Literatur

Charles Péguy: Kritiker der Moderne

Der Schriftsteller Charles Péguy empfahl tiefes Gottvertrauen als Heilmittel: Er war ein hellsichtiger Kritiker der Moderne. Von Urs Buhlmann
Charles Péguy - Verschiedene Gesichter einer Person
Foto: IN

Keine dem Zeitgeist gefällige Erscheinung, weder im Leben noch im Schreiben, war Charles Pierre Péguy (1873–1914). Von der liberalen Internationalen als unverbesserlicher Nationalist, Reaktionär und Rechtskatholik verdammt – man weiß nicht, was schlimmer ist –, wird er in letzter Zeit von Literaten aller Richtungen als hellsichtiger Modernitätskritiker wiederentdeckt.

Herkunft und Werdegang von Charles Péguy

Aus einer französischen Symbolstadt, Orléans, stammend, war Péguy das Kind kleiner Leute. Das Klischee „arm und fromm“ trifft hier zu. Sein Vater, Tischler von Beruf, stirbt früh; so wächst er bei der Mutter, einer Stuhlflickerin, und der Großmutter, Bäuerin und Analphabetin, auf.

Wohl kein günstiger Start ins geistige Leben, aber Charles zeigt Talent, kann nach der Volksschule mit einem Stipendium das Gymnasium in Orléans besuchen, dann ein besser angesehenes Lycée in Sceaux. Die Kleinstadt unweit von Paris mit ihrem Schloss samt Gartenanlagen von Le Notre hat mit dem Lycée Lakanal eine Ausbildungsstätte, die bis zum heutigen Tag Vorbereitungsklassen auf die berühmten „Grandes Ecoles“ anbietet, die französischen Elite-Hochschulen. Hier wurde Charles die bestmögliche intellektuelle Erziehung zuteil und es verwundert nicht, dass er das mit einem sehr gut absolvierten Abitur dankte. Besonders tritt er in den alten Sprachen hervor.

1892 rückt Charles – mittlerweile Sozialist geworden – beim Militär ein, als Halbwaise muss er nur ein Jahr dienen. Es schließt sich ein Lizenziat in Philosophie an, Voraussetzung dafür, an einer der großen Schulen, der École Normale Supérieure, zugelassen werden. Im dritten Anlauf schafft er die Aufnahmeprüfung für das 1795 gegründete Institut, das geeigneten Nachwuchs für die Universitätslaufbahn und die besseren Gymnasien hervorbringen soll. Henri Bergson ist einer seiner Lehrer.

Doch 1898 verlässt Péguy nach Nicht-Bestehen der „Agrégation“ die „Normale“ wieder. In dem völlig verschulten, durch ständige Prüfungen gekennzeichneten französischen Hochschulwesen stellt die Agrégation keinen Studienabschluss, sondern nur eine weitere Zwischenprüfung dar, für die man aber bereits nachweisen muss, was man heute einen „Master“-Abschluss nennt. Es ist im Prinzip keine Schande, hier durchzufallen; es bedeutet wohl, dass man sich die Laufbahn eines Universitätslehrers aus dem Kopf schlagen kann.

Buchhändler und Schriftsteller

Péguy zieht sich in klassischer Weise aus der Affäre, indem er zum Buchhändler und Schriftsteller wird. Wohl noch ein Tribut an die Geburtsstadt ist sein 1897 unter Pseudonym erschienenes Drama „Jeanne d'Arc“, beeinflusst durch den Besuch einer Antigone-Aufführung. Die mittelalterliche Landsmännin wird bei ihm zur Ikone reiner Religiosität, die nicht nur gegen den Feind, sondern auch gegen die Sünde kämpft. Die sogar der Hölle den Kampf ansagt – hier meldet sich der kämpferische Sozialist, der neben Zola vehement für Dreyfus eintritt, den fälschlicherweise des Landesverrats bezichtigten jüdischen Offiziers.

Um wirken zu können, hatte Péguy inzwischen zusammen mit Freunden die Buchhandlung „Librairie Georges Bellais“ gegründet, sowie später noch die Zeitschrift „Cahiers“, die von 1900 bis 1914 Bestand hatte. Mit ihr organisiert er eine Art Dauerdebatte über den Zustand der Gesellschaft, wie es ähnlich Karl Kraus in Österreich unternimmt.

1899 war er aus der sozialistischen Partei wieder ausgetreten. Sein Eintreten für Gerechtigkeit und Moralität ist universal, er will nicht nur die Begnadigung des antisemitischen Vorurteilen zum Opfer gefallenen Hauptmanns, er will nichts weniger als die Reinigung des ganzen Landes. Seine Devise:

„Eine große Philosophie ist nicht eine fehlerlose, sondern eine furchtlose.“

Abkehr vom Sozialismus und Rückwendung zum Katholizismus

Der sozialistische Ansatz scheint ihm aber nicht mehr geeignet. Er ist pessimistisch, was die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Neuordnung angeht: Arm und Reich wird es immer geben, die Kluft ist auch durch eifrigen Aufstiegswillen nicht zu schließen. Den Charles für seine Person aber gar nicht hatte. Zu dem, was er zu Hause gelernt hatte, gehört die „Ehre der Arbeit“ und diese Ehre der Arbeit und des Arbeiters verfestigt sich bei ihm zum geradezu religiösen Gefühl. Péguy sieht sich auf der Seite des „Volkes“ und er ist auch nicht der einzige damals, der diesen Begriff verklärt: „Weg mit den Polstersesseln, einen Holzschemel unter den Hintern.“

Immer kritischer wird seine Haltung zum Sozialismus, immer merklicher seine Rückwendung zum Katholizismus der Kindheit (ohne dass er wieder regelmäßiger Kirchgänger wurde). Ab etwa dem Jahre 1906 ist dies in seinem Denken und Schreiben nachweisbar. In „La double racination“ schreibt er: „Jede Seele, die sich rettet, rettet auch ihren Leib.“

Annäherung an den rechten Flügel des französischen Katholizismus

Die Linken interessieren sich aber nicht besonders für die Seele. Péguy widerspricht öffentlich Sozialisten-Chef Jaures und macht sich damit im roten Lager unbeliebt. Das Aufkommen von Partei-Taktik, von im Hinterzimmer ausgetüftelten Strategien, widert ihn an. Lieber beschäftigt er sich noch einmal mit Jeanne d'Arc, die er in einem neuen Drama (Mystere de la Charité de Jeanne d'Arc, 1909) mystisch überhöht: Es ist Christus, der in Jeanne leidet und es ist Er, der ihr die Kraft gibt, in ihrer Mission durchzuhalten. Mit dieser Geschichts-Sicht nähert er sich, ob er will oder nicht, dem rechten Flügel des französischen Katholizismus an.

Neben politischen Polemiken entstehen fast nur noch innig-fromme Verswerke, die einen geradezu kindlichen Glauben verraten: „Le porche du mystere de la deuxieme vertu“, 1911, und „Le mystere des Saints Innocents“, 1912, später von Henry Barraud für Bariton und großes Orchester vertont. Wie hier aus dem Blickwinkel des Vaters die Kinder und die Heiligen als reine und zugleich einzige Welt der Hoffnung gepriesen und hymnisch in freien Rhythmen besungen werden, das steht einzigartig da in der zeitgenössischen Dichtung Frankreichs und Europas.

Es ist vor allem tiefes Gottesvertrauen, das im Dichter wirkt und das er auch allen anderen als Heilmittel empfiehlt. Auch Liebe zur Gottesmutter wird von Péguy gepredigt, der Gedichte-Zyklus „Tapisserie de Notre Dame“, der in Versform gegossene Gebete enthält, wirkt wie aus dem Mittelalter auf uns gekommen.

Das politische Wollen von Charles Péguy

In seinem politischen Wollen ist er klar im Denken und im Schreiben: „Wir stehen alle an der Front“, hat Hans Urs von Balthasar 1953 eine von ihm herausgegebene Sammlung von Aufsätzen und Stellungnahmen Péguys betitelt. Es ist, wenig überraschend in der heutigen geistigen Situation, diese Seite Péguys, die wieder auf Interesse stößt.

„Das Geld“, ein Pamphlet von 1913, unlängst von Alexander Pschera für den schicken Berliner Verlag Matthes & Seitz neu übersetzt, liest sich wie eine der aktuellen Anti-Kapitalismus-Fibeln. Unter Berufung auf das „Volk“, das ewige Frankreich, das ländlich-sittlich oder kleinbürgerlich verstanden wird, bläst Péguy zur Attacke gegen die Finanzwirtschaft, wie es selbst „Attac“ gefallen müsste.

Kritik an der Zerstörung der alten Ordnung

Das traditionelle Arbeitsethos, wie der Autor es noch in der Kindheit erlebt hatte, die gemächliche Verbindung von ruhigen, aber intensiven Arbeitsstunden, einem Pastis oder Glas Rotwein nachher, dem Gang zur Kirche und den familiären Pflichten ist durch die neue, dem Profit verpflichtete Ordnung zerstört worden. Die zudem auf einer Lüge aufgebaut ist:

„Heute spricht man nur von der Gleichheit. Und wir leben in der ungeheuerlichsten ökonomischen Ungleichheit, die man in der Weltgeschichte jemals gesehen hat.“

Der Frankreich-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, Joseph Hanimann, vermag in seiner unlängst erschienenen Biografie Péguys auch die widersprüchlich erscheinenden Seiten des Franzosen zu erklären. Mit seiner Kritik an der Erscheinungsform der katholischen Kirche, von der er eine stärkere Orientierung an der Lebenswirklichkeit verlangt, sei er zum Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils geworden.

Parallelen zu Ernst Jünger

Der vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges immer deutlicher spürbare Nationalismus des Autors sei als Reaktion auf ein zunehmend imperialistisch und militaristisch auftretendes Deutschland zu erklären, während er zugleich den blinden Pazifismus der Linken geißelte.

Man soll den Vergleich nicht überstrapazieren – denn Péguy blieb, wenn auch nicht nominell, ein christlicher Sozialist –, aber in der Modernitätskritik ist er Ernst Jünger ähnlich, etwa in dessen Essay „Der Arbeiter“ von 1932. Für beide ist die Zukunft nicht automatisch das Neuere, Bessere, das alle Lösungen bereithält.

Kritik am Liberalismus und Tod in der Schlacht an der Marne

„Hinter dem beschworenen Neuen“, schrieb Michael Stallknecht in der „Neue Zürcher Zeitung“, „sah er (Péguy) oft nur älteste Hüte, hinter den sich als objektiv beschreibenden Wissenschaften ein neues Glaubenssystem, hinter der eingeforderten Toleranz eine respektlose Indifferenz und im Liberalismus nur neue Sachzwänge.“ – „Freiheitlich sein“, schrieb er ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, „bedeutet genau das Gegenteil von modernistisch sein, und nur durch einen unglaublichen Missbrauch der Sprache kommen wir dazu, beide Begriffe zu verwechseln.“

Oberleutnant Péguy fiel am 5. September 1914, kurz vor Beginn der Schlacht an der Marne, durch den Kopfschuss eines Scharfschützen. Er ist auf dem Soldatenfriedhof von Chauconin-Neufmontiers beigesetzt.

Empfohlenes Videoreportage über Charles Péguy

https://www.arte.tv/de/videos/095370-000-A/chartres-charles-peguy-auf-glaubenssuche/

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