Bruderliebe über den Tod hinaus

Trotz inszenatorischer Schwächen wegen des Sujets sehenswert: der Spielfilm „Wie durch ein Wunder“ Von José García

Auf das Prädikat „gut gemeint“ greifen Buch- oder Filmkritiker gerne zurück, wenn das zu beurteilende Werk etwa eine hehre Botschaft zu vermitteln sucht oder sich literarisch beziehungsweise filmisch einiges vorgenommen hat, eine ungelenkte Umsetzung jedoch all diese hohen Ziele konterkariert. Dies trifft leider auch auf den nun anlaufenden Film von Burr Steers „Wie durch ein Wunder“ („Charlie St. Cloud“) zu.

Der auf dem gleichnamigen Roman (im Original: „The Death and Life of Charlie St. Cloud“) von Ben Sherwood basierende Spielfilm zeigt zu Beginn die innige Beziehung zwischen zwei Brüdern: Charlie (Zac Efron) hat die Schule erfolgreich abgeschlossen. Ein Stipendium für die berühmte Stanford-Universität ist dem Star-Segler bereits zugesagt. Der begabte Schüler bereitet sich darauf vor, von seinem verschlafenen Heimatstädtchen an der Pazifikküste in die große, weite Welt zu ziehen. Wie sollte er vom deutlich jüngeren Bruder Sam (Charlie Tahan) nicht bewundert werden, zumal Charlie für Sam die Stelle eines Ersatzvaters einnimmt, da sie von der alleinerziehenden Mutter Claire St. Cloud (Kim Basinger) großgezogen wurden? Ein tragischer Autounfall in der Nähe eines Friedhofs macht Charlies Zukunftspläne indes zunichte: Er und Sam kommen ums Leben und schwören sich in den Momenten „danach“, auf immer zusammenzubleiben. Die Wiederbelebungsmaßnahmen des Notarztes Florio (Ray Liotta) holen allerdings Charlie wieder ins Leben zurück. Bei Sam kommt jedoch jede Hilfe zu spät.

Jahre vergehen. Charlie lebt in einer Blockhütte in der Nähe des Friedhofs, auf dem er arbeitet, um jeden Abend zu einer besonderen Verabredung pünktlich zu kommen. Denn sobald er die Böllerschüsse hört, die in seinem Städtchen den Abend ankündigen, begibt er sich zu einer bestimmten Waldlichtung, wo er Tag für Tag mit seinem verstorbenen Bruder Sam das Baseballwerfen übt. Charlie hat sich an sein Versprechen gehalten, den kleinen Bruder nicht alleine zu lassen. Allerdings auf Kosten der eigenen Entwicklung: Sein Segelboot liegt im Trockendock, seine College- und Familiengründungspläne hat er aufgegeben – im Gegensatz zu seiner Mutter, die kurz nach dem Unfall in eine andere Stadt zog und aus Charlies Leben sowie dem Gesichtsfeld des Zuschauers auf Nimmerwiedersehen verschwand. Aus seinem lethargischen Leben erwacht Charlie erst, als er seiner ehemaligen Schulkameradin Tess (Amanda Crew) wieder begegnet. Ist es ein Wink des Schicksals, dass Tess wieder in sein Leben tritt, um dann nach einer Segel-Ausfahrt in einem Sturm vermisst zu werden? Denn Charlie muss sich entscheiden: Wenn er aufs Meer fährt, um Tess zu suchen, bricht er das solange gehaltene Versprechen gegenüber Sam.

Die Story, die sich so zusammengefasst ganz interessant anhört, wird von Regisseur Burr Steers allerdings hart an der Grenze zwischen Rührung und Kitsch inszeniert. Dafür greift Steers auf eine allzu plakative Musik und auf eine Bildgestaltung zurück, die mit ihren rosaroten Sonnenuntergängen eher an Rosemunde Pilchner-Ästhetik erinnert. Schwerer wiegt es jedoch, dass die Handlung schon im Drehbuch einige Logiklöcher aufweist. Beispielsweise, ob Charlies Fähigkeit, Tote zu sehen, sich auf seinen Bruder beschränkt oder auch andere betrifft. Für letztere Annahme spricht etwa, dass Charlie einen im Krieg gefallenen, ehemaligen Klassenkameraden einmal kurz auf dem Friedhof trifft. Ob der Kurzauftritt von Charlies Mutter eher mit Produktionszwängen zu tun haben könnte, weil das Budget nur für 1-2 Drehtage mit Kim Basinger ausreichte, sei dahingestellt. Das ist insbesondere schade, weil die Geschichte bemerkenswerte Fragen behandelt, etwa eine Bruderliebe über den Tod hinaus oder auch den Mut zur Trauerbewältigung. Darüber hinaus führt „Wie durch ein Wunder“ im Notarzt Florio Ferrente eine Figur mit Seltenheitswert im heutigen Film ein. Denn dieser Arzt setzt auf die Kraft des Gebetes. So heißt es im Roman: „Einen Moment lang kniete er nieder und sprach, wie jedes Mal, wenn er sich an die Arbeit machte, ein kurzes Stoßgebet: ,Gib mir Mut. Gib mir Kraft. Bitte, Herrgott, steh mir jetzt bei‘.“ Im Film ist die Stelle zu sehen: „Für einen Moment wanderten seine Finger zu dem abgewetzten Medaillon, das er um den Hals trug. Sankt Judas der verzweifelten Situationen.“ Dieses Medaillon wird später im Film bei der Entscheidung Charlies, die zweite Chance aufzugreifen, eine besondere Rolle spielen.

Sehenswert ist „Wie durch ein Wunder“ trotz der teilweise haarsträubenden Inszenierung deshalb, weil der Film Mut macht, sich über Leben und Tod Gedanken zu machen. Wäre er nicht nur gut gemeint, sondern gut, wäre aus „Wie ein durch Wunder“ ein richtig guter Spielfilm geworden.

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