Corona

Christen sollten sich nicht gegen die Impfung stellen

Warum die Impfung gegen Covid-19 moralisch geboten ist: Eine Betrachtung der Pandemie mit Immanuel Kant und der christlichen Sozialethik.
Papst besucht Corona-Impfzentrum
Foto: dpa | Im Vatikan, wo es auch ein Impfzentrum gibt, das Papst Franziskus am Karfreitag dieses Jahres besuchte, sagt man Ja zum Impfen gegen Covid-19.

Seit Wochen, zumal seit der Explosion der Inzidenzzahlen, tobt in der Öffentlichkeit, vor allem im Netz, in Talkshows und auf Demonstrationen ein Meinungskampf um den Sinn und die Pflicht der Impfung gegen Covid-19. Die vernünftige Mitte wird von rechts (Alice Weidel) und links (Sarah Wagenknecht) unter Druck gesetzt. Die Fronten sind verhärtet und spalten die Gesellschaft, obwohl über zwei Drittel der Bevölkerung und die jeweiligen Regierungen als Impfbefürworter gelten. Regierungspolitik und Leitmedien befürworten die Impfkampagne, Ethik-Kommissionen scheuen oft klare Aussagen. Bekannte Virologen und Epidemiologen schlagen Alarm, die aktuellen Zahlen geben ihnen leider recht. Ist daher die Covid 19-Impfung auch an sich „moralisch geboten“, wie es jüngst verschiedene Kirchenvertreter deutlich sagten?

„Grundlose Impfverweigerung ist ungerechtfertigt
und macht mitschuldig an Triage-Situationen“

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Die physische und psychische Gesundheit ist ein hohes Gut. Jeder Mensch ist verpflichtet, das Mögliche für seine Gesundheit zu tun und Ungesundes zu meiden. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: „Das Leben und die Gesundheit sind wertvolle, uns von Gott anvertraute Güter. Wir haben für sie auf vernünftigerweise Sorge zu tragen und dabei auch die Bedürfnisse anderer und das Gemeinwohl zu berücksichtigen“ (2288). Leben und Gesundheit sind hohe, aber nicht höchste Güter, nicht „summum bonum“ wie Gott, Wahrheit oder Freiheit, für die einige bis zur Hingabe ihres Lebens und ihrer Gesundheit Zeugnis ablegen. Das ewige Heil steht für Gläubige vor innerweltlichem Wohlergehen.

Es ist aber üblich geworden, bei Geburtstagsgratulationen nicht in erster Linie den Segen Gottes, sondern „vor allem“ Gesundheit zu wünschen, denn ohne Gesundheit sei alles nichts. Was soll ein kranker Mensch von solchen Floskeln halten? Wenn Gesundheit das höchste Gut ist, öffnen sich Tür und Tor für Suizid- und Sterbehilfe-Angebote, die seit kurzem auch in Deutschland rechtens sind. In diesem „Gesundheitswahn“ (Manfred Lütz) stehen auch Politiker, denen es nur um Leben und Überleben, nicht aber um Lebensqualität, Gerechtigkeit, Grundrechte und Freiheit geht. In der Corona-Politik der Bundesregierung und vor allem des bayerischen Ministerpräsidenten zählte immer zuerst der Schutz der physischen Gesundheit, für die psychische Gesundheit vor allem von Kindern und Jugendlichen, aber auch von in Heimen eingesperrten Älteren, fehlte meist das Sensorium. Dauerhafte sozialpsychologische Kollateralschäden finden weniger Aufmerksamkeit als kurzzeitige Inzidenzzahlen.

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Auch der Gottesbezug der „Corona Challenge“ (Sandra Dorn) wird meist übersehen. Die Lektüre des Romans „Die Pest“ des französischen Atheisten Albert Camus könnte hier für die Theodizee-Frage mehr sensibilisieren als theologisches Schönreden, die Corona-Pandemie sei natürlich keine „Strafe Gottes“ (solches zu denken ist für einen bayerischen Erzbischof gar „Blasphemie“). Wenn aber katholische Bischöfe wie in Augsburg, Berlin, Passau oder Eichstätt in der Pandemie ihr Bistum dem Herzen Jesu und der Fürsprache Mariens weihen, lässt Spott und Häme auch aus eigenen Reihen nicht lange auf sich warten. Der Regensburger Prälat Wilhelm Imkamp meinte dazu in einem Gespräch mit Henryk M. Broder, dass die Gläubigen des Mittelalters mit der Pest besser zurande kamen als die Aufgeklärten der Jetztzeit mit Corona.

Der Sozialethiker Wolfgang Ockenfels konstatiert: „Diese Seuche wird vor allem in der staatlichen und ökonomischen Realität nachhaltige Spuren hinterlassen. Manche sehen jetzt schon eine Zeitenwende kommen, in der die modernen Fortschritts- und Wohlstandserwartungen erhebliche Risse erhalten. Zumal Notzustände wie diese zu staatlichen Maßnahmen führen, die schon jetzt weder ökonomisch noch politisch in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen sind mit bisherigen freiheitlichen Ordnungsvorstellungen von Rechtsstaat, Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. Das wird auch die traditionelle Katholische Soziallehre verändern“ (Die Neue Ordnung 2/2021, 83). Wichtig bleibt die Unterscheidung des religiös-gläubigen Bereiches, in dem Christen und Katholiken, die in Loyalität zum kirchlichen Lehramt des Papstes und der Bischöfe stehen, sich in aller Vielfalt und ökumenischen Weite um ein einheitliches Zeugnis bemühen, vom politisch-praktischen Bereich, in dem sie bei Orientierung am Dekalog und am Gebot der Gottes- und Nächstenliebe in Einzelfragen durchaus verschiedene Ansichten vertreten können.

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Mit der seit Ende Dezember 2020 verabreichten RNA-Impfung zunächst von Biontech-Pfizer, dann auch von anderen Firmen, leuchtet die Möglichkeit eines Endes und einer Beherrschung der Pandemie auf. Man weiß, dass die Impfung einer Auffrischung bedarf und nicht 100 Prozent vor Infizierung schützt, aber sehr vor schwerem Verlauf einer Erkrankung. Für eine moralisch-ethische Bewertung der Impfung stellte der Moraltheologe Josef Spindelböck (St. Pölten) drei Kriterien auf, denen die Maxime vorangestellt ist, dass wer sich gegen eine gefährliche Krankheit impfen lässt, grundsätzlich einen begrüßenswerten Beitrag für die Erhaltung der eigenen Gesundheit und die anderer Menschen leistet. Erstens: Der Impfstoff soll wirksam sein und zugleich arm an möglichen schweren Nebenwirkungen. Das treffe für die Corona-Impfstoffe zu; zweitens: Die Entwicklung, Herstellung und Anwendung des jeweiligen Impfstoffes sollen moralisch einwandfrei sein. Es gebe dabei eine gestufte Verantwortung.

Diesbezügliche Bedenken wegen der Verwendung von Zelllinien abgetriebener menschlicher Föten bei der Entwicklung, aber nicht im Impfstoff selbst, hat die Glaubenskongregation in einer Note vom 21. Dezember 2020 beantwortet und den Impfstoff als dennoch „moralisch akzeptabel“ beurteilt, wenn künftig diese Praxis nach Möglichkeit ausgeschlossen wird; drittens: Impfungen sollen grundsätzlich freiwillig sein, außer es besteht ein hohes Ansteckungsrisiko bei einer gefährlichen Krankheit, wie es Covid 19 zweifellos ist (nachlesbar bei www.stjosef.at). Damit sind auch eine allgemeine Impfpflicht und ein 2G-Reglement moralisch-ethisch nicht ausgeschlossen. Grundlose Impfverweigerung ist ungerechtfertigt und macht mitschuldig an Triage-Situationen.

Querdenker in der Opferrolle mit Judenstern

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Es würde die heftigen Diskussionen um Impfung und Impfpflicht wesentlich erleichtern, wenn sie nicht wie bisher unter dem Aspekt der Individualmoral oder Gesinnungsethik geführt würden, sondern unter dem der am Gemeinwohl orientierten Sozialmoral und Verantwortungsethik. Deshalb hat Papst Franziskus auch – für manche vielleicht etwas zu emotional – von dem Empfang der Covid-Impfung als einem „Akt der Nächstenliebe“ gesprochen. Die christliche Sozialethik und die Ethik der praktischen Vernunft eines Immanuel Kant können Polarisierungen und Spaltungen leichter verhindern als „Moralkeulen“ gleich welcher oft dubiosen Herkunft.

Ungeimpfte „Querdenker“, die sich in ihrer Opferrolle gelbe Judensterne anheften oder von Bill-Gates-Chips sprechen, können nicht ernst genommen werden. Wer sich jeder Vernunft verschließt, exkludiert sich selbst aus der Gesellschaft, wird zum Fall für Sozialarbeit oder Psychotherapie.

Christen kämpfen nicht gegen Politiker oder „Menschen aus Fleisch und Blut“, auch nicht gegen ein Virus, „sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen“ (Epheser 6, 12).

Niemand weiß, wie lange dieser geistliche Kampf andauert, wie es nach dem Ende der Pandemie in Staat, Kirche und Welt weitergeht, welche Schäden sie verursacht. Aber es gibt für Christen eine nie endende Hoffnung. Denn nicht das Tun der Politik oder die Macht des Schicksals, sondern göttliche Vorsehung behält das letzte Wort. Dieses Vertrauen erleichtert vernünftige Entscheidungen. Christen sollten daher mutig vorangehen und sich nicht skeptisch gegen die Covid 19-Impfung stellen.

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