Das Interesse an Büchern hat einen Rekord in Krisenzeiten

Bunt wie eh und je, aber auch bedrückend eng: Ein Gang über die Leipziger Buchmesse. Von Max-Peter Heyne
Foto: Heyne | Das Bibelmobil gehört längst wie selbstverständlich zur Leipziger Buchmesse.
Foto: Heyne | Das Bibelmobil gehört längst wie selbstverständlich zur Leipziger Buchmesse.

Mit einem Plus von rund 50 000 Besuchern und einem Anstieg auf etwa 168 500 Besucher erwies sich die Leipziger Buchmesse erneut als Publikumsmagnet. Doch angesichts der anschwellenden Besucherströme, die vor allem am Wochenende eine drückende Enge verursachen, stellt sich mittlerweile die Frage, ob nicht entweder die Dauer der Messe verlängert oder die vorhandenen 69 000 Quadratmeter aufgestockt werden müssen. Der an sich begrüßenswerte, starke Zulauf, der allerdings ein geregeltes Arbeiten von Branchen- und Medienvertretern kaum mehr erlaubt, sprengte in diesem Jahr noch einmal alle Dimensionen, da als Ehrengast der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow erwartet wurde. Der inzwischen 82-jährige Gorbatschow musste die Messebesucher, denen er seine Memoiren „Alles zu seiner Zeit“ (im russischen Original: „Alleine mit mir“, Hoffmann & Campe) vorstellen wollte, zunächst enttäuschen: Sein Besuch in Leipzig musste auf das Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (86) reduziert werden, da sich Gorbatschow gesundheitlich übernommen hatte. Aber auch die Peterskirche in der Leipziger Innenstadt war dem Ansturm der aus Neugier, aber auch aus tiefer Dankbarkeit über die wegen der Glasnost-Politik ermöglichten Wiedervereinigung teils weit herbeigereisten Besuchern nicht gewachsen.

In den Messehallen konnten Bücherfreunde derweil über 40 000 Meter Regale staunen, in denen 20 000 Neuerscheinungen präsentiert wurden, darunter auch eine auffällig reiche Bandbreite an religiöser Literatur. Deren Anbieter gruppierten sich neben dem traditionellen Bibel-Bus, der vor allem junge Leser auf christliche Themen und Buchtitel neugierig machen will, und der Leseinsel Religion, wo die Autoren aus ihren Werken vorlesen.

Viele Verlage haben rasch reagiert und unmittelbar vor der Messe Bücher mit Texten des emeritierten Papst Benedikt XVI. veröffentlicht, etwa „Das Beten Jesu“ (Herder) oder „Zeit für Gott“ (St. Benno).

Religiöse Werke erfreuen sich besonderer Beliebtheit

Der tschechische Theologe Thomas Malik zeigt mit „Berühre die Wunden“ (Herder), wie der Glaube durch Barmherzigkeit im Alltag erlebt und lebendig gehalten werden kann. Dass die christliche Botschaft auch Antworten auf aktuelle soziale und politische Fragen geben kann, versuchen Autoren wie der Theologe und Kapitalismuskritiker Ulrich Duchrow in „Gieriges Geld“ zu beantworten. Wie ein Pater am Gemeinschaftsstand christlicher Verlage erläuterte, erfreuen sich Titel, die christliche Überzeugungen und Werte in Form praktischer Lebenshilfe preisen, nach wie vor besonderer Beliebtheit. Das deckt sich mit den offiziellen Zahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht hat: Während die Belletristik einen eher moderaten Anteil an den guten Verkaufszahlen hat, nämlich zwei Prozent, beträgt der Anteil in der Sparte Sachbuch und dort insbesondere im Bereich Geisteswissenschaften, Kunst und Musik rund das Doppelte.

Auch Titel, die über jüdische und islamische Religion aufklären, waren in Leipzig zahlreich zu entdecken, etwa „Mit Rabbiner Joel Berger durch das jüdische Jahr“ (Patmos Verlag), eine Sammlung von Thora-Lektionen, die Hörer des Mitteldeutschen Rundfunks bereits hören konnten. Schon für Kinder geeignet ist die kompakte Darstellung „Der Islam“ beim Verlag C.H. Beck. Auch zu den bereits vorhandenen 23 deutschen Bibelübersetzungen gesellen sich immer wieder neue Bearbeitungen für die diversen medialen Formate hinzu: In diesem Jahr als an heutige Lesegewohnheiten angepasste „BasisBibel“ der Deutschen Bibelgesellschaft, als 60-Minuten-Kompakteinführung durch den katholischen Theologen Andreas Martin, („Die Bibel“, St. Benno) oder als „Baby-Bibel“ von Barbara Cratzius (Pattloch). Fragen von Kindern zum Christentum beantworten 21 Theologen im Band „Was macht Jesus in dem Brot?“ (Kösel Verlag). Kinder- und Jugendbücher sind in Leipzig traditionell ein Schwerpunkt, der rund ein Drittel der Ausstellungsfläche belegt.

Zum zweiten Mal wurden auf der Messe neue Titel mit dem „Leipziger Lesekompass“ ausgezeichnet, die auf überzeugende Weise aktuelle Trends aufgreifen, einen Bezug zu den Lebenswelten ihres jungen Publikums herstellen und in besonderer Weise zum Lesen motivieren. „Die bisherige Resonanz auf den Lesekompass zeigt uns, dass es sowohl bei Eltern als auch Pädagogen ein großes Bedürfnis nach Orientierungshilfe im Kinder- und Jugendbuchsektor gibt“, sagt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, über die „Lesekompass“-Initiative. Die Urteile der interdisziplinär und teils mit Juroren aus der Zielgruppe besetzten Fachjury fallen knackig aus: „Optimal! Da kann man beim Vorlesen alle Register ziehen“, heißt es über Iris Wewers Buch für Kinder bis zu sechs Jahren, „7 grummelige Grömmels und ein kleines Schwein“ (Oetinger Verlag). „Auch Eltern werden bei langen Autofahrten ihre Freude dran haben!“, meint die Jury über die von Stefan Kaminski vorgelesene Hörbuch-Version von Nele Moosts „Wenn die Ziege schwimmen lernt“ (HeadRoom kli-kla-Klangbücher). Ein Überblick über alle prämierten Titel steht zum Herunterladen unter www.leipziger-lesekompass.de zur Verfügung.

Auch die Lesungen mit osteuropäischen Autoren waren für literarische Entdeckungen wieder eine gute Adresse. „Die Resonanz auf unseren Programmschwerpunkt ,tranzyt‘ mit Literatur aus Polen, der Ukraine und Weißrussland übertraf alle Erwartungen. Ich bin positiv überrascht von der großen Aufmerksamkeit, die wir in Leipzig erzielen konnten“, sagt Martin Pollack, Kurator und Übersetzer von vielen polnischen Büchern. Die Texte von der polnischen Dramatikerin Magda Fertacz und dem Romancier Daniel Odija wirken in ihrer Kritik an sozialen Missständen in Polen schwarzhumoriger als die deutscher Autoren.

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