Feuilleton

Clemens Brentano: Poet, Playboy und Pilger

Clemens Brentano: Ein Poet, Playboy und Pilger, der durch die katholische Mystik zum Wesentlichen seines Lebens fand. Von Stefan Meetschen
Clemens Brentano, Poet und Pilger
Foto: Foto: | Ein romantischer Poet, der zum „Pilger“ wurde: Clemens Brentano, wie ihn die Malerin Emilie Linder sah.IN

Da kömmt er ja.“ Als der romantische Dichter Clemens Brentano im Herbst 1818 in Dülmen aufkreuzte, um die Mystikerin Anna Katharina Emmerick aufzusuchen, sagte diese: „Ich kannte Sie, ehe Sie zu mir kamen. Oft ist mir in Vorgesichten meines Lebens ein Mann in dunkler Hautfarbe bei mir schreibend gezeigt worden; darum musste ich, als Sie zum ersten Mal in mein Zimmer traten, denken: ach, da ist er ja.“

Eine schlichte Reaktion, ein tiefes Wissen, ein von Wohlwollen geprägter Empfang, der auf Brentano alles andere als gewöhnlich wirken musste. Viele Zeitgenossen hatten sich über den im Jahr 1778 in Ehrenbreitsein als Sprössling einer angesehenen Kaufmannsfamilie geborenen Romantiker („Godwi oder das steinerne Bild der Mutter“, „Die Gründung Prags“) bereits ihre Gedanken gemacht und waren zu einem kritischen Ergebnis gekommen. Angefangen mit Goethes Mutter, die beim Blick auf den jungen Brentano meinte: „Dein Reich ist in den Wolken, und nicht von dieser Erde, und so oft es sich mit derselben berührt, wird's Tränen regnen.“

„Clemens, du bist ein Dämon!“ Sophie Mereau

Bretanos Frauen über den Dichter

Brentanos erste Frau, die Schriftstellerin Sophie Mereau, die er einem Professor ausspannte, erlebte die Zerrissenheit des Poeten bis zu ihrem frühen Tod 1806 hautnah mit. „Clemens, du bist ein Dämon!“, schrieb sie ihm in einem Brief. „Du bist wunderlich, du bist ein Geist, kein Mensch! Du kannst Dinge aussprechen, die das innerste Wesen des andern zerreißen; wie von einer fremden, bösartigen Macht gezwungen, sagt deine Zunge oft Worte, von denen dein Herz, dein Verstand nichts wissen können, die auch das nicht verschonen, was du selbst für das Heiligste erkennst.“ (zitiert nach: Clemens Brentano: Die Zauberwaffen der Poesie, hrsg. Von Hans Magnus Enzensberger, Nachwort, 1981, S. 322f.)

Brentanos zweite Frau, Auguste Bußmann, hielt es – so wie er bei ihr – nur kurze Zeit an der Seite dieses Mannes aus, der „immer von Leidenschaften beherrscht war (auch selbst von guten) und dessen immense Phantasie so oft über das nüchterne Urtheil und die einfache Wahrheit ging“, wie es die Dichterin Luise Hensel (1798–1876) anschaulich beschrieben hat. Aus eigener Erfahrung – allerdings widerstand die Pastorentochter, Pädagogin und Dichterin den Annäherungsversuchen des sarkastischen Playboys erfolgreich.

Der schwierige Weg hin zur Berufung und Lebensaufgabe

Zu dem Zeitpunkt, als Brentano in Dülmen eintraf, war er sich selbst seiner eigenen Existenz – trotz vorheriger Generalbeichte – nicht mehr sicher. Sein Ruf in den Berliner Salons war durch einen sich lang hinziehenden Streit mit Rahel Varnhagen ziemlich demoliert. Seinem publizistischen Ehrgeiz stand ein Konflikt mit Heinrich von Kleist im Weg. Seine Hoffnung, als Dramatiker in Wien an den Erfolg anknüpfen zu können, der ihm bei der Mitherausgabe der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (zusammen mit Achim von Arnim) beschieden gewesen war, hatte sich schmerzlich zerschlagen. Was nun?

Tatsächlich fand Clemens Brentano in der westfälischen Provinzstadt am Bett der stigmatisierten Augustinernonne als „Pilger“, „Schreiber“ oder „Protokollant des Wunders“, wie er seine Funktion selbst bezeichnete, seine eigentliche Berufung, seine Lebensaufgabe: Während der fast sechs Jahre, die er in Dülmen verbrachte, schrieb Brentano all das nieder, was Anna Katharina Emmerick in Visionen sah und miterlebte. Eine ganze Menge: vom Leben Mariens bis zur Passion Jesu Christi, von den Geheimnissen des Alten bis hin zu denen des Neuen Bundes, ferner eine Biographie der Seherin. Zwölftausend Blätter in Folioformat, wie Arthur Hoffmann im Vorwort zur Ausgabe des „Ersten Lehrjahrs Jesu“ schreibt, „das Blatt vierfach gekreuzt und dann halbseitig beschriftet, wobei er jede Viertelseite nummerierte und mit dem Datum versah“.

Eine mystisch-romantische Kooperation mit Anna-Katharina Emmerick

Über den genauen Ablauf der mystisch-romantischen Kooperation schreibt Hoffmann weiter:

„Täglich besuchte er Anna Katharina in ihrem Stübchen und notierte sich auf einem Blatt, was sie auf ihren Exkursionen in der Nacht erlebt hatte. In seiner nahegelegenen Wohnung arbeitete er die Angaben aus, die sie ihm gemacht hatte. Am Nachmittag oder Abend kam er wieder, um ihr den niedergeschriebenen Text vorzulesen. Dieser wurde zuweilen geändert, verbessert und ergänzt. Das war der geplante Tagesrhythmus.“

Eine Planung, die hin und wieder gestört wurde – durch äußere Einwirkung, durch Emmericks physische Schwäche oder durch Brentanos Tendenz, den anderen Menschen brutal aufzusaugen, was gegenüber Anna Katharina Emmerick durch allerlei Authentizitäts-Experimente geschah. Legte er ihr doch immer wieder sakrale und profane Gegenstände vor, um ihre Unterscheidungsgabe zu testen.

Schon bald empfand der Kreis um die Seherin die Präsenz Brentanos als unerträglich. „... Der Mann ist gut, sein Durchbruch ungeheuer, sein Glaube eisenfest, seine Werke christlich und groß; allein sein überspanntes Dichtergenie passt nicht für eine zarte Seele, in eine schlichte bürgerliche Wirtschaft...“. (Brief des Arztes Dr. Wesener an Dechant Overberg vom 20. Januar 1819, zitiert nach: Anton Brieger: Clemens Brentano. Weg und Wandlung, 2006, S. 423) Brentano sah es etwas anders, sprach von einer „Intrige des Teufels“, womit seine Gegner gemeint waren, und hielt unerschütterlich an seiner Aufgabe fest.

Positiver Einfluss auf die katholische Spiritualität von Clemens Brentano

Dass Brentano aufgrund seiner umfassenden Bildung und stilistischen Begabung die Visionen der im Jahr 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochenen Mystikerin entscheidend mit beeinflusst haben könnte, wird bis heute diskutiert. Unumstritten ist dagegen der positive Einfluss der Emmerick auf seine katholische Spiritualität und kirchliche Bindung.

„An dem Bette dieser wundervollen Seligen, lieblichen, liebenswürdigen, bäurischen, einfältigen, lustigen, todkrank, nahrungslos übernatürlich lebendigen Freundinn habe ich erst ganz begriffen, was die Kirche Gottes ist“ Clemes Brentano

„An dem Bette dieser wundervollen Seligen, lieblichen, liebenswürdigen, bäurischen, einfältigen, lustigen, todkrank, nahrungslos übernatürlich lebendigen Freundinn habe ich erst ganz begriffen, was die Kirche Gottes ist“, schrieb er in einem Brief an Luise Hensel, die sich damals ihrerseits der katholischen Kirche annäherte. (Zitiert nach: Hartwig Schultz: Schwarzer Schmetterling. Zwanzig Kapitel aus dem Leben des romantischen Dichters Clemens Brentano, 2000, S. 389)

Nach Emmericks Tod geriet Clemens Brentano erneut in eine Krise

Nach dem Tod Anna Katharina Emmericks im Februar 1824 geriet Brentano erneut in eine Krise. „Noch weiß ich keinen Ausweg, keine Zukunft, Gott muß helfen“, schrieb er am 11. Februar 1824 an einen Bekannten. „Sie lebt nicht mehr, die Welt scheint mir viel leerer und schwerer!“ (ebd., S. 409) Dabei stand die Aufgabe eigentlich fest: die Dülmener Notizen in Buchform zu bringen. Doch pragmatische Zielgerichtetheit war seine Sache nie. Mit Joseph Görres entwickelte Brentano stattdessen das Konzept für ein Sachbuch über die „Barmherzigen Schwestern“, das er auch ausführte.

Publikation der Visionen von Anna Katharina Emmerich

Im Jahr 1833 erschien dann aber doch die erste publizistische Frucht der Dülmener Zeit: „Das Bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich“. Ein grandioser Bucherfolg – bis heute. Dass Brentano der Autor dieser Schrift war, wussten zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung nur wenige.

Die anderen Visionen wurden erst nach seinem Tod 1842 publiziert. Gerade die Visionen der Emmerick, welche die Entstehung und die Zukunft der Kirche betreffen, genießen keine große Bekanntheit. Zu Unrecht. Weshalb man dem Christiana-Verlag im Fe-Medienverlag sehr dankbar sein kann, dass die Gesammelten Visionen der Seligen in diesem Jahr in neuer Ausgabe erschienen sind (alle 6 Bände und eine gebundene Biografie von Clemens Brentano).

So erfährt man im Band vier, der vom dritten Lehrjahr Jesu handelt, wie die erste Heilige Messe gefeiert wurde. „Petrus hatte seinen bischöflichen Mantel angelegt und las die Messe. Johannes und Jakobus der Jüngere dienten ihm. (...) Nachdem Petrus kommuniziert hatte, reichte er den beiden Ministrierenden auch das Heiligste Sakrament und auch den Kelch. Hierauf reichte Johannes den anderen das Heiligste Sakrament; Maria empfing es zuerst, dann die Apostel, dann sechs Jünger, welche nachher die Priesterweihe empfingen, und noch viele andere. Die Empfangenden knieten und hatten ein Tuch, eine schmale Bahn, vor sich, welche zwei auf beiden Seiten hielten. Alle diese aber sah ich den Kelch nicht empfangen.“

Auch für die Zukunft der Kirche wird die Gottesmutter laut Anna Katharina Emmerick eine wichtige Rolle spielen. Während „eine ungeheure Menge Menschen“ versuche, die Peterskirche „niederzureißen“, sei Maria nicht weit entfernt. „Da erblickte ich aber eine majestätische Frau über den großen Platz vor der Kirche wandeln. Ihren weiten Mantel hatte sie mit beiden Armen gefasst und schwebte leise in die Höhe. Sie stand auf der Kuppel und breitete weit über den ganzen Raum der Kirche ihren Mantel, der wie von Gold strahlte.“ (Geheimnisse des Alten und des Neuen Bundes)

In Dülmen entdeckte Clemens Brentano, dass sich dann, wenn das Reich Gottes und die Erde sich berühren, keine Poesie mehr mitkommt. So lernte er neu, dem Wort zu dienen. Und zu vertrauen.

Erweiterte Fassung eines Artikels, der zuerst im Vatican magazin erschienen ist.

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