Spießer

Das Ewiggestrige lebt in den Linken

Der rechte Spießer hat längst seine Lufthoheit über die Stammtische verloren. Heute regiert der linke Spießer den Mainstream und progressiver Biedersinn legt sich wie Mehltau übers Land.
Nachmittägliche Kaffeekränzchen im eigenen Gärtchen ist ein Inbegriff des alten Spießertums
Foto: Symbolbild/Imago Images | Das nachmittägliche Kaffeekränzchen im eigenen Gärtchen ist ein Inbegriff des alten Spießertums. Heute sitzen die Spießer bei Chai Latte im "InCafé" und reflektieren die neuesten Verletzungen aus dem nicht ...

Als der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth (1901 – 1938) seinen ersten Roman 1930 veröffentlichte, gab er ihm den programmatischen Titel: „Der ewige Spießer“. Der junge Horváth empfand seine Gegenwart als Umbruchphase. Das Heraufdämmern der kommenden Epoche sah er in einer physiognomischen Wachablösung innerhalb des Spießertums verkörpert. „Der alte Typ des Spießers ist es nicht mehr wert, lächerlich gemacht zu werden; wer ihn heute noch verhöhnt, ist bestenfalls ein Spießer der Zukunft.“ In diesem Milieu machte er die Geburt eines neuen Phänotypus aus: „Der neue Typ des Spießers ist erst im Werden, er hat sich noch nicht herauskristallisiert.“

In der Rückschau wissen wir, dass der darauffolgende Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich eine ganz eigene Figur des Spießers hervorgebracht hat, ohne die Hitlers Diktatur und die schauerlichen NS-Verbrechen in diesem Umfang wohl kaum möglich gewesen wären. Inwiefern der typische Mitläufer im Nazi-Regime sich vom typischen Untertan im Kaiserreich unterschied, soll uns hier nicht näher bekümmern. Für uns ist Horváths Befund bemerkenswert, dass der Spießer sich mit den Zeitläuften zu wandeln versteht und sich dabei doch stets treu zu bleiben scheint: „Der Spießer“, so definiert ihn Horváth, „ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.“

Die verblüffende Kontinuität im Spießertum

Horváths Entdeckung einer Wendigkeit der Spießerstypus bei Wahrung von Kontinuitäten dürfte jedem Zeitgenossen, der heute 50 und älter ist, wohlvertraut sein. Noch in den achtziger Jahren, ich damals war blutjung und begann als Journalist, galt als spießig, was sich rechts von der politischen Mitte aufhielt, als Leitfigur hielt im Kanzleramt Helmut Kohl her, massig, birnenförmig und scheinbar anti-intellektuell. Er verkörperte alles, was die sich aufgeklärt wähnenden Linkskreativen als tumbes teutonisches Mittelmaß ausloteten.

Ich volontierte damals bei einem Münchner Zeitgeist-Magazin und wurde darauf trainiert, den rechten Spießer in all seinen Erscheinungsformen aufzustöbern und über ihn zu berichten. In der Karnevalssaison 1988/89 entsandte mich der Chefredakteur in die Frohsinns-Hochburgen entlang des Rheins, nach Mainz und Köln. Ich sollte „die Kanalarbeiter des deutschen Humors“ aufsuchen und eine Art Sittengemälde kleinbürgerlicher Torheit zeichnen. Der Reportage-Titel war sprichwörtlich: „Dummheit lacht!“ Entsprechend formulierungsfroh fiel ich über den Querschnitt deutscher Karnevalisten her: „Deutscher Humor – das Lachen der Kriechtiere. Organisiertes Gelächter, das in schadenfroher Niedertracht über Neger, Schwule, Türken oder Frauen herfällt. Eine Bastion des kämpferischen Chauvi-Syndikats. Über alles Fremde zieht der deutsche Humorist im Stechschritt her: Wenn ein Türke in Kreuzberg auf einer Mülltonne sitzt – was ist das? Eine Hausbesetzung. (Eingespieltes Gelächter!)“

Im Karneval wird der Humor der Spießer sichtbar

Wenn wir spaßeshalber die These von damals aufrechterhalten, wonach in der aufgeheiterten fünften Jahreszeit die Mentalität des Mainstreams repräsentativ zum Vorschein kommt, so können wir feststellen: Der Spießer von einst ist im Ruhestand. Gewiss gibt es noch Biotope, in denen dumpfer Chauvinismus und finsterste reaktionäre Stereotypen ihr Asyl gefunden haben. Im Karneval haben unterdessen neue Spießer das Zepter übernommen. Ein TV-Kritiker der Tagespost hatte sich unlängst dem Frondienst unterzogen, die diesjährige Übertragung des Fastnachtsklassikers „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ einer humoristischen Anamnese zu unterziehen (DT vom 18.2.).

Und tatsächlich entpuppt sich der rheinische Karneval weiterhin als verlässliche Messlatte für den Pegelstand deutscher Biederkeit. Nur fliegen die Pfeile heute in die entgegengesetzte Richtung. Wo früher die Sozis turnusmäßig für alles Übel verantwortlich gemacht wurden, wird nun das linksliberale Team im Weißen Haus auf plumpeste Weise bejubelt: „Im Weißen Haus wohnt und arbeitet ein ganz normaler Präsident. Ist das nicht schön? Wir wünschen der neuen Regierung alles Gute für Joe Biden und Kamela Harris.“ Das ist zwar schief formuliert, aber trotzdem nicht komisch. Zu Corona heißt es: „Brasilien wird doppelt getroffen von zwei bösartigen Viren, Covid-19 und Jair Bolsonaro.“ Verglichen damit war sogar der üble Scherz mit dem Kreuzberger Türken auf der Mülltonne pointierter.

Spießer sind immer geborene Untertanen

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Spießbürger werden so genannt, weil die Waffe der städtischen Unterschicht in mittelalterlichen Siedlungen der Spieß war. Bei der Abwehr gegen adelige Ritterheere dienten sie mit ihren günstig herstellbaren Waffen als städtische Fußtruppen, die in den Schlachten oft siegreich und deshalb zunächst hoch angesehen waren. Ihr Leumund sank mit der Zeit, „vielleicht weil man zu den Spießbürgern nur die ärmsten und untauglichsten wählete, dagegen die reichern bessern zu Pferde dieneten“, berichtet ein Wörterbuch von 1811 unter dem Schlagwort. „Jetzt gebraucht man es nur im verächtlichen Verstande von einem jeden geringen Bürger.“ Die verächtliche Laufbahn setzte sich in der Studentensprache der Aufklärung fort, da die Akademiker zumeist aus Kreisen des Adels oder wohlhabenden Bürgertums stammten. Spießbürger und Philister wurden zu Schmähworten für kleinbürgerliche, mithin engstirnige Kulturbanausen. Heinrich Heine höhnte 1826 über seine zeitweilige Studienstätte Göttingen: „Im Allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingetheilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh.“ Der Dichter vermochte „kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte“.

In der Literatur des 19. Jahrhunderts führt der Spießer ein kategoriales Doppelleben. Bei Charles Dickens wird der Spießbürger als gutmütiger Familienmensch geschildert, der dem harmlosen Ulk und oberflächlichen Geselligkeit zugetan ist. In Honoré de Balzacs Erzählung „Die Kleinbürger“ indes führt er eine dramatische Existenz voller Gehässigkeit, Klatschsucht und Besserwisserei. Bei Heinrich Mann schließlich geriet der Spießer im Roman „Der Untertan“ (1918) zum winselnden Opportunisten, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Eine autoritäre Persönlichkeit, wie sie später die Philosophen Theodor W. Adorno und Erich Fromm analysierten. Es war dieser Typus, der in seiner Bosheit zu Hitlers Gefolgschaft wurde, und der später die Protestgeneration von 1968 als Feindbild entzündete. Auf ihrem Marsch durch die Institutionen wollte die antiautoritäre Bewegung diese patriarchale Mentalität möglichst besenrein entsorgen. Die Achtundsechziger und ihre Nachfolger mussten allerdings feststellen, dass Spießigkeit widerstandsfähiger ist als gedacht.

„Gesellschaftliche Anerkennung um jeden Preis
und bloß nicht Außenseiter sein,
lautet seit jeher die Devise des rechten wie des linken Spießers.“

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Denn die autoritären Eltern und Großeltern vererbten wesentliche Charakterstrukturen auf Kinder und Enkel. Ihre besserwisserische Verbohrtheit gepaart mit Gefühlen des Ungenügens sind in den nachfolgenden Generationen quicklebendig. Waren rechte Spießer aus Unsicherheit strukturell konservativ, wurden ihre Kinder zu linken Spießern und aus Unsicherheit strukturell ideologisch. Der ewige Spießer, wie ihn Horváth beschreibt, vermag sich eben chamäleongleich neue Ideen anzueignen und damit jede Pirouette des Zeitgeistes nachzuvollziehen.

Seit die Babyboomer in die Jahre gekommen sind, Jahrgänge also, die von Popkultur und Rebellenpose geprägt wurden, wurde der vordem rechtskonservative Mainstream abgelöst von einem Durchschnitt, der linksliberal Maß nahm. Der Schrebergärtner von heute hört nicht mehr Blasmusik, sondern AC/DC. Selbst unscheinbare Sekretärinnen lassen sich inzwischen Tattoos stechen. Kritik als Attitüde, nicht als Praktik, ist das neue Angepasstsein. Homosexuelle, die sich einst zur unbürgerlichen Avantgarde zählten und in subkulturellen Nischen zu kreativen Höhenflügen fanden, zieht es heute in die gesellschaftliche Mitte. Sie können sich gar nicht bieder genug geben und turnen heteronormative Ehe- und Elternmodelle nach. Gesellschaftliche Anerkennung um jeden Preis und bloß nicht Außenseiter sein, lautet seit jeher die Devise des rechten wie des linken Spießers.

Wer Mainstream wird, wird spießig

Wie sehr links der politischen Mitte Begriffe wie Bürgerlichsein und Spießigkeit ihren Schrecken verloren haben, zeigte eine Artikelserie der Tageszeitung taz über die „Neue Bürgerlichkeit“ und die anschließend damit spielende Abo-Kampagne „Werden Sie Neo-Spießer“. Wer noch Zweifel hegte, für die taz spießig genug zu sein, konnte 2006 den taz-Selbsttest machen: „Sind Sie ein Neo-Spießer?“ Noch drei Jahre zuvor war in einem Leserbrief der taz zu lesen: „Spießer ist jemand, der auf seinen einmal vorgefassten Meinungen beharrt.“ Tatsächlich ist die linke Tageszeitung ein Paradebeispiel für diese Art des sich versteinernden Etablierens. Das Blatt, einst gegründet als anarchisches Übungscamp der Gegenkultur, ist mittlerweile so staatstragend geworden wie früher nur der Bayernkurier. Die taz erfüllt heute eine Art Scharnierfunktion zwischen dem Kanzleramt Angela Merkels und der Antifa, die schon mal für die Regierungschefin auf die Straße geht.

 

Mit der Cancel Culture, die in der westlichen Welt die Meinungskorridore verengt, hat das linke Spießertum methodisch die schweigende Mehrheit der konservativen Vorgängergenerationen abgelöst – und behält tendenziell doch deren Traditionen bei. Unliebsame Standpunkte sollen damals wie heute totgeschwiegen werden. Die wirksamste Waffe gegen die Despotie der Spießigkeit dürfte indes der Humor sein. Das Lachen als Zuchtmeister hat noch jede Tyrannei bezwungen.

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13.08.2021, 14  Uhr
Sebastian Sasse
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