Das harte Leben der Pionier-Frauen

Mit Frauenfiguren im Mittelpunkt zeigt der Spielfilm „The Homesman“ unverblümt die dunklen Seiten des Grenzerlebens. Von José García
Foto: universum | Die willensstarke Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) hat sich bereiterklärt, drei dem Wahnsinn verfallene Frauen aus Nebraska in die Zivilisation zurückzubringen.
Foto: universum | Die willensstarke Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) hat sich bereiterklärt, drei dem Wahnsinn verfallene Frauen aus Nebraska in die Zivilisation zurückzubringen.

Im Jahre 1850 befindet sich das Nebraska-Territorium noch an der „Frontier“, an der Grenze zwischen der Zivilisation und den endlosen Weiten des Mittleren Westens. Erst 1867 sollte Nebraska als 37. Bundesstaat in die Union der Vereinigten Staaten aufgenommen werden. Das erste Bild von „The Homesman“, der zweiten Regiearbeit von Tommy Lee Jones, die an den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Cannes teilnahm und nun im regulären Kino anläuft, zeigt denn auch den weiten Horizont beim Sonnenuntergang. Unter schwierigen Bedingungen mit einem starken Wind verrichtet Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) schwere Arbeit auf dem Feld. Selbst in dieser Wildnis pflegt die resolute und gottesfürchtige Frau die Kultiviertheit, die sie in ihrer Kindheit an der Ostküste gelernt hatte: Auf dem Tisch stehen Blumen, zum Essen zieht sie ein schönes Kleid an, sie kämmt sich sorgfältig. Die inzwischen 31-jährige Mary Bee ist immer noch unverheiratet. Nach dem Essen, zu dem sie den Farmer Bob Giffin (Evan Jones) eingeladen hat, schlägt sie ihm vor, zu heiraten. Denn sie ist davon überzeugt, dass die Heirat beiden nur Vorteile bringen würde. Der Farmer lehnt aber entrüstet das wenig romantische Angebot ab. Ihm ist Mary Bee zu herrschsüchtig.

Trotz ihres Wunsches zu heiraten ist sie eine Kämpferin, die es nicht nur mit jedem Mann aufnehmen kann, sondern auch den unwirtlichen Wetterverhältnissen trotzt. Ganz anders ergeht es anderen Frauen in diesem Grenzland. Ein beinahe apokalyptisches Bild mit totem Vieh verdeutlicht die Härte, die drei Frauen aus der Gemeinschaft in den Wahnsinn getrieben, und die Arabella Sours (Grace Gummer) dazu gebracht hat, ihren Säugling zu töten. Seitdem hat sie kein Wort mehr gesprochen und klammert sich an eine Stoffpuppe. Stumm ist auch die zweifache Mutter Theoline Belknapp (Miranda Otto), die von den Missernten und den Misshandlungen ihres Mannes zermürbt wurde. Die aus Dänemark eingewanderte Gro Svendsen (Sonja Richter) hat ihre Mutter verloren. Diese war die einzige, die Gro vor ihrem Mann noch schützen konnte, der sie wie ein wildes Tier behandelte. Seitdem benimmt sich Gro aggressiv und gefährlich. Für die drei Frauen kann in dieser Ansiedlung niemand sorgen. Deshalb schlägt Reverend Alfred Dowd (John Lithgow) vor, die drei Frauen in die Obhut einer Gemeinde in Iowa zu bringen. Aber: Wer soll sie die 640 Kilometer nach Osten durch das raue, eventuell von Indianern und Banditen gefährdete Land begleiten? Da sich die Männer der Aufgabe entziehen, übernimmt sie Mary Bee. Als sie wenig später den zwielichtigen alten George Briggs (Tommy Lee Jones) vor der Lynchjustiz durch die Nachbarn rettet, lässt sie ihn versprechen, sie auf ihrer gefährlichen Reise gen Osten zu begleiten. Die beiden bringen die drei Frauen in einen vergitterten Wagen, wobei Mary Bee dem Ganoven einschärft: „Sie sind keine Fracht. Sie sind Menschen, kostbar in Gottes Augen“.

Obwohl nicht alle Überraschungen im auf der Grundlage des Romans „The Homesman“ (Glendon Swarthout, 1988) von Kieran Fitzgerald, Wesley Oliver und Regisseur Tommy Lee Jones verfassten Drehbuch zu überzeugen vermögen, stechen nicht nur die schönen Bilder der rauen Landschaft und die schauspielerischen Leistungen heraus. Hilary Swank stellt die widersprüchliche Figur einer starken Frau, die aber obsessiv nach einem Mann sucht, überzeugend dar. Tommy Lee Jones verdeutlicht allein durch den in Großaufnahme gezeigten Gesichtsausdruck, dass dieser George Briggs nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist: Hinter der harten Schale verbirgt er noch einen Sinn für Anstand und Gerechtigkeit. „The Homesman“ ist außerdem mit John Lithgow, Miranda Otto, James Spader, Meryl Streep und Hailee Steinfeld bis in die kleinsten Nebenrollen prominent besetzt.

Darüber hinaus spielt Regisseur Jones in seiner Inszenierung mit den Zuschauererwartungen an das Western-Genre. Einerseits weist „The Homesman“ eine Reihe Western-Elemente auf – von der weiten Landschaft über die Pferde und die Indianer bis zur Lynchjustiz und die Bilder im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Andererseits spielt der Film nicht in der typischen Western-Zeit nach dem Sezessionskrieg 1861–1865, sondern gut zehn Jahre zuvor. Dies drückt sich etwa in den Waffen aus, die in Jones' Film zum Einsatz kommen und die im Vergleich zu den westerntypischen Colts und Winchester-Gewehren etwas altertümlich anmuten. Dazu untermalt Regisseur Jones den Film mit einer Streichermusik, die sich auch deutlich von der üblichen Westernmusik abhebt. Tommy Lee Jones zeigt vor allem aber eine wenig romantische Sicht des Frontier-Lebens. Insbesondere in den Rückblenden, die das Leben der drei wahnsinnig gewordenen Frauen schildern, kommen die unbarmherzigen Lebensbedingungen der Pioniere zum Vorschein.

Im Gegensatz zu den klassischen Western zeichnet sich „The Homesman“ dadurch aus, dass der Film die Frauen in den Mittelpunkt stellt. Bis auf den von der Gemeinschaft ausgestoßenen George Briggs werden die Männer als selbstsüchtig, feige, rückwärtsgewandt („Es gehört sich nicht, als Frau durchs halbe Land zu fahren“) und alles andere als mitfühlend dargestellt. Darüber hinaus erhalten sie mit Ausnahme von Aloysius Duffy (James Spader), der sich als besonders abscheulich herausstellt, kaum ein Gesicht. Im Gegensatz dazu interessiert sich der Film für die weiblichen Figuren, die viel nuancierter als die männlichen Charaktere gezeichnet werden.

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