Das dritte Geschlecht heißt Täuschung

Über den notwendigen Unterschied von Mann und Frau herrscht tiefe Verwirrung – Das führt zu Verzerrungen, Unfreiheit und Verletzungen. Von Beile Ratut
dpa-exklusiv: Berlins Nofretete
Foto: dpa | Mit der perfekten Schönheit einer Nofretete in den Spiegel schauen können – das gehört zu den Idealen der Gegenwart.

Eine der größten Verwirrungen der heutigen Zeit besteht zweifelsohne im Bereich der sexuellen Identität. Waren Mann- und Frausein und ihre Polarität vor nicht allzu langer Zeit Grundgewissheit, so stehen sie heute in Zweifel, ja sogar unter Anklage. Es gibt zunehmend Menschen, die es nahezu als Angriff erleben, Menschen im Bereich dieser Polarität verorten zu wollen, und in ihren Augen stellt eine Loslösung aus dieser fundamentalen Polarität der Natur einen Fortschritt dar.

Rein menschlich betrachtet könnte man dies tatsächlich so betrachten, denn im Bereich des Geschlechtlichen zeigen sich die Folgen des Sündenfalls überaus deutlich. Nach dem Treuebruch spricht Gott je unterschiedliche Konsequenzen über Mann und Frau aus, fortan waltet der um seine Existenz ringende Mann über die Frau, und sie sucht nach ihm – von Sehnsucht zerfressen. Der damit einhergehende Zerbruch der ursprünglichen Verbundenheit zwischen Mann und Frau lässt uns auf eine Geschichte blicken, in der ein Keil zwischen Mann und Frau getrieben scheint – Machtgefälle, Unterwerfung und Objektifizierung sind inzwischen gut dokumentiert. Allzu oft ist Geschlecht auch als ausschließendes Kriterium verstanden worden, ganz so, als dürften Männer nicht auch Feminines in sich integrieren oder Frauen Maskulines.

Ein normaler Reflex also, Verheerungen beseitigen zu wollen. Die feministische Bewegung hat vieles bewirkt, was fraglos gut sein könnte. Doch hat sie den tiefen Zerbruch heilen können? Frauen haben inzwischen Zugang zu den Schaltzentralen der Macht, zur Definitionsgewalt – Männer wiederum haben Zugang zur Küche und zum Kinderzimmer. Sind die Menschen dadurch heiler geworden?

Es scheint eher so, als wäre der Keil zwischen den Geschlechtern noch tiefer getrieben. Während Frauen Universitäten, Unternehmen und die Politik erobern, wird ihr Abbild in den Medien, vor allem in Pop-Kultur und Pornographie, immer viehischer; die Frau ist dort nur noch Sklavin des nach Sex gierenden Mannes, ganz so, wie die Bibel es ausweist als Folge des Sündenfalls. Öffentlich soll die Frau alles auf einmal sein, während man dem Mann so gut wie nichts mehr zugesteht. Sexuell schaut es mau aus, das Leben der Menschen ist da dröge und abstinent wie nie zuvor. Zugleich mischt sich eine Kultur in Europa unter, die ein absolut hierarchisches Bild vom Menschen postuliert und die Unterwerfung der Frau durch den Mann in neuen alten Bildern zelebriert.

Der moderne Mensch versucht nicht, aus dem, was natürlich geschaffen ist, eine Welt zu bauen, die erfüllt ist von Dingen, an denen er Freude hat. Stattdessen sieht er die zerrüttete Welt, den Keil zwischen Mann und Frau und die tiefen Wunden, die daraus hervorgehen, und ruft aus: „Nun – dann soll es eben weder Mann noch Frau geben!“ Maskulinität und Femininität sind aber nicht nur biologische, sondern auch transzendente Merkmale – ihr Verlust ist daher schwerwiegend.

Moderne Bilderwelten verstellen Bezug zum Leben

Dem Menschen und der gesamten Kultur ist der Kontakt mit diesem Transzendenten und daher auch dessen Kontinuität abhanden gekommen. Die Bestätigung des Sohnes als Mann durch den Vater ist dann nicht mehr möglich, dadurch ist der Mensch auch abgeschnitten vom jenseitigen Maskulinen, von der Vollmacht zur Initiation. Dasselbe gilt ähnlich für das Feminine.

Der Verlust geschlechtlicher Identität kann auch nicht wettgemacht werden durch die Erschaffung von Tausenden neuer geschlechtlicher Identitäten. Eine Person soll heute tatsächlich ihr Geschlecht selber bestimmen. Sie kann sich beispielsweise als „a-gender“ erleben, eine Person, die keinerlei geschlechtliche Identität hat; sie kann sich als „polygender“ empfinden, also zwischen mehreren Geschlechtern wandern; wandert sie zwischen allen Geschlechtern, dann erlebt sie sich als „gender-fluid“; geschlechtlich kann man sich heute ohne weiteres auch mit dem Mond oder einer Waschmaschine identifizieren, dann bewegt man sich im Bereich des „xenogender“, einer nicht im Hinblick auf männlich-weiblich definierten Geschlechtsidentität, die andere Methoden der Kategorisierung anstrebt und sich dabei auf Tiere, Pflanzen oder andere Wesen oder Dinge bezieht – „dulcigender“ ist ein Beispiel: ein ästhetisch ausgerichtetes Geschlecht, welches sich identifiziert mit üblicherweise als weiblich assoziierten niedlichen Dingen; oder „witchgender“, ein Geschlecht mit einer hohen Nähe zu Magie und Zauberei.

Der Begriff „xenogender“ wurde offenbar 2014 von einer Person geprägt, die sich im Internet „Baaphomett“ nennt. Das ist ein aufschlussreicher Verweis. Baphomet ist nämlich ein Dämon, der in der Welt der Anhänger des Okkulten zu finden ist, ein Mitglied der höllischen Hierarchie. Aleister Crowley schrieb über Satan, dieser sei nicht der Feind des Menschen, sondern wolle aus ihm Gott machen. Baphomet ist ein Abbild Satans, nach Crowley entrollt er „Leben“ und „Liebe“ und „Licht“ – jene Kleinode, die Verfechter von sexueller Befreiung und der Loslösung von der Identität als Mann oder Frau zu umkämpfen glauben. Baphomet umfasst das Binäre – das Männliche und das Weibliche, das Gute und das Böse – er ist androgyn. Er ist in einer gefallenen Welt ein Schmelztiegel, in dem sich der Mensch aufzulösen versucht, an seinem Altar entledigt sich der Mensch seiner Natürlichkeit. Baphomet schenkt dem Menschen eine Auferstehung in seinem Bild, in einer selbstbestimmten Identität, die das, was geschaffen ist, scheinbar überwindet, tatsächlich jedoch nur verblendet.

Das Geschlecht eines Menschen ist genetisch fixiert. Die aus diesem Geschlecht abgeleitete Identität ist vielen Faktoren ausgeliefert, sie ist wandelbar, vielschichtig und normalerweise fruchtbar. Darüber hin-aus gibt es im menschlichen Leben natürlich noch allerhand Merkmale und Zuordnungen, man kann zu den Nibelungen gehören, zu Schamanen, Bisexuellen oder Harry-Potter-Anhängern, zu Kakaotrinkern, Farbsensiblen, Baum- oder Sternenfreunden. Es ist eine großartige Dokumentation von Phantasie, in all dem Geschlechtsidentitäten entdecken zu wollen. Man kommt aber auch nicht umhin, ein Element von Leibfeindlichkeit zu sehen im Widerrufen der geschlechtlichen Polarität, die sich durch die gesamte Natur zieht – ein tiefes Misstrauen gegen das Körperliche.

Die Polarität der Geschlechter liegt heute verschüttet unter den herrschenden Bildern. Der Androgyn ist zum Helden geworden, Transvestiten die Heroen einer Welt, die im Geschlechtlichen nicht mehr die Verwirklichung des Natürlichen sehen will, sondern eine individuelle Prägung nach ihrem persönlichen Geschmack. Der Dämon sagt: „Du wirst sein wie Gott.“ Er sagt: „Dein Leben und deine Liebe sind heilig.“ Doch der Mensch merkt nicht, dass sein Leben und seine Liebe gefallen sind, dass sie zerrüttet sind durch die Katastrophe des Sündenfalls und dass er selber sie nicht wiederherstellen kann durch die eigene menschliche Kraft. Der Verlust der geschlechtlichen Identität und die Betonung einer individuellen, selbstbestimmten Entfaltung führt auch nicht zu einer Individualisierung des Menschen, sondern zu seiner Entpersönlichung.

Diese ist nicht immer leicht zu durchschauen. Wir sehen uns Filme an, Aufführungen, Illustrierte, die Selbstinszenierungen im Internet – überall sind Bilder präsent, die im äußerlichen nach Erfüllung suchen. Das Make-up ist dabei oft so dominant, dass viele Menschen inzwischen nicht mehr in der Lage sind, in einer ungeschminkten Frau noch Schönheit zu entdecken. Schön sind die Tricks von Lidschatten, Concealer und Photoshop. Schön sind die künstlichen Posen auf dem Instagram-Opfertisch.

Wenn das Leben verrückt aus der Wirklichkeit in die Medien und ihre Bilderwelt, dann verrutscht auch das, wonach wir uns sehnen, es gleitet vom Eigentlichen weg in das Bild, das wir davon haben. Wir verlieren den Bezug zum Lebendigen, und am Ende leben die Bilder ihr eigenes Leben, sie diktieren uns. Dann gibt es auch kein Störgefühl mehr beim Anblick eines Transvestiten oder von homosexuellem Sex. Denn es geht nun umgekehrt um die Verwirklichung von Bildern in uns, und nicht um die Abbildung einer Wirklichkeit, die dem Jenseitigen entstammt und sich nun in unserem Leben bewahrheiten will.

Die Gefolgschaft des Teufels stellt sich traditionell gerne vor als Handlanger der Gerechtigkeit. So glauben viele, dass die Ausradierung des Geschlechts zu mehr Gleichheit führte. Der Mensch gießt sich in ein dämonisches Bild des Androgyns, des Wanderers zwischen unendlich vielen Ausformungen der geschlechtlichen Identität, er zerstört das Geschaffene in sich durch irreleitende Tricks und Nacheifern – bis hin zur Hormonbehandlung und Verstümmelung durch chirurgische Eingriffe. Identität kann man jedoch nicht gestalten – man kann sie nur empfangen.

„Wer bin ich?“, fragt der Mensch, wieder und wieder. Der Dämon sagt: „Sei, wer du willst!“ Doch es ist ihm egal, wer der Mensch sein will – behilflich sein soll er ihm. Gott sagt: „Trink mein Blut, dann wirst du werden, der du wahrhaft bist!“ Doch dieser Weg scheint dem Menschen versperrt, denn er legt die Scham bloß, die Wunden, die Lügen, die Not – allseits.

So wählt der Mensch doch lieber den Schein. Nietzsche sagte, dass „wenn es überhaupt etwas anzubeten gibt, es der Schein ist, der angebetet werden muss, dass die Lüge – und nicht die Wahrheit – göttlich ist!“ Die Welt heute ist voll von Schein. Das Geschlechtliche gleitet aus der Wirklichkeit heraus in die Sphäre der Einbildungskraft, die Medien beispielsweise sind voller Gestalten, die einem als Mann oder als Frau präsentiert werden – aber wenn man genau hinschaut, dann spürt man, dass etwas nicht stimmt.

Es gibt körperliche Merkmale, an denen man erkennen kann, ob man es mit einer Frau oder mit einem Mann zu tun hat. Die Breite der Schultern im Verhältnis zur Breite der Hüften, die Länge des Ringfingers im Vergleich zum Zeigefinger, der Adamsapfel, die Form von Nacken, Kieferknochen, Schädel, Rücken. All das kann durch Hormontherapie, durch Training, Konditionierung, Make-up und Korsett nicht verändert werden. Wenn man nun genau hinschaut, dann hat es den Anschein, als gäbe es in den Medien eine Vielzahl von Menschen, die sich als etwas anderes ausgeben, als sie tatsächlich sind. Wenn dies tatsächlich so wäre, dann wäre das Arglist.

Wenn man ein Lied hört und glaubt, der es singt, wäre ein Mann, tatsächlich handelt es sich aber um eine Frau, oder wenn man einen Film sieht und glaubt, dessen Held wäre eine Frau, doch tatsächlich ist es ein Mann, dann verunsichert dies nachhaltig die Wahrnehmung des Zuschauers. Wenn man das wiederholt tut, dann lernt der Zuschauer, dass Abweichungen, die er aufgrund all der Täuschungen und Tricks meist nur noch unbewusst wahrnimmt, „normal“, dass sie sogar „schön“ wären. In den Medien kann man gefälschte Männer oder Frauen heute so „echt“ präsentieren, dass die Täuschung nicht mehr bewusst wahrnehmbar ist, man begegnet den Berühmtheiten ja auch nicht im Supermarkt oder auf der Geburtstagsfeier eines Freundes. Würde man ihnen aber gegenübertreten, so würde man die Täuschung oftmals deutlich wahrnehmen. Wir lassen uns die Welt in Bildern vorführen und glauben mehr daran als an das Leben, das ins uns hineingelegt ist.

Das Sein nach eigenem Gusto zu erschaffen führt in eine Illusion – auch wenn es folgerichtig ist in der nachchristlichen Welt. Doch man erlangt eine Geschlechtlichkeit, die dem Moment, dem Zufall, dem Trieb und dem Empfinden absolut unterworfen ist. Geschlechtlichkeit entfaltet sich, sie ist nie absolut, nie festgeschrieben – daher kann man sie auch bemänteln, entstellen und karikieren. Indem man sie der menschlichen Agenda unterwirft, öffnet man sie auch für Verzerrungen, Unfreiheit und Verletzungen. Am Ende wirkt unser Verhältnis zum Natürlichen immer auch ein auf unser Verhältnis zum Mitmenschen. Man kann erwarten, dass die Tausend neuen geschlechtlichen Identitäten niemandem das Herz wärmen werden, sie werden niemanden für die Liebe gewinnen – vielmehr werden sie Kälte, Grimm und Misstrauen hervorrufen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier