contra: Profis für Europas Sicherheit

Wie viele Kriege wurden in der Geschichte zuerst nicht verhindert und anschließend verloren, weil Politiker und Militärstrategen an die Logik der Kriege von gestern dachten! Auf die „Levée en masse“, die aus der links-egalitären Ideologie der Französischen Revolution geborene Massenaushebung des Jahres 1793, waren Frankreichs Nachbarn einfach nicht gefasst – noch auf Ideologisierung und Brutalisierung, die mit der Mobilmachung einhergingen. Dabei ist beides logisch: Ritter kämpfen für Land und Ehre, Söldner für Sold, Berufssoldaten des Jobs wegen. Echte Massenmobilisierung jedoch funktioniert nur, wenn normale, friedliche Menschen national ideologisiert und fanatisiert – also zur gefügigen Masse gemacht – werden, und wenn der Gegner dämonisiert, aller Menschlichkeit beraubt wird. So wurde das Zeitalter der fanatischen Ideologien auch zum Zeitalter der größten Gräuel an der Zivilbevölkerung. Die unsäglichen Kriegsparolen aller Seiten des Ersten Weltkriegs haben dies ebenso betrieben wie die rassistische Verteufelung des Feindes im Zweiten Weltkrieg. Die Folge aber ist jene Brutalität der „modernen“ Kriege, die weit über den vielen Kriegen eigenen Sadismus gegenüber der Zivilbevölkerung hinausgeht.

Die Einigung Europas und später der Zusammenbruch des Ostblocks haben der „Levée en masse“ die ideologische Grundlage genommen. Das moderne Europa setzt auf Versöhnung und Verständigung, nicht auf Nationalismus und fanatisierte Massen. Es will den Frieden erhalten, nicht Kriege gewinnen. Damit aber wurde die Frage „Wehrpflicht oder Berufsheer“ von einer ideologischen zu einer pragmatischen. Das gilt gerade für Deutschland, das für seine Nachbarn umso verträglicher ist, je weniger es seine nationalen Traumata in Ideologien abreagieren möchte. Das Deutschland Adenauers, Kohls und Merkels ist für die Nachbarn keine Bedrohung und kein Problem. Es braucht keine nationale oder anti-nationale Ideologie, sondern folgt seinen Interessen, die im vereinten Europa bestens aufgehoben sind. Dieses Deutschland kann die Frage „Wehrpflicht oder Berufsheer“ ebenso unideologisch, pragmatisch entscheiden wie das Mutterland der Wehrpflicht, Frankreich. Paris setzt – wie 20 der 27 EU-Mitgliedstaaten – längst auf ein Berufsheer, denn das weltpolitisch denkende Frankreich hat einen scharfen Blick für die Krisenherde, in die es militärisch involviert werden könnte. Wer nicht die Kriege von gestern, sondern die Konflikte von morgen ins Visier nimmt, sieht: Nur starke und durchsetzungswillige globale Allianzen können heute verhindern, dass regionale Konflikte zu einem Flächenbrand werden. Nur eine europäische Verteidigungsstrategie kann Europas Sicherheit gewährleisten. Nur eine hoch professionelle, unideologische europäische Armee hat für die Europäer langfristig Zukunft.

Nicht für das Verteidigungsbudget, sondern in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist das Berufsheer billiger. Angesichts der demographischen Krise ist es nicht mehr zu verantworten, junge Männer in der produktivsten Phase ihres Lebens für den Staat freizustellen. Deren Leistung wird volkswirtschaftlich dringend benötigt und ist in Jobs, Lehrberufen oder an der Uni besser aufgehoben als in der Kaserne. Ein Leerlauf junger Männer ist angesichts der Überalterung der Gesellschaft nicht mehr zu verantworten. Ein soziales Pflichtjahr für alle hätte dagegen volkswirtschaftlichen und pädagogischen Sinn.

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