Das Kapitalismus-Theater

Weihevolle Produktpräsentationen und virtuelle Börsenwelten, Unternehmer und Bänker im Streit, im Gerichtssaal oder auf der Flucht – das Wirtschaftsleben zeigt sich derzeit mit großer Dramatik und Inszenierungslust. Dabei sollte man nicht vergessen, dass echter Handel stets Glaubwürdigkeit voraussetzt Von Björn Hayer
Foto: dpa | Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf Breuer (r), der noch amtierende Co-Chef Jürgen Fitschen (l, hinten), und der ehemalige Chef Josef Ackermann (l) im Verhandlungssaal im Landgericht in München.
Foto: dpa | Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf Breuer (r), der noch amtierende Co-Chef Jürgen Fitschen (l, hinten), und der ehemalige Chef Josef Ackermann (l) im Verhandlungssaal im Landgericht in München.

Eigentlich liegt der Zusammenhang von Theater und Kapitalismus auf der Hand. Schon immer versuchten Firmen, nach Außen hin das Saubermann-Image zu pflegen, die Werbung gauckelt den potenziellen Konsumenten das Blaue vom Himmel vor und jeder halbwegs talentierte Verkäufer und Geschäftsmann weiß, dass es sich zwar lohnt, offen über Transparenz zu reden, es jedoch auch Gründe gibt, nach Innen das Prinzip des geschlossenen Vorhangs zu beherzigen. Jedenfalls, solange dies möglich ist.

Als nämlich vor einigen Jahren herauskam, dass der trendige Modehersteller H & M blutbefleckte Mulesing-Wolle (Verstümmelung von Schafen zur Wollgewinnung) aus Australien und Textilien aus bengalischen Billiglohnfirmen, wo Näherinnen kaum von ihrer Hände Arbeit leben können, bezog, sah sich die Firmenleitung gezwungen, diesen öffentlich bekanntgewordenen Ethik-Verstößen abzuschwören. Flugs lobte man Besserung, ließ den Vorhang herunter, um bald darauf mit neuer Kulisse und neuer verantwortungsbewusster Rolle auf die Bühne zu treten, welche den Markt bedeutet. Im Zeitalter der permanenten Überwachung durch die Medien die einzige Überlebenschance.

Doch mag man bei dem Modehersteller inzwischen auch tatsächlich Kleider ohne tierische Qualen erwerben können – etwas von einer Inszenierung haftet dem Ganzen doch an. Die Angst um das öffentliche Profil war ausschlaggebend für das veränderte Produktionsverhalten, nicht die Einsicht. Zumindest den Tieren wird es egal sein. Dabei scheint die Theater-Metapher in einem noch umfangreicheren Sinne geeignet zu sein, um die Wirklichkeit des derzeitigen Mega-Turbokapitalismus zu beschreiben. Allen voran die Börsenbranche weiß sich dieser Semantik gern zu bedienen. In den Nachrichten ist häufig die Rede vom Frankfurter „Börsenparkett“, die virtuellen Abläufe sekundenschneller Geldtransfers lassen sich mit etwas Phantasie als kinematographische Effekte, als monetäre Spiegelreflexe deuten. Nicht zu vergessen die ritualisierten Dress- und Sprechcodes bei Business-Meetings und Aufsichtsratstreffen, die den Vergleich mit den elaborierten Machtspielchen in Shakespeares Königsdramen nicht zu scheuen brauchen. Der Machtkampf bei Volkswagen im Frühjahr dieses Jahres, der im Rücktritt des erst angreifenden, dann geschassten Patriarchen Ferdinand Piech („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“) gipfelte, besaß sogar König Lear-Qualität, wurde in Wolfsburg doch die alte Geschichte von Selbstüberschätzung und Realitätsverlust im Alter einmal neu durchexerziert. Vor den Augen des globalen Publikums und durchaus mit Auswirkungen auf die realen Absatzmärkte.

Vergessen wir dabei nicht: Geld ist als symbolische Wertmarke nicht nur die Urmetapher des Handels, es bestimmt auch die Dramaturgie vieler Theaterstücke. Hugo von Hoffmannsthal hat in seinem „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, uraufgeführt von Max Reinhardt im Berliner Zirkus, schon 1911 die Personifikation des Geldes als Mammon durchgespielt. Bertolt Brechts „Mutter Courage“ versucht als geschäftstüchtige Marketenderin und Kriegsgewinnlerin ihr Scherflein trocken zu halten, während die Millionärin Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts Tragikkomödie „Der Besuch der alten Dame“ sich als unmoralische Wohltäterin erweist: Sie ist bereit, ihrem Heimatort Güllen eine beträchtliche Summe zu schenken, wenn man ihr den früheren Geliebten zu Füßen legt. Getötet, versteht sich. Was im Zuge immer lockerer Moralvorstellungen passiert. Mit Geld, so die bittere Quintessenz des Stückes, lässt sich leider jeder kaufen. Im Notfall halt sukzessiv. Auch in der Gegenwartsdramatik Elfriede Jelineks höhlt das Geld die Menschen aus. Es wird bei der Nobelpreisträgerin zum Lebenselixier, das ihren abgehalfterten Figuren ständig aus den Fingern gleitet. Alle Welt strebt nach dem neuen Götzen, während es jedem zugleich entrinnt. Nach der kapitalismuskritischen Farce „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (2009) steigerte die „Winterreise“ von 2011 das groteske Szenario, indem darin die Übernahme der bankrotten Hypo Alpe Adria Bank durch die BayernLB in einem Brautkauf allegorisiert wird – einer schönen Wunderdame, um die sich die Werber drängen.

Wer das meiste zahlt, erhält den Zuschlag für Freud und Liebessegen – so die Hoffnung, die jedoch zerbricht, als das Brautkleid sich lüftet und das Nichts zutage tritt. Kapitalismus-Theater par excellance. Doch man kann das gegenwärtige, von Papst Franziskus bereits scharf kritisierte Kapitalsystem, das an der Schuldenkrise, den hemmungslosen Globalspekulationen und fehlenden weltweiten Spielregeln krankt, noch anders interpretieren oder – um bei der Sprache des Theaters zu bleiben – rezensieren.

Gleicht das System nicht längst einer Simulation? Hat sich fern von supersicheren Safes und biederen Gewinnmaximierungstabellen nicht bereits eine monetäre Doppelrealität etabliert, deren Zeichen uns als Fakten entgegentreten wollen? Der französische Medientheoretiker und Soziologe Jean Baudrillard (1929–2007) sprach in Bezug auf den Realitätsverlust in der Moderne hellsichtig von der „Ära der Simulation durch Liquidierung aller Referentiale – schlimmer noch durch deren [der Wahrheit] künstliche Wiederauferstehung in verschiedenen Zeichensystemen, die ein viel geschmeidigeres Material abgeben als der Sinn. Diese künstliche Wiederauferstehung bedient sich aller möglichen Äquivalenzsysteme […] Es geht um die Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen“ (Agonie des Realen, 1978).

In einer Zeit, in der die Nachrichten und selbst der Wetterbericht mancher Privatsender mit aktuellen Angaben zu Börsen- und Aktienkursen laufend unterfüttert werden, kann man eine solche Ersetzung live miterleben. Der Kapitalismus mit all seinen Vorgängen hinter dem Vorhang – Ideenbildung, Erfindungsreichtum, Produktionen, Transport – scheint ganz in der Struktur der miniaturisierten Datenübermittlung aufzugehen. Und nicht nur, wenn es um Börseninfos und andere Werte geht. Mittlerweile lassen sich per Mausklick in Sekundenschnelle ganze Firmenstandorte verlagern. Auch das hat Baudrillard früh prognostiziert: „Im Zerfall in die Mikroprozesse wird die Welt gleichzeitig unitarisch, und auf ihnen müssen wir surfen. Wir können nicht mehr in die Tiefe dringen, sondern müssen uns auf der Oberfläche dieses einheitlichen Prozesses bewegen, eine Welle in der Welle sein.“ („Simulacra und Simulation”, 1995)

Zurück bleibt eine theatrale Oberfläche, ein virtuelles Schauspielparkett, auf dem in scheinbaren Ordnungsmustern Wellen vorüberziehen. Doch unter dem Plätscherfluss der schönen Bilanzbilder, weihespielartiger Produktpräsentationen a la Apple und den inszenierten Aufnahmen verantwortungsvoller Manager existiert im gegenwärtigen Wirtschaftssystem offenbar nur noch eins: der Preis. Frei nach dem Satz von Oscar Wilde: „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert“ (Das Bildnis des Dorian Gray, 1890).

Dass eine derartige Entkoppelung ins Auge gehen kann, führt in diesen Tagen unfreiwillig die eigentlich als Hochbühne des Geldes geltende „Deutsche Bank“ vor. Der Rücktritt der Chefduos Jürgen Fitschen und Anshu Jain sorgte für einen spektakulären Wendepunkt in der Bühnengeschichte des Geldhauses – mit dem Auftritt von drei Deutsche Bank-Chefs aus 18 Jahren (Rolf-Ernst Breuer, Josef Ackermann, und eben Jürgen Fitschen) auf einer Münchner Anklagebank hatte man zuvor bereits neue Maßstäbe im Genre der realen TV-Gerichtsfälle gesetzt. Mag das Publikum auch nur einen Teil des geschlossenen Gerichts-Interieurs, nur die Fassade der Akteure zu sehen bekommen – die Bilder sprechen für sich. Fügen sich ein in die Tradition des Dramas, die stets eng verflochten war mit Urteilssprüchen und Gerichtsfällen: sei es bei Sophokles („Antigone“), bei Friedrich Schiller („Maria Stuart“) oder Heinrich von Kleist („Der zerbrochene Krug“). Dass den angeklagten Bänkern vorgeworfen wird, ausgerechnet gegenüber einem Medienunternehmer, den bereits verstorbenen Leo Kirch, in unrechtmäßiger Weise agiert zu haben, erhöht die theatrale Dosis des Falls zusätzlich.

Wie auch der Fall des früheren Vorstandsvorsitzenden des Medienkonzerns Bertelsmann, Thomas Middelhoff, den engen Zusammenhang von Theater und Kapitalismus deutlich vor Augen gestellt hat. Der rasante Abstieg vom privilegierten Hans-Dampf- und Dollarleben zur Anklagebank, die rasante Flucht vor den Journalisten entlang eines Garagendaches, schließlich der Haftbefehl, mehrere Haftbeschwerden und die phoenixhafte Haftverschonung aufgrund einer plötzlich herbeigezauberten Kaution von fast einer Million Euro – ein Skript, das Christian Dietrich Grabbe („Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“) oder Frank Wedekind („Der Marquis von Keith“) nicht besser hätten entwerfen können. Nicht zu reden von Johann Wolfgang von Goethe, der im Faust II. den mephistophelischen Hintergrund der Geldschöpfung und des Papiergeldes vorführt („Erst haben wir ihn reich gemacht, Nun sollen wir ihn amüsieren“).

Doch gibt es aus dieser Theatralisierung, dem gegenwärtigen globalen Wirtschafts- und Finanz-Mummenschanz keinen Ausweg? Haben Simulation und Gerichts-Farce tatsächlich das letzte Wort?

Nicht, wenn alle Akteure neu begreifen, dass wahrer Handel auf Augenmaß beruht, auf einem Vertrauen in den Anderen und in dessen Aufrichtigkeit – entgegen dem neoliberalen Credo „Jeder ist sich selbst am nächsten“. Der beiderseitigen Achtung zweier Handelspartner kann statt Theatralik und Inszenierungslust auch Wahrhaftigkeit und Fairness innewohnen. Insofern mag man der in Verruf gekommenen Gruppe der Banker und Manager sogar dankbar sein. Zeigt sich an ihnen doch, dass jeder, der professionell mit Kapital hantiert, sich nicht nur der medialen, sondern auch der rechtlichen Beobachtung stellen muss. Fest steht: Mag vieles, was sich in den Chefetagen von Banken und Firmen abspielt, auch weiterhin für die Mehrheit der Konsumenten und Bankkunden hermetisch und unverständlich sein, den Wert der Glaubwürdigkeit kann kein Wirtschafts- und Bankboss ignorieren. Der ganze Kapitalismus ist in seiner Funktionsfähigkeit von diesem Wert abhängig. Gleiches trifft übrigens für das Schauspiel zu: Nur solange das Spiel der Akteure dem Zuschauer als glaubwürdig erscheint, schenkt er ihm seine Aufmerksamkeit.

Wer Kunden und Zuschauer mit seinen Produkten und Aufführungen enttäuscht, wer ihnen Mogelpackungen anbietet und sie mit schrillen, aber geistlosen Inszenierungen zu täuschen versucht, verurteilt sich damit selbst – früher oder später – zum Ausstieg aus dem Spiel. Nur wer echte Formen von Anteilnahme bietet, kann eine tiefe, nachhaltige Beziehung zu denen aufbauen, denen seine Arbeit dienen soll. Denn letztendlich sollte es sowohl beim künstlerischen Theater wie auch in der Finanz- und Wirtschaftswelt immer auch um eins gehen: den Menschen und seine Befähigung zur Transzendenzerfahrung. Jede Virtualität endet an dieser Wirklichkeit.

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