Das Charisma des Weiblichen

Am 8. März ist Weltfrauentag: Eine gute Gelegenheit, um über die Identität des gar nicht mehr so schwach wirkenden Geschlechts nachzudenken. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: dpa | Business statt Bewahren: Die Frauen übernehmen immer stärker Männerrollen. Das kann zur Orientierungslosigkeit führen.
Foto: dpa | Business statt Bewahren: Die Frauen übernehmen immer stärker Männerrollen. Das kann zur Orientierungslosigkeit führen.

Alle Welt redete, twitterte und diskutierte in den vergangenen Wochen über echten und vermeintlichen Sexismus in Politik und Gesellschaft, über den Segen von Frauenquoten in den Vorständen von Dax-notierten Unternehmen, über die Benachteiligung von Frauen in der katholischen Kirche, weil ihnen nach wie vor das Amt des Priesters verwehrt bleiben werde. Man debattierte über die Aggressivität jugendlicher Amokläufer, über das von Schriftstellerinnen prophezeite „Ende der Männer“ und hofft nun auf einen neuen Papst, der die maskuline Macht in Kurie, Bistum und Gemeinde brechen soll. Offenbar ist der Kampf der Geschlechter noch lange nicht ausgefochten, sondern tobt verschärft weiter. Und dann die Genderdebatte, die vordergründig all dem entgegenzustehen scheint. Bei der behauptet wird, es gebe gar keine voneinander zu unterscheidenden Geschlechter, sondern nur von der Gesellschaft aufgeprägte „Gender-Identitäten“ – oder vielmehr selbst gewählte Gender-Lebensformen. Die aber dann in voller Vielfalt. Die Verwirrung ist komplett.

Anlass genug, die Dinge ins rechte Lot zu rücken, für einen Augenblick den Kampf zwischen Mann und Frau ruhen zu lassen oder besser ganz abzublasen, um sich zu besinnen, dass die Zweiteilung der Geschlechter – oder besser: ihre Zwei-Einheit –, ihre polare Komplementarität und – religiös gesprochen – ihr Auf-Einander-Hingeschaffensein einen tieferen Sinn erfüllt, ohne den die Welt nicht existieren könnte. Schon der selige Papst Johannes Paul II. schrieb in seinem „Brief an die Frauen“ (1995) von einem besonderen „Genius der Frau“, der sie vom Mann unterscheidet.

Denn: Mögen die anstrengenden, der Realität enthobenen Diskussionen der siebziger und achtziger Jahre auch hinter uns liegen, die Dispute und gesellschaftsverändernden Diskurse zum Thema Frau, Beruf und „Selbstverwirklichung“ haben Spuren hinterlassen. Die Heterogenität, was die Schwankungsbreite der Meinungen angeht, ist gewaltig. Der viel verwendete Begriff „Orientierungslosigkeit“ beschönt, dass nicht nur ganze „Rollenbilder“ ins Schwanken geraten sind, sondern „Identitäten verloren“ gehen. Wenn die deutschen Bischöfe der katholischen Kirche auf ihrer letzten Vollversammlung im Februar 2013 bereits anmahnen, Männer wie Frauen müssten „heute neu nach ihrer Rolle und Identität als Mann und Frau suchen“, dann ist tatsächlich höchste Not geboten, und es müssten alle Alarmglocken schrillen. Droht sogar jene Organisation orientierungslos zu werden, deren Gründer als Schöpfer der zwei Geschlechter schlechthin zu gelten hat? Halten wir die Fakten fest. Eigentlich braucht es keine wissenschaftlichen Studien, um den Nachweis zu erbringen, dass es „typisch weibliche“ Eigenschaften gibt. Dieser Tatbestand ist im Grunde nicht neu: Frauen sind im Durchschnitt einfühlsamer, anpassungsfähiger, gefühlsbetonter und sprachbegabter als Männer. Demgegenüber verfügen Männer über ein größeres Verständnis für Technik und Mathematik, für naturwissenschaftliche Zusammenhänge, sowie über ein ausgeprägteres räumliches Denkvermögen. Sie gehen systematischer, analytischer und prozessorientierter vor. Jungen beschäftigen sich im Spiel mit der Außenwelt mit technischen Gegenständen, Mädchen mit Kommunikation und Menschen. Die Forschung ist sich also einig, was die Unterschiede der Geschlechter angeht.

Dennoch treiben wahnwitzige Vorstellungen aus Egalia, einem Land, in dem alles absolut gleich zu sein hat – auch die Geschlechter – noch immer die irrsinnigsten Blüten: In ihrer Ausgabe vom Dezember 2012 berichtet die amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“ über das veränderte Outfit des letzten schwedischen Weihnachtskatalogs der Spielzeugkette Toys“R“Us. Die hatte dem Druck der schwedischen Regulierungsbehörde „Reklamombudsmannen“ nachgegeben und zeigte auf ihren im Katalog abgedruckten Fotos nun mit einem Barbie-Haus spielende und einer Puppe die Flasche gebende Jungen sowie Mädchen mit Gewehren und Actionfiguren. Ob das was genutzt hat und sich Eltern und Kinder davon beeindrucken lassen? Wohl nicht. Professor David Geary, Entwicklungspsychologe an der Universität von Missouri, bestätigte in dem Artikel: „Einer der größten und am schwierigsten zu beeinflussenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind die Spielzeugvorlieben von Kindern.“ Und er fuhr fort: „Der Katalog wird ziemlich sicher in ein paar Jahren verschwunden sein, wenn die Eltern erst einmal mitbekommen, dass ihre Kinder dieses Spielzeug nicht haben wollen.“ Die Autorin des The Atlantic-Beitrags kommentierte diese Stellungnahme übrigens mit den Worten: „Als meine Enkeltochter Eliza eine Spielzeugeisenbahn geschenkt bekam, legte sie diese in einen Kinderwagen und deckte sie mit einer Decke zu, damit sie ein wenig schlafen konnte.“

Beeindruckend und bedenkenswert sind zudem Ansätze aus Biologie und Psychoanalyse, die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf seelischem Gebiet mit leiblichen Verschiedenheiten in Beziehung zu setzen. Neben vielen anderen Auffälligkeiten in dieser Hinsicht besticht der Kontrast, der zwischen dem „empfangenden“ Charisma des Weiblichen und dem „initiierenden“ männlichen besteht. So stellen die sich schnell bewegenden, „aktiven“ Samenzellen den Gegenpart zum „Ruhepol“ des weiblichen Eies dar, was das „Empfangende“ des Weiblichen und das „Aktive“ des Männlichen widerspiegelt. Eine Analogie sehen manche in der maskulinen „Kreativität“, die einer femininen „Reproduktivität“ gegenübersteht. Gerade das Empfangen schöpferischer Kulturleistungen kann als unentbehrliche Aufgabe der Frau gesehen werden, weshalb die Dichterin Gertrud von Le Fort die Frau als „Bewahrerin und Pflegerin der geistigen Werte“ bezeichnet.

Hat diese Unterschiedlichkeit auf vielen Ebenen im Geistigen und Leiblichen von Mann und Frau praktische Konsequenzen? Natürlich. Wie man weiß, schlägt sich das in der Studien- und Berufswahl selbst in den Ländern nieder, die sich einer besonderen Frauenförderung verschrieben haben. Auch in Norwegen, dem Genderland Nr. 1, sind 90 Prozent der Ingenieure männlich, während 90 Prozent der in Pflegeberufen Beschäftigten weiblichen Geschlechts sind. Dass diese typisch weiblichen und typisch männlichen Eigenschaften offensichtlich von Natur aus angelegt sind und auf eine jeweils bestimmte Berufung abzielen, ist auch von den Päpsten immer wieder angemahnt worden. Papst Johannes Paul II. sagte in seiner Ansprache an die Mitglieder der italienischen Frauenvereinigung 2004: „Es ist wichtig, dass den Frauen diese ihre grundlegende Berufung lebendig im Bewusstsein bleibt: Sie verwirklichen sich selbst nur, wenn sie Liebe schenken, mit jenem einzigartigen ,Genius‘, der ,die Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen‘ gewährleistet.“ Wenn das alles so deutlich auf der Hand liegt, wie lässt sich dann diese Verunsicherung erklären, die Männer wie Frauen nach Identitäten „suchen“ lässt? Schon der Terminus „Identität“ steht ja in einem seltsamen Widerspruch zum allseits verwendeten und beliebten „Rollen“-Begriff: Mann und Frau spielten diese „vorgegebenen“ Rollen nur, diese können – wie im Theater – demnach auch vertauscht und aufgebrochen werden. Die Umwelt generiert via Werbung und Unterhaltungsindustrie tatsächlich „Rollen“, „Verhaltensmuster“, die gerne übernommen werden. Nachgerade Legion ist die Anzahl der Kriminalfilme im deutschen Fernsehen, in denen weibliche Kommissare in die Rolle der gefühlskalten, berechnenden Polizistinnen geschlüpft sind. Die ihr Privatleben nicht nur abgeklärt im Griff haben – als Single oder alleinerziehende Mütter – und ihre Fälle nicht nur cooler, souveräner, intelligenter als ihre männlichen Kollegen lösen, sondern mittlerweile den männlichen Gewalttätern auch an Muskelkraft überlegen sind. In „Tatort“-Folgen sieht man, wie Staatsanwältin und Kommissarin sich derbe Schläge beim Kampfsporttraining verabreichen, und bei „Stubbe“, wie die hochschwangere Tochter des Protagonisten einen Mörder jagt und überwältigt. Inzwischen dürfte die Zahl der deutschen TV-Kommissarinnen die gefühlte 70 Prozent-Marke überschritten haben, während sich in der Realität die Gewerkschaft der Polizei über einen, ihrer Ansicht nach, viel zu geringen Frauen-Anteil im Polizeidienst beklagt. Genau hier liegt das Problem der Orientierungslosigkeit: Ein von Gesellschaft und Medien vermitteltes unrealistisches Bild, das nicht mehr Maß nimmt am Charisma des Weiblichen, sondern männliche Leistungsvorgaben zum erstrebenswerten Maß der Dinge für die Frau werden lässt. Das doch frauenfeindlich ist, da es Mädchen und Frauen die Möglichkeit nimmt, ihren eigenen Genius voll auszuleben und ihre eigene Gestaltungsfreiheit einengt. Übrigens ist damit kein Werturteil verbunden. Mann und Frau sind gleich wert, aber nicht gleichartig.

Das „Aktive“, das In-der-Welt-Sein, wird heute höher geachtet, es wird mit „sichtbarer“ Leistung verbunden, die sich zudem in barer Münze auszahlt. Es erfährt demzufolge eine höhere Wertschätzung als das Leben Spendende und Bewahrende, das dennoch ebenso wichtig wie das Handeln in der Außenwelt ist. Man denke beispielsweise an ein Tätigkeitsfeld von Frauen, das nicht das einzige, aber dennoch ein wichtiges ist: Das Erziehen der Kinder innerhalb der Familien erfährt Geringschätzung seitens einer Gesellschaft, die Äußerlichkeiten höher bewertet als innere Gaben und als Werke, die sich der ständigen Selbstdarstellung und Evaluation durch andere entziehen. So haben Männer und Frauen in der Gesellschaft unterschiedliche Aufgaben, die ihrem jeweiligen Charisma entsprechen, wie es Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Ecclesia in America“ zusammenfasst: „Die Berufung der Frau verdient besondere Beachtung. Bereits bei anderer Gelegenheit war es mir ein Anliegen, meine Wertschätzung für den spezifischen Beitrag der Frau zum Fortschritt der Menschheit und meine Anerkennung ihrer berechtigten Bestrebungen, voll und ganz am kirchlichen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, zum Ausdruck zu bringen. Ohne diesen Beitrag würde ein Reichtum verloren gehen, den nur ,der Genius der Frau‘ zum kirchlichen Leben und zur Gesellschaft selbst beitragen kann.“ Papst Benedikt XVI. erinnerte an die Enzyklika „Mulieris dignitatem“: „Die Mann-Frau-Beziehung in ihrer jeweiligen Sonderheit, Reziprozität und Komplementarität bildet zweifellos einen zentralen Punkt der ,anthropologischen Frage‘, die für die zeitgenössische Kultur so entscheidend ist“, und er rief die Christen auf, die Würde der Frau anzuerkennen, die es ihr gestattet, „am Aufbau der Gesellschaft mitzuwirken, indem sie ihren typisch ,weiblichen Genius‘ einbringt“.

Männlicher Genius und weiblicher Genius ergänzen sich also – das eine ist ohne das andere nicht denkbar, selbst auf übernatürlicher Ebene findet dies seine Entsprechung, denn schließlich sind Mann und Frau von Gott geschaffen und darauf angelegt, miteinander – und nicht gegeneinander – zu wirken. Der Querdenker C. S. Lewis hat es einmal so formuliert: „Gott ist so männlich, dass die ganze Schöpfung ihm gegenüber weiblich zu sein scheint.“

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