„Christus wandelt unsere Sonnenuntergänge in Morgenröten“

Zum 1 800.Todestag des großen Kirchenvaters Clemens von Alexandrien. Von Marie-Thérese Knöbl
Foto: IN | Der Kirchenvater Clemens von Alexandrien.
Foto: IN | Der Kirchenvater Clemens von Alexandrien.

Vor 1 800 Jahren, am 28. Februar 215, starb in Kappadokien der um 150 nach Christus in Athen geborene Theologe und Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria. Mit ihm starb ein großer Gelehrter und Verteidiger der Werte des Christentums in einem rasanten und für Christen nicht ungefährlichen multireligiösen Umfeld. Clemens von Alexandrien war der Lehrer des Origines und seine Werke wurden in der Spätantike und darüber hinaus in der Ostkirche noch lange Zeit sehr geschätzt, während er in der römisch-katholischen Kirche lange Zeit leider nicht ausreichend gewürdigt wurde. Letzteres wohl auch aufgrund fehlender Sprachkenntnisse, denn die Schriften Clemens von Alexandriens wurden im Mittelalter im Unterschied zu denen anderer Kirchenväter nicht ins Lateinische übersetzt. Von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit ist und bleibt jedoch Clemens? Beitrag einer christlichen Rezeption antiker Autoren und damit der Integration der paganen Bildung in die Geschichte der christlichen Dogmatik.

Die Liebe zur Kirche und zu den Menschen

Wie Origines, Eusebius, Gegor von Nazianz und Gregor von Nyssa war Clemens von Alexandrien ein Verteidiger der Klassischen Bildung, wozu natürlich die paganen griechischen und lateinischen Autoren gehörten. Nur so konnte dem Christentum eine stabile Position in dem nicht-christlichen Umfeld gelingen, das es im hellenistischen Ägypten und Kleinasien, also der Region der heutigen Länder Türkei, Libanon und Syrien antraf. Clemens von Alexandrien respektierte die nicht-christlichen Kulturen dieser Länder und kannte sie sehr gut. Doch hielt er sie, anders als manche heutigen Vertreter sogenannter Inkulturationsmodelle und -theorien nicht für letztgültig, gleich oder gar höher gestellt als die christliche Kultur, sondern sah in ihnen auf hoffnungsfrohe Art und Weise wichtige, je eigen ausgeprägte Vorstufen auf dem Weg zu Jesus Christus. In den Worten von Clemens von Alexandrien bedeutete dies hinsichtlich der drei anderen dominanten Kulturen im Mittelmeerraum, dem Gnostizismus, dem Heidentum und dem Judentum – denn der Islam existierte ja bekanntermaßen noch nicht: „Die Griechen wurden durch die griechische Kultur auf Jesus Christus vorbereitet, so wie die Juden durch das Gesetz auf Jesus Christus vorbereitet wurden.“

Folgerichtig gibt es für Clemens von Alexandrien auch nur einen Arzt für uns Menschen, Jesus Christus. Nur Er vermag unsere Seele und unseren Körper, unseren Geist zu heilen, nur Er vermag uns der Gnaden Gottes teilhaftig werden zu lassen. Wie Platon vor ihm verwendet deshalb auch der mit Platon- und Euripideszitaten und -anspielungen geschickt operierende alexandrinische Theologe Clemens von Alexandrien zahlreiche Bilder und Metaphern aus dem Bereich der Medizin, wo es ihm um den Menschen und damit auch um Fragen des sozialen Miteinanders und der Sorge des Menschen um sein Seelenheil geht. Letztere verpflichtet jedoch nach Clemens von Alexandrien den Menschen zu einer Befreiung der Fixierung auf sich selbst, was nichts zu tun hat mit den heutigen Lehren der Karma-Theoretiker westlicher Spielarten des Hinduismus und Buddhismus, die nicht selten gepaart sind mit dem Heilsversprechen eines schöneren Körpers zu stolzen Preisen in den Yoga-Studios der europäischen und amerikanischen Metropolen. Doch bei Clemens entkommt der Mensch seiner Ich-Fixiertheit nicht durch das Erlernen von Vorübungen ins Nirwana durch Tiefenentspannung und Atemtechniken, sondern einzig und allein durch Einsicht in seine Sündhaftigkeit, Reue, Umkehr und die konsequente Ausrichtung seines Lebens auf Christus. Die Heilung der Seele hat dabei stets Priorität und bewirkt eine ganzheitliche Heilung des Menschen, wie Clemens von Alexandrien an zahlreichen Stellen seiner Lehrschriften betont, weshalb er auch als Entdecker einer am christlichen Menschenbild orientierten Psychosomatik gelten darf. Und doch geht der von Clemens gemeinte Ansatz des Heilens Jesu Christi weit über jede medizinische Einzeldisziplin hinaus. So verwundert es nicht, dass Papst Benedikt XVI. in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Africae Munus“ an die Afrikanischen Kirchen diesen angesichts der weit verbreiteten Krankheiten auf dem gebeutelten Kontinent mit einem Wort von Clemens von Alexandrien Mut zuspricht: „ Wer hat mehr Mitleid mit uns gehabt als Er – mit uns, die wir gleichsam getötet waren durch die Mächte der Welt der Finsternis, gequält von einer Vielzahl von Verwundungen, von Ängsten, Wünschen, Wut, Kümmernissen, von Lügen und von Vergnügungen? Der einzige Arzt für diese Verwundungen ist Jesus.“ (Clemens von Alexandrien, Welcher Reiche wird gerettet? 29)

Aber nicht nur die Entwicklung einer christlichen Ethik und Psychosomatik, auch die Liebe zur Kirche ist, wie bei allen Heiligen, tief im Werk des Clemens von Alexandrien verwurzelt, und mit ihr ein zutiefst marianisches Verständnis der Kirche: „Es gibt nur eine einzige jungfräuliche Mutter“, so Clemens, „und ich liebe es, sie Kirche zu nennen.“ Damit ergänzt er die Orientierung am Logos der hellenistischen griechischen Philosophie und der Gnostik um das entscheidende Element der Güte, Liebe und Barmherzigkeit als den zentralen Wirkprinzipien der Kirche und des christlichen Lebens und Handelns („O welch geheimnisvolles Wunder! Einer ist der Vater aller Dinge, einer auch der Logos aller Dinge, und der Heilige Geist ein und derselbe überall, und es gibt auch nur eine einzige jungfräuliche Mutter; und ich liebe es, sie Kirche zu nennen“ (Clemens von Alexandrien, Paidagogikos 1,6,42). Daraus resultieren praktische Konsequenzen für das soziale Miteinander. Die damals im Mittelmeerraum weit verbreitete, in nicht-christlichem Umfeld heute noch übliche Praxis von Kindesaussetzung, Zwangsheirat und Menschenhandel lehnte Clemens von Alexandrien entschieden ab. Darin unterschied sich seine Position deutlich von der ihn umgebenden nicht-christlichen Kultur, doch formulierte er seine Position in der gebildeten Heiden und Juden geläufigen Sprache des Griechischen und stützte seine Argumentation mit Zitaten und Beispielen aus der griechischen und jüdischen Literatur. Das von Nietzsche als Sklavenmoral und bereits von seinem antiken alter ego Celsos im 2. Jahrhundert nach Christus als „Religion der kleinen Leute“ denunzierte Christentum stellte Clemens von Alexandrien so in einem dynamischen multikulturellen Umfeld auf anspruchsvolle, inhaltlich reiche und in Machart und Führung des roten (und über weite Strecken hinweg auch goldenen) Fadens äußerst polychrome und raffiniert geknüpfte „Teppiche“ – so nämlich der Titel des mehrbändigen Hauptwerks des großen Theologen.

Wir feiern in Clemens von Alexandrien einen großen Kirchenvater, der in einer Zeit kultureller Umbrüche den christlichen Glauben in interkulturell hochgelehrter, gütiger und großherziger Art und Weise auf ein neues, geistig wie seelisch durchdrungenes Fundament stellte. Darauf hat auch „Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et Ratio“ verwiesen (vgl. insbesondere Nr. 36-48). Wie aktuell die Notwendigkeit eines weiten, christlich geschulten Blicks ist, lehren uns die großen Umwälzungen und Probleme unserer Zeit. Dabei hat Clemens von Alexandrien nie angeklagt, nie moralistisch belehrt. Stets hat er das ganze Bild, den Bezug zur Lebenswirklichkeit und kulturellen Vorbildung seiner Leser im Blick. Auf eine sanfte, stille, von tiefer Frömmigkeit und einem großen, heiteren Seelenfrieden geprägt wie in unseren Tagen der große Gelehrte Papst Benedikt XVI. und der fröhliche Papst Franziskus hat er es unternommen, allen Menschen Hoffnung zu geben, ohne sich einzelnen Interessengruppen anzubiedern oder die Heiligkeit der Kirche und die Priorität ihrer Werte für uns Menschen zu verraten. In einem schönen, für seine literarisch geschulte Feder typischen dichterischem Bild hat Clemens von Alexandrien dieser seiner Hoffnung, seinem Glauben und seiner Liebe zu den Menschen in Jesus Christus Ausdruck verliehen, indem er seinen Mitmenschen in einer Zeit großer Verunsicherung und kultureller Veränderung in christologischer Güte und eschatologischem Weitblick zurief: „Christus hat all unsere Sonnenuntergänge in Morgenröten umgewandelt.“

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