Botticelli nicht besser als Hopi-Kunst?

Alle Kulturen gleichwertig – Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp nimmt Stellung zur Kolonialismusdebatte. Von Ingo Langner

Der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866–1929) sagte von sich selbst, er sei „Jude von Geburt, Hamburger vom Herzen, im Geiste Florentiner“. Diese Selbstbeschreibung ließe sich durch den Zusatz ergänzen, „und in der Seele Indianer“. Diesen Schluss jedenfalls meint sein 1947 in Kiel geborener Fachkollege Horst Bredekamp in seiner jüngsten Publikation ziehen können. Der er dann auch folgerichtig den Titel „Aby Warburg, der Indianer“ gegeben hat und die sich detailliert mit Warburgs Reisen zu den Pueblo-Indianern Neu-Mexikos und den Hopi in Arizona in den Jahren 1895/96 beschäftigt.

Zunächst einmal erstaunt Bredekamps Interesse für diese gründlich erforschte Reise. Bredekamp gehörte, zusammen mit Neil MacGregor und Hermann Parzinger bis zum Juni 2018 drei Jahre lang zur Gründungsintendanz des Berliner Humboldt-Forums und ist dafür bekannt, stets auf der Suche nach bislang unentdeckten kulturwissenschaftlichen „Trüffeln“ zu sein, die, von ihm ausgegraben, zu neuen Erkenntnissen führen. So ist es denn auch in diesem Fall. Bredekamps Forscherauge richtet sich auf das bei den Indianern erwachte ethnologische Interesse Aby Warburgs und schöpft aus zwei Quellen.

Erstens aus Warburgs bislang noch nicht bis ins letzte erschlossenen Briefe der Amerikareise und zweitens aus Warburgs Faszination für das indianische Schlangenritual, dessen innere Zusammenhänge Bredekamp vorstellt und interpretiert. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass Warburgs indianisches Interesse keineswegs eine folgenlose Abschweifung von seinen Renaissance-Forschungen gewesen ist. Im Gegenteil. In Warburgs Augen sind die Kunstwerke eines Sandro Botticelli, wie beispielsweise dessen Bild „Geburt der Venus“ und den rituellen Masken und Schmuck der Hopi vom gleichen Rang. Dies gilt, wie Bredekamp anhand der Berliner ethnologischen Sammlungsgeschichte des 19. Jahrhunderts detailliert nachweist, für die einflussreichsten dort tätigen Ethnologen insgesamt. Der Historiker Franz Kugler (1808–1858) stellte die Werke Mexikos mit den besten Exponaten Ägyptens in ihrem Wert auf eine Stufe. Nämliches gilt für Adolf Bastian (1826–1905). In seiner programmatischen Schrift „Ueber Ethnologische Sammlungen“ plädierte Bastian dafür, die in „Raritätencabinetten“ als „absonderliche Curiositäten dem Publikum zur Unterhaltung“ vorgeführt worden waren, auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen.

Wer wohl in Afrika festlegt, wie richtig beerdigt wird

Eine Generation später, so hebt Bredekamp hervor, lehrte der Ethnologe, Sprachwissenschaftler, Physiker und Geograph Franz Boas (1858–1942) „im Sinne von Herder, der Brüder Humboldt und Bastian, jedwede Kulturform aus sich heraus und nicht aus einer von außen kommenden Rahmenbestimmung zu verstehen“, und Aby Warburg betonte, „dass die Hopi keinesfalls eine Kulturform darstellen, die unter jener der griechischen Antike stehe“.

Horst Bredekamp nennt diese Sichtweise eine „liberale Ethnologie“ und weist darauf hin, dass in dem Geist der Gleichwertigkeit aller Kulturen die reiche ethnologische Berliner Sammlung zusammengestellt und erforscht worden ist und schließlich 1886 im Königlichen Museum für Völkerkunde untergebracht werden konnte, das eigens für die Berliner Sammlung errichtet worden war.

Nicht weniger bedeutsam ist die Tatsache, dass es den in diesem Geist arbeitenden Gelehrten gelang, alle Zumutungen aus kaiserlichen und Kolonialherren-Kreisen zurückzuweisen, die aus den Berliner Artefakten Schauobjekte für eine Ideologie machen wollten, die das Primat des „europäischen weißen Mannes“ über die Afrikaner und ihre Kultur behauptet. Womit Bredekamp subtil zwischen den Zeilen seine Stimme gegen die akademischen und politischen Vertreter erhebt, die eine Restitution jener Berliner ethnologischen Objekte fordern, die aus den ehemaligen reichsdeutschen afrikanischen Kolonien stammen.

Den in dieser Causa ersten Wirkungstreffer hatte die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy im letzten Jahr erzielt. Savoy hat seit 2009 eine Professur für Kunstgeschichte an der Technischen Universität in Berlin inne, wurde 2016 in Deutschland mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet, ist seit zwei Jahren zudem Professorin am Pariser College de France, und beriet in Sachen Restitution Emmanuel Macron. Daraufhin hat Frankreichs Staatspräsident publikumswirksam angekündigt, den Afrikanern der ehemaligen französischen Kolonien zurückzugeben, was einst ihnen gehörte. Hierzulande hat Bénédicte Savoys vehement vorgetragene Restitutions-Initiative bei den Verantwortlichen des Berliner Humboldt-Forums für erhebliches Aufsehen gesorgt. Von der weltbürgerlichen Traditionslinie war jetzt keine Rede mehr. Stattdessen dominierten Vertreter der in Deutschland mittlerweile allgegenwärtigen politisch-korrekten Hypermoral. Deren vordringliches Ziel ist es in diesem Fall, die angeblich in den Köpfen der Menschen vorhandenen Reste kolonialen Denkens zu bekämpfen.

Die Hypermoralischen sind davon überzeugt, die von ihnen diagnostizierte Schuld von Menschen, die vor hundert Jahren gelebt haben, darf uns auf gar keinen Fall gleichgültig sein und kann allein durch die möglichst vollständige Rückgabe ethnologischer Artefakte getilgt werden. Nur so sei es überhaupt möglich, künftig in einer friedfertigen Gesellschaft zu leben. Was Macron und die deutschen Gleichgesinnten als Heilmittel vorschlagen, wird offenkundig von einem elementaren Erlösungswunsch gespeist. Das Bedürfnis, von einer Schuld erlöst zu werden, die ganz andere Menschen zu ganz anderen Zeiten (aber nicht zu weit zurück) mit gänzlich anderen Maßstäben begangen haben, scheint in unseren gottfernen säkularen Zeiten übermächtig geworden zu sein.

So herausgefordert, meint auch die Politik reagieren zu müssen. Aktuell mit einem am 13. März fertiggestellten „Entwurf für erste Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, das von der Staatsministerin des Bundes für Kultur und Medien, Monika Grütters, der Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering, und den Kulturministern der Länder verantwortet wird. Die Kulturpolitiker kündigen dort nicht nur „Rückführungen von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten“ an, „deren Aneignung in rechtlich und/oder heute nicht mehr vertretbarer Weise erfolgte“, sie wollen auch „die Voraussetzungen für Rückführungen von menschlichen Überresten schaffen“. Gemeint sind wohl Schädel und Skelette. In welcher Form das geschehen soll, lassen die „Eckpunkte“ offen. Man muss sich also fragen, wer in Afrika festlegen wird, wo und durch wen und in welchem Ritus (animistisch? christlich? muslimisch?) die „menschlichen Überreste“ beerdigt werden sollen. Ob Staatsministerin Grütters und ihre Kollegen auch nur ahnen, welche Konflikte da auf sie zukommen werden?

Wenn sich der Wille der Politiker durchsetzt, soll jedes einzelne Artefakt auf seine genaue Herkunft untersucht werden. Provenienzforschung nennt man das. Angesichts der großen Bestände allein in Berlin kann eine solche Klärung sehr lange dauern. Zudem müssen dafür wohl sehr viele Forschungsstellen finanziert werden. Gewiss auch deswegen machen sich besonders die jetzt jungen Kunsthistoriker für die Restitution stark. Man möchte schließlich in Lohn und Brot. Wie auch immer: Horst Bredekamps Publikation „Aby Warburg, der Indianer“ lenkt hellsichtig den Blick auf die humanistischen Grundlagen der deutschen Völkerkunde und trägt hoffentlich dazu bei, den Disput um die ethnologischen Sammlungen zukünftig vernunftgeleitet und nicht ideologisch zu führen.

Horst Bredekamp:
Aby Warburg, der Indianer.
Berliner Erkundungen einer liberalen Ethnologie
Wagenbach Verlag 2019, 176 Seiten, mit vielen Abbildungen, ISBN 978-3-8031-3685-5, EUR 18,–

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02.09.2021, 15  Uhr
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