Das Ende der DDR eingeläutet

Detaillierte Schilderung der Friedlichen Revolution aus der Sicht eines ihrer Protagonisten, Christoph Wonneberger. Von José García

„Eigentlich war schon der 25. September [1989] der Tag, an dem die Mauer einzustürzen begann. Ich spürte zum ersten Mal eine ungeheuer aufgeladene Situation.“ Christoph Wonneberger koordiniert als lutherischer Pfarrer seit 1986 die Friedensgebete, die jeden Montagabend in der Leipziger Nikolaikirche stattfinden. An diesem Montag hält Pfarrer Wonneberger eine Predigt, die von den Zuhörern als der eigentliche Aufruf zur Friedlichen Revolution aufgefasst wird. Der Prediger zitiert Jerzy Lec: „Die Verfassung eines Landes sollte so sein, dass sie die Verfassung des Bürgers nicht ruiniert.“ In Anlehnung an die Bergpredigt fügt Wonneberger hinzu: „Unselig sind, die auf Gewalt setzen, sie werden einen Trümmerhaufen vererben. Unselig sind, die Gewalt anwenden, sie werden sich und das Land ruinieren. Unselig sind, die ihren Führungsanspruch mit Gewalt durchsetzen wollen, das Land wird sie enterben. Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die den Mut haben, der Gewalt sanft entgegenzutreten, sie werden ein bewohnbares Stück Erde vererben. Selig sind, die auf Gewalt verzichten, das Land wartet auf sie. Selig sind die bewusst Gewaltlosen, ihnen kann man das Land anvertrauen. Selig sind die sanft Mutigen. Sie werden das Land besitzen.“

Von diesem denkwürdigen Tag in St. Nikolai und der darauf folgenden Demonstration berichtet die Biografie Christoph Wonnebergers, die Thomas Mayer unter dem Titel „Der nicht aufgibt“ in der Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR veröffentlich hat. Mayer, bis zu seiner Pensionierung 2012 war er Chefreporter der Leipziger Volkszeitung: „Zum Ende des Friedensgebets fassen sich die Menschen an den Händen, man zieht hinaus (...). Draußen schließen sich über 4 000 die eigene Angst besiegende Menschen dem Zug an, man läuft über den Ring Richtung Hauptbahnhof.“ Eine Woche später sind es bereits 25 000 Menschen, die auf Leipzigs Straßen demonstrieren. Und am darauffolgenden Montag, den 9. Oktober versammeln sich 70 000 Demonstrierende.

Am Vorabend hat Wonneberger in seiner illegalen Pfarramtsdruckerei einen Appell vervielfältig, der zur Gewaltlosigkeit aufruft und ein Wort enthält, das bald in der ganzen DDR zu hören sein wird: „Wir sind ein Volk!“ Als die Einsatzkräfte nicht mit Gewalt reagierten – wer auch immer für den Gewaltverzicht letztendlich verantwortlich sein mag – und die Erstickung der Demonstration durch andere Mittel wegen der ungeheuren Menschenmasse unmöglich wurde, war das Ende der DDR besiegelt, selbst wenn die meisten Dissidenten zum damaligen Zeitpunkt eher an Reformen als an eine Auflösung des SED-Staates dachten. Am 13. Oktober werden Leipzigs Kirchenobere sowie Vertreter der Basisgruppen und Christoph Wonneberger vom im Leipziger Rat für Inneres zuständigen Lothar Reitmann empfangen. Wonneberger sagt denn auch als Zusammenfassung des Gespräches zu Reitmann: „Sie müssen sich beeilen, denn mit Ihrer Partei geht es schnell den Bach runter.“

In seiner Wonneberger-Biografie weist Autor Mayer ebenfalls auf einen Umstand hin, der den Prozess der Friedlichen Revolution beschleunigte: Die aus Berlin angereisten Bürgerrechtler Siegbert Schefke und Aram Radomski gelingt es, vom Kirchturm der Reformierten Kirche am Tröndlinring den Zug der Demonstranten zu filmen. Diese Aufnahmen gelangen nach West-Berlin. Von dort wurden sie im Westen gesendet. Noch am selben Abend meldet sich Hanns-Joachim Friedrichs bei Christoph Wonneberger und zeichnet ein Telefongespräch auf, das in den ARD-Tagesthemen gesendet wird. An diesem Abend erfährt die Welt, was wirklich in Leipzig passiert. Aber auch, so Mayer, dass sich die Bürger die Freiheit genommen haben, „eben auch die Freiheit, ohne Befangenheit im westdeutschen Hörfunk und Fernsehen zu reden, zu einer Zeit, da noch nicht feststeht, was aus dem Protest gegen die SED-Diktatur wird“.

Die Öffnung der Grenzen erlebt Christoph Wonneberger jedoch auf der Intensivstation der Universitätsklinik Leipzig: Am 30. Oktober erleidet er einen Gehirninfarkt, der ihm – einem der prominentesten Wortführer der Friedlichen Revolution – die Sprache raubt. Dank der Grenzöffnung kann ihn ein befreundetes Pfarrerehepaar aus der Partnergemeinde aus Engelbostel bei Hannover mit nach Hannover nehmen. Christoph Wonneberger wird in der Medizinischen Hochschule behandelt. Erst ein Jahr später ist er zurück in Leipzig, hat immer noch Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Da seine Pfarrstelle inzwischen neu besetzt wurde, soll er den Antrag auf vorzeitigen Ruhestand stellen. Mit 47 Jahren ist nun Christoph Wonneberger pensioniert. Der einstige Motor der Reformbewegung zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Obwohl er 1994 das Bundesverdienstkreuz aus der Hand des Bundespräsidenten Herzog erhält, gerät Christoph Wonneberger bald in Vergessenheit.

Thomas Meyers vorliegende Biografie soll eine der Schlüsselfiguren der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 der Vergessenheit entreißen. Der Verfasser liefert jedoch nicht nur eine Biografie Wonnebergers. In seinem Nachwort fragt Lutz Rathenow, Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Akten: „Wie kommen Geschichten in die Köpfe von Menschen und wie werden sie dort zu erinnerter Geschichte?“ Dazu seien Biografien eine Hilfe, „in denen die Großkonflikte sich mit dem menschlichen Handeln Einzelner berühren.“ Indem „Der nicht aufgibt“ von konkreten Personen handelt, lässt es Zeitgeschichte lebendig werden. Dies macht die Lektüre dieses Buches besonders lohnenswert.

Thomas Mayer: „Der nicht aufgibt. Christoph Wonneberger – eine Biographie“. Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR 14, Leipzig 2014, 176 Seiten, EUR 9,90

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