„Das herrlichste Werk“

Kunstwerke helfen, den Glauben neu zu entdecken. Im siebten Teil der „Glaubensschätze“ geht es um die Pieta. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Perfekter geht es nicht: Die Pieta des Michelangelo ist die christliche Spitzenleistung auf dem Gebiet der Bildhauerei. So war es allerdings auch vertraglich vorgeschrieben.
Foto: IN | Perfekter geht es nicht: Die Pieta des Michelangelo ist die christliche Spitzenleistung auf dem Gebiet der Bildhauerei. So war es allerdings auch vertraglich vorgeschrieben.

Zum Wesen des Künstlers gehören Spielfreude und Ernst, ein Sinn für Gegensätze. So war es auch bei Michelangelo Buonarroti, der am 6. März 1475 in Caprese in der Toskana zur Welt kam, und bald wusste, dass er zum Künstler berufen sei. Früh fand er in Florenz bei Lorenzo de Medici einen Mentor, der sein Talent erkannte und ihn finanziell förderte. Als Lorenzo starb, fand sich ein paar Jahre später ebenfalls in Florenz, das damals von Savonarolas Höllenpredigten unsicher gemacht wurde, ein Gönner gleichen Namens: Wieder ein Lorenzo, wieder ein Medici. Michelangelo, welcher der Bildhauerei stets stärker zuneigte als der Malerei, fertigte zuerst für diesen eine Statue des heiligen Johannes an, dann einen schlafenden Cupido, der dem reichen römischen Kardinal Raffaele Riario verkauft wurde. Als Original-Werk der Antike, was ein faustdicker Schwindel war. Der Betrug flog auf. Zur Entschädigung verlangte der Kardinal von Michelangelo, ihm einen Bacchus zu kreieren. Das Ergebnis konnte sich trotz der leicht beschwipst aussehenden Gesichtszüge des Weingottes sehen lassen.

Doch Kardinal Riario scheint nicht allzu beeindruckt vom Ergebnis gewesen zu sein, jedenfalls landete der Bacchus im Garten seines Nachbarn Jacopo Galli, der sich schnell zu Michelangelos römischem Manager entwickelte. Als der französische Kardinal Jean Bilheres de Lagraulas, der offenbar ahnte, dass er bald das Zeitliche segnen würde, bei Michelangelo eine Pieta (das italienische Wort für Mitleid) aus Marmor bestellte – sie sollte das Grab des Kardinals in der Kirche der Heiligen Petronilla schmücken – kümmerte sich Galli um die vertraglichen Angelegenheiten des Deals. Michelangelo war damals erst 23 Jahre alt. Galli versprach in dem Vertrag, den er am 27. August 1498 für Michelangelo schloss, dass die Skulptur innerhalb eines Jahres fertiggestellt und dass sie „das herrlichste Werk in Marmor, dessen Rom sich brüsten und das kein Meister unserer Zeit verbessern könnte“ sein würde. Eine Vertragsklausel der Superlative, die allerdings erfüllt wurde.

Obwohl das nordeuropäische Sujet der Pieta – die Muttergottes in sitzender Position, der vom Kreuz genommene Gottessohn gebettet auf ihren Knien – bis dato in Italien kaum verbreitet war, gelang Michelangelo auf Anhieb ein Meisterwerk. Was nicht nur daran lag, dass er extra einen Marmorblock aus Carrara auswählte und sein anatomisches Wissen durch das Studieren von Leichensektionen ausgesprochen vielschichtig war – vor allem die ästhetische Form des Schwindelns, die geniale Erzeugung von Illusionen, macht die eigentliche Hauptwirkung dieses größten christlichen Kunstwerkes der Bildhauerei aus. An der pyramidal-geformten Statue der Pieta ist nämlich so ziemlich alles disproportional und abweichend vom nordeuropäischen Sujet-Vorbild, was man sich vorstellen kann.

So beträgt die Höhe der Statue 174 Zentimeter, was bedeutet, dass die Jungfrau Maria, stünde sie aufrecht, auf 213 Zentimeter käme. Eine XXL-Größe. Gerade auch im direkten Vergleich zu ihrem Sohn Jesus, der um einiges kleiner gestaltet wurde. Doch auch ihre Kleidung ist äußerst voluminös und üppig, was jedoch erstaunlicherweise nicht zu einer Schwere führte – vielmehr formt die gekonnt gemeißelte Gestaltung des aufgebauschten Faltengewandes ihren Schoß zu einem breiten und tiefen Ruheplatz. Der Leichnam Jesu wird von Maria getragen, ohne dass beide Personen, beide Körper dadurch niedergedrückt werden. Die erträgliche Leichtigkeit der Erlösung deutet sich an.

Vor allem auch in Marias Gesicht. Zwar ist die Mutter Gottes dem Betrachter frontal zugewandt, sie sieht ihn aber nicht an. Ganz versunken wirkt sie. Jenseits von Raum und Zeit. Wobei ihr Schmerz fast stumm zu sein scheint. Ganz im Unterschied zu den frühesten Darstellungen des Sujets aus dem 14. Jahrhundert, wo Maria als Mater Dolorosa, als Schmerzensmutter präsentiert wird. Weinend und aufgewühlt. Fast schon der Verzweiflung nah. Ganz anders dagegen ist Michelangelos Maria. Mit edler Heiligkeit und anmutiger Würde senkt sie die Augenlider. Eine schöne, junge Frau.

Womit der große Anachronismus, die zeitliche Disproportionalität der Skulptur, angesprochen wäre: Marias Alter. Kennt man diese jugendliche Jungfrau nicht eher im Zusammenhang mit dem Jesuskind? Unmittelbar nach der Geburt des Erlösers? Bei Michelangelo scheint Maria, zur Zeit der Kreuzigung immerhin eine Frau um die 50, ein spirituelles Anti-Aging-Programm absolviert zu haben. Eine Besonderheit, die natürlich auch schon Michelangelos Zeitgenossen auffiel und gerade kleinlichen Geistern Anlass zu böser Kritik war. Mäkeleien, die der Meister Michelangelo als guter Kenner des Neuplatonismus aber souverän parierte. Sein eigener Kommentar zu seiner Pieta belegt jedenfalls den frühreifen Glauben daran, dass sich in körperlicher Schönheit ein edler Geist ausdrückt. „Weißt Du nicht“, sagte er zu seinem Freund und Biographen Ascanio Condivi, „dass die keuschen Frauen sich viel frischer erhalten als die, die es nicht sind? Um wieviel mehr also eine Jungfrau, in der sich nie auch nur der mindeste sinnliche Wunsch gebildet hat und der etwa ihren Leib hätte erschüttern können?“ Michelangelo, der Anatomie- und Leichen-Experte, in jungen Jahren auch schon ein echter Frauenkenner? Und ein Kenner des Heilands, der als Gott ganz Fleisch geworden ist, also auch dem Alterungsprozess unterworfen war. „Wundere dich also aus diesen Gründen nicht“, so Michelangelo, „wenn du siehst, dass ich die hochheilige Jungfrau, die Mutter Gottes, viel jünger habe erscheinen lassen, als ihr Alter es erforderte, während ich dem Sohne sein Alter gelassen habe.“

Viel spricht dafür, dass Kardinal de Lagraulas, der am 6. August 1498 starb, die fertiggestellte Statue niemals erblickt hat, denn erst um 1500 vollendete Michelangelo sein vertraglich vorgeschriebenes Meisterwerk. Für ein Honorar von umgerechnet 50 000 Euro nach heutigem Wert. Aus dem Standort Santa Petronilla wurde durch den Neubau der Peterskirche nichts. Nach einigen Verschiebeaktionen fand die Statue 1749 ihren Platz in der ersten Kapelle des rechten Seitenschiffs von St. Peter. Wo sie bedauerlicherweise mehrmals beschädigt wurde. Was geübte Restaurateure jedoch stets beheben konnten. Heute lässt sie sich nur noch aus einiger Entfernung und hinter unzerbrechlichem Glas geschützt bewundern. Was das Staunen über ihre Präsenz und Wirkung nicht mindert.

Bei einem solchen Meisterwerk wenig überraschend: Die Pieta wurde oft kopiert. Mal in Gips, mal in Bronze. In Berlin kann man in der St. Hedwigs-Kathedrale eine Nachbildung besichtigen. Schön ist Maria auch dort. Der christliche Glaube ist halt doch die beste Schönheitsoperation. Nicht nur für Neuplatoniker.

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