Das christliche Erbe von Mossul

Irakische Christen gibt es seit apostolischer Zeit – Eine Foto-Ausstellung der Katholische Akademie in München aus 100 Jahren. Von Marie-Thérese Knöbl
Foto: Knöbl | Die Stadt Mossul um 1880: Der Blick vom linken Tigrisufer zeigt die Kuppeln mehrerer Moscheen, die chaldäische Kirche St. Joseph und Festungsanlagen am Fluss. Im Vordergrund bieten Marktfrauen ihre Waren an.

Wie immer bei Bildern aus der Vergangenheit spricht eine eigentümliche Melancholie aus den Fotos. Ganz besonders aber bei Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die aus den Archiven der Dominikaner in Mossul stammen und von P. Michaeel Najeeb OP in einer siebenjährigen Aktion vor der sicheren Vernichtung durch die Schergen des selbst ernannten „Islamischen Staates“ gerettet wurden. Die Aufnahmen rühren den Betrachter und erzeugen ein eigentümliches Fernweh in Raum und Zeit, eine Sehnsucht nach Geschichte und zeitlicher Entrücktheit durch den Anblick von etwas, was zugleich für immer verloren und für alle Zeiten eingefangen und aufbewahrt scheint.

Da ist eine Ansicht von Mossul vom anderen Ufer des Tigris aus dem späten 19. Jahrhundert zu sehen. Biblisch wirkt die Szenerie der Menschen am Fluss im Vordergrund, und die Kirchenkuppeln der Stadtsilhouette im Bildhintergrund gehören neben Moscheen und Minaretten wie selbstverständlich zum Stadtbild. Ein anderes Bild zeigt einen Bettler mit Esel, der dem Fotografen mit festem Blick aus wettergegerbtem Gesicht in die Kamera blickt und noch heute dort stehen könnte. Wieder andere Bilder zeigen ein Priesterseminar oder Schulmädchen – die meisten in orientalischer Tracht.

Auch der französische Pater des Ausstellungsplakats, der Dominikaner P. Jacques Rhétoré (1841–1921), wirkt mit Turban, Vollbart, Schwert und Wasserpfeife im Schneidersitz auf einem Teppich hockend auf unerfahrene westliche Betrachter eher „orientalisch“ als westlich, eher „muslimisch“ als christlich. Dabei ist der so orientalisch wirkende Herr ein Franzose, der Zeit seines Lebens keineswegs nur Wasserpfeife rauchend auf dem Teppich saß, sondern im 19. Jahrhundert als einer der führenden Experten für orientalische Sprachen galt. Für die Sprache Soureth, dem chaldäischen Neu-Aramäisch, verfasste er eine Grammatik und eine Verslehre und in dieser Sprache schrieb er unter dem Pseudonym „Jakob der Fremde“ (Jacques l'Étranger) auch selbst Gedichte. Ganz wesentlich jedoch hat P. Jacques Rhétoré dazu beigetragen, den Menschen im Irak Bildung zu ermöglichen. Für die Mission der Dominikaner ließ er sich dafür eigens in die abgelegensten Bergdörfer entsenden. Und bewirkte dort, dass die Menschen nach und nach Vertrauen zu ihm fassten.

Die Mission der Dominikaner im Irak galt dabei weniger den Muslimen als vielmehr den assyrischen („nestorianischen“) Christen, die man – vor allem durch die Förderung des katholischen Lebens vor Ort und eine nachhaltige und liebevolle Erziehungs- und Bildungsarbeit – für die katholische Kirche zu gewinnen suchte. Pere Rhétoré war Dozent für orientalische Sprachen an der renommierten École Biblique in Jerusalem, und auch seine Mitbrüder heute sind so gut wie ausnahmslos hochgebildete Männer. Aber auch ohne sie hat es das Christentum im Irak stets gegeben: Wie die Bilder dokumentieren, ist das Christentum im Irak keineswegs ein Import aus dem Westen, sondern stammt im Gegenteil aus apostolischer Zeit und ist in seinen orientalischen Ausprägungen sogar sehr viel älter als das europäische Christentum. Als der Orient noch lange nicht muslimisch war, hat es hier über Jahrhunderte hinweg blühende christliche Gemeinden gegeben – auch die Bilder der Ausstellung zeugen noch davon: Aufnahmen aus den 50er, 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dokumentieren ein farbenfrohes und traditionsreiches Miteinander der Menschen.

Andere Aufnahmen reichen in die Schrecken der Gegenwart hinein. So etwa eine Innenaufnahme der Dominikanerkirche von Mossul aus dem 19. Jahrhundert oder eine Aufnahme des Klosters Mar Behnam von 1956. Erstere wurde im April letzten Jahres, letzteres wurde im April vorletzten Jahres durch Islamisten unwiederbringlich zerstört. Es ist gut, dass die Ausstellung in der Katholischen Akademie Bayern daran erinnert, dass nicht nur Palmyra und die Kunstschätze der Antike, sondern auch und vor allem Stätten christlicher Kultur in Syrien und im Irak durch das Wüten des Islamischen Staates zerstört wurden und weiter zerstört werden, wie Akademiedirektor Monsignore Florian Schuller in seiner Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung betonte.

Zu sehen sind in der Ausstellung „Mossul. Christliches Erbe“ in der Katholischen Akademie Bayern noch bis 24. April 2017 Bilder, die in den Jahren 1880–1980 im Irak entstanden sind und das zeigen, was man gemeinhin das ganz normale Leben nennt: Alltagsporträts von Menschen, Menschen vor Gebäuden und auf Plätzen, Landschaften und Szenen des täglichen Miteinander. Eingefangen haben diese Szenen Mönche des Dominikanerordens. Die Aufnahmen sind von hohem Wert, denn es gibt aus der Region sonst so gut wie keine Bilder, die das Leben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts dokumentieren. Erstmals sind diese Bilder nun außerhalb Frankreichs zu sehen – anlässlich des 800-jährigen Jubiläums des Dominikanerordens hatte man sie in Paris gezeigt. Sie verdanken ihre Existenz dem mutigen Einsatz eines irakischen Dominikanerpaters, der in den letzten elf Jahren von Islamisten fünfzehn Morddrohungen erhalten hat. 2006 stand Pater Najeeb gemeinsam mit fünf weiteren Priestern und einem Bischof auf einer Todesliste des IS, 2007 begann er daraufhin mit einem Helfer, heimlich die ersten Manuskripte und Fotos aus dem Archiv der Dominikaner aus Mossul sicherzustellen. Das geschah sieben Jahre lang mit Hilfe eines Kleinwagens, stets in den frühen Morgenstunden, in denen die Kämpfer des IS noch zu schlafen pflegen. So konnte das gesamte Archiv der irakischen Dominikaner – insgesamt 10 000 Fotos und 1 500 wertvolle Handschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance – gerettet werden, noch bevor die Christen aus der Niniveh-Ebene vertrieben wurden. Noch im Sommer 2014 arbeitete Pater Najeeb unter Hochtouren an der Evakuierung der kostbaren Schätze: Es gelang ihm beim Verlassen von Karakosch am 6. und 7. Juli 2014 mithilfe der Einspannung von Alten, Kindern, Männern und Frauen, letzte Manuskripte und Fotos aus Karakosch zu schmuggeln. Kinder, Frauen und Greise saßen dabei in seinem Wagen auf Glasnegativen, einer karolingischen Handschrift über Moses, einzigartigen naturwissenschaftlichen, medizinischen, geographischen, theologischen und assyriologischen Manuskripten aus dem 12. Jahrhundert und wertvollen Inkunabeln aus dem 16. Jahrhundert.

Seit 1235 sind die Dominikaner im Irak und den Großteil ihrer Handschriften haben sie im Laufe des 18. Jahrhunderts als Geschenk von italienischen und französischen Dominikanern erhalten, anderes kam über Jerusalem und Paris nach Mossul. Gemeinsam mit einem kleinen Team von acht bis zehn Personen katalogisiert Pater Najeeb derzeit die geretteten Manuskripte und Fotos an einem geheimen Ort im Norden des Irak. Denn, so Pater Najeeb, „wenn man den Baum retten will, so muss man seine Wurzeln retten – der ,Islamische Staat‘ will jedoch den Baum des Christentums mitsamt seinen Wurzeln vernichten“. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts waren noch über 70 Prozent der Menschen in Mossul Christen, so Pater Najeeb, heute sind es weniger als 0,5 Prozent. Eines ist ihm ganz besonders wichtig: Er wurde Augenzeuge der Gräueltaten des „Islamischen Staates“ wie bereits sein Mitbruder Pater Jacques Rhétoré im frühen 20. Jahrhundert Zeuge des Völkermords an den Armeniern wurde, und er möchte nicht, dass es in Europa so wird wie im Irak. Pater Najeeb ist besorgt, dass die christliche Kultur, die auf den Bildern zu sehen ist, durch die Ereignisse der letzten Jahre teils für immer verloren, teils akut bedroht ist.

„Mossul – christliches Erbe“. Fotoausstellung aus den Archiven der Dominikaner (1880–1980). Katholische Akademie in Bayern, Mandlstraße 23, 80802 München, geöffnet bis 24. April 2017, Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr.

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