CD-Besprechung

CD-Besprechung

Er ist einer der umstrittensten Theologen des Hochmittelalters und zugleich einer, den zu lesen und in dessen Gedankenwelten einzutauchen heute notwendiger ist denn je. Denn Meister Eckhard, wie die Tradition den zwischen 1256 und 1260 auf Burg Tannbach bei Dietharz in Thüringen als Sohn einer Ministerialen Familie geborenen Dominikaner nannte, war zweifellos ein Grenzgänger. Von mystischer Tiefenschärfe und von leuchtender Klarheit sind seine Gedanken, die er so prägnant zu vermitteln verstand, dass er mit seinen Predigten nicht nur gebildete Theologen, sondern auch einfache Menschen erreichte.

„Barmherzigkeit bekleidet die Seele mit dem Kleid Gottes“, ist einer dieser Sätze, deren Wahrheit warm ist, wie der Mantel der Liebe, von dem umhüllt der visionäre Theologe sein Wesen dem Licht zuwandte, das unerreichbar nah den Mittelpunkt seines Betens und Denkens bildete.

Das renommierte Ensemble Cosmedin hat dem Theologen nun eine Audio CD gewidmet, die sich in Text und Musik der Gedankenwelt des Mystikers annähert. Mehr noch: Stephanie und Christoph Haas schaffen in dieser neuen Einspielung einen Erfahrungsraum, indem die Zuhörenden selbst diese Annäherung wagen können. Dass sie denen, die mit wachen Ohren zu hören verstehen, gelingen kann, ist ohne Zweifel. Denn hier wird nicht einfach nur auf höchstem Niveau musiziert und rezitiert. Es wird vielmehr glaubhaft verkündet. Das ist ungewöhnlich auf dem Feld professioneller Musiker, die fast durchweg exzellent zu arrangieren und zu interpretieren verstehen, auch Einfühlungsvermögen aufweisen, wenn es um liturgische Musik geht aber dennoch oft haarscharf am Kern vorbei musizieren. Dessen Glühen zu verpassen bedeutet aber, eine leere, zwar klangschöne aber bedeutungslose Hülle anzubieten. Das ist auf dieser CD anders. Stephanie und Christoph Haas singen und spielen nicht nur klangvoll, facettenreich und sensitiv, sie glauben und verstehen auch, was sie da musizieren und rezitieren. Letzteres wird bei allen Texten, besonders aber bei dem in Mittelhochdeutsch vorgetragenen, anonym überlieferten, aber zeitweise Meister Eckhart zugeschriebenen Gedicht „In dem begin“ deutlich. Stephanie Haas spricht die alte Sprache völlig natürlich, ohne theatralisches Pathos, genauso, wie der Dichter sie, dem Quell seiner Inspiration lauschend, seinen Hörern im 14. Jahrhundert vorgetragen haben mag. Und auch die Texte Meister Eckharts klingen auf dieser CD so frisch, als wären sie vom Dichter eben erst gefunden worden. Die Auswahl der Texte wird theologisch versierte Hörer auch deshalb besonders überzeugen, weil sie ganz klar macht, dass Meister Eckart mit seinem Gott in der Schöpfung erkennenden Denken, das sich in der Tradition Hildegard von Bingens bewegt, deren Antiphon Karitas abundat auf dieser CD ebenfalls zu hören ist, über das scholastische Theologisieren hinausgeht, man ihm aber, liest und hört man genau, Pantheismus gerade nicht vorwerfen kann. Deshalb erscheint diese CD in jenem Kairos, an dem sie zu hören Not-wenig ist. Denn heute ist die Fähigkeit zur Unterscheidung schwach. Aber das kann man ändern, zum Beispiel, indem man in jene durchbeteten Räume oder Kraftorte zurückkehrt, in denen die Begegnung mit dem Heiligen möglich ist.

Die CD, deren Titel „Liebe kennt kein Warum“ dem gleichnamigen Text Meister Eckharts entnommen ist, ist, wenn man so will, ein tragbarer Erfahrungsraum. Sie kombiniert gut ausgewählte Texte Meister Eckharts mit liturgischer Musik des Mittelalters und instrumentalen Improvisationen und Kompositionen.

In ihnen schafft Christoph Haas Klanggewebe, die das Denken Meister Eckharts in tönende Lichtfäden übersetzen. Der Musiker und Komponist zeigt auch auf dieser CD seine bemerkenswerte Fähigkeit, Zeitgeschichte, in diesem Fall das Leben, Denken und Beten Meister Eckharts, in Klang umzusetzen.

Die meisten der Gesänge stammen aus dem Erfurter Rituale, einer Handschrift, die der Kanoniker und Kantor Conrad von Rode 1301 für den Gebrauch des Priesters an der Erfurter Benediktskirche anfertigen ließ. Das Rituale spiegelt die liturgische Situation jener Zeit, in der auch Meister Eckhart in Erfurt lebte, und gibt den Hörern Gelegenheit, sich in sein Singen und Beten einzuschwingen. Die Gesänge entstammen der altrömischen Tradition und spiegeln auch manchen liturgischen Inkulturationsprozess wie beispielsweise durch die Einbeziehung des „Adorna thalamum“, eines Prozessionsgesanges zum Fest der Darstellung des Herrn, das im Verlauf des 7./8. Jahrhunderts aus der griechisch-orthodoxen in die lateinische Liturgie übernommen wurde. Dass dieses Rituale, dass seit 1638 außer Gebrauch war, in der Erfurter Predigerkirche verwahrt und 1998 von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin im Archiv der Gemeinde wiederentdeckt wurde, bis heute erhalten geblieben ist, gab Stephanie und Christoph Haas die Chance, dieses einzigartige liturgische Dokument wieder hörbar zu machen. Die CD ist ein kostbares Dokument, das das Werk eines klaren Denkers neu nachvollziehbar macht. BSt

Meister Eckart: Liebe kennt kein Warum. Musik und Texte der Mystik. Ensemble Cosmedin. Eos audio 2018, EUR 19,95

 
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