Das Gold der Stifter und Städte

Eine „Vorabführung“ mit dem Historiker Gerd Althoff von der Universität Münster durch die kommende Ausstellung „Goldene Pracht“ in Münster. Von Anja Kordik
Foto: Cawley | Der Historiker Professor Gerd Althoff.
Foto: Cawley | Der Historiker Professor Gerd Althoff.

Am 26. Februar wird in Münster die Ausstellung „Goldene Pracht – Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“ eröffnet. Historiker Professor Gerd Althoff vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster und Kurator der Ausstellung erläuterte die verschiedenen Facetten des außergewöhnlichen Projekts.

Herr Professor Althoff, die Ausstellung verbindet den kunsthistorischen Blickwinkel mit historischen und nicht zuletzt mit theologischen Perspektiven. Wie kam dieser interdisziplinäre Zugang bei der Konzipierung des Projekts zum Tragen?

Die ungeheure Pracht, mit der im Mittelalter Kirchen mit sakralen Gegenständen ausgestattet wurden, hatte konkrete Gründe. Diese hängen sehr eng zusammen mit der mittelalterlichen Frömmigkeit und den Vorstellungen des Mittelalters im Hinblick auf das Seelenheil. Hier bietet sich ein Ansatzpunkt, dass Historiker und Theologen gemeinsam mit Kunsthistorikern diese Frömmigkeitsgeschichte darstellen und erklären, warum die Menschen mit so viel Aufwand diese Schätze stifteten. Durch die Kooperation von drei Partnern – dem LWL- Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte und dem Bistum Münster sowie dem Exzellenzcluster als universitärer Einrichtung – ließen sich unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven bündeln.

Was bedeutete dies für die Entwicklung und Umsetzung des Ausstellungskonzepts?

Die Museen verfügen über kunsthistorisches Fachwissen und die für die Ausleihe wichtigen Kontakte. Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ hat seinerseits mit seinen verschiedenen Disziplinen – etwa Theologie und Geschichtswissenschaft – eigene Kompetenzen eingebracht: Die Theologen konnten die Aspekte mittelalterlicher Frömmigkeitsgeschichte besonders gut erhellen. Die Historiker übernahmen es, den sozialgeschichtlichen Kontext einer Stiftung zu erschließen. Während der rund dreijährigen Vorbereitungsphase hatten wir ein Konzeptionsteam, bestehend aus insgesamt 18 Vertretern der drei Partner. Gelegentlich wurden externe Fachleute bei Einzelfragen hinzugezogen. Dieses Team entwickelte in langandauernden Sitzungen sowohl die Auswahl und Anordnung der Exponate als auch die Philosophie, die zentrale Botschaft der Ausstellung. Diese wurde in den Essays und Beiträgen des Katalogs aus dem Hirmer Verlag zur Richtschnur der dortigen Ausführungen. Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, bei der, glaube ich, alle Beteiligten viel gelernt haben.

Ein wesentlicher Aspekt der Ausstellung ist das Stiftungswesen des Mittelalters: Die rund 300 Exponate aus dem 10. bis 16. Jahrhundert sind zum überwiegenden Teil Stiftungen. Wie ist die Quellenlage im Hinblick auf die Stifter und ihre jeweilige Motivation?

Im späteren Mittelalter wird die Überlieferung insgesamt dichter. Es gibt mehr schriftliche Zeugnisse, und es findet sich eine Fülle von Inschriften und Gebetstexten auf den sakralen Kunstwerken selbst, in denen der Stifterwille deutlich wird. Darüber hinaus haben wir Aussagen der Stifter in Urkunden und Testamenten – es wurden ja richtige Verträge mit Kirchen oder Klöstern geschlossen. So sollte sichergestellt werden, dass die Gegenleistung für eine Stiftung in Form der „memoria“ als Totengedenken für den Stifter durch Gebet und Liturgie möglichst lange, möglichst bis in die Ewigkeit, verlängert wurde. Außerdem gibt es in den Kirchen und Klöstern Codices, in denen die Namen der Stifter eingetragen sind und zum Teil genauestens festgelegt wurde, welche Gebete, welche Messfeiern an welchen Tagen für den jeweiligen Stifter zu erbringen waren. Zum Teil wurde auch detailliert bestimmt, welche Gegenleistungen die Kirche oder das Kloster als Dank erhalten sollte: der Küster eine Summe fürs Glockenläuten, die Mönche und Nonnen, die beteten, ein reiches Mahl. Es wurde auch festgeschrieben, dass etwa am Todestag des Stifters Arme gespeist werden und Geld bekommen sollten. Das Ganze spiegelt eine sehr komplexe Vorstellungswelt, die eine wissenschaftliche Disziplin allein nicht überblicken kann, sondern deren Erschließung die Zusammenarbeit verschiedener Fächer erfordert. Die Angst um das Seelenheil war jedenfalls eine im Mittelalter allgemeine Vorstellung: Alle waren vor Gott Sünder. Und von daher hatten alle Grund, sich der Hilfe der besonders Frommen, der Priester, Mönche und Nonnen, zu versichern. Diese uns heute fremd gewordene Frömmigkeitshaltung ist in der Reformation ins Wanken geraten und geht im Laufe der Moderne mehr und mehr verloren.

In der Ausstellung werden zahlreiche internationale Kunstschätze – aus Belgien, Frankreich, Finnland, London – zusammengeführt. Inwieweit lassen sich kulturelle Wechselwirkungen, etwa im Folge von Handelsbeziehungen wie der Hanse ablesen?

Das ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Ausstellung: Wir zeigen zum Beispiel, dass die Stifter in Westfalen im Spätmittelalter vermehrt der Bürgerschicht der reichen Städte entstammten. Wir stellen demnach einen Wandel der Stifter-Soziologie fest: In der Frühzeit, im 10. und 11. Jahrhundert waren es in erster Linie Hochadelige, Könige, Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen, die als Stifter in Erscheinung traten. Ab dem 13. Jahrhundert wurden Stiftungen zunehmend auch eine städtische Angelegenheit: Es traten zum Teil Einzelpersonen, reiche Bürger, aber auch Gilden, Zünfte, Vereinigungen der Handwerker als Stifter in Erscheinung. Das erstarkende städtische Bürgertum verfügte über die materiellen Möglichkeiten, aber auch über vielfältige Kontakte zu den damals bekannten internationalen Kunstzentren etwa in Flandern. Zum Teil haben sie dortige Künstler direkt beauftragt – was auffällige stilistische Einflüsse aus der Region deutlich macht. Die Ausstellung dokumentiert für Westfalen vor allem vom 13. bis 16. Jahrhundert eine kulturelle Blüte, sodass das gängige Klischee von der „Provinzialität der Westfalen“ zumindest für diese Zeit nicht aufrechtzuerhalten ist. Ein Exponat, das den kulturellen Reichtum der Region besonders illustriert, ist der sogenannte Prudentia-Schrein, ein aus Gold gefertigtes Reliquiar in Form eines Sarkophags. Es wurde vom „Volk von Beckum“ – so lautet die Inschrift – gestiftet und zwar schon relativ früh im 13. Jahrhundert. Der Schrein ist ein stilistisch herausragendes Zeugnis und zeigt, dass die Bürger einer Stadt wie Beckum offensichtlich Beziehungen zu den besten Künstlern ihrer Zeit hatten.

Die Ausstellung zeigt auch wertvolle nicht-sakrale Gegenstände wie das Osnabrücker Ratssilber. In welchem Verhältnis standen sakrale und profane Kunst im Mittelalter zueinander? Und wie haben historische Entwicklungen dieses Verhältnis beeinflusst?

Das ist natürlich eine schwierige Frage, zum einen weil aus dem Bereich der sogenannten profanen Kunst weniger Schätze erhalten geblieben sind, zum anderen weil die Grenzen zwischen „profan“ und „sakral“ im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit fließend blieben. Klar ist, dass in dem Maße, da die Stadträte zur Obrigkeit wurden, diese ihr Tun – so wie vorher Könige und Kaiser – unter Gottes Schutz stellten. Und so hat selbst das Ratsgeschirr, das bei Festbanketten des Rates benutzt wurde, sakrale Bezüge, ist geschmückt mit Kreuzen oder Heiligen. Die Bereiche von Politik und Religion sind bis in die frühe Neuzeit hinein noch nicht so getrennt, dass ein Bereich ohne Hinweise und Bezüge auf den anderen Bereich existierte. Das gilt auch für den städtischen Rat, die städtische Obrigkeit, die sich zwar nicht wie die Könige von Gottes Gnaden direkt ableitet, die aber natürlich mit Gottes Hilfe regiert und ohne Gottes Hilfe nichts vermag. Diese Haltung ist weithin verbreitet, sodass wir beim Ratssilber nicht von profaner Kunst im heutigen Sinne sprechen können.

26. Februar bis 28. Mai in Münster: „Goldene Pracht – mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“; weitere Informationen unter „www.goldene-pracht.de“

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