Das große Fasten-Erlebnis

Beim Fasten soll sich der Gläubige wieder mehr auf seinen Glauben und die Mitmenschen konzentrieren – er darf Gott näher kommen. Die moderne Wohlstandswelt deutet das Fasten hingegen als Diät-Weg und Wellness-Erlebnis mit dem eigenen Ego als Ziel. Ein Einspruch. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | Wassergymnastik im Pool: Ein unentbehrlicher Teil des modernen Heilfastens.
Foto: dpa | Wassergymnastik im Pool: Ein unentbehrlicher Teil des modernen Heilfastens.

Kaum naht der Frühling, da sprießen auch wieder die Artikel zum Thema „Diät“ und „Fasten“ in den einschlägigen Zeitschriften – sei es in Gesundheitsratgebern oder in Frauen-Magazinen für Mode und Kultur. Auch unzählige Bücher und Rundfunksendungen versprechen geistiges und körperliches Wohlgefühl unter der Prämisse: „Speck weg“. Keine Frage: Fasten ist chic, bringt Quote und hilft – nicht unwichtig in Zeiten erhöhter Sanktionen! – beim Sparen. Da überrascht es nicht, dass laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur, mindestens jeder zehnte Erwachsene in Deutschland während der offiziellen kirchlichen Fastenzeit, also von Aschermittwoch bis Ostern, auf etwas verzichten will. 10 Prozent der Befragten gaben einen festen Fasten-Vorsatz an, weitere 9 Prozent spielten wenigstens mit dem Gedanken zu fasten. Am wichtigsten erscheinen aber gesundheitliche Gründe, 53 Prozent nannten dieses Motiv. Sich selbst oder anderen zu beweisen, von bestimmten Gewohnheiten lassen können, gaben 47 Prozent an. Dagegen wollen lediglich 27 Prozent, also nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung, aus Tradition oder religiösen Gründen fasten. Was man, den hohen Anteil von gläubigen Muslimen vor Augen, jedoch nicht als Beweis für die christliche Prägung der Antwortenden werten darf.

Die Mehrheit der Fasten-willigen Bevölkerung interpretiert Fasten also als Gesundheits-Diät. Der Verzicht auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel soll lediglich beim Abnehmen helfen, die eigene Charakterstärke unter Beweis stellen. Was angesichts der stets überfüllten und früh mit lächelnden Schokoladen-Osterhasen bestückten Supermarktregale natürlich auch schon eine respektable Leistung des Willens ist. Lebt doch eine Konsumgesellschaft nicht vom Fasten, Sparen oder strengen Diäthalten allein, sondern vor allem vom Konsum. Vermutlich ein Grund, wieso der religiös-spirituelle Aspekt des Fastens so sehr in den Hintergrund getreten ist. Dabei hat nicht nur in vielen Religionen das Fasten eine weit zurückreichende Geschichte, auch in der europäischen und arabischen Kultur an sich kommt dem Fasten eine große Bedeutung zu. Schon in den griechischen Philosophieschulen wurde von Hippokrates, dem berühmtesten Arzt des Altertums, das Fasten gezielt eingesetzt – besonders um den Darm zu reinigen: „Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.“ Im Mittelalter verschrieben der persische Arzt Avicenna sowie der Laientheologe und Alchemist Paracelsus den Ratsuchenden aller Länder ihre heilkundlich orientierten Fastenkuren. Schon damals erkannte man, was heute auf vielen Wellness-Farmen – manchmal leider dicht an der Grenze zur Kurpfuscherei – für üppiges Geld gelehrt und angewandt wird: strategisches Heilfasten sozusagen, die Entgiftung des Körpers durch bewussten, radikalen Verzicht. Kein Fleisch, kein Fett, keine Süßigkeiten. Das Gefühl der Neugeburt nach zehn Tagen garantiert. Ein Boom, der jedenfalls bei den Anbietern von derartigen Fasten-Kursen zu wirken vermag. Große Zentren und Einrichtungen in den schönsten und teuersten Gegenden – irgendwo muss das Geld herkommen. Im Zweifelsfall von denjenigen, die sich unbedingt erleichtern wollen.

Weshalb man das moderne Heilfasten, das auf den ersten Blick im so diesseitsorientierten 21. Jahrhundert wie ein Anachronismus wirkt, bei genauerer Prüfung durchaus als Beleg für die Ausweitung der konsumistischen Kampfzone bis hinein in den Gesundheitsbereich interpretieren kann. Der Körper soll fit gemacht werden, um als Leistungserfüller im kapitalistischen Kreislauf weiter zu funktionieren. Das so verstandene Fasten droht dadurch aber selbst zum Leistungsstress zu werden, weil man sich ständig auf die Reparatur der eigenen Ressourcen konzentriert und nur ein Ziel kennt, nämlich: dass das eigene Immunsystem möglichst schnell wieder zur Höchstform aufläuft. Mit dem eigentlichen, traditionellen Fastenideal hat diese Wellness-Haltung, mag sie sich auch mit einem narzisstischen „Weniger ist mehr“ schmücken, denkbar wenig zu tun. Man verwechselt dabei Mittel und Ziel, stilisiert das Fasten zum neuen verbindenden Ritus der Ersatzreligionen Konsumismus, Materialismus und Hedonismus. Ein gesundheitlicher Irrweg, der übersieht, dass zu Körper und Geist immer auch die Seele gehört. Um diese Dimension wieder neu zu entdecken, kann eine Rückbesinnung auf die christliche Fasten-Traditionen helfen. Fasten im Sinne der Kirche bedeutet nämlich mehr als nur fleischloses Essen und Verzicht auf Süßigkeiten. Ziel des christlichen Fastens ist, anders als bei Diäten, nicht das reine Abnehmen, dies stellt bestenfalls einen netten Nebeneffekt dar. Das Fasten im Sinne der Kirche übersteigt die Perspektive der eigenen Wehwehchen und Resourcen-Verbesserung. Der Blick des fastenden Christen erhebt sich bei aller Sensibilität für den eigenen Leib, den „Tempel des Heiligen Geistes“, wie der Hl. Paulus schrieb, über das irdische (und körperliche) Jammertal. Schließlich bereitet man sich in der alljährlichen vierzigtägigen Bußzeit – volle Supermarktregale hin oder her – auf die österliche Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn vor. Sich in dieser Zeit zu besinnen und den eigenen Lebensstil zu prüfen, sich körperlich, seelisch und geistig zu reinigen, hat also ein Ziel, welches das kleine Selbst des Menschen übersteigt: Durch Gebet, heilsamen Verzicht und Barmherzigkeit darf Christus wieder mehr Raum in uns gewinnen, in unserem Körper, in unserem Sein. Der wahre Wert des Fastens liegt für den Christen also in der geistlichen Dimension.

Was jedoch die soziale Dimension nicht ausschließt. Bereits im Urchristentum bestand ein besonderer Sinn des Fastens darin, mit den Armen zu teilen. Einen Grund nennt der hl. Paulus in 1 Kor 9, 27: „Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit“. Mehr noch als sonst, sollten wir in der Fastenzeit aufmerksam, dienstbar sein für Menschen in seelischer Not und uns um Alte, Kranke und Behinderte sorgen, in denen uns Christus begegnet. Doch diese soziale Dimension ist nicht ohne Transzendenzbezug denkbar – ohne die Dimension von Sünde, Buße, Umkehr, Heil und Ewigem Leben. Mögen manche Aktionen von allzu zeitgeistigen Christen zur Fastenzeit diese Dimension auch bewusst ignorieren. Der reife, traditionsbewusste und gelehrte Katholik weiß es besser, weiß, dass durch das Fasten sogar Seelen gerettet werden können: „Viele Seelen gehen ewig verloren, weil niemand da ist, der für sie betet und opfert“, sagt die Muttergottes in Fatima. Diesen Gedanken griff Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Mystici Corporis“ auf, in welcher er den inneren Zusammenhalt des mystischen Körpers Christi unterstrich. Alles, was ein Glied, eine Seele tut, hat Einfluss auf den Zustand anderer Glieder, anderer Seelen. Auch das Fasten vermag – im wahrsten Sinne des Wortes – Heil-bringende Wirkungen bei anderen zu entfalten. Die Dimension der Erlösung und Errettung, die auch Papst Franziskus bestens vertraut ist. „Als Jesus in den Jordan hinabsteigt und sich von Johannes dem Täufer taufen lässt, tut er dies nicht, weil er der Buße, der Bekehrung bedarf. Er tut es, um sich mitten unter die Menschen zu begeben, die Vergebung brauchen, mitten unter uns Sünder, und um die Last unserer Sünden auf sich zu nehmen“, schreibt der argentinische Papst und populärste Höllenprediger der Gegenwart in seiner „Botschaft zur Fastenzeit 2014“.

Und fürwahr: Für gläubige Christen birgt die Fastenzeit immer auch den Ansporn auf die innere Stimme Gottes zu lauschen. Gerade in der österlichen Bußzeit sind Christen aufgerufen, sich dieses Anliegen besonders zu eigen zu machen. Aber Umkehr und Erneuerung unseres Lebens sind für Gläubige nicht nur zur Fastenzeit ein Thema. Das Freitagsopfer erinnert das ganze Jahr hindurch an das Erlösungsopfer, das Jesus Christus gebracht hat und bereitet auf den Sonntag vor, den Tag der Auferstehung. Leider wird es heutzutage gerne wegrelativiert, doch zum Freitagsopfer ist jeder Katholik vom vollendeten 14. Lebensjahr bis zum Lebensende verpflichtet. Erst durch Formen des leiblichen Verzichtes und der Abtötung gewinnen wir neue Freiheit gegenüber unseres Selbst und damit Freiheit für Gott und für den Menschen neben uns.

Gerade weil immer mehr Menschen der Industrienationen jede verbindliche Form christlicher Frömmigkeit ablehnen und dadurch den wahren Wert des Fastens verkennen, ist es notwendig, dass die Katholiken das Fasten praktizieren und wissen, warum sie es praktizieren. Fasten auf katholisch, das bedeutet, auf Gottes Angebot der Liebe und Barmherzigkeit einzugehen und unsere Gemeinschaft mit ihm durch Opfer zu erneuern. Das Fasten ist also nicht durch Lebensverneinung motiviert, was nur eine weitere Variante eines umgestülpten Egoismus wäre – sondern durch Lebensbejahung. Wer richtig fastet, sagt Ja zum Leben Jesu mit all seinen Facetten, Ja zum eigenen Leben. Ja zum Leben der anderen.

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