Brotloser Künstler entdeckt Seelenverwandte

Mit beinah musikalischem Gespür setzt der Fernsehfilm „Seit du da bist“ verschiedene Figuren miteinander in Beziehung. Von José García
Foto: WDR | Der brotlose Künstler Jarek (Manuel Rubey) lernt die Geigenlehrerin Clara (Martina Gedeck) kennen, als er die neunjährige Tochter seiner Exfreundin zum wöchentlichen Geigenunterricht bringt.

Über das Verhältnis von Familie und Beruf handeln immer wieder Kino- und Fernsehfilme in allen möglichen Variationen. Dem Sujet etwas Neues abzugewinnen, scheint gar nicht so einfach. Drehbuchautor und Regisseur Michael Hofmann gelingt es jedoch mit seinem Fernsehfilm „Seit du da bist“, den die ARD am Mittwochabend ausstrahlt, durchaus.

Jarek (Manuel Rubey) hat wieder einmal kein Glück in der Gemeinschaftsausstellung. Enttäuscht, weil nur die Werke der anderen Künstler Interesse wecken, verlässt er die Galerie. Draußen trifft er zufällig auf Exfreundin Alina (Katharina Schüttler). Ein Wiedersehen, das Folgen haben wird. Allerdings nicht auf die Art und Weise einer konventionellen romantischen Komödie. Von Anfang an konterkariert Michael Hofmann die Erwartungen der Zuschauer. Denn Alina geht es gar nicht darum, die Beziehung zu Jarek neu aufleben zu lassen. Ihr Interesse ist eher pragmatischer Natur. Die junge Frau hat nach längerer Arbeitslosigkeit endlich wieder eine Stellung gefunden, die sie sogar als „Traumjob“ bezeichnet, beim Einstellungsgespräch aber ihre Tochter verleugnet. Der künftige Chef fragt sie: „Haben Sie Kinder?“ Und als Alina „Nein“ antwortet, erklärt er: „Das ist gut. Nicht, weil wir hier was gegen Kinder haben. Ganz im Gegenteil, ich hab ja selber so einen kleinen Racker, und unsere Empfangsdame, die Caroline, die hat sogar drei Kinder, und sie ist alleinerziehend. Es ist alles kein Problem. Aber sie kommt um acht und geht um Punkt vier. Aber das könnten Sie dann als Kundenbetreuerin nicht. Da geht der Tag schon manchmal bis in die Nacht, wenn viel los ist. Wäre das ein Problem für Sie?“ Alina sofort: „Überhaupt nicht. Wirklich nicht. Ganz und gar nicht.“

Das stimmt natürlich nicht: Ihre neunjährige Tochter Lilia (Allegra Tinnefeld) kann zwar nach der Schule zu einer Freundin oder sogar alleine nach Hause. Aber für das vornehme Villenviertel Wiens, wo sie einmal pro Woche Geigenunterricht bekommt, kommt das nicht in Frage. Und weil sie „total peinlich“ findet, mit einem Taxi nach dem Unterricht abgeholt zu werden, bleibt Jarek die letzte Chance, dass Lilia das Geigenspiel doch nicht hinwirft. Nun ist die Beziehung zwischen Jarek und Lilia alles andere als harmonisch – bereits bei der Wiederbegegnung hatte er sich bei Alina nach dem „Quälgeist“ erkundigt. Und dies beruht auf Gegenseitigkeit: „Ihr habt euch wegen mir getrennt, stimmt's? Gib's doch zu, du Feigling, weil ich so eklig zu dir war!“, sagt etwa Lilia zu ihm. Die altkluge Neunjährige lässt anfangs keine Gelegenheit aus, Jarek zu zeigen, dass sie ihn nicht sonderlich mag. Auch wenn Lilia im Laufe der Zeit Sympathien für Jarek entwickelt, weil er sich von ihren steten Kränkungen nicht beeindrucken lässt, bleibt das Verhältnis zwischen Lilia und dem Ex-Freund ihrer Mutter lediglich ein Nebenerzählstrang in „Seit du da bist“.

Der eigentliche Kern des Fernsehfilms von Michael Hofmann entwickelt sich erst, als Jarek Lilias Geigenlehrerin Clara (Martina Gedeck) kennenlernt. Als er sie Sibelius geigen hört, ist es um ihn geschehen. Hat sich der erfolglose Schöngeist „nur“ in ihr Geigenspiel oder gar in die fast zwanzig Jahre Ältere verliebt? Mit deren drei Söhnen kommt er sehr bald sehr gut zurecht, besser als deren Vater Bertschi (Robert Palfrader), der zwar als Kunstvermittler arbeitet, dessen Auftreten sich aber viel zu grob für diesen Job ausnimmt. Obwohl Bertschi dem erfolglosen Künstler seine Vermittlungshilfe anbietet, lehnt dieser ab – warum, weiß er selbst nicht: „Warum haben Sie eigentlich das Angebot meines Mannes nicht angenommen? Das ist ihm noch nie passiert, er kommt gar nicht darüber hinweg. So eine Chance kriegt man nicht oft im Leben. Sie müssen verrückt sein.“ Darauf kann Jarek nur lapidar sagen: „Ja“. Aber auch in der Beziehung zwischen dem erfolglosen Künstler und der Musikerin, die einst wegen der Kinder ihre Geigenkarriere aufgab, versagt sich der Film einer konventionellen Auflösung.

Ohne verkopfte dramaturgische Spielereien gelingt es Michael Hofmann, auf zwischenmenschliche Beziehungen erfrischend neu zu schauen. Da ist natürlich zunächst einmal das Verhältnis zwischen Familie und Beruf, das bei Alinas Einstellungsgespräch im Vordergrund steht, aber in Claras Verzicht auf die Karriere wegen der Familie eine Spiegelung erfährt. Geradezu gegensätzlich stellen sich die Einstellungen der zwei Frauen zur Familie heraus: Clara ist seit Jahrzehnten mit derselben Mann verheiratet, Alina „hakt“ eine Beziehung nach der anderen nach – Jarek ist ja der vorletzte Ex-Freund. Regelrecht fein modelliert nimmt sich insbesondere die Beziehung zwischen den zwei Seelenverwandten aus, die sich allerdings in keine Schublade und schon gar nicht in die einer seichten „Romanze“ stecken lässt. Dazu führt Autor und Regisseur Michael Hofmann aus: „Ich möchte keine Märchen erzählen, sondern Geschichten, die zwar nicht alltäglich sind, aber genau so geschehen könnten. Dies hat mit einer inneren Wahrheit zu tun, die für mich essenziell ist.“

Martina Gedeck verkörpert gewohnt souverän und mit vielen Nuancen Claras Rolle. Der Wiener Schauspieler Manuel Rubey steht aber ihr in der Darstellung unterschiedlicher Empfindungen in nichts nach. Schließlich spielt die Musik nicht nur vordergründig eine wichtige Rolle. „Seit du da bist“ entwickelt einen musikalischen Rhythmus für die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Figuren.

„Seit du da bist“, Drehbuch und Regie: Michael Hofmann, 90 Minuten, 14. Dezember, 20.15 Uhr, ARD

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