Das deutsche Gemüt friert

Das deutsche Gemüt Anfang diesen Winters fühlt sich zerrissen und skrupulös im Grundsätzlichen an. Es weiß nicht so recht, wie es sich Ausdruck verschaffen soll – und vor allem: Welchen Ausdruck es sich verschaffen darf, für den es keinen Tadel kassiert, von wem auch immer. Mit einem größeren Wort ließe sich das auch die nationale Identität nennen, worüber mehr denn je die Deutschen sich derzeit nicht einig sind.

Soll ganz Deutschland wie Berlin pulsieren, multikulturell progressiv modern sein, die Großdebatten anstoßen, großstädtisch und ungläubig sein? Soll es wie München die gemütliche Liberalität pflegen, der ein bisschen Kirchgang, Sonntag und Provinz nicht weiter wehtut, diese aber auch nicht unbedingt praktiziert, und das jeden nach seiner Fa¹on selig werden lassen will, solange es nicht der Papst ist? Soll es wie Frankfurt sich für den globalen Wettkampf rüsten, die mehrsprachige, ökonomisch versierte Elite zum Vorbild nehmen, und Freizeit Fitnessstudio, Kultur Event und Religion Exotik sein lassen, die den Dalai Lama feiert, solange genug Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wird, Deutschland fit gemacht ist und die Flieger pünktlich in alle Welt abheben? Soll es wie Hamburg die „Zeit“ und den „Spiegel“ lesen, stilvolle laizistische Hochglanzurbanität leben, und nobel akademisch das bessere Deutschland bereden? Oder soll es wie Regensburg sich durchaus auf die Tradition besinnen, deren Lebenswert erkennen, die Attraktivität des ländlich geprägten Lebensraumes für Familien herausstellen, wo am erdig Herkömmlichen und seinen Rhythmen vom Martinsumzug, Christmette, Kreuzwegandacht und Wallfahrt bis zur Landjugend und Sportverein festgehalten wird – wo konservatives Denken mit Rechtgläubigkeit, Ehrenamt, der Sorge um das Wohl des Nächsten einhergeht und auch Abtreibung nicht eine Frage der gesellschaftlichen Befreiung ist? Ja, wie viele Städte, Dörfer und Milieus gibt es denn eigentlich noch, auf die hin sich ein Lebensmodell definieren lässt, das dann attraktiv und verbindlich für alle Deutschen sein kann, sein soll?

„Das Mahnen zu Pluralität, Toleranz und Relativismus hilft nicht, weil dieses Mahnen ja allein dann Sanktionskraft für alle haben kann, wenn es selbst kulturellen Führungsanspruch erhebt. Ein Widerspruch“

Viele. Sehr viele. Und die Debatte über die Leitkultur unter den vielen deutschen Binnenkulturen, die derzeit im Land gelebt werden, und die die richtige sein will und soll, wird verbissen geführt. Da hilft dann auch das Mahnen zu Pluralität, Toleranz und Relativismus als Grundlage einer friedlichen, zusammenhaltenden demokratischen Kultur nicht, weil dieses Mahnen ja allein dann Sanktionskraft für alle haben kann, wenn es selbst kulturellen Führungsanspruch erhebt – und somit selbst zur Partei wird, wodurch diese Haltung ad absurdum geführt ist.

Hinzu kommt, dass die Deutschen unter einem besonderen historischen moralischen Druck stehen, wenn es um Fragen ihrer Identität geht – gingen von deutschem Boden doch zwei Diktaturen aus, die Haltungen, Werte und Tugenden pervertiert und beschädigt haben, unter denen sich ansonsten eine Gesellschaft selbstbewusst versammeln lässt. Bürgerlichkeit, Idealismus, Glauben, Konfession, Fortschritt, Aufstiegswillen, Ordnung, Disziplin, militärische Stärke, Pazifismus, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit – eine erste willkürlich-spontane Sammlung von Begriffen, mit denen andere Nationen innergesellschaftliche Gemeinsamkeiten definieren, sind in Deutschland in irgendeiner Weise immer einem historischen Verdacht ausgesetzt, weil unter ihrem Namen schon einmal Unrecht begangen wurde oder sie korrumpiert waren. Es sind also noch nicht einmal die Begriffe von ihren historischen Beschädigungen repariert, mit denen über Deutschland geredet werden kann. Was nebenbei bemerkt zu der merkwürdigen Marotte führt, dass sich Deutschland immer vergleicht. In der Bildung sollen die Deutschen nach Finnland, beim Sozialstaat nach Schweden, in Sachen Nationalbewusstsein nach England und bei der Familienfreundlichkeit nach Frankreich schauen. Nie ist sich Deutschland seiner selbst gewiss und vertraut aufs eigene Können.

Das deutsche Gemüt Anfang diesen Winters fühlt sich zerrissen und skrupulös im Grundsätzlichen an. Ein ängstlicher Blick in die Welt ist die erste Folge davon – dass die andere Nationen die Deutschen für zu national oder eben nicht national genug halten könnten. Der ängstliche Blick geht auch nach innen, dass die eine gesellschaftliche Gruppe in Deutschland die andere als zu deutsch oder eben nicht deutsch genug, als zu fortschrittlich oder eben nicht modern genug, als zu konservativ oder eben nicht traditionsbewusst genug, als zu kirchlich oder nicht säkular genug taxieren. Das alles macht nervös.

Ein schwerwiegendes kommt als historische Hypothek hinzu: Bis 1989 war die deutsche Nation der europäische Frontstaat des Kalten Krieges schlechthin gewesen, der gleichzeitig diesen Krieg in sich selbst austragen musste, aufgeteilt in die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik. Diese Systemkonkurrenz innerhalb eines geteilten Volkes erzeugte bei jedem dieser Teile einen gleichzeitigen Rechtfertigungs-, Konsens- und Homogenitätsdruck, in der DDR erzwungenermaßen, in der Bundesrepublik unfreiwillig freiwillig. Diese erzwungene jahrzehntelange staatspolitische Schizophrenie bleibt für die Gegenwart und deren Debatten um das Selbst der Deutschen nach gerade mal 20 Jahren später nicht einfach folgenlos.

Wobei der Status als Frontstaat des Kalten Krieges und der lange Schatten Hitlers für Deutschland ein drittes bedeutete: Bis 1989 war das Land aus dem geostrategischen globalen Spiel herausgenommen, musste an keinem Krieg als Staat mit seinem Militär und seiner Diplomatie teilnehmen – abgesehen vom Einsatz der DDR-Truppen bei der Niederschlagung des Prager Aufstands 1968. Deutschland war der Frontstaat des Kalten Krieges gewesen, wuchs aber zugleich unter Führung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges eher behütet und damit konfliktscheu auf. Korea, Vietnam, die islamische Revolution im Iran, der sowjetische Krieg in Afghanistan, die Kriege in den ehemaligen europäischen Kolonien, der Kampf um Einfluss auf dem globalen Energiemarkt – die beiden deutschen Länder konnten bis 1989 immer Zuschauer bleiben, und wurden dadurch nicht allein von den militärischen, sondern von den kulturellen Begleitumständen dieser Konflikte, man denke nur etwa an den keinesfalls erst am 11. September 2001 auf die Weltbühne tretenden Islamismus, nicht in der Wucht getroffen, wie es beispielsweise die USA oder Frankreich traf. Die einzige Wucht, die den westdeutschen Staat in den siebziger und achtziger Jahren ins Stolpern brachte, war die Rote Armee Fraktion (RAF) gewesen. Spätestens mit der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch arabische Terroristen, um RAF-Terroristen freizupressen, und dem Deutschen Herbst 1977 war auch in der Bundesrepublik etwas von den weltpolitischen Verwerfungen realiter zu spüren. Doch darf der RAF nicht zu viel der Ehre an politischem Gewicht erwiesen und damit relativiert werden, dass sie schlicht unschuldige Menschen für spätpubertäre Revolutionsträume getötet hat.

Das alles erklärt die heutige Unsicherheit und merkwürdig verbiesterte Ambitioniertheit mit, in der die großen gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland geführt werden. Die Deutschen wollen alles auf einmal schnell nachholen und zu einem großen gesellschaftspolitischen Abschluss bringen, was Deutschland in seinen beiden Teilen bis 1989 kaum austragen konnte, weil ihm dafür schlicht die konkreten realpolitischen Erfahrungen fehlten – erinnert sei nur an das Herumeiern der Rede um die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan heute. Das Wort von der „verspäteten Nation“ des Philosophen Hellmuth Plessner für das Deutsche Reich zwischen 1870/71 und 1933 beschreibt den geistigen Zustand der Republik Anfang Winter 2009 wieder recht gut.

Beispiel Atheismusdebatte: Der Streit um die angebliche Gefährlichkeit der Religionen für den Weltfrieden, den Kreationismus oder „intelligent design“, was dann unter dem Namen Neuer Atheismus mit Namen wie Richard Dawkins versammelt wird, ist als öffentliche Debatte aus den angelsächsischen Ländern mit etwa 20 Jahren Verspätung in die deutsche breite Öffentlichkeit herübergeschwappt, wo es vorher hierzuland ein bloß randständiges akademisches Phänomen gewesen war. Auch hier scheinen die Deutschen das Weltmännische auf Teufel komm' raus nachholen zu wollen.

Beispiel Integrationsdebatte: Seit den sechziger Jahren leben sogenannte Gastarbeiter in Deutschland und mit ihnen der Islam. Bis vor kurzem hat sich die Mehrheit der Deutschen noch geweigert, dies als Einwanderung anzuerkennen, die mit islamischer Religionsausübung einhergeht. Indem das Phänomen lange als vorläufiges deklariert und somit von der politischen Agenda genommen wurde, holt es uns heute umso bedrängender wieder ein. Und es lässt sich auch nicht so einfach lösen, weil nicht jeder Deutsche die gleichen Erfahrungen damit gemacht hat.

Wer heute zwischen Ende dreißig und Anfang fünfzig ist, also ein Babyboomer, und beispielsweise auf dem flachen Land aufgewachsen ist; wer in seiner Kindheit und der Volksschule der siebziger Jahre in seinem Dorf vielleicht ein oder zwei Gastarbeiterkinder gekannt hat, die Freunde auf dem Bolzplatz gewesen waren, den kann man heute nicht dazu zwingen, in der Frage der Integration die gleiche Sensibilität zu entwickeln und zu gleichen Schlüssen zu kommen wie der, der in den siebziger und achtziger Jahren in Berlin Kreuzberg als Deutscher groß wurde, ein Einwanderer oder Kind oder Enkel eines Gastarbeiters ist. Die Geschichten sind längst noch nicht gegenseitig erzählt, um alle Deutschen in dieser Frage auf eine einigermaßen gemeinsame mentale Ausgangsbasis heben zu können. Zudem sind die unterschiedlichen Lebenswelten auch empirisch noch nicht so weit erforscht, dass die Debatte nicht sogleich wieder ins Bedienen von Ressentiments abzugleiten droht. Wobei auch Ressentiments Erkenntniswert haben können.

Wer als Angehöriger der Babyboomer auf dem flachen Land lebt, um im Bild zu bleiben, eine Frau geheiratet, eine Familie gegründet, ein eigenes Haus gebaut und drei Kinder hat, die zur Schule gehen, Vorsitzender des Sportvereins ist, als Pfarrgemeinderat in seiner katholischen Pfarrei aktiv ist und sich noch in der Schönstattbewegung engagiert, der wird – so lauten weitere Stichworte der großen gesellschaftspolitischen Streitthemen derzeit in Deutschland – etwa in Fragen von Ehe, Familie und Kinderbetreuung, Homosexualität, Neoliberalismus oder Klimakatastrophe ein anderes Weltbild haben als der, der ein rund um die Uhr arbeitender Single in einem kreativen Beruf in Berlin, München oder Hamburg ist – und beide werden für eine jeweils andere gesellschaftliche Leitkultur plädieren, die den sittlichen und juristischen Rahmen für alle abgeben soll. Seitenlang ließe sich beschreiben, wie hier die Gegensätze in Deutschland aufeinanderprallen – auch und gerade innerhalb der christlichen Kirchen, deren Milieus dramatischer als in anderen gesellschaftlichen Gruppen zersplittern.

„Nicht als Moderatoren der deutschen Identitätsdebatten sind die Kirchen gefragt, sondern als Partei unter Parteien. Sie müssen zuerst die Gottesfrage einbringen“

Diese Beobachtungen stimmen alle, mag man einwenden, aber was lässt sich daraus lernen? Die Antwort ist: Es lässt sich daraus noch nichts lernen. Die scharfe binnenkulturelle Dialektik, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen der verschiedenen deutschen Lebenswelten muss weiter ausgehalten werden. Für vorschnelle Synthesen, erzwungene abschließende Übereinkommen, feierliche deutsche Identitätserklärungen und Leitkulturdefinition ist die Zeit noch nicht reif. Auch wenn sich das deutsche Gemüt Anfang diesen Winters zerrissen und skrupulös im Grundsätzlichen anfühlt und es nicht wärmt, dürfen die Deutschen nicht gleich in die mentalen Wärmestuben der falschen Harmonien oder einfachen Antworten fliehen wollen. Es ist nicht schlecht, wenn derzeit mit Vehemenz im vorpolitischen Raum um das deutsche Selbstverständnis gestritten wird, dazu gehören auch Polarisierungen – wenn dabei jeder sich seiner eigenen Position dialektisch bewusst bleibt, sie als solche in den Meinungsstreit einbringt, sie verteidigt, und dann vielleicht in fünf, sechs, sieben Jahren der Prozess der Klärung soweit ist, dass die Deutschen sagen können, was Deutschland im 21. Jahrhundert wirklich ist und wertvoll macht. Das wird ein anderes Deutschland sein.

Ein letztes Wort zu den christlichen Kirchen: Nicht als Moderatoren dieser Großdebatten um die Identität Deutschlands in der Welt der Globalisierung sind sie gefragt, sondern als Partei unter allen Parteien, die soweit als möglich versuchen muss, das christliche, eigene Proprium einzubringen, um nahe bei den Menschen zu sein. Dazu gehört in erster Linie die Gottesfrage und damit Antworten auf die Fragen, was der Sinn des Lebens jenseits des Diesseits und wie real dieser Sinn ist. Nicht was sie wissen können und tun sollen, sollen die christlichen Kirchen den Deutschen sagen, sondern was sie hoffen dürfen. Die Kirchen sind für die letzten Fragen da, die dürfen sie der Gesellschaft nicht vorenthalten.

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