Berlin

Das Ende aller Sorgen?

In der SARS-CoV-2-Pandemie setzen viele große Hoffnungen auf einen Impfstoff zum Schutz vor COVID-19.

In schneller Folge haben Virusepidemien in den letzten zwei Dekaden Angst und Schrecken verbreitet. In ebenso schneller Folge wurden immer neue Therapien zur Abwehr der Virusattacken präsentiert. Es erstaunt, dass es einer breiten Öffentlichkeit offensichtlich nicht geläufig ist, dass bisher keiner dieser Hoffnungsträger die anfangs in ihn gesteckten hohen Erwartungen erfüllen konnte. Nur so lässt sich die aktuelle Hoffnung auf das Ende aller Sorgen durch eine COVID-19 Impfung erklären.

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Wer mag sich nicht freuen über einen Hoffnungsschimmer am tief dunklen Horizont der Pandemie, dem täglichen Gewitter an Katastrophenmeldungen und Kasandrarufen. Die frohe Botschaft lautet: Bald wird es einen Impfstoff gegen das SARS-CoV-2-Virus geben! Dann wird das Virus endlich besiegt sein. Unverhofft zügig, dank neuer Gentechnik, soll der Impfstoff in mehreren Labors weltweit hergestellt werden. Steht die Impfung erst einmal zur Verfügung – so das Versprechen an die Öffentlichkeit – könne man alle Einschränkungen unserer Freiheiten wieder aufheben. Aber natürlich: Bis dahin müsse man noch diszipliniert „durchhalten“!

Schutz durch unspezifische Impfung

Eigentlich müsste es korrekt Schutz-Impfung heißen. Ist einmal – wie momentan – eine Viruserkrankung in vollem Gange, kommen spezifische Schutzimpfungen zu spät! Hoffnungen richten sich dann auf einen Schutz durch unspezifische Steigerung des Immunsystems mittels eines geeigneten Impfstoffes. Mit dem lebenden Rindertuberkulose-Bakterium Bacillus Calmette-Guérin (BCG) hat man dies in der ehemaligen DDR versucht und eine Pflicht für die BCG-Tuberkulose-Impfung eingeführt. Denkbar, dass diese ehemalige Impfpflicht eine Erklärung für die derzeit niedrige COVID-19-Infektionsrate in den neuen Bundesländern bietet. Studien sollen aktuell klären, ob zur Beherrschung von Pandemien die BCG-Impfung geeignet ist.

In der frühen Phase der COVID-19-Pandemie wurde das Malariamittel Chloroquin in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin als großer Hoffnungsträger bejubelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump meinte schon, den „game changer“, das alles entscheidende Mittel zur Beendigung der Pandemie, zur Hand zu haben und setzte Indien unter Druck, seine wohl gehüteten Vorräte an Hydrochloroquin mit der amerikanischen Bevölkerung zu teilen. In der Euphorie ging unter, dass dieses Mittel zu irreversiblem Visusverlust, also vollständiger Erblindung, lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen und speziell bei Favismus, einem bei Schwarzen häufigen Defekt des Enzyms Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase, zu lebensbedrohlichen Hämolysen, das heißt dem Platzen der roten Blutkörperchen, führen kann. Vermutungen, dass die hoch dosierte Chloroquin-Gabe für die aktuell hohe Sterblichkeit von Schwarzen in der USA verantwortlich sein könnte, werden in letzter Zeit immer häufiger geäußert. Bemerkenswert ist allemal, dass angesichts des hohen Nebenwirkungsprofils und fehlender klinischer Studien, die einen positiven Effekt von Chloroquin bei Virusinfektionen zweifelsfrei belegen könnten, ganz unkritisch ein weiterer Hoffnungsträger aus der Taufe gehoben worden war.

Entzauberte Substanzen

Andere Substanzen, die anfangs als große Hoffnungsträger für eine Eindämmung einer Virusepidemie durch virostatische Aktivität gehandelt wurden, sind ebenfalls brutal entzaubert worden. Prominentestes Beispiel hierfür ist der ehemals viel gerühmte Neuraminidasehemmer Oseltamivir, besser bekannt unter dem Handelsnamen Tamiflu. Auf theoretischer Ebene ist die Hemmung des für die Virusreplikation entscheidenden Enzyms Neuramidase zur Bekämpfung einer Virusepidemie natürlich überzeugend. Im Jahr 2006, zu Zeiten der ersten, von der WHO ausgerufenen Influenza H5/N1-Pandemie, der Vogelgrippe, wurde Tamiflu mit so viel Vorschusslorbeeren bedacht, dass sich die WHO zu der erstaunlichen Empfehlung entschloss, Lager an Tamiflu für ein Viertel der Weltbevölkerung anzulegen.

Nach Abflauen der Epidemie, die weltweit nur eine geringe Zahl an Opfern gefordert hatte, waren die riesigen Tamiflu-Vorräte weitgehend unangetastet geblieben. Die bereits für die Beschaffung des Tamilflu eingesetzten Steuermittel mussten noch einmal aufstockt werden, um die aufwendige Entsorgung des mittlerweile am Ablaufdatum angelangten Präparates zu finanzieren. Erstaunlich, dass das Tamiflu-Desaster und die eindrucksvolle Lehre im Zusammenhang mit dieser „Akuttherapie“ einer Virusepidemie schon nach nur 14 Jahren so vollständig aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt werden konnte. Schon wieder werden Ethikkommissionen bemüht, die emsig bemüht sind, eine gerechte Verteilung einer bisher noch gar nicht verfügbaren Impfung zu regeln!

Flattening of the Curve

Ein weiterer Hoffnungsträger ist gerade kürzlich erst sang- und klanglos entzaubert worden: Im März dieses Jahres war es scheinbar klar, dass die COVID-19-Pandemie in Deutschland zu einem für die Patientenversorgung dramatischen Mangel an Beatmungsplätzen führen würde. Die Notwendigkeit einer „Flattening of the Curve“, also einer zeitlichen Streckung der Infektionswelle, um Spitzenbelastungen in den Krankenhäusern zu vermeiden, fand uneingeschränkte Zustimmung. Intensivstationen wurden vorsorglich gesperrt, große Summen an Steuermitteln wurden für die Beschaffung von Atemgeräten freigegeben. Autokonzerne erklärten sich auf Druck der Politik heroisch und solidarisch bereit, ihre Produktionslinien auf die Herstellung von Beatmungsgeräten umzustellen. Nur so meinte man, den riesigen Bedarf decken zu können. Nun ist es jedem klar: wenigstens in Deutschland ist ein Mangel an Beatmungsgeräten nicht eingetreten. Im Gegenteil: Intensivstationen standen Wochen leer! Es kam in Deutschland zu deutlich weniger schweren Krankheitsverläufen mit Beatmungspflicht als erwartet. Ein Mangel an Beatmungsgeräten als Grundlage für die immer noch propagierte Strategie der Notwendigkeit einer „Flattening of the Curve“ bestand in Deutschland nie und wird absehbar in Zukunft auch nicht zu befürchten sein!

Schutzwirkung bei Senioren fraglich

Es mag überraschen: aber trotz jahrzehntelanger Anwendung der Influenza-Schutzimpfung bei Senioren gibt es immer noch keine Studie, die eindeutig zu belegen vermag, dass diese Schutzimpfung tatsächlich den Schutz zu vermitteln vermag, den sie verspricht. Das angesehene britische Wissenschaftsjournal „The Lancet“ untersuchte in einer groß angelegten Metaanalyse 5 707 Artikel davon immerhin 17 randomisierte, kontrollierte Studien. Keine Studie konnte belegen, dass die Letalität, also die Sterberate, von Senioren über 65 Jahren durch eine Schutzimpfung gegen Influenza signifikant zu reduzieren war (Osterholm T et al. Lancet 2012). Selbst wenn also die strikten Quarantäne-Maßnahmen bei Senioren mit allen ihren Härten bis zum Eintreffen der innovativen Impfseren durchzuhalten wären, muss die Schutzwirkung einer neuen COVID-19-Impfung bei dieser Risikogruppe nach aktueller Datenlage kritisch eingeschätzt werden.

Der großen Mehrheit der Normalbevölkerung kann eine Impfung keinen relevanten Vorteil bieten. Das belegt auch kürzlich wieder eine groß angelegte Metaanalyse aller verfügbaren Studien (Jefferson T et al. Cochrane 2018). In sehr ungünstigem Verhältnis zu dem zweifelhaften Erfolg einer Impfung stehen die gottlob sehr seltenen Nebenwirkungen wie das gefährliche Guillain-Barré-Syndrom, das zu aufsteigenden Lähmungen bis hin zum Atemstillstand führen kann. Besser reagiert da die Natur, die ganz gezielt und schnell auf die aktuelle Virusattacke zu reagieren vermag. Die aktuellen Zahlen der John Hopkins Universität dokumentieren, dass erfreulicherweise mindestens 30 Millionen Menschen eine COVID-19-Infektion überstanden haben. Und das sind nur die getesteten Menschen. Weit mehr – muss man annehmen – werden durch „stille Feiung“ immun. Im als „Hotspot“ berühmt gewordenen Tiroler Ferienort Ischgl haben immerhin 42 Prozent der Bevölkerung Immunität erlangt. 85 Prozent haben diese Immunität ohne Symptome als „stille Feiung“ beschert bekommen.

mRNA-Impfung als Plattformtechnologie

Nun soll die natürliche Immunität durch eine Impfung unterstützt werden. Seit Beginn der Pandemie geben sich Wissenschaftler alle erdenkliche Mühe, schnell eine effektive, spezifische Impfung gegen das SARS-CoV-2-Virus zu entwickeln. Bisher wurde zur Entwicklung und Testung einer Grippe-Schutzimpfung mindestens zwölf Monate benötigt. Nun sollen dank innovativer mRNA-basierter Gentechnik nur wenige Monate ausreichen. Nur kleine Mengen werden für die Impfung benötigt. Somit kann in kurzer Zeit eine hohe Zahl an Impfchargen hergestellt werden Die RNA-Sequenz lässt sich schnell an ein mutiertes Virus anpassen. Eine mRNA-Impfung böte eine „Plattformtechnologie“ zur Herstellung von schnell adaptierten Impfstoffen für alle Zukunft. Das wäre eine spektakuläre Premiere. Das Mainzer Unternehmen Biontec, Curevac und weitere zahlreiche Unternehmen weltweit sollen es richten und erhielten schon milliardenschweren Zuschläge aus Steuermitteln.

Erhoffter Nutzen vs. erwiesener Schaden

Dennoch: Mit einer COVID-19-Impfung als neuem Hoffnungsträger zur Lösung aller Probleme sollte man vorsichtig umgehen. Wie die Gratwanderung zwischen sorgfältiger Prüfung auf potenzielle akute oder Langzeit-Nebenwirkungen und schneller Zulassung, gedrängt durch öffentlichen Erwartungsdruck, auch immer ausgeht, es ist nicht auszuschließen, dass lediglich basierend auf dem Prinzip Hoffnung die ganze Bevölkerung unkritisch und langdauernd einschneidenden Zwangsmaßnahmen ausgesetzt wird. Durchhalteparolen bis zum endgültigen „Sieg“ über das Virus lassen sich nicht mit belastbaren Daten zu nachhaltigen und umfassenden Erfolgen einer Impfung rechtfertigen. Viruserkrankungen werden weiterhin Teil unseres Lebens sein und viele von uns werden trotz moderner Technologie einen „sanften“ Tod infolge einer Virusinfektion sterben.

Schutzmaßnahmen gegen das Virus und das Warten auf eine Impfung wecken nicht nur Hoffnungen, sondern verursachen täglich enorme Schäden. Gut zu dokumentiert sind schon jetzt die weltweiten volkswirtschaftlichen Belastungen. Nicht ganz so leicht darzustellen sind die Verwerfungen auf der individuellen, menschlichen Ebene. So stürzt die solidarische Anstrengung der gesamten Gesellschaft, die alten Mitmenschen vor einer Virusattacke zu schützen, gerade viele alten Menschen in Angst, Schrecken und bittere Einsamkeit. Ein stures Beharren auf einmal getroffene Entscheidungen, ein blindes Vertrauen auf immer neue Hoffnungsträger bei der Bekämpfung der Pandemie, den Impfstoff eingeschlossen, könnte sich als schwerer Fehler erweisen. Denn letztlich ist nicht auszuschließen, dass am Ende keiner der Hoffnungsträger die in ihn gesteckten Erwartungen zu erfüllen vermag. Der angerichtete Schaden für alle Beteiligten wäre enorm!

Kurz gefasst

Der Erwartungsdruck ist hoch. Die Gefahr, dass ein Impfstoff, der vor einer COVID-19-Erkrankung zuverlässig schützen soll, die Hoffnungen enttäuschen muss, auch. Bei der Influenza konnte zum Beispiel bislang keine Studie belegen, dass Schutzimpfungen die Letalität von Senioren über 65 Jahren signifikant reduzieren. Ob es uns gefällt oder nicht: Viruserkrankungen werden weiterhin Teil unseres Lebens sein und viele von uns werden trotz moderner Technologie infolge einer Virusinfektion sterben.

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