Das Antlitz Jesu

Der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, hat das Gemälde „Barmherziger Jesus“ von Michael Triegel in der Würzburger Pfarrkirche Sankt Peter und Paul gesegnet. Von Alexander Riebel
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2017 | Der „Barmherzige Jesus“ von Michael Triegel in Würzburg.
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2017 | Der „Barmherzige Jesus“ von Michael Triegel in Würzburg.

Kann es in unserer Epoche des permanenten Tabubruchs überhaupt noch ein Tabu geben? Das letzte Tabu wäre die Verweigerung des Tabubruchs, meinte der Künstler Michael Triegel am Samstag bei der Pressevorstellung seines Andachtsbildes „Barmherziger Jesus“ für die Pfarrkirche Sankt Peter und Paul in Würzburg.

Das Antlitz Jesu wurde schon lange nicht gemalt

Das Bild ist realistisch ausgeführt und schon lange hat kein Künstler mehr das Antlitz Jesu gemalt. Aber Triegel hatte den Mut. Das auf Holz gemalte Bild nach den Visionen der heiligen Schwester Maria Faustyna Kowalska zeigt einen aufrecht stehenden Jesus, der durch einen Türrahmen aus einem dunklen Hintergrund kommt. Mohnblüte und Schmetterling am Boden verweisen auf Tod und Auferstehung.

Die Segnunug des Bildes

Dass der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, das Bild in der Vorabendmesse zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit in der Kirche Sankt Peter und Paul gesegnet hat, ist kein Zufall. Denn als Papst Johannes Paul II. Schwester Faustyna am Sonntag nach Ostern 2000 heiligsprach, legte er auch fest, dass dieser Tag künftig als Sonntag der Barmherzigkeit gefeiert werden sollte. Johannes Paul II. hatte zu dem Datum erklärt, es sei äußerst bedeutsam, damit wir lernen, besser das Antlitz Jesu zu verstehen.

Schwester Faustyna und ihre Vision

In ihrem Tagebuch hatte Schwester Faustyna über ihre Vision der Erscheinung Jesu geschrieben, in dem sie notierte: „Am Abend, als ich in der Zelle war, erblickte ich Jesus, den Herrn, in einem weißen Gewand. Eine Hand war zum Segnen erhoben, die andere berührte das Gewand auf der Brust. Von der Öffnung des Gewandes an der Brust gingen zwei Strahlen aus, ein roter und ein blasser. Schweigend betrachtete ich den Herrn. Meine Seele war von Furcht, aber auch von großer Freude durchdrungen. Nach einer Weile sagte Jesus zu mir: Male ein Bild nach dem, was du siehst, mit der Unterschrift: Jesus, ich vertraue auf dich. Ich wünsche, dass dieses Bild verehrt wird, zuerst in eurer Kapelle, dann auf der ganzen Welt. Ich verspreche, dass jene Seele, die dieses Bild verehrt, nicht verloren geht. Ich verspreche auch hier schon auf Erden den Sieg über Feinde, besonders in der Stunde des Todes. Ich selbst werde sie verteidigen wie meine Ehre.“

Blut und Wasser

Aus den zwei Strahlen, rot und weiß nach der Vision, entspringt nach den Worten Bischof Hofmanns das Sakrale der Kirche – so sei das Bild Triegels auch kein Kunstwerk, sondern ein Andachtsbild. Die beiden Farben symbolisierten Blut und Wasser, das aus der geöffneten Seite Jesu ausfließe; Blut stehe für das Kreuzopfer und die Eucharistie, Wasser für die Taufe und das Sprudeln des ewigen Lebens.

Das Antlitz Jesu aus verschiedenen Blickwinkeln

Mit den Bildern, die auch schon zu Lebzeiten Schwester Faustynas gemalt wurden – sie selbst sah sich dazu nicht in der Lage –, sei die Aufforderung an die Betrachter verbunden, dass jeder selbst barmherzig werde. Das auf goldenem Untergrund geschaffene Antlitz Jesu sei „figürlich und altmeisterlich“ und wirke aus verschiedenen Blickwinkeln anders. Der Ausdruck in Triegels Gemälde lässt sich auch nicht auf Fotografien festhalten – „Jesus suchen heißt, ihn in der Schrift finden“, sagte Bischof Hofmann.

„Jesus ich vertraue auf dich“

Nach den Worten Schwester Faustynas schöpfen wir mit einem Gefäß aus den Wunden Jesu: mit dem Vertrauen. Darum auch die Aufschrift auf einem Zettel unten im Bild auf Augenhöhe des Betrachters: „Jesus ich vertraue auf dich“ – hier teilt sich auch die Handschrift des Künstlers mit. Bei der Weihe des Bildes sagte Bischof Hofmann, „Herr, niemand hat dich je gesehen, aber der Sohn hat uns Kunde von dir gegeben“, und so den Menschen das Ebenbild Gottes sichtbar gemacht.

Die Schönheit liegt in der Gnade

Die anschließende Lesung übernahm der Künstler selbst und trug aus dem Tagebuch Schwester Faustynas vor. Als sie damals die Anfertigung des ersten Bildes bei einem Künstler gesehen habe, empfand sie es nicht so schön, wie die Erscheinung Jesu in der Vision. Doch Jesus sagte ihr, die Schönheit liege nicht in der Farbe oder im Pinselstrich, sondern in seiner Gnade.

In jeder Kirche ein Bild unserer Zeit

Die Hintergründe und der abenteuerliche Weg zum Gemälde hat Michel Triegel im Gespräch mit Journalisten erläutert. Die Diözese Würzburg lege großen Wert darauf, in jeder Kirche ein Bild unserer Zeit zu haben, in dem sich Glaube und die Reflexionskraft der Kunst verbinde, sagte Domkapitular Jürgen Vorndran. Ostern bringe ja den Jubelruf des Psalmisten immer wieder in Erinnerung: „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Psalm 27). „Die Kraft des barmherzigen Blicks fasziniert mich“, sagte Vorndran vor dem Gemälde Triegels, „es ist das Bild des barmherzigen Blicks.“

Der Künstler sagte zunächst ab

Das Projekt, Michael Triegel das Bild für die Kirche malen zu lassen, habe Stadtvikar Christian Stadtmüller angestoßen. „Es könnte ein Abenteuerroman geschrieben werden“, meinte der Stadtvikar. Schwester Faustyna soll die „Sekretärin der Barmherzigkeit“ werden, habe Jesus zu ihr gesagt. Das bekannteste Bild gemäß ihrer Vision stamme von dem polnischen Maler Adolf Hyla – ein "Poster" davon hing in Sankt Peter und Paul, nachdem es gesegnet worden sei. Aber das Bild sei der Idee nicht gerecht geworden. Als Stadtmüller die Marienfenster Triegels in der evangelischen Schlosskirche in Köthen bei Leipzig gesehen habe, war er begeistert. Doch in dem dann beginnenden Briefwechsel habe Triegel zunächst abgesagt. Doch letztlich willigte er ein und die Kirchenstiftung habe einstimmig für Triegel entschieden.

„Im ersten Moment habe ich gedacht, das geht gar nicht“

Im Gespräch mit Benjamin Leven, Redakteur bei Herder-Korrespondenz, erzählte Triegel selbst die weitere Entstehung des Bildes. „Im ersten Moment habe ich gedacht, das geht gar nicht“, erläuterte Triegel, denn er wollte nicht einfach die bestehenden Bilder uminterpretieren. Auch hinsichtlich der Tagebücher von Schwester Faustyna sei er anfangs skeptisch gewesen. Sie hatte TBC in der Endphase ihrer Krankheit und das hätte mit ihren Visionen zu tun haben können. Aber als Katholik habe er dann eine andere Sicht entwickelt. Und als er ihre Zelle im Kloster besucht hatte, sei ihm klar geworden, wie sie in einem Akt der Barmherzigkeit den barmherzigen Jesus erkannt habe.

Der Realismus des Bildes soll der Schönheit Jesu entsprechen

Aber wie das Bild malen? Michael Triegel wollte sich nicht zuerst auf das Antlitz konzentrieren und dann nur noch den Rest des Bildes fertigstellen. Es zu konkret zu malen, würde ihm wiederum den Vorwurf einbringen, er sei dabei gewesen, befürchtete der Maler. Auch das Gesicht leer zu lassen, habe er erwogen. Auf jeden Fall müsse Jesus der schönste Mensch gewesen sein. In den letzten 70 Jahren habe man ihn in der Kunst nicht mehr konkret dargestellt. Schönheit ist für Triegel heute oft Lüge oder Thema der Warenwelt. Aber wenn wahre Schönheit nicht in der Realität vorkomme, könne er seine Arbeit beenden.

Die Details des Bildes sollen eine Geschichte erzählen

Als er in der Klosterzelle Auszüge aus den Tagebüchern mit der Szene, wie Jesus an der Klosterpforte stand, hörte, entstanden die erste Inspirationen zu seinem Bild. Dass der Schatten Jesu auf den Türrahmen fällt, ist ein Hinweis auf die Auferstehung. Das Schloss am linken Türrahmen ist aufgebrochen – die Tür zum Tod ist nicht mehr endgültig. Und das ungebügelte Gewand deutet auf das zuvor zusammengefaltete Tuch hin – so sollen die Details des Bildes eine Geschichte erzählen.

Die Menschen sollen mit dem Bild leben

Während der fünf Monate der Anfertigung des Bildes habe es dann immer wieder Momente gegeben, in denen Triegel gemerkt habe, dass er nur ein Werkzeug sei: „Ich habe das Bild laufen lassen.“ In der Kunst gehe es immer um mehr, als um den Künstler. Auch wenn die Menschen nicht alles über das Bild verstehen, ist es Triegel wichtig, dass sie mit dem Bild leben. Heute sage ja nur noch die Kirche, dass Kunst Gebrauchsgegenstände hervorbringe.

Themen & Autoren

Kirche