Boomland Korea, felix Korea!

Der Papst besucht in dieser Woche Korea. Ein Land in beständigem wirtschaftlichem Aufstieg, in dem aber auch die Katholische Kirche boomt. Woran liegt das? Was können gerade deutsche Katholiken vom koreanischen Glaubensstil lernen? Ziemlich viel, wenn man auf die Gründe für den Erfolg schaut. Von Josef Bordat
Foto: dpa | „Derzeit bereiten sich etwa 1 500 Kandidaten auf das Priesteramt vor“: Während sich in Deutschland viele Gläubige und sogar Bischöfe mit dem Priestermangel abgefunden haben, wächst in Korea die Zahl der ...
Foto: dpa | „Derzeit bereiten sich etwa 1 500 Kandidaten auf das Priesteramt vor“: Während sich in Deutschland viele Gläubige und sogar Bischöfe mit dem Priestermangel abgefunden haben, wächst in Korea die Zahl der ...

Südkorea ist ein wunderschönes Land mit einer beeindruckenden Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dann besonders nach dem Koreakrieg (1950–53) hat der Süden der koreanischen Halbinsel einen beispiellosen Aufstieg genommen. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde von 200 US-Dollar auf über 20 000 US-Dollar gesteigert. Heute hat Südkorea eine stabile Demokratie und eine der größten Volkswirtschaften der Erde. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2011 lag das Land mit seinen etwa 52 Millionen Einwohnern auf Platz 12.

Den gleichen Rang hat Südkorea im „Human Development Index“ (deutsch: Index für menschliche Entwicklung) 2012 inne. Seit den 1960er Jahren erlebt auch das Christentum im Süden Koreas einen beispiellosen Aufstieg, der dazu geführt hat, dass Südkorea nach den Philippinen das asiatische Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Christen ist. Jeder vierte Koreaner bekennt sich heute zum Christentum, das macht 13 Million Christen. Tendenz: weiter steigend. Während hierzulande die Zahl der Katholiken sinkt (nach den jüngst veröffentlichten Zahlen für 2013 sind in Deutschland nur noch rund 24, 2 Millionen Menschen katholisch, was einem Anteil von 29, 9 Prozent entspricht), wächst die Kirche in Korea beständig. Etwa 5, 4 Mio. Koreaner, also 10, 4 Prozent, sind katholisch (ebenfalls nach der Statistik für 2013). Sie werden von etwa 5 000 koreanischen und 200 ausländischen Priestern betreut. Derzeit bereiten sich in Korea etwa 1 500 Kandidaten auf das Priesteramt vor. Zudem gibt es in Korea über 10 000 Ordensfrauen. Auch der Kirchenbesuch sieht besser als hierzulande: 25 Prozent der Kirchenmitglieder besuchen regelmäßig die Sonntagsmesse, in Deutschland nur etwas über zehn Prozent. Felix Korea! Denn diese koreanische Entwicklung liegt der gängigen Säkularisierungstheorie quer. Bisher geht man davon aus, dass Wirtschaftswachstum und Technisierung die Bindung der Menschen an institutionalisierte Religion schwinden lässt (in Europa beobachten wir das seit etwa 50 Jahren).

Im Boom-Land Korea ist das Gegenteil der Fall: Je mehr die Wirtschaft wächst, je moderner die Infrastruktur wird, je freier die politische Ordnung sich darstellt, desto mehr Menschen werden katholisch. Weiterhin wird aus diesen Gründen oft ein Stadt-Land-Gefälle beobachtet, entsprechend der oft empirisch bestätigten These, dass in Städten der Fortschritt eher Einzug hält als im ländlichen Raum. In Deutschland ist das ganz offensichtlich: Großstädte wie Berlin und Hamburg sind weitgehend säkularisiert. Anders in Korea: Dort liegt der Katholikenanteil gerade in den Städten überdurchschnittlich hoch. In der 10-Millionen-Metropole Seoul sind 14, 5 Prozent der Menschen katholisch, deutlich mehr als im Landesdurchschnitt.

Noch einmal: Die Menschen in Korea werden zunehmend Mitglieder der Katholischen Kirche. Es geht also mitnichten nur um den oft benannten „spirituellen Ausgleich“ zur hochtechnisierten Arbeits- und Lebenswelt, sondern um mehr: um Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft, die hierzulande oft als vormodern, rückständig und repressiv wahrgenommen wird. Wie lässt sich das „koreanische Paradoxon“ erklären? Insbesondere drei Punkte scheinen ausschlaggebend zu sein.

Erstens: Die Geschichte. Die Kirche in Korea ist Opfer, nicht „Täterin“. Ihre Entwicklung ist durch Aneignung und Verfolgung gekennzeichnet – nicht durch eine militärisch flankierte Mission. In den 1770er Jahren studieren koreanische Gelehrte, alles Konfuzianer, katholische Schriften aus China, welche die Jesuiten im 17. Jahrhundert dorthin mitgebracht haben (Vgl. DT vom 7. und 9. August). Die Männer sind nach ihren philosophischen Studien davon überzeugt, in den dogmatischen Texten die Wahrheit gefunden zu haben. Viele konfuzianische Gelehrte schließen sich ihnen an, sodass die Gruppe der Intellektuellen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts rasch wächst und der Kirche in Korea den Boden bereitet. 1783 wird mit Lee Seung Hun der erste Koreaner auf den Namen „Petrus“ getauft. Als diplomatischer Gesandter in China tätig, hatte er Kontakt zu Christen in Peking aufgenommen. Er kehrt 1784 nach Korea zurück und legt damit den Grundstein für die Kirche in seiner Heimat. Er wird wahrhaftig zum „Fels“, auf den seine zum Glauben gekommenen Landsleute ihre Kirche bauen konnten. 1784 gilt seither als Gründungsjahr der katholischen Kirche in Korea. Erkennbare Charakteristika der jungen Kirche sind die teilweise praktizierte Gütergemeinschaft untereinander sowie das große karitativ-soziale Engagement, das sich auf alle richtet, auch und gerade auf die Schwächsten. Die Sklaven, die in den Haushalten der Konvertiten leben, werden mit Rücksicht auf das Gleichheitsprinzip des Christentums in die Freiheit entlassen. Dieses Verhalten betrachtet das konfuzianische Regime, die sogenannte Joseon-Dynastie, als Affront. Eine unbedingte Menschenwürde ist im Konfuzianismus unbekannt, in dessen Leistungsethik es klare Hierarchien gibt, mit undurchlässigen Grenzen zwischen oben und unten. Es beginnt ein Jahrhundert blutiger Verfolgung. 1786 erfolgt die Verhaftung und Ermordung Kim Beom-us. Er wird zum ersten Märtyrer Koreas. Er sollte nicht der einzige bleiben – während des 19. Jahrhunderts fallen schätzungsweise 10 000 koreanische Katholiken der Verfolgung zum Opfer. Massenmartyrium als einzigartiges Glaubenszeugnis. Im 20. Jahrhunderten führt eine Rehabilitierung der Opfer zu einer weit über den Katholizismus hinausreichenden Verehrung der Kirchenpioniere Koreas. Auch der Vatikan zollt der Geschichte der Kirche in Korea gebührend Respekt: 1925 werden neun, 1968 weitere 24 Märtyrer seliggesprochen. Höhepunkt der noch jungen koreanischen Kirchengeschichte ist sicherlich die 1984 erfolgte Heiligsprechung von 93 koreanischen und 10 französischen Märtyrern der Verfolgungszeit durch Papst Johannes Paul II – ein besonderes Zeichen zum 200. Jahrestag der Kirchengründung in Korea.

Zweitens: Die Gesellschaft. Die Kirche in Korea ist Garantin des Fortschritts und Motor der Entwicklung, engagiert sich sozial und setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Nach dem Koreakrieg, also ab den 1950er Jahren, hat die Kirche viel für das Land getan, was zu einer weiteren positiven Identifikation führte. In Deutschland zwar auch (man denke nur an den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die marktwirtschaftliche Orientierung), aber das haben wir Deutsche offenbar vergessen. Die Koreaner hingegen nicht. Sie erkennen an, dass der Katholizismus eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Südkorea gespielt hat, insbesondere auch im Schlüsselsektor „Bildung“, der in Korea von vielen konfessionellen Schulen gestützt wird.

Die südkoreanischen Katholiken entwickelten in den letzten Jahrzehnten ein ausgeprägtes Engagement für die Armen. Ihre Hilfe richtet sich ohne Unterschiede hinsichtlich des Glaubens oder der Weltanschauung an alle Hilfsbedürftigen. Das Sozial- und Gesundheitssystem ist fest in kirchlicher Hand. Hinzu trat der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Die katholische Kirche hat in Südkorea in der Phase der Demokratisierung eine wichtige und prophetische Rolle gespielt, genauso wie während des Militärregimes in den frühen 1960er Jahren. Viele Priester, Ordensleute und Gläubige saßen im Gefängnis, weil sie sich auf die Seite der Schwachen gestellt hatten. Neben diesem eindrucksvollen Zeugnis vieler Kirchenvertreter waren die Kirchenmitglieder Tag für Tag in sozialen und ethischen Fragen im Einsatz und kämpften für die Rechte der Bevölkerung.

Drittens: Die Gestalt. Die Kirche in Korea verfügt über eine integere und transparente Struktur, ist tolerant und kultursensitiv. Die selbstverwaltete „Proto-Kirche“ wünscht sich eine klerikale Struktur – ein wohl einmaliger Umstand in der Kirchengeschichte. Der Wunsch nach priesterlicher Begleitung geht für die Untergrundkirche 1794 in Erfüllung. 1831 wird – der Verfolgung zum Trotz – die landesweite Diözese Choson gegründet und wenig später beginnt mit Hilfe von Missionaren aus Frankreich die noch wenig organisierte Ausbildung von Priestern. 1845 wird der erste koreanische Priester geweiht, Andreas Kim Taegon, der 1846 der Verfolgung zum Opfer fällt. 1855 erhält Korea sein eigenes Priesterseminar, das sich eines regen Zulaufs erfreut. Zehn Jahre später gibt es bereits zwölf koreanische Geistliche, die etwa 25 000 Katholiken seelsorgerisch betreuen. Im 20. Jahrhundert erfolgen weitere Schritte in Richtung organisationale Normalität. Die Kirchenstruktur, die noch heute gilt, stammt aus dem Jahr 1962. Danach ist Südkorea in 16 Bistümer unterteilt. Der Erzbischof von Seoul ist dabei zugleich Bischof von Pyongyang, der Hauptstadt Nordkoreas. 1966 wird die koreanische Bischofskonferenz eingerichtet und 1968 zum ersten Mal ein koreanischer Bischof zum Kardinal ernannt.

Für die koreanischen Priester und Ordensleute ist ein konsequentes Leben in der Nachfolge von besonderer Wichtigkeit. Die Finanzen der Diözesen weisen eine hohe Transparenz aus. Die Lebensweise des Klerus vermittelt den Laien einen sehr guten Eindruck und motiviert sie zu Mitarbeit. In der Tat: Kirche von unten – das bedeutet hierzulande oft: mehr Mitspracherecht, mehr Einfluss auf Entscheidungen, mehr Macht. Kirche von unten – das bedeutet in Südkorea: mehr Arbeit, mehr Hilfe, mehr Engagement. Pater Placius Berger OSB berichtet im „Münsterschwarzacher Ruf in die Zeit“ vom September 2009 über seine Erfahrungen als Missionar in Korea. Auf die Frage, ob die Koreaner einen anderen Kirchenbegriff haben als die Deutschen, antwortet der Benediktiner, der von 1965 bis 1988 in Südkorea wirkte und als Kenner der koreanischen Kultur gilt: „Sie wissen jedenfalls, dass die kirchliche Organisation von unten her aufgebaut werden muss. Die Koreaner wissen: Die Pfarrei ist das, was wir aus ihr machen.“ – Und weiter: „In Deutschland denken die Menschen bei Mitwirkung in der Kirche immer noch: mitregieren. Dort heißt es: mitarbeiten. Das ist ein Unterschied.“ Allerdings.

Auch erwähnenswert: Die Kirche in Korea weist heute eine große Toleranz gegenüber kulturellen Besonderheiten auf. 1742 verurteilte Papst Benedikt XIV. die asiatische Tradition den Ahnenkults, die aus dem Konfuzianismus stammt, als „Aberglauben“. 1939 erlaubte Papst Pius XII. nach eingehender Prüfung diese Verehrung der Verstorbenen, da sie keine Elemente enthält, die der kirchlichen Dogmatik widersprechen. Dieser Schritt erleichterte vielen Koreanern die Konversion. Angesichts dieser Umstände wundert es weit weniger, dass die Kirche in Korea blüht. In ganz Korea? Nein, nur im Süden, in der Republik Korea. Im Norden, der Volksrepublik Korea, herrscht stalinistischer Terror gegen alles, was nicht stalinistisch sein will. Christen werden dort besonders verfolgt. Nordkorea belegte in diesem Jahr zum elften Mal in Folge Platz 1 in der Rangliste von 50 Ländern mit der stärksten Christenverfolgung, die Open Doors jährlich aufstellt. Etwa 70 000 Christen sind schätzungsweise in den Arbeitslagern Nordkoreas eingesperrt, was bedeutet, dass rund jeder dritte Gefangene dort sitzt, weil er an Jesus glaubt – und eben nicht an die menschenverachtende Kim-Dynastie. Christen sind in Nordkorea deshalb „Staatsfeinde Nr. 1“ und in den Lagern gehören sie zu den Häftlingen der unterster Kategorie, die bevorzugt Objekte der Willkür ihrer Aufseher sind. Was wir über die Zustände in den Lagern wissen, wissen wir aus erster Hand: von Häftlingen, die der Hölle entkommen sind. Für Korea bleibt die Hoffnung auf Einheit und den Fall der Grenze. Eine Erfahrung, die wir Deutsche vor 25 Jahren schon machen durften.

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