Christus ist der Handelnde

Gespräch mit Brigitte Maria Mayer, Fotografin und Regisseurin von „Jesus Cries“. Von Stefan Meetschen
Foto: Privat | Brigitte Maria Mayer, die Frau des verstorbenen Dramatikers Heiner Müller.
Foto: Privat | Brigitte Maria Mayer, die Frau des verstorbenen Dramatikers Heiner Müller.
Frau Mayer, Ihr verstorbener Ehemann, der Dramatiker Heiner Müller, hat Anfang der 1990er Jahre gesagt: „Im nächsten Jahrtausend muss es zur Allianz von Kommunismus und Katholizismus kommen. Die Realität gibt nur nach, wenn man sich gegen sie verbündet.“ Jetzt haben wir die globalisierten Finanzmärkte und die europäische Finanzkrise: Von der Allianz ist aber noch nicht so viel zu sehen. Wie lang müssen wir noch warten?

Es ging Heiner Müller, der übrigens ein großer Zahlenmystiker war, sensibel für die Ziffern 3,4,7 und 12, immer um einen größeren Raum. Einen Raum, der einen Himmel beinhaltet. Ihm war klar, wenn dieser Raum für die Menschen verschwindet, dann versinken die Menschen in Depressionen und Nichtigkeit. Ich denke, dass man gerade deshalb heute den utopischen Stoff der Bibel wiederentdecken sollte. Denn es gibt kaum noch Utopien. Alles ist Management, aber ohne eine Idee dahinter. Es lohnt sich, wieder in die Bibel zu schauen und sie zu lesen.

Sie haben die Bibel nicht nur gelesen, sondern haben sogar für ein Bibel-Filmprojekt eine Zeit lang in Äthiopien gelebt. Was ist Ihnen dort in punkto Menschlichkeit und Religiosität aufgefallen? Ist man in diesen Weltgegenden offener für Spiritualität?

Ich wollte unbedingt in ein Land reisen, in welchem der Glaube im Alltag verhaftet ist. Das war mein Ziel. Ich habe mich dort sehr heimisch gefühlt. Die Leute dort denken nach oben hin orientiert. Es gibt eine Vertikale, nicht nur das horizontale Sein. Die Verbindung mit Gott ist wichtig, wie ein Ort, wo man etwas abgeben kann. Das hat mich begeistert. Obwohl die Gesellschaft dort durchaus modern ist, hält sie sich an Fastentage und bestimmte Rituale.

Sie sind mit dem Zweitnamen Maria in Regensburg aufgewachsen und katholisch erzogen worden. Welche Bedeutung hat das Oben, die Vertikale für Sie persönlich?

Mich hat die christliche Lebenswelt stets fasziniert. Vor allem die Malerei und die Räume. Weniger die Predigten und das Bild des strafenden Gottes, das manchmal auch vermittelt wurde. Auf der Schule im Religionsunterricht wurde dann viel gesungen und diskutiert, während man die Bibellektüre leider vernachlässigt hat.

Sie arbeiten zurzeit mit jungen Schauspielern an einem Filmprojekt, das den Titel „Jesus Cries“ trägt. Worum geht es da?

Es geht um die Geschichte von Jesus, aber sie spielt in einer fiktiven Zukunft. Ich möchte dadurch deutlich machen, dass wir nicht in einer Welt leben, in der Gleichzeitigkeit herrscht. Auf dem Land in Äthiopien leben die Menschen in einer anderen Zeitstufe als die Menschen in Berlin oder Paris, und wir leben in einer anderen Zeitstufe als die Menschen in Hongkong. Das drückt sich in Geschwindigkeit aus. In dieser fiktiven Zukunft kommen alle Zeiten zusammen. Die verschiedenen Geschwindigkeiten prallen aufeinander. Da ist ein Zugang, der mir über die Malerei deutlich geworden ist, die immer zeitgenössisch war. Man hat die Geschichten der Bibel genommen und sie in das eigene Umfeld gesetzt. In die Kostüme und Landschaften der eigenen Zeit.

Und warum weint Jesus?

„Jesus Cries“ hat eine Doppelbedeutung – Jesus weint, Jesus schreit. Diese Gefühlsambivalenz ist wichtig. Natürlich ist Jesus der Liebende, aber man darf diesen Aspekt nicht verharmlosen. In meinem Drehbuch weint er über den Judaskuss, über den Verrat. Aber es gibt auch den Jesus, der mit göttlichem Zorn auftritt. Deshalb beginnt die Geschichte im Film mit der Tempelreinigung.

Jesus als prophetischer Wutbürger!

Heutzutage wird viel geredet, viel diskutiert, aber es wird kaum noch gehandelt. Jesus ist in meinen Augen jemand, der handelt, der etwas verändern möchte. Wenn Sie so wollen, nimmt mein Jesus die von Heiner Müller prognostizierte Allianz vorweg. Heiner Müller hat mir oft gesagt, dass der Kommunismus als säkularisierte Bergpredigt zu begreifen ist. Nun muss man zugeben, dass die Idee der Gerechtigkeit sehr alt ist. Sie erscheint immer wieder im neuen Gewand. Mir war es wichtig, die Idee der Gerechtigkeit im Gewand von Jesus zu zeigen. Das Reich Gottes nicht als eine abstrakte oder gar fundamentalistische Idee zu zeigen, sondern als ein gesellschaftliches Programm.

Auf der Internet-Plattform www.startnext.de kann man bereits ein Kurzvideo zu dem Projekt sehen. Was bei „Jesus Cries“ auffällt, ist die starke Textlastigkeit. Ist die Ausstattung noch so spartanisch, weil das Geld für die Kulissen und Kostüme fehlt?

Genauso ist es. Es ist kein Trailer von dem Film, sondern wir wollen zeigen, was uns fehlt. Es soll schließlich ein Spielfilm mit künstlerischem Anspruch werden.

In dem Kurzvideo sieht man, dass es Ihnen nicht nur um Gerechtigkeit dreht, sondern um existenzielle Fragen: Den Umgang mit Schuld, mit Verrat. Was fasziniert Sie daran?

Mir ist der Fokus auf die Jünger wichtig: Was passiert, wenn ein Großer stirbt? Was ist nötig, damit die Anhänger wirklich eine Revolution machen? Dass sie für die Idee des Mannes weiterkämpfen? Das hat mich interessiert. Am Anfang waren die Jünger sicher verwirrt. Voller Selbstzweifel, sie haben sich gegenseitig Vorwürfe gemacht. Die Gruppe musste sich erst wieder zusammenfinden. In meinem Stück entscheidet sich ein Jünger sogar, nicht weiterzumachen, sondern sich ins Private zurückzuziehen. Die anderen sagen: Nein, er war der Messias. Wir machen weiter!

Eigentlich gilt der Heilige Geist als Motor der Weltmission. Kann Schuld auch ein Motor sein? Bleibt man dabei nicht egoistisch, Ich-verfangen?

Ich denke, Schuld als Motor ist in Ordnung. Heiner Müller sagte öfter: Uns Marxisten interessiert nicht die Ursache, sondern die Folge. Vielleicht kann Schuld nicht der alleinige Antrieb für die Evangelisation sein, aber auf der menschlichen Ebene ist Schuld durchaus beachtenswert. Immerhin haben die Jünger miterleben müssen, wie Jesus gekreuzigt wurde. Sie haben es zugelassen. Deshalb fühlten sie sich zu Beginn schuldig.

Wie erklären Sie sich, dass der Dialog zwischen der Kirche und den Kulturarbeitern oft so zäh, so entfremdet wirkt? Wünschen Sie sich von der Kirche mehr Unterstützung? Oder müssen die Künstler mehr für die Kirche tun?

Beides ist wichtig. Papst Benedikt XVI. hatte sich ja eine stärkere Kooperation zwischen beiden Seiten gewünscht. Die Kirche hat immer sehr stark durch die Kraft ihrer Bilder gewirkt. Das hat leider irgendwann aufgehört. Ich finde, man sollte diese Tradition wieder fortsetzen. Für viele Kulturarbeiter ist das allerdings radioaktives Gebiet. Gerade die jetzt im Kulturbetrieb arbeitenden Kinder der 68er verbinden mit Kirche leider nur Ideologie. Dabei haben sich viele gar nicht mit der Sache, mit dem Inhalt beschäftigt.

Sind Sie mit dem religiösen Wissen Ihrer jungen Schauspieler zufrieden?

Ich musste nicht so viel erklären, weil sie das Drehbuch kannten. Viel hängt vom familiären Hintergrund ab. Aber wir sprechen schon viel über die Evangelien. Manche haben mich gefragt: Welches Evangelium soll ich zum Einstieg lesen? Dann habe ich gesagt: Fang mal mit Matthäus an, aber am besten liest Du alle vier. Und dann die Apostelbriefe.

Vor 20 Jahren haben Sie einen Band mit Fotografien, Skizzen und Fragmenten aus den letzten fünf Lebensjahren Ihres Mannes veröffentlicht. Sehr persönliche Aufnahmen. Auch Ihre gemeinsame Tochter Anna ist – damals noch ein Kind – zu sehen. Das Buch trägt den Titel: „Der Tod ist ein Irrtum“. Worte von Heiner Müller, der dazu auch schrieb: „Mit der Wiederkehr der Farbe droht die Auferstehung“. Wie deuten Sie diese Worte heute, als Jesus-Regisseurin?

Das stammt aus einem späten Gedicht. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass dies im Zusammenhang mit Inge Müller steht, seiner ersten Frau, mit der er sich in der letzten Lebenszeit viel beschäftigt hat. Die Farbe steht insofern für die Erinnerung. Es ist ja so, dass Menschen, die uns nahestanden und nicht mehr leben, doch mit einer ungeheuren Präsenz wiederkommen können. Man kann davor Angst haben oder nicht.

Haben Sie bei Ihrem Projekt „Jesus Cries“ auch ein bisschen Angst vor der Auferstehung?

Ich habe mir bei meinem Film natürlich Gedanken über die Auferstehung gemacht. Ich glaube an die Auferstehung, in welcher Form auch immer.

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