Das geeinte Europa garantiert Frieden

In mehr als tausend Städten und Gemeinden: Die Ausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme“ Von José García
Foto: dpa | Die Revolution erreicht Deutschland. Matrosen und Zivilisten demonstrieren am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor.
Foto: dpa | Die Revolution erreicht Deutschland. Matrosen und Zivilisten demonstrieren am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor.

„Die Auseinandersetzung zwischen den Demokratien und den Diktaturen prägte die Zeit zwischen den Kriegen, aber auch den Kalten Krieg. Für einige Staaten ging der Zweite Weltkrieg erst mit der EU-Erweiterung vor zehn Jahren zu Ende.“ Mit diesen Worten bezeichnete Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur den Zusammenhang, in dem die von ihrer Stiftung zusammen mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte und mit Deutschlandradio Kultur herausgegebene Ausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme. Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ steht, als sie jetzt im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages die Plakatausstellung eröffnet wurde. Bundestagspräsident Norbert Lammert unterstrich den Anlass: 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sind 75 Jahre, 25 Jahre seit dem Mauerfall und den friedlichen Revolutionen sowie zehn Jahre seit der EU-Osterweiterung vergangen. „Zur Kenntnis nehmen sollen wir“, so Lammert, „nicht nur diese Jahrestage, sondern auch deren politische und historische Bedeutung für die Gegenwart.“

Die vom Direktor des Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirsching und seiner Kollegin Petra Weber konzipierte Ausstellung zeigt auf 26 Tafeln mit knapp 190 Fotos aus 100 Jahren europäischer Geschichte das „Jahrhundert der Extreme“. Bei den Fotos fällt das Bemühen ins Auge, nicht nur Aufnahmen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, sondern auch weniger bekannte Bilder zu zeigen, sowie eine gewisse Zurückhaltung bei der Auswahl: Über den Ersten Weltkrieg oder auch über die Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es weitaus grausamere Aufnahmen. Damit sollte wohl einer gewissen Effekthascherei vorgebeugt werden. Die Bilder sind dennoch sehr aussagekräftig, etwa im Kontrast zwischen der Begeisterung, mit der junge Männer in den Krieg zogen, und den Grausamkeiten des Schützengrabenkrieges. Die vom Deutschlandradio Kultur bereitgestellten 25 zeithistorischen Audiodokumente, die mit internetfähigen Mobiltelefonen mittels QR-Codes vor Ort abgerufen und angehört werden können, vervollständigen die Ausstellung.

Das ganze 20. Jahrhundert wird überschattet von der „Urkatastrophe“, mit der es eigentlich beginnt. Denn mit dem Ausbruch des Großen Krieges 1914 ging die 1815 nach den napoleonischen Kriegen durch den Wiener Kongress hergestellte europäische Ordnung nach fast einem Jahrhundert zu Ende. Obwohl die Texte einer Tafelausstellung naturgemäß knapp gehalten sind, hätte an dieser Stelle eine kurze Erklärung über die Ursachen des Ersten Weltkrieges gut getan. Sie beginnt etwas voraussetzungslos mit dem 28. Juni 1914, dem Tag, an dem der Thronfolger Österreich-Ungarns Franz Ferdinand in Sarajewo erschossen wurde.

Der Erste Weltkrieg ebnete der bolschewistischen Revolution in Russland und damit auch dem Stalinismus mit seinen Millionen Toten den Weg. Diese „zur Oktoberrevolution verklärte Machtübernahme der Kommunisten in Russland“ und der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg und damit in die Weltordnung begründen den „Beginn eines neuen Zeitalters“ – so ist die dritte Tafel überschrieben. Die Ausstellung macht nicht nur darauf aufmerksam, dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine „zerbrechliche Friedensordnung“ darstellte. Darüber hinaus unterstreicht sie den Gedanken, dass in dieser Zeit die „Demokratie auf dem Rückzug“ war. Trotz der gesamteuropäischen Ausrichtung der Ausstellung und auch der unverblümten Sprache gegenüber den kommunistisch-sowjetischen Menschenrechtsverletzungen und Massenverbrechen konzentriert sich „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme“ auf die deutsche Geschichte – auch weil „Das Scheitern der deutschen Demokratie“ (10. Tafel) eine Schlüsselrolle im ganzen 20. Jahrhundert einnimmt. Dem Zweiten Weltkrieg von den „Nationalsozialisten an der Macht“ bis zur „Vernichtungskrieg im Osten“ und der Ermordung der europäischen Juden, aber auch bis zum „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ werden sechs weitere Tafeln gewidmet.

Auch der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Teilung in Europa ist ein großes Thema: „Demokratie im Westen, Diktatur im Osten“ mit dem Kalten Krieg, dem Wettstreit der Systeme, den Aufständen im Ostblock und der Revolte im Westen bis hin zur Entspannungspolitik und zur Friedlichen Revolution. Mit der Überwindung der deutschen Teilung im Oktober 1990 und der Aufnahme ehemals kommunistisch beherrschter Länder in die Europäische Union im Jahre 2004 endet dieser Rundgang durch ein Jahrhundert europäischer Politik. Die besondere Bedeutung, die einem geeinten Europa für den Frieden zukommt, unterstreicht die letzte Tafel der Ausstellung: „Europa als Herausforderung“.

Die Ausstellung wurde in einer Auflage von 3 000 Exemplaren herausgegeben. Sie wird in mehr als tausend Städten und Gemeinden in ganz Deutschland zu sehen sein. Das Auswärtige Amt verbreitet die Ausstellung außerdem im Ausland in zehn verschiedenen Sprachfassungen, sodass deutsche Botschaften und Kultureinrichtungen wie Goethe-Institute oder deutsche Schulen sie in der ganzen Welt zeigen können.

– „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme. Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“. Ausstellung im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages, Konrad-Adenauer-Straße 1, Berlin-Mitte, im Lichthof des Auswärtigen Amtes, Werderscher Markt 1, 10 117 Berlin sowie in öffentlichen Gebäuden im gesamten Bundesgebiet. Weitere Informationen: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/ausstellung2014.

– Die Ausstellung kann gegen eine Schutzgebühr von 50 EUR bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (bestellung.bundesstiftung.voegel.com) bestellt werden.

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