Das Glück, am Abend müde zu sein

Im Spielfilm „Die große Versuchung“ überzeugen trotz vorsehbarer Story vor allem die Figuren sowie der trockene Humor. Von José García
Foto: Wild Bunch | Um Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch, rechts) zum Verbleiben auf der Insel vor Neufundland zu bewegen, gestaltet der ehemalige Fischer Murray French (Brendan Gleeson) das Städtchen um, wobei er es mit der Wahrheit nicht ...
Foto: Wild Bunch | Um Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch, rechts) zum Verbleiben auf der Insel vor Neufundland zu bewegen, gestaltet der ehemalige Fischer Murray French (Brendan Gleeson) das Städtchen um, wobei er es mit der Wahrheit nicht ...

Der kleine Hafen Trickle Head hat bessere Zeiten gekannt. Eine Off-Stimme erzählt davon, wie die Menschen auf dieser Insel vor Neufundland, Kanada noch vor einer Generation von der Fischerei lebten. Als Murray French (Brendan Gleeson) ein kleiner Junge war, ging sein Vater in der Dunkelheit auf See. Heute ist Murray wie alle einstigen Fischer arbeitslos. Statt zum Fischfang machen sie sich auf, um Schlange zu stehen: Zunächst vor der Post, um den Scheck vom Sozialamt in Empfang zu nehmen, und dann vor der Bank, um den Scheck in Bargeld zu wechseln. Sonst vegetieren die Einwohner von Trickle Head vor sich hin. Einige ertragen diese Situation nicht, so etwa auch Murrays Frau, die sich einen Job in der Stadt auf dem Festland besorgt. Dass es Murray mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, erfährt der Zuschauer bereits zu Beginn: Monat für Monat streicht er die Sozialhilfe eines längst verstorbenen Freundes ein.

Der sprichwörtliche Strohhalm, an den sich die wenig verbliebenen Inselbewohner klammern, erscheint in Form einer Ölgesellschaft, die auf der Insel eine „Aufbereitungsanlage für petrochemische Nebenprodukte“ zu bauen in Erwägung zieht. Die eine oder andere Voraussetzung – die Anzahl der gesuchten Fabrikarbeiter übersteigt die tatsächlichen 120 Inselbewohner, die Manager erwarten saftige Schmiergelder für den Zuschlag – könnte nach Murrays und seines Freundes Simons (Gordon Pinsent) Meinung leicht zu erfüllen sein.

Lustige Missverständnisse in einem kleinen Inselreich

Schwieriger gestaltet sich eine dritte Bedingung: Auf der Insel muss ein Arzt leben. Genau in diesem Augenblick erscheint auf der Bildfläche der Schönheitschirurg Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch), der am Flughafen der Provinzhauptstadt wegen Drogenbesitzes von der Flughafenpolizei festgehalten wird. Wie der Zufall es so will, handelt es sich beim diensttuenden Polizisten um den ehemaligen Bürgermeister von Trickle Head, der auf eine glorreiche Idee kommt: Er verspricht, die Angelegenheit zu vergessen, wenn Dr. Lewis für vier Wochen die verwaiste Arztstelle auf der Insel übernimmt.

Unter Murrays Federführung schickt sich das Dorf an, Trickle Head so zu gestalten, dass sich Dr. Lewis dort wie im Paradies fühlt. Ist der Arzt beispielsweise ein großer Kricket-Fan, dann wird das Dorf als eine Kricket-Hochburg in Neufundland präsentiert. Andere Wünsche werden dem Arzt von den Lippen abgelesen – und zwar wortwörtlich. Denn Murray und seine Mittäter finden nichts dabei, das Telefon von Dr. Lewis abzuhören. Dadurch erfahren sie etwa, dass sein Lieblingsgericht das indische „Lamm dhansak“ ist. Plötzlich bietet die bescheidene Inselgaststätte eine „Lamm dhansak“-Woche an. Wider besseres Wissen erzählt Murray sogar Paul, dass sich die Postangestellte Kathleen (Liane Balaban) in ihn verliebt hat – was natürlich zu lustigen Missverständnissen führt.

Das Drehbuch von Michael Dowse und Ken Scott nimmt sich nicht nur vorhersehbar aus. Darüber hinaus gibt Regisseur Don McKellar einige interessante Erzählfäden sofort wieder auf, die kaum angerissen werden. Dies gilt etwa sowohl für das von den Dorfbewohnern inszenierte Kricket-Spiel als auch für ernstere Nebenerzählungen wie Pauls Sehnsucht nach dem längst verstorbenen Vater. Die „Vater-Sohn-Gespräche“, in die ihn Murray verwickelt, dienen ebenso lediglich dem Fortlauf der Handlung und zielen auf die lustige Pointe. Sie werden deshalb kaum vertieft.

Dennoch wiegen pointierte Dialoge, die rau-schöne Küstenlandschaft und vor allem die trotz ihrer Fehler doch noch liebenswerten Charaktere diese Mängel wieder auf. Insbesondere Brendan Gleeson gelingt es, Murray French als kauzig-ruppigen Inselbewohner zu gestalten, der trotz Lügengeschichten und gesteigertem Alkoholkonsum dem Zuschauer liebenswürdig erscheint. Bestens unterstützt wird Gleeson vor allem von Gordon Pinsent als Murrays bestem Freund Simon. Obwohl die Gutgläubigkeit des Dr. Paul Lewis kaum glaubwürdig erscheint, schafft es Taylor Kitsch, diese Figur mit solcher Naivität zu verkörpern, dass der Zuschauer über sämtliche logischen Fehler gerne hinwegschaut.

Die keltische Musik sorgt für gibt besondere Stimmung

Obwohl die Situationskomik von McKellars „Die große Versuchung – Lügen, bis der Arzt kommt“ nicht immer überzeugt, erinnert sein trockener Humor in den besten Augenblicken an „Lang lebe Ned Devine“ (Kirk Jones 1999). Mit Jones' irischer, schwarzhumoriger Komödie hat Don McKellars Film nicht nur die Landschaft und die keltische Musik gemeinsam, die zu Beginn zu hören ist. Auch die aufgeregte Stimmung und vor allem der wohlwollende Blick auf menschliche Unzulänglichkeiten und skurrile Charaktere lassen an britische oder irische Komödien denken, die zwar einen sozialkritischen Unterton besitzen, aber den Hauptakzent auf die komischen Seiten etwa des Gegensatzes zwischen dem Stadt- und dem Landleben legen.

Darüber hinaus schlägt „Die große Versuchung – Lügen, bis der Arzt kommt“ hin und wieder ernstere Töne an, so etwa in der zwischen dem alten knorrigen Murray und dem jungen Arzt entstehenden Vater-Sohn-Beziehung sowie in der Sehnsucht nach Arbeit, die in den arbeitslosen Inselbewohnern weiterlebt. Statt in eine platte Sozialkritik zu verfallen, unterstreicht Regisseur Don McKellar deren positiven Aspekte, wenn er das „Glück, am Abend einfach etwas müde zu sein“ als Ziel hinter den ganzen Lügengeschichten der Einwohner des kleinen Hafens angibt.

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