Das Böse ist eben nicht ein bloßer, zu entlarvender Schein

Wie viele Herzen wohnen, ach, in Martin Wuttkes Brust? Der deutsche Schauspieler hat an der Berliner Schaubühne für den Regisseur Klaus-Michael Grüber als Goethes Orestes den Erinyen getrotzt, die ihn nach dem Muttermord an Klytaimestra bis nach Tauris gejagt haben und ist gleichwohl ein Protagonist an Frank Castorfs Volksbühne geworden, der am Rosa Luxemburg Platz den linken Theaterflügel der Stadt bespielt, und – als sei ihm dieser Spagat zwischen antagonistischen Regiewelten noch nicht exzentrisch genug – steht Wuttke, in einer Inszenierung von Heiner Müller, seit Jahren mit sensationellem Erfolg als Bertolt Brechts Arturo Ui auf der Bühne von Claus Peymanns Berliner Ensemble. Wer sich das alles als Schauspieler leistet, besser gesagt leisten kann, muss eine theatralische Ausnahmeerscheinung sein. Das ist Wuttke ganz ohne Zweifel.

Ob er auch ein bedeutender Regisseur ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Immerhin traut er sich Einiges zu. Nach einer speziellen Tragödien-Adaption, in der er am Berliner Ensemble Faust und Mephisto verkörpert, hat Wuttke nun am nämlichen Ort eine Collage nach Texten von Ernst Jünger erarbeitet und inszeniert, die er „Das abenteuerliche Herz: Droge und Rausch“ nennt. Weil über der Spielfläche Filmprojektionen zu sehen sind, in denen lange Passage aus Murnaus berühmter Faust-Verfilmung gezeigt werden, sieht Wuttke offenbar zwischen Goethe und Jünger Verbindungslinien, und in einem Zeitungsinterview bekennt er sich auch unumwunden dazu:

„Es gibt Passagen im ,Abenteuerlichen Herzen', da könnte man denken, dass Jünger Goethe aus einer modernen Perspektive heraus weiterdenkt. Zum Beispiel an der Stelle, wo Jünger das ,satanische' Getriebe einer Großstadt beschreibt, die wie narkotisiert wirkenden Passagiere von S-Bahnen. Es heißt da in Anspielung auf die Aufklärung, der Zweifel sei auch der ,Vater des Lichts und zugleich einer der Erzväter der Finsternis'. In diesem Schlüsseltext kommt Jünger zu einem Plädoyer für das Böse zu der Erkenntnis, dass der flache Humanismus völlig verfehlt ist, weil er unterschlägt, dass in uns noch etwas Anderes, Dunkles, Zerstörerisches verborgen ist, das sich durch pure Rationalität verwirklicht.“

In diesem Zitat kommt Vieles unziemlich zusammen, und deutlich wird, dass Wuttke Goethe und Jünger auf eine Weise missversteht, die nicht weiter von Interesse sein müsste, wenn ihr nicht etwas Zeittypisches anhaftete. Wer Mephisto und Faust als „Doppel-Ich“ anlegt und beide Personen zusammenführt, um die Gegensätze zwischen Teufel und Mensch als Schein zu entlarven, verunklart mit fatalen Folgen fürs Weitere den goetheschen Grundgedanken und Ausgangspunkt. Der geht bekanntlich auf eine Wette zwischen Goethes Gottvater und Mephistopheles zurück, und dieses teuflische Geistwesen ist nicht das dunkle Ich des Doktor Heinrich Faust, sondern Diabolus, der Durcheinanderwerfer, mithin die Personifizierung des Bösen selbst.

Ebenso falsch ist es, Ernst Jüngers Suche nach dem Urgrund der Schöpfung als ein „Plädoyer für das Böse“ auszugeben. Nun gehört es zum Credo der Moderne, das Dämonische entweder ganz zu leugnen oder, wo das nicht geht, als einen Teil der menschlichen Seele anzusehen. Diesem besonders von Sigmund Freud populär gemachten Glaubensbekenntnis der gottfernen Aufklärung scheint auch Wuttke bei seiner Jünger-Collage gefolgt zu sein. Er gibt als „Dr. Fancy“ erst weiß, dann später schwarz gekleidet, den exaltiert-hochfahrenden Magister Ludi für zehn junge Schauspieler, die Wuttkes bizarren Regieeinfällen zwar willig und durchaus nicht unbegabt folgen, die aber leider nicht in der Lage sind, die hochartistischen Prosatexte Jüngers so zu bewältigen, dass man dessen verwickelten Gedankengängen in eine Welt folgen könnte, in der Traum und Realität unlösbar miteinander verschmolzen sind.

Das Salongeplänkel ist nicht der Ort des Jünger'schen Ernstes

Wenn Wuttke, der ein begnadeter Sprachartist ist, selber spricht, stimmt die Richtung schon eher, und man ahnt, was mit einem Ensemble aus anderen Sprachartisten hätte entstehen können. Sicherlich hätte man etwas mehr von einem Spiel gehabt, das unter dem Strich ein durchaus unterhaltsames, amüsantes Abendvergnügen ist, dargeboten in einem morbiden gläsernen Miniatursalon, worin Menschen – die jungen Herren orientalisch gewandet, die jungen Damen in erotisch aufgeladenen Roben – uns vorspielen, wie es wäre, wenn sie statt Zigarettenrauch und Champagner härtere Drogen inhalierten.

Wer Jüngers „Abenteuerliches Herz“ als Salongeplänkel über Drogen und Rausch präsentiert, hat es gründlich missverstanden. Als 1929 die erste Fassung des Buches erschien, enttäuschte Jünger damit „vor allem all jene, die von ihm lediglich Rezepte für den nationalrevolutionären Kampf erwartet hatten“, weiß sein Biograf Heimo Schwilk zu berichten und stellt treffend fest, dass Jünger sich mit diesem Buch auf einen Schlag in eine europäische Moderne eingereiht hat. Denn hier reicht Jüngers Spannungsbogen von Poe, de Sade, bis Baudelaire und er nutzt literarische Verfahren, wie sie zeitgleich auch Louis Aragon, Walter Benjamin und Ernst Block entwickelt haben.

„Die spirituelle Mitte dieses emphatischen Buches“, so analysiert Heimo Schwilk luzide, „ist der mystische Glaube an den Sinn aller Erscheinungen und deren geheime Korrespondenz“. Es geht, um es in Ernst Jüngers eigenen Worten zu sagen, „um eine Verwandtschaft, die uns mit allen Dingen der Welt verbindet und unsere innere Perspektive bestimmt, denn überall hängt das Unsichtbare seine geheimen Angeln nach uns aus, und noch das kleinste, entfernteste Ding ist von jenem mystischen Leben erfüllt, von dem wir selbst ein Teilchen sind“.

Jüngers schriftstellerischer Ausgangspunkt – gerade auch für das „Abenteuerliche Herz“ – sind die Schlachten an der Westfront des Ersten Weltkriegs. Der Dichter als junger Mann ist ein vielfach verwundeter hochdekorierter Leutnant an der Front. Also ein Mensch in ständiger Todesgefahr. „Träumen heißt: unter ihrem Bildwerk den geheimen Sinn aufspüren, der sowohl der Nacht wie dem Tag zugrunde liegt. Es ist mein geheimer Stolz, dass ich hinter der Mathematik der Schlachten den prächtigen Traum witterte, in den sich das Leben stürzte, als ihm das Licht zu langweilig ward.“

Weil Martin Wuttke den wesentlichen Aspekt des Krieges in Jüngers Leben und Werk vollständig ausblendet, ist seine theatralische Beschäftigung mit dem Krieger, Anarch und Waldgänger eine Strecke mit zahlreichen Missverständnissen. Aber das einmal beiseite, darf die Frage nicht unberührt bleiben, ob Zitate aus dem „Abenteuerlichen Herzen“ und aus „Annäherungen. Drogen und Rausch“ oder Jüngertexte überhaupt, aufs Theater gehören. Vermutlich nicht. Denn Ernst Jünger hat für lesende Menschen geschrieben und für solche, die zuhören wollen und können. Richtig ist, dass Jünger nicht nur ein großer Stilist, sondern besonders in seinen belletristischen Werken auch einer war, der Sprachbilder schuf, die sich wie die Wellen am Meer anschicken, eins über das andere triumphierend hinwegzurollen. Gleichwohl sollte man der Versuchung widerstehen, die jüngerschen Bildwelten auf eine Theaterbühne stellen zu wollen.

Immerhin ist Wuttkes Intention zu loben, Jünger jenen fortschrittstrunkenen Kreisen nahezulegen, die ihn bisher nicht oder nur falsch vom Hörensagen gekannt haben. Was diese dann jedoch aus den Vexierspielen im stuckbeladenen Rangfoyer des Berliner Ensemble mit nach Hause nehmen, wird wohl doch bloß ein weiteres Kapitel in einem Buch sein, dem man den Titel „Irrungen und Wirrungen des Zeitgeistes“ geben müsste.

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