultur. Die Einsicht in das Leiden der anderen Menschen und Völker, die Fähigkeit, dieses Leiden zur Sprache zu bringen, führte die Menschen in Europa vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch schon nach dem 30-jährigen Krieg zu Gesten der Anerkennung, zu Neuaufbrüchen und friedenssichernden Vertragswerken wie dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück 1648, zu den Römischen Verträgen von 1957.

Zu dem, was europäische Identität ausmacht, gehört mit dem sozialen Rechtsstaat auch eine bestimmte Sicht der Wirtschaft, die die Freiheit des Wettbewerbes mit sozialem Ausgleich verbindet, die den Staat verpflichtet, durch das Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht für humane Arbeitsbedingungen und durch eine gute Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Steuerpolitik für eine möglichst geringe Arbeitslosigkeit zu sorgen, eine Sicht der Wirtschaft, die die Vorteile des Marktes, auch eines globalen Marktes, nämlich einen die Preise senkenden oder die Produkte und Dienstleistungen verbessernden Wettbewerb, mit einem hohen Beschäftigungsniveau und mit sozialer Sicherheit für jene verbindet, die sich am Leistungswettbewerb nicht beteiligen können.

Eine solche Wirtschaftskonzeption beruht auf dem personalen Menschenbild, das von einem freien, interessierten, Initiativen ergreifenden, Risiken eingehenden, Eigentum bildenden, verantwortlichen, leistungsbereiten und dennoch solidarischen Menschen ausgeht, der in der Regel bereit und in der Lage ist, für den Unterhalt seines Lebens selbst zu sorgen. Sie geht von einem Menschenbild aus, das Arbeit als zum Wesen des Menschen gehörende Tätigkeit begreift, durch die er einerseits die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpasst sowie Güter und Dienstleistungen schafft, die er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse braucht, und durch die er andererseits sich selbst entfaltet, seine Herrschaft über die Erde ausübt und mehr Mensch wird. Arbeit und Kreativität sind in dieser Perspektive von entscheidender Bedeutung für gelingendes Leben.

Die verschiedenen Dimensionen der europäischen Identität zeigen, dass Europa christliche Wurzeln hat. Die Identifizierung Europas ist keine Frage der Geographie. Auch die Frage nach der optimalen Erweiterung der Europäischen Union ist nicht vorrangig eine geographische Frage. Gewiss liegen Europas Grenzen dort, wo seine Handlungsfähigkeit endet. Europa dürfte überfordert sein, sollte es die Türkei oder Russland integrieren wollen. Wenn die Politik eines Landes aber an den skizzierten Dimensionen europäischer Identität ausgerichtet ist, wenn sie die Würde der Person schützt und die Menschenrechte, also auch die Religionsfreiheit respektiert, sich der Herrschaft des Rechts unterwirft, Gerechtigkeit, Frieden und soziale Sicherheit anstrebt, alle Bürger an der politischen Willensbildung beteiligt, unternehmerischer Initiative Raum gibt und Markt und Wettbewerb sichert, dann ist dieses Land ein Partner Europas. Zwischen Kooperation und Integration ist freilich zu unterscheiden. Eine Integration setzt nicht nur die Respektierung der skizzierten Kriterien, sondern auch die Erfahrung einer gemeinsamen Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen voraus. Das Erbe einer gemeinsamen Geschichte, gemeinsam erlebter Erfolge und auch Katastrophen, ist Teil der europäischen Identität – auch wenn die Erinnerung an diese Geschichte sehr verschieden sein kann und in den westeuropäischen Ländern der Europäischen Union eine andere ist als in ihren Mitgliedern aus Mittel- und Osteuropa, die nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 noch eine 45-jährige kommunistische Unterdrückung zu erleiden hatten.

Europa bedarf keiner Feindbilder, um sich zu definieren und seine Integrationskräfte zu mobilisieren. Es bedarf nur der Besinnung auf seine Wurzeln und des Schutzes seiner Quelle. Wer die Quelle, von der er sich entfernt hat, wieder erreichen will, muss gegen den Strom schwimmen. „Wenn die religiöse und christliche Grundlage dieses Kontinents“, so Johannes Paul II. 1988 vor dem Europäischen Parlament, „in ihrer Funktion als inspirierende Quelle der Ethik und in ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit an den Rand gedrängt werden sollte, dann würde nicht nur das gesamte Erbe der europäischen Vergangenheit geleugnet, sondern – mehr noch – wäre eine Zukunft für den europäischen Menschen ... für jeden europäischen Menschen, gläubig oder ungläubig – schwer gefährdet.“ Das integrierte Europa von morgen, so schloss der Papst seine Ansprache, soll „offen zum Osten des Kontinents hin, großzügig gegenüber der anderen Hemisphäre“ durch die Versöhnung des Menschen mit der Schöpfung, mit seinesgleichen und mit sich selbst „wieder die Funktion eines Leuchtturmes in der Weltzivilisation einnehmen.“

Wenige Jahre nach dieser Ansprache hat Europa die Chance erhalten, diese Vision zu realisieren. Wir sind bei dieser Realisierung schon ein gutes Stück vorangekommen. Aber in manchen Ländern nicht nur im Osten, sondern auch im Westen Europas, ist der christliche Glaube in den vergangenen Jahrzehnten sehr an den Rand gedrängt worden. Glaube und Kultur, Glaube und Leben klaffen weit auseinander. Es ist die Aufgabe der Christen, die eigenen Wurzeln neu zu entdecken und eine Zivilisation der Liebe zu entwickeln, die zugleich christlicher und menschlich reicher ist. Das Kreuz ist das Logo dieser Zivilisation.

Der Autor ist Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück.

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